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Mittwoch, 30. Oktober 2024

Ascharia, der Verlorene Planet

Aus dem mündlichen Bericht von Hespire, Astronaut der Lemurischen Planetenflotte

Während meiner zahlreichen Reisen zu den inneren und äußeren Planeten (sagte Hespire) sah ich solche Wunder und erlebte solche Abenteuer, die die wildesten Legenden der Jugend der Welt im Vergleich glaubwürdig erscheinen ließen. Eines Tages werde ich Ihnen vielleicht von meiner Begegnung mit den schrecklichen, aber substanzlosen Riesen erzählen, die die verborgene Seite des Mondes heimsuchen. Und ich werde auch von der merkwürdigen misslichen Lage erzählen, in der ich mich befand, als ich zwischen jenen Wesen landete, halb Pilze, halb Reptilien, die abscheulich unter den feuchten und ewigen Nebeln von Roiba gedeihen.

Darüber hinaus kann ich von den lebenden Flüssigkeiten sprechen, die sich schädlich an den Polen von Mhuth ansammeln; und von bestimmten dunklen Präsenzen, weder materiell noch gespenstisch, die den Eindringling in die roten, ruinösen mhuthischen Städte angreifen. An diese Dinge erinnere ich mich mit unvergänglicher Angst und Verwunderung. Aber unter all meinen Erlebnissen gab es kein seltsameres als das Abenteuer, das mir in Asharia, der fünften Welt, widerfuhr.

Nun ist Asharia, wie selbst kleine Kinder wissen, der Planet, der erst vor einem Jahrzehnt vom Himmel verschwand und wie eine junge Sonne aufleuchtete, bevor sie in der von Sternbildern übersäten Dunkelheit unterging. Reisende zwischen Mhuth und Mhaggalok haben seine weit verstreuten Fragmente gefunden; und die größten dieser wirbelnden Planetoiden wurden benannt und ihre Umlaufbahnen kartiert. Doch weder Weltraumforscher noch Astronomen haben die wahre Ursache für die Zerstörung Asharias herausgefunden. Und obwohl es vage Mythen gibt, dass die Vorfahren der Menschen ursprünglich aus Asharia auf die Erde kamen, ist es zweifelhaft, ob diese Welt jemals von anderen Menschen als denen meiner Gefährten und mir betreten wurde.


Anmerkungen: Übersetzung des einzigen ausformulierten Absatzes dieser fragmentarischen Erzählung von Clark Ashton Smith. Interne Textverweise legen nahe, dass hier das irdische Sonnensystem zum Zeitpunkt des mythischen Kontinentes Lemuria/Mu geschildert wird. Das ist nicht ungewöhnlich für Clark Ashton Smiths literarisches Universum, das auch die Schilderung einer Raumfahrt von Poseidonis (dem letzten Überbleibsel des erderschütterten Atlantis zum Planeten Venus enthält. (A Voyage to Sfanomoë, 1931) Wenn diese vermutung stimmt, sind Mhuth und Mhaggalok Planeten des Sonnensystems (Mars? und Jupiter?), und der verlorene Planet Ascharia - die Welt der Archetypen (?) - der hypothetische Planet zwischen Mars und Jupiter ("Phaeton"), dessen kataklysmische Zerstörung man eine gewiße Zeit als Ursprung des Asteroidengürtel ansah.

Montag, 14. Oktober 2024

Auf Saturn, in Lemurien [Teil 2]

 

Tief in der Erde von Lemurien, wo die Steine noch die alten Lieder singen, erwachen jene, die lange vergessen waren. Vielleicht, eines Tages, wenn die Monde wieder in Einklang stehen, werden die Tore geöffnet, und wir werden zurückkehren – nicht als Helden, sondern als Schatten dessen, was wir einst waren. Die Meister der Urzeit hatten Siegelringe geschnitten, aus Karfunkeln und dem lebenden Karneol, jeder Ring das Abbild eines längst vergessenen Lebens. Diese Schmuckstücke, so erzählte man, könnten die Träger zurückführen – nicht in die lebendige Gegenwart, sondern zu den Erinnerungen, die tief in den Seelen ruhten, wie Wasser, das sich unter der Oberfläche stiller Seen verbarg.


Wenn die Monde am höchsten standen und das Licht des Saturn in einem schwachen, doch beständigen Flackern durch die Nebel brach, können die Träger dieser Siegel einen Funken Offenbarung erfahren –ein Schimmer des Lebens, das einst war. Und so lebten die Schatten der Urzeit weiter, nicht als Geister, sondern als Gedanken, die in den Erinnerungen an das, was sie einst waren, gefangen blieben, bis die Zeit erneut das Tor öffnete.

Sonntag, 13. Oktober 2024

Auf Saturn, in Lemurien [Teil 1]

 

Ich bin auf den Meeren des Saturns gesegelt, zu Inseln aus hohem, urzeitlichem Amarant, wo die flammenzüngigen, klangvollen Blumen die Brandung zum Schweigen bringen. Ganz mit rubinfarbenen Perlen besetzt lockte mich die goldene Küste; doch wie jemand, den Zauber zurückhalten, machte ich mich mit meinem Gesang auf den Weg zu den blinden Horizonten der düsteren Meere und nie gekannten Häfen. Aus Feuer und Messing geformt und von Monden gewölbt, öffneten sich gewaltige, tiefe Himmel – bis über dem dunklen Schaum schwarze Gipfel aus Reichen emporstiegen, die so unaussprechlich sind wie der Schlaf! Kuppel türmte sich auf wolkenlose, adamantene Kuppel, und kein spähender Seraph glaubte an ihnen vorbeizukommen. Furcht auf der See, und Furcht unter der See, und schwarze Furcht jenseits des Schicksals herrschte – dann Schweigen, als die Welt sich wandte.


Und doch, als die Stille sich senkte, schien alles Gewicht der Welt zu schwinden, wie in einem Atemzug, den die Ewigkeit hält. Die dunklen Meere des Saturn verschwammen vor meinem Auge, während Lemurien in einem fernen Glanz aus vergangenen Zeiten aufstieg – wie ein Traum, den man am Rande des Bewusstseins erahnt, aber nie ganz erfassen kann. In diesem Licht lebten die Reiche der Urzeit weiter, unberührt vom Verfall der Sterne, und ich, wandernd zwischen den Welten, suchte nach dem, was jenseits von Zeit und Raum lag; nach dir, meinem lieblichen Dämon.

Werkstattbericht 2024-10-13

Liebe Gemeinde, die Zeit vergeht, die Hälfte des unheimlichen Oktobers scheint schon vergangen... die ersten Herbststürme ziehen auf und zerren an den Blättern der riesigen Linde vor meinem Haus, die Katzen verbergen sich nachts und tagsüber verkriechen sie sich unter den Betten. Es wird dunkel, die Jahreszeit des Samhain naht, Zeit der Gespenster und der niemals Geborenen... Die Schleier werden dünner. Der Wind flüstert in einem unverständlcihen Code, während die Luft sich füllt mit dem Duft feuchten Laubs und dem Rauch der ersten Feuer. In der Ferne ein Vogel oder das Echo längst vergangener Stimmen. Die Nacht scheint tiefer, dichter, die Schatten kriechen näher an das Haus heran, gierig darauf, etwas zu erzählen, das in den langen Sommernächten verborgen geblieben ist.

Das ist, was der synthetische Verstand mir vorgibt, wenn ich das Orakel werfe; anscheinend will er mich zart darauf hinweisen, endlich einige der Dinge abzuschliessen, die in den letzten Monaten liegengeblieben sind. Das kommt jetzt nicht überraschend, schließlich ist es Erntezeit. Im unheimlichen Oktober haben wir schon immer gerne in Erinnerungen und den randnotizen unserer Geschichte(n) gewühlt.


AUF SATURN, IN LEMURIEN

Vor einigen Tagen hatte ich mir vorgenommen, zu sehen, was sich aus den Gedichten "In Saturn" und "In Lemuria" von Clark Ashton Smith ergeben könnte.  Schon beim ersten Lesen ist es offensichtlich, dass es sich bei beiden Monologen um Erinnerungen zu handeln scheint, Erinnerungen an vergangene Leben auf Welten, die es so nicht gegeben haben kann. Die Vorstellung, auf unserem Saturn zu leben, ist absurd, von welchem Saturn redet der Erzähler also? Und wir wissen auch, dass es ein Land namens Lemurien niemals gegeben hat außerhalb der hochtrabenden Spekulationen der Theosophie oder zweitklassiger Pulpautoren. [Ich habe dieses Jahr die meisten Thongor-Geschichten von Lin Carter (1965-1970) gelesen, und sie waren nicht so schlecht wie ihr Ruf. Auf jeden Fall besser als "Die Geheimlehre" (1888)]

Aber Erinnerungen sind immer subjektiv, egal wie wahr sie im Moment ihres Auftauchens erscheinen mögen. Sie sind eine Erscheinung, also ein Geist, aber auch Geister sind nicht real, sie existieren nur in unserem Kopf. Das ist nicht beruhigend, kann aber als Erklärung dienen; die phantastischen landschaften und Szenarien sind Teil des Imaginalen, des kollektiven Unbewußten, oder der kollektiven Erinnerung an das, was das menschliche Gehirn an Möglichkeiten zur Kombination und Rekombination hat.

Eine einfache Möglichkeit, die Irrealität als wirklich zu erklären, ist die Fremden Welten nicht als physische, sondern psychische wahrzunehmen, als Teile der Astralebene (wenn es diese gibt) oder als Zwischenzustände, ähnlich den Bardos des "tibetischen Totenbuches".


URBANE MAGIE

Bei den aktuellen Arbeiten an der 14. Ausgabe von "Schwert & Stab", dem legendären Kulturjournal für Moderne Magie, Angewandte Okkulte Lebenskunst und Psychonautik (in Buchform), mit dem Arbeitstitel "VRBAN VOODOO" tauchen wieder ältere Konzepte auf, wie das "Projekt Hammonia", "Städte als Magische Personen" und das, was in den immer noch unveröffentlichten "Schwarzen Papieren" des Ordens des Onyx-Dämmerung aufgeführt wird. Und es drängt sich wieder auf, noch einmal tiefgründig die Konzepte von Fritz Reuter Leiber zu studieren, die er in "Our Lady of Darkness" und einigen Kurzgeschichten entwickelte.

Titel/Illustration zu "Smoke Ghost" von Fritz Leiber


Samhain naht, das Tor zur Anderswelt steht offen, und die niemals Geborenen drängen heran, Sehnsucht in ihren schweigenden Augen.

Freitag, 4. Oktober 2024

In Saturn, in Lemuria [2]

Rememberest thou? Enormous gongs of stone
Were stricken, and the storming trumpeteers
Acclaimed my deed to answering tides of spears,
And spoke the names of monsters overthrown—
Griffins whose angry gold, and fervid store
Of sapphires wrenched from mountain-plungèd mines—
Carnelians, opals, agates, almandines,
I brought to thee some scarlet eve of yore.

In the wide fane that shrined thee Venus-wise,
The fallen clamors died... I heard the tune
Of tiny bells of pearl and melanite,
Hung at thy knees, and arms of dreamt delight;
And placed my wealth before thy fabled eyes,
Pallid and pure as jaspers from the moon.

Clark Ashton Smith: In Lemuria

In Saturn, in Lemuria [1]

Upon the seas of Saturn I have sailed
To isles of high primeval amarant,
Where the flame-tongued, sonorous flowers enchant
The hanging surf to silence; all engrailed

With ruby-colored pearls, the golden shore
Allured me; but as one whom spells restrain,
For blind horizons of the somber main
And harbors never known, my singing prore

I set forthrightly. Formed of fire and brass,
And arched with moons, immenser heavens deep
Were opened—till above the darkling foam,

With dome on cloudless adamantine dome,
Black peaks no peering seraph deems to pass
Rose up from realms ineffable as sleep!

Clark Ashton Smith: In Saturn

Donnerstag, 13. Juli 2017

Mu, rette uns

Aus der Apokalypse des Pseudo-Schliemann,
passend zum Weltgeschehen:

"Als Baals Stern auf die Stelle fiel, an der heute nur noch Wasser und Himmel sind, erzitterten die sieben Städte, und ihre goldenen Türme und ihre durchsichtigen Tempel tanzten wie Blätter im Sturmwind. Aus den Palästen ergoss sich ein dampfender Feuerstrom. Und das Geschrei der Sterbenden und das Wehklagen der Menge erfüllte die Luft.

Das Volk suchte Zuflucht in den Tempeln und Zitadellen. Da erhob sich der Weise Mu, der Hohepriester Ra-Mus, und sprach: Habe ich es euch nicht vorhergesagt? Die Männer und Frauen, in ihre kostbarsten Gewänder gehüllt und mit Juwelen behangen, aber flehten: Mu, rette uns! Mu jedoch antwortete: Ihr werdet verderben samt euren Sklaven und Schätzen. Aus eurer Asche werden neue Völker entstehen.

Und sollten diese Völker je vergessen, dass sie die materiellen Dinge beherrschen müssen, nicht nur um daran zu wachsen, sondern auch, um nicht daran kleiner zu werden, wird sie dasselbe Schicksal ereilen wie euch. Die Flammen und der Rauch erstickten Mus Worte. Land und Leute wurden zerstückelt und vom Abgrund verschlungen."

Was lernen wir daraus? Auch im Ursprungsland der Zivilisation, als man noch mit Telepathie Pyramiden errichtete und eine blaue Zone bewohnbaren Bodens zu Ehren ihrer außerirdischen Reptilienmeister auf dem Mond baute, waren die Leute auch nicht schlauer als heute.

Und: Der Weise Mu war ein Arschloch.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Shortcuts 2015-01-07



"Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut?
Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?"

Hugo von Hofmannsthal

So entspannt von der Seite kommt der Tod im "Jedermann" daher. Unangenehm, nicht wahr? Stellen wir uns einmal vor, das gleiche würde einer Gestalt geschehen, die in einem fiktiven Universum dahinspaziert. Was, wenn die fiktiven Personen sich plötzlich an ihren 'tatsächlichen' Schöpfer erinnern müssten?
Und: Würden sie sich dann mehr anstrengen?



Abteilung: Disclaimer und Disdisinformation
"SF" bezeichnet im Kontext dieser Seite nicht nur die Art der spekulative Fiktion, die man allgemein hin als "Science Fiction" bezeichnet, sondern alle Arten von Spekulativer Fiktion.
Und, mal ganz ehrlich: Ist das nicht jede Art von Fiktion?
Gehen wir noch weiter: Jede Art von Fiktion ist nicht nur spekulativ, sondern auch phantastisch.
Nur einige mehr als andere.


Fund des Tages, bzw. Entscheidung der Woche:
Abschluss der Vorbereitungen für die Serie um den sogenannten "Richter", der im Aufrag von Judas Ischarioth den Phantom-Kontinent durchstreift. (Klingt ziemlich eigenartig, wenn man das so hinschreibt... naja.)
Ich taufe ihn, abgeleitet aus dem Thrakischen/Indoeuropäischen Varkaburi den Verbannten (er hieß mal Cataphrax).
Atemloses Staunen.
Plötzlich, eine Stimme aus dem Off.
Gott? Jesus? Der Geist des Perversen?
- Und dafür haben Sie so lange gebraucht, Herr Gruner?
- Äh, jaaaa... alle anderen Namen hatte Prof. Tolkien schon aus dem Ärmel geschüttelt.
- Achso, und wann haben Sie vor, dieses Sahnestück mitteleuropäischer Hochkunst zu beenden?
- Also, vorhabe ich das immer.
- So wie alles andere? So wie diese "echt einfach zu schreibenden" Abenteuer aus Poseidonis? So wie diese hundert Geschichten um die scharfe Aphrodite Semlâ?
- Ich bin weg.



Ich denke, hundert Geschichten werden es sicherlich nicht. Ich habe eine "relativ" verlässliche Liste von allem, was nach Arullu gehört, und ich glaube auch nicht, dass es noch sehr viel mehr werden.
Immerhin, den ganzen Schwung gilt es noch zu korrigieren oder zu vollenden. Das Grauen!

Unvollendet / in Bearbeitung
--. Das Heer der Toten (NF 15, erweitert, 2014)
--. Der Karneval von Ipoh (Kurzgeschichten, 2014)
--. Der Gott der Einöde (Kurzgeschichte, 2014)
--. Der Prinz der Stäbe (Arbeitstitel, aus einer anderen Serie, Novelle, 2014)
--. Der Prinz mit der Gelben Maske (Novelle, 2012)
--. Der Turm am Ende der Zeit (Kurzgeschichte, 2014)  
--. Die Geheimnisse von Gnydron (NF 12, Teil eines Romanes, 2014)
--. Die Gräber von Birdum (NF 08, 2014)
--. Die Hexe von Kalfor (Novelle)
--. Die Litaneien des Todes (NF 03, Kurzgeschichte, 2014)
--. Die Pflanzen von Yongdai (Novelle, aus einer anderen Serie)
--. Die Stimmen der Toten (NF aus einer anderen Serie, 2014)
--. Götter der Hohlwelt (NF aus einer anderen Serie)
--. Jephthas Sonne (Novelle)
--. Los Angeles N (Fragment) 
--. Mazulibaliphos (Arbeitstitel, Kurzgeschichte)
--. Morella (Arbeitstitel, NF 14, 2014)
--. Schwerter von Katmandu (NF 17)

Sonntag, 28. Dezember 2014

30 Jahre SF :: Erntezeit



Cadillacs preschen durch die Nacht
tote Präsidenten hinter Panzerglas
Heilige Kommunion der einschlagenden Kugel
Der Finger am Abzug liebkost die trauernde Witwe.


Es ist zu einem schönen Ritual geworden, in den letzten Wochen, in den letzten Monaten, in den Schatztruhen der Erinnerung und den verstaubten Aktenordnern der letzten 30 Jahre zu wühlen. Dennoch, ist Nostalgie nicht ein widerliches Gefühl? Wer will schon in der Vergangenheit leben? Ich habe mich stattdessen inspirieren lassen von dem alten Kram für den neuen Kram, und Vorbereitungen getroffen für die Zukunft. Der Finger am Abzug... und so weiter. Eine starke Zeile, aus dem modernen Bestseller "Die Elektrische Kreuzigung", von dem eine Neuausgabe mit erweitertem Inhalt ebenfalls neben mir liegt. Und dann gibt es noch andere Monstrositäten aus 30 Jahren, die ersatzlos gelöscht werden müssen oder durch die Hand des Künstlers Harlekin in eine neue Gestalt verwandelt werden müssen. Die Methode ist Wissenschaft, oder Magie, ganz wie man will, das Ziel bleibt das gleiche: Kunst (oder Religion, was auf irgendeiner Ebene sicherlich das Gleiche ist. Oder zumindest das Selbe. Soviel zur Genauigkeit der deutschen Sprache.)

Wenn man an irgendeine magische Theorie der Kunst glaubt, dann ist alle Kunst wahr, weil sie Ausdruck des inneren Lebens ist, oder auch andersherum. Der Künstler erschafft nicht nur (s)eine Welt neu, sondern auch sich selbst. Was sagt das dann über denjenigen aus, der in seinem Leben und seinen Träumen in vergessenen oder unmöglichen Welten wie Lemuria und Arullu herumwandert?

Halt... das ist natürlich eine rhetorische Frage. Ich weiß es natürlich. Sprache (oder Ideen) sind ein Virus, gegen das es kein Gegenmittel gibt. Man kann sich nicht un-erinnern, nur verdrängen, und selbst dies wandert irgendwann vom persönlich in das kollektive Unbewußte, diesen gewaltigen dunklen Ozean, aus dem jederzeit ein Tentakel vorsichtig tastend nach einem weiteren neugierigen, wartenden oder vorwitzigen Geist greifen kann.

Da haste die Idee. Sie ist nicht tot, sondern ruht sich höchstens ein bischen aus... bis sie die Götter und selbst den Tod vor sich erbeben lässt...

Kommen wir nun zu etwas völlig anderem ---

Momentan auf dem Schreibtisch:
Neben allem anderen, Fantasyabentuer von jemandem, dessen Namen ich noch immer nicht aus dem Indogermanischen rekonstruieren konnte, ein so genannter Richter, der von einem weisen alten Lehrer namens Judas (aus Karioth) im Kampf der Kräfte von Chaos und Ordnung gelitet wird... und der Königin der Scheiben. Klingt knuffig, mal sehen was daraus wird.
Und dann natürlich immer noch die letzte und die letzten Arullugeschichten... irgendwann muss ja mal Schluss sein...
Abgabeschluss für ein paar Übersetzungen sowie Lektorat von einigem anderen nicht minder interessantem Zeug...
Die Singlereihe von Nemed House, bereits vor alnger Zeit angedroht und immer mehr anschwellend...


Und das Gute an allem ist, all dies spielt sich in einem Universum nebenan ab. Cadillacs preschen durch die Nacht, ein Riß im Himmel... und seine rote Flamme sei gleich einem Schwert in meiner Hand, deine Ordnung voranzutreiben. Sie wissen schon.

Donnerstag, 17. April 2014

Prokrastination



Vor einiger Zeit bin ich beim Aufräumen der externen und der internen Festplatte mal wieder über einen Ordner gestolpert, in dem einige Manuskripte und eine in Ehren vergilbte Landkarte lagen, skizziert auf altes Alkoholmatrizenpapier, das inzwischen schon dunkelbraun geworden ist. Die Tesastreifen, mit denen ich die Blätter zusammengehalten habe, sind inzwischen schwarz, der Plastikanteil des Tesa weg gebröckelt. bevor das noch schlimmer wird, habe ich alles mal schnell eingescannt, und dann schnell wieder irritiert weggelegt.

Geschichten aus den 80ern, die auf dem nur in den Phantastereien der Theosophen und anderer Spinner existierenden Urkontinent Lemuria spielen? Wer braucht denn so was?

Andererseits...

Einiges von dem Material hatte ich schon bei anderen Gelegenheiten zweckentfremdet, so z.B. für die stylistisch ebenfalls an Clark Ashton Smith angelehnten Geschichten um den letzten Kontinent der Erde, Arullu. Lemuria und Arullu, der erste und der letzte, L und A... unheimlich clever, nicht wahr?

Nein, nicht wirklich. Aber es amüsiert mich immer noch soweit, dass ich an einem faulen Nachmittag meine Zeit damit vertrödele, an der alterswunden Landkarte herum zu spielen. Und es ist amüsanter, die alte Landkarte zu nehmen und die morbide Ästhetik, die sie in all den Jahrzehnten erhalten hat, zu würdigen, als alles weg zu schmeißen oder komplett neu zu machen. Wie Cromwell sagte, Warzen und alles. Es ist halt ein altes Stück.

Auf jeden Fall braucht dieses alte Stück einen neuen Namen, denn Lemuria... nein, das geht wirklich nicht, außerdem haben das andere Autoren schon zu oft gebraucht, und wenn es auch in den Phantastereien der Theosophen und anderer Spinner seinen Platz hat, wir arbeiten hier streng wissenschaftlich... *hüstel* Denn neuen Namen greife ich also aus meinem Trickbeutelchen urbaner Chaosmagie oder so. Pandeluhme? Klar, warum nicht.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Shortcuts 2013-10-31

Es ist mal wieder Zeit, die interne und externe Festplatte aufzuräumen. Etwas, was ich anscheinend immer wieder neu machen muss, um einer Midlife Crisis zu entkommen. Klar, man muss ja auch schauen, womit man die nächsten Jahre vertun will, kann oder sollte. Für mich heißt das zum Beispiel, dass ich mich von ein paar alten Freunden trennen sollte, die ich jahrelang mitgeschleift und sorgsam in Kartons oder abgesicherten Ordnern aufbewahrt habe.
Extern sind das ein Haufen Comics und Bücher, für die ich mir mal einen neuen Ort suchen sollte (nicht den Müll), und intern sind es einige Konzepte oder Figuren, die ich auf die eine oder andere Weise "erledigen" sollte. ich habe jetzt zwar die letzten Wochen wie wild daran rumgebastelt, aber vielleicht ist heute genau der Tag, um Schluss zu machen mit bestimmten Gespenstern der Vergangenheit.
Ist doch Halloween, oder? Der Abend vor Allerheiligen, der Tag aller Seelen?
Gehen heute nicht die Geister der Verstorbenen ein und aus in unserem Haus?
Okay, Dude, Zeit für einen Exorzismus...



Samstag, 10. Juli 2010

work progress

Überarbeitet: DIE PILZE VON ABADDON, eine Kurzgeschichte aus der Arullu-Serie.
Auch diese Geschichte musste komplett überarbeitet werden, ist dabei aber nur unwesentlich länger geworden (10.000 Wörter). Hier war weniger der ursprüngliche Plot das Problem, sondern die Entstehungszeit. Bei dieser, wie auch bei anderen Geschichten, die ursprünglich aus dem „Lemuria“-Zyklus stammen, merkt man den übermächtigen Einfluss von Clark Ashton Smith überdeutlich: Dekadente Sprache, die Hinwendung zu vegetativen Wucherungen und ästhetischer Nekromantik. Um dies ein wenig zu mildern, wurden einige Elemente aus der Geschichte gelöst. Ein wichtiges Element der Geschichte ist auch die mittelalterliche Signaturenlehre – aus nahe liegenden Gründen habe hier das Augenmerk von den solaren Malefizplaneten hin zu extrasolaren Gestirnen geändert, wie es für die Zeit der Sterbenden Erde sicherlich sinnvoller ist. Seitenverweis: Atu XIII „Tod“.
Voraussichtlich wird diese Geschichte nicht in der nächsten Ausgabe von REDMASK erscheinen, sondern im ersten Band der Arullu-Gesamtausgabe.

Mittwoch, 12. September 2007

Leere Zisternen (2)

1988 war ein gutes Jahr für die Hamburger Fantasy. Jedenfalls südlich der Elbe, wo die Schatten der Schwarzen Berge düster auf die Tannenwälder von Waldfrieden drücken…

Ein stimmungsvoller Anfang, nicht wahr? Tatsächlich ist das einzige, was an Waldfrieden stimmungsvoll oder gruselig ist, die allsonntäglichen Wandergemeinschaften von Greisen, die den benachbarten Heidefriedhof heimsuchen. Dies ist nicht unbedingt der Ort, an dem man Spannung und Action erwartet, nur das langsame Versickern eines Herbstmontages… Phantasie, geschätzter Leser, ist hier ein Gut, um das gekämpft und mit aller Gewalt dem kargen Heideboden abgerungen werden muss.

Kehren wir zurück ins Jahr 1988, ein gutes Jahr, jedenfalls soweit es mein eigenes Schaffen betraf. In diesem Jahr jonglierte ich mit mehr Serien und Charakteren, als es gesund sein konnte, und fand auch nichts dabei, zusätzlich zu einem mythischen Kontinent (Arullu am Ende der Zeit) noch einen anderen Kontinent aus den Urgewässern zu ziehen, auf dem ich mich literarisch austoben konnte – Lemuria, am Anfang der Zeit. (Tatsächlich gab es das alles schon länger, aber darüber wollen wir um einer guten Story wegen einmal hinwegsehen – schnell, lesen Sie weiter!)

Lemuria, Wiege der Menschheit! Lemuria, Reich der Schatten!

Lemuria, Heimat eines Schreibstiles, der noch korrupter war als jede gefälschte Zeile Clark Ashton Smith, mit der ich Arullu unlesbar machte! Die Pein! Der Schmerz!

Es wurde wohl an der Zeit, mal etwas Neues auszuprobieren. 1988 versuchte ich mich also an Abenteuern in Lemuria, die nicht so korrupt zu lesen waren, deren ‚Held’ jedoch ungleich korrupter war als die stattlichen Kreaturen mit wohlgeölten Muskeln, die ich als treuer Conanfan bislang bevorzugt hatte. Titelmelodie! Licht! Auftritt Cataphrax. Cataphrax der Verdammte.

Ein ungeschlachter Riese mit einem rostigen Henkersschwert. Unrasiert und grobschlächtig. Mit Augenklappe. Leider habe ich damals darauf verzichtet, ihm auch einen Papageien auf die Schulter zu setzen. Schön war er nicht, aber effektiv. Wenn Conan der Mann ist, der Gegner nur einmal hat, war Cataphrax der Mann, bei dem jeder tunlichst darauf verzichtete, ihn zum Gegner zu bekommen. Sein Anblick genügte. (Vielleicht auch sein Aroma.) Man könnte also sagen, ein Antiheld – auch wenn dies nur halb richtig war. Und was machte dieser Antiheld in Lemuria, dem Reich der Schatten?

Er bekam es mit jemandem zu tun, der anscheinend am Grunde eines Brunnen lebte…

Donnerstag, 30. August 2007

Unter dem Brunnen :: Nachwort

Eine autographische Skizze

„Unter dem Brunnen“ ist kein neues Werk, auch wenn ich vor ein paar Tagen erst die letzten Sätze geschrieben habe. Das heißt nicht, dass ich bei diesem Werk nie zum Schluss gekommen bin – ganz im Gegenteil. Der Schluß – das Ende – ist unausweichlich und das war es immer. Nur habe ich diesen Roman inzwischen schon dreimal geschrieben – hoffen wir, dass es nunmehr, nach den Ergänzungen und Kürzungen der letzten Tage, das letzte Mal ist.

Entstanden ist „Unter dem Brunnen“ zum ersten Mal irgendwann Anfang der 90er Jahre des vorhergehenden Jahrhunderts – wahrscheinlich 1992, aber da gehen die Meinungen auseinander. Damals war es noch eine relativ einfach konstruierte Geschichte von einem jungen Schriftsteller, der in einer neuenglischen Kleinstadt auf vormenschliches Erbe trifft. Eine von vielen Hommagen an die Werke von H.P. Lovecraft und Clark Ashton Smith, die ich damals schrieb, angeregt von T.S. Elliotts großartigem Prosagedicht „The Waste Land“ (das Wüste Land), das auch den scheinbar so unspektakulären Titel inspirierte. Der hilflose Held und das ‚transkosmische’ Grauen gehörten damals zu den Themen, die mich interessierten. Unter anderem. Ich hätte natürlich auch eine einfache Hommage an Lovecraft schreiben können, dann wäre dort unter dem Brunnen wahrscheinlich die geheime Kirche von Shub-Niggurath und ihren tausend Jungen aufgetaucht, oder die protoplasmischen Städte der Shoggothen. Stattdessen ließ ich Motive aus einer meiner juvenilen Fantasyserien auftauchen, die wohl mehr als alles andere Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den Grauen Mausling ihre Existenz verdanken. Cyprian Moncleef traf also damals auf die Überbleibsel des Schwarzen Lemuria (eines Kontinents, den die Wissenschaft schon lange in die Phantastereien der Theosophen verbannt haben). Insgesamt war die Geschichte also etwas einfacher und kam mit weniger Ideen aus. Vielleicht hätte man an diesem Punkt innehalten sollen – die Probleme, die das Verfassen einer solchen Geschichte in der guten, sauberen (!) Pulp-Tradition darstellen, sollten ja eigentlich ausreichend sein.

Stattdessen überkam mich ein paar Jahre später die großartige Vorstellung, dass die Geschichte eigentlich größer sein sollte. Zu dieser Zeit neigte ich auch eher zu so genannten ‚literarischem’ Horror, nicht zu so unschuldigen Vergnügungen wie sabbernden tentakelköpfigen transkosmischen Monstrositäten. Man könnte sagen, dass aus dieser Grundhaltung alle eigentümlichen und sicherlich manchmal auch unangenehmen Elemente der Geschichte entstanden – teilweise schrieb ich auch, um mich selbst zu erschrecken. (Schreiben muss manchmal wehtun, und damit meine ich nicht nur blutende Fingerkuppen!) Es war kein Exorzismus, nicht im eigentlichen Sinne des Wortes – die bösen Geister, die sich in die Geschichte einschlichen – der erste Weltkrieg, Louie Bancroft, die Bruderschaft und natürlich auch Cyprian Moncleefs psychosexuelle Abnormalitäten – wurden nicht ausgetrieben (ich selbst habe solche Neigungen nur in zu vernachlässigendem Masse), sie wurden erschaffen. Ich baute mir ein paranoides Universum zusammen, in dem ich selbst nicht leben mochte. Nicht mehr das unschuldige Leiden des hilflosen Helden von Lovecraft, eher die psychologische Folter des schuldigen Helden bei Clive Barker, der aber dennoch wohlig schluchzt, wenn man ihn bei lebendigem Leibe häutet. (Wie gesagt, in dieser Art Universum möchte ich nicht leben.)

Auf der anderen Hand versuchte ich die Abnormalität der Personen durch eine detaillierte und historisch akzeptable Umwelt auszugleichen – die gesamte Stadtgeschichte und der Stadtplan von Kingston stammt ebenfalls aus dieser Zeit, mitsamt seiner Umgebung. Ein detailliertes, paranoides Universum – sowohl Al Capone als auch Aleister Crowley und die Kennedys tauchen bloß als eher unwichtige Nebenfiguren auf. Und dies gibt tatsächlich auf eine düstere bösartige Weise Sinn. Selbst die großen Gestalten der Geschichte sind nur Spielfiguren, die von unsichtbaren Mächten verschoben werden. Allerdings wusste ich im Gegensatz dazu nicht, als ich das erste Mal von Preacher’s Rock schrieb, was es mit diesem ominösen Prediger auf sich hatte. Solche Sachen ergeben sich am Ende von allein. Ein bösartiger Teil des Unterbewusstseins hat irgendwann so viele Hinweise und Anspielungen gegeben, dass die unausweichliche Schlussfolgerung offen da liegt. Ähnlich ist es mir später noch einmal ergangen – den Abschnitt, indem Louie Bancroft gefoltert wird, zu schreiben, kam mir schon bald nachdem ich „Unter dem Brunnen“ das zweite Mal geschrieben habe. Warum jedoch diese Szene wichtig war, merkte ich erst, als Henoch Fogerty in seinen Monolog ausbrach. Dennoch kann ich nicht sagen, dass seine Offenbarungen als Überraschung kommen würden. Hätte es anders sein können?

Man mag es als etwas affektiert erachten, das größte Schreibvergnügen habe ich bei den historischen Anspielungen und Hintergrundinformationen empfunden, die dieses Werk würzen. Viele basieren übrigens auf realen Tatsachen, wie unglaubwürdig sie auch klingen mögen. Ich hoffe jedoch, dass es sich dennoch um ein anderes Universum handelt: Leben mag man in ihm nicht, auch wenn es ein amüsantes Exerzitium war, es zu erschaffen.

(Den gleichen Gedanken hat Gott wahrscheinlich auch manchmal, wenn er diese andere, größere Welt betrachtet.)