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Donnerstag, 26. Dezember 2013

3rd Mind :: Die Fahnen hoch (2)

Das Verlagssignet in Kurzfassung: Ein Erkennungszeichen, auf dem Titel und vorzugsweise auch auf dem Buchrücken angebracht. Ein Kennzeichen der publizistischen und ästhetischen Einheit der Produkte. Im besten Fall das Siegel und der Abschluss auf einem gestalterischen Konzept, dem auch die Typographie und weitere Gestaltung aller Titel unterliegen.

Blicken wir ins Regal, erkennen wir diejenigen, die diese prinzipien befolgen, schon von weitem: Samuel Weiser hat ein Ankh auf dem Buchrücken, Llewellyn eine zunehmende Mondsichel, Ullstein eine Eule (Uhl), die auf einem Stein sitzt, Bastei Lübbe eine stilisierte Festung (Bastei) und auch andere Verlage haben meist einfache, oft geometrische Signets mit hohem Wiedererkennungswert.

Tatsächlich haben einige deutsche Verlage in diesem Bereich des Mediendesigns Hervorragendes geleistet. Man kann die Kompromisslosigkeit der Typographie bewundern, mit der Suhrkamp seine Veröffentlichungen gekennzeichnet hat - keine zeit und kein Interesse an Schnörkeln, selbst das Signet ein schlichtes "st" in der gleichen Schriftart wie der gesamte Umschlag. Das Design mit dem höchsten Wiedererkennungswert ist jedoch wahrscheinlich das, mit dem der Heyne-Verlag seine Produkte auszeichnete.

Auf den Buchrücken - meistens schwarz - prangte eine einfache, auch von weitem erkennbare Form, der sogenannte Heyne-Wimpel. Ich kann ihn von hier aus sehen, er springt mir unaufdringlich ins Auge. Dies sind natürlich alte Bücher, bei neueren Produkten von Heyne wird man nach dem Wimpel lange suchen. Man hat beschlossen, das Design zu modernisieren und behielt von dem Wimpel nur den unteren Winkel <.

 Ja, eine moderne Idee, und um Nietzsche zu paraphrasieren, eine falsche Idee. Wir sehen hier, wie ein individuelles Kennzeichen, das sich selbst Geschichte erarbeitet hat, durch etwas Beliebiges und Austauschbares ersetzt wird. Würden wir uns freuen, wenn von dem Pinguin des Verlages Penguin nur der Schnabel > übrigbleibt? Da Heyne und Penguin inzwischen beide zu Random House/Bertelsmann gehören, bleibt wohl nur, atemlos zu warten.

Aber ehrlich... ein Wimpel, eine Fahne, was sowieso ein klassisches Erkennungszeichen ist... und stattdessen ein Winkel? Und es ist noch nicht mal ein hübscher.

Verlagssignets (TM) und (C) by ihren jeweiligen Eignern
 

Samstag, 7. Dezember 2013

3rd Mind :: Die Fahnen hoch (1)

Wider die Vermassung der Kunst kann der Künstler nun bestehen, wenn er laut, auffällig und ordinär ist. Jeder andere versinkt im Ozean der Bedeutungslosigkeit, weil er keine Bedeutung erzwingen kann.

Nun ist es nicht an jedem, sich mit Schweineblut zu übergießen oder mit vorgezogener Waffe einen Kindergarten zu besetzen, damit man ihn bemerkt. Für all diese charakterlosen Langweiler hat irgendwann einmal ein schlauer Mensch die Werbung erfunden, laut, auffällig und ordinär. Damit will natürlich niemand etwas zu tun haben, also hat sich dieser Absatz im Endeffekt selbst ad absurdum geführt.

Der feine Mensch schert sich nicht um die Werbung für das tumbe Volk, aber er hat ein fein entwickeltes Markenbewusstsein.

Nehmen wir einen ganz beliebigen, durchschnittlichen Konsumenten mit einem Arbeitszimmer voller bis unter die Decke gefüllten Bücherregalen. Wie wird er seine Bücher ordnen? Wahrscheinlich thematisch - vielleicht nach Autoren. Nur Geisteskranke ordnen alphabetisch. Irgendein ästhetisches oder taktiles Konzept muss der Ordnung zugrunde liegen. Ich wage zu behaupten, dass all die Bücher, die er nicht thematisch oder nach Autoren ordnen kann, er nach den Verlagen ordnen wird. Wahrscheinlich wird er sogar die Bücher eines bestimmten, geliebten oder verhassten Autoren, die bei einem bestimmten Verlag veröffentlicht wurden, zusammenstellen.

Denn die meisten Verlage haben irgendwann einmal ein Layout und/oder Farbschema entwickelt, nach denen selbst die Buchrücken, die allein noch sichtbar bleiben, zusammenpassen. Und sie haben kleine, feine Erkennungszeichen entwickelt - Verlagssignets, die ihre Titel auch aus einiger Entfernung identifizierbar machen.

Mhhmmm.... Verlagssignets.

Dazu später mehr.

Verlagssignets (TM) und (C) by ihren jeweiligen Eignern
 

Sonntag, 26. Mai 2013

3rd Mind :: Das Geheimnis der Chevrons

Wie jeder vernünftige Mensch habe ich jede Woche stundenlang darüber gerätselt, was es mit den mysteriösen Chevrons auf sich hat, die beim Einwählen beim Stargate nebenan aktiviert werden müssen. Nach langer Meditation habe ich es dann vergessen bis zum nächsten Mal, wie jeder vernünftige Mensch. Man muß ja auch nicht jeden Scheiss wissen.

Beim Setzen eines Buchprojektes fiel mir auf, dass eines der eingereichten Manuskripte statt der gewöhnlichen Anführungszeichen " oder der so genannten typographischen Anführungszeichen „“ diese kleinen Winkelchen benutzte, die man auch auf den FastForward und Rewind-Tasten findet. » und «. Man findet sie öfter in fremdsprachigen Büchern, weswegen man glauben könnte, es wären "französische" Anführungszeichen oder ähnliches. Sieht eigentlich aber viel besser aus, allein wenn man den Grauwert der fertigen Seite betrachtet - gewöhnliche Anführungszeichen brechen weg, und sind auch beim Scannen immer wieder ein Quell der Verwunderung. Diese Winkelzeichen sind eigentlich ein Standard, den man sich nicht entgehen lassen sollte, und jeder Verlag, der etwas auf sich hält, sollte dem Leser diesen zusätzlichen Service leisten.

(Ein Blick in die Typographie der Taschenbuchbibliothek rund um meinen Schreibtisch verrät, dass die wörtliche Rede tatsächlich recht uneinheitlich gestaltet wird. Moewig und Heyne verwenden typographische Anführungszeichen, Bastei, Suhrkamp und selbst die alten Gruselheftchen aus dem Zauberkreis-Verlag die mysteriösen Winkelzeichen. Aber es gibt auch Ausnahmen.)

Im Bleisatz war es natürlich kein Umstand, die winkelförmigen Anführungszeichen (sie heißen übrigens Chevrons) aus dem Satzkasten zu nehmen, gleicher Arbeitsgang etc. Die meisten Textverarbeitungsprogramme wandeln reguläre Anführungszeichen aber stumpf in typographische um, weswegen man um den Standard zu erreichen, sie nachträglich in Chevrons umwandeln muss. Dies tut man am einfachsten durch ein Makro, der die Ascii- oder Unicode-Notierung der zu ersetzenden Zeichen verwendet.  In den meisten Windowsprogrammen wäre dies
ALT+0132 „ ersetzen durch ALT+0187 »   und
ALT+0147 “ ersetzen durch ALT+0171 «

Et voilá! Chevron aktiviert!

Dienstag, 25. Oktober 2011

Die Blumen des Bösen

Ich bin mir nicht ganz sicher, was das soll, aber es gibt sicherlich nie zuviele lesbische Vampire (oder Werbung für Unterwäsche, denn das scheint es wohl zu sein...) Eigenartig, aber es ist ja auch bald Halloween...

Agent Provocateur Soiree 2011 from Agent Provocateur on Vimeo.
"The Flowers of Evil" by Agent Provocateur

Sonntag, 23. Oktober 2011

Links 2011-10-20

via Golden Age Comic Book Stories: Richard Corben illustriert "The Raven" von Edgar Allan Poe, aus Creepy #67

via Kirby Dynamics: Vier Panels aus Jack Kirbys Demon #11 "Baron von Evilstein"!

via Pappy's Golden Age Comics Blogzine: Fawcett Klassiker: Eine komplette Geschichte aus Ibis the Invincible #1

via Chris Herron Design: The Hell Brand Project - Ein Vorschlag für ein neues Corporate Design aus der Hölle (und sind sie das nicht alle?). "The four-letter logotype has been Hell's main brand signifier for centuries."

via Spiegel Online: Technikärgernis Rückentext. "Mal von unten, mal von oben: Bei jedem Roman und jeder DVD läuft der Titel auf dem Rücken anders."

Freitag, 29. August 2008

Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht

Kann es eine bessere Einleitung geben, um wieder an der Tastatur zu sitzen?

Ein weiser Mann sagte einmal, dass die BILD-Zeitung ganz ähnlich ist wie Fußfäule oder Faschismus: Sieht komisch aus, ist lästig, kommt aber immer wieder. Ich sitze also im Bus durch die Hölle namens Heykenau, um zur Frühschicht zu fahren wie jeder andere aufrechte deutsche Arbeiter, und mir gegenüber schreit der neueste Skandal Mitteleuropas aus dem zusammengefalteten Papier. Ist es ein neuer Krieg? Ist es ein neues Gemetzel? Wird Tokio Hotel jetzt von Dieter "Der Pate" Bohlen produziert?

Nein, viel schlimmer: Das Gesinge einer Minderjährigen bei einer der minderbemittelten Castingschauen, das böse F-Wort und so. Warum eigentlich? Hat sich nicht einer anwesenden Juroren durch den "Arsch-F-Wort-Song" unsterblich gemacht? Ja, Mutti ist stolz. Das gefällt, das prickelt, nichts ist geiler als versaute Girlies, riechen noch nach Muttermilch und die Zahnspange ersetzt das blasfreundliche Zungenpiercing. Lolita und so. (Irgendjemand spiele bitte nunmehr als Sountrack 'Don't stand so close to me'...)

Da passt es ja auch, dass ein paar Inch tiefer das überbelichtete Nacktfoto einer ebenso unterbelichteten Dame dafür sorgt, dass der Leser, der jetzt schon nur noch eine Hand zum Festhalten der Zeitung benutzt, gänzlich überfordert seine Lektüre und sich selbst fahren lässt.

Guten Morgen, Deutschland... ihr habt nichts zu verlieren außer eurem Verstand. Achso, hier noch der Wetterbericht: Ja, auch morgen gibt es wieder Wetter.

Dienstag, 11. März 2008

Be... Berlin (es ist warm und gemütlich)

Be... Berlin (ugh!)

Ich stocherte gerade in meinem Labskaus und liess mir das Zwitschern der Möwen durch den Kopf gehen, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Leitung mein guter Freund Klaus W. aus Berlin, wie immer atemlos, wie immer erregt.

- Na, Du Sackratte, was gibt's, fragte ich freundlich.

- Ha, Gruner, Du misanthrope Fischfrikadelle, nu ham wir euch.

- Watt is'?

- Die Spree, Du Fischkopp, die Spree!

- Havel ich noch nicht gehört, zog ich mich in den lahmen Wortwitz des Endsechzigers zurück. Was genau ist jetzt Dein Problem?

- Heute starten wir unsere megageile Kampagne zur Vebreitung von Berlins Ruhm und Ehre, Arschloch. Das ist. Haha! Nichts mehr mit Tor zur Welt und diesem ganzen norddeutschen Missingsch. Ab heute ziehen wir mit euch gleich und überholen euch rechts.

- Ach, heute Berlin und morgen die ganze Welt? Ich lächelte. Meinst Du diese lahmarschige Kampagne, mit der einige gehirnamputierte Vollprothesen aus der Werbung uns schon seit Monaten auf den Sack gehen?

- Genau! Wie... geil!

- Und wie genau lautet euer Slogan, mit dem ihr die Weltmacht erringen wollt?

An diesem Punkte unseres freundschaftlichen Diskurses schien sich die Zunge meines lieben Freundes selbst verdauen zu wollen. Jedenfalls rang er sich erst nach einigen Sekunden betretenen Schweigens dazu, die magischen Worte hervorzuwürgen.

- Be Berlin, hauchte er entkräftet und rutschte unter den Schreibtisch.

- Bieberlin? Du meinst wohl Bieberlein?

- Aaaarghlkaaak. Das... ist... international... so... [unzusammenhängendes Genuschel, aus dennen man die Worte Angliszismus, Wordbranding und Jesuschristus hervorhören konnte]... von allgemeinem.... Anspruch... [weitere unzusammenhängende Geräusche, darunter "Erschiessmich" und "Blutwurst"]

- Ooooo, machte ich, weil es so lustig aussieht. Eine optische Alliteration? Wie... geil. Da werde ich doch mal unserem Bürgermeister empfehlen, gleich nachzuziehen. Ja, das ist super. Ich seh es schon vor mir: Ham Hamburg. Das passt ja auch gut dazu, dass man Hamburger auf der ganzen Welt gerne sieht, die meisten Leute Berliner aber nur zu Sylvester herunterwürgen können.

- Ich..., begann ein folgenschwerer Satz und verhallte im Off.

- Ich weiß, sagte ich weise. Du bist Deutschand.

Woraufhin die Leitung natürlich zusammenbrach. Immerhin: Fast hätte er mich damit überzeugen können.

Freitag, 28. Dezember 2007

Mediaporn :: Fatass Fonts

Nichts datiert ein Objekt so sehr wie der Modetrend, dem es hinterrennt. Das klingt dumm, ist aber wahr. Und weil es wahr ist, ist es dumm. In den letzten Jahren haben wir immer wieder mit Schmunzeln oder Magenschmerzen höchst aktuelle und bedeutsame Trends auch in der Typographie beobachten können, die bereits ein Jahr nach ihrem Aufkommen in ihrer Masse Übelkeit erregen und das shizoide "wir" des MPSlers induzieren. Sicher, das eine Ich erfreut sich an der Gewalt, die man den Konventionen antun kann - ein kleiner Revoluzzer steckt in jedem Nadelstreifenträger - aber das andere Ich krümmt sich zusammen bei soviel Stillosigkeit und mangelnder Ästhetik. Ja, in jedem Rveoluzzer steckt auch ein kleiner Nadelstreifenträger.

Ein Blick über den Tellerrand offenbart, dass wieder einmal die extreme Geometrisierung und Reduktion von Buchstaben als aktueller Trend gehandelt wird. Man könnte auch sagen, die Reduktion von Information auf das reine graphische Element. Wenn als graphisches Element gehandelt, kann dies ganz apart sein, denkt der Revoluzzer. Der Nadelstreifenträger jedoch schüttelt den Kopf, wenn dieses Prinzip als Grundlage für ganze Schriftenbibliotheken angewandt wird.

Ein amüsantes Beispiel aus der jüngeren Zeit, die ersten drei Zeichen des Fonts "Corpulent" (?) der Suitcase Type Foundry:

Für die einen sind es gefällige Rundungen, für die anderen sieht es aus wie eine Sammlung von Ärschen. (Empfohlener Soundtrack: Queens "Fat Bottomed Girls")

Montag, 5. November 2007

Mmhmmm...

Als 2005 die große Kampagne "Du bist Deutschland" durch die Medien geisterte ("Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume..." etc.) habe ich mir an verschiedenen Orten (z.B. hier und in den inzwischen verstorbenen "Notes of the Dirty Young Men") die Zähne daran ausgebissen. Unter anderem habe ich, da ich ja Deutschland bin, Andorra den Krieg erklärt ("Warum Weltkrieg - erstmal auf die Kleinen!") und die Kampagne mit Motiven von Otto Dix weitergesponnen. [Galerie wird nachgereicht...] Ich war nicht der einzige. Die federführende Agentur, meine lieben Nachbaren an der Alster Jung von Matt, fühlten sich von der dann doch nicht so positiven Resonanz missverstanden, von den Bloggern sowieso, aber als Meister des Ausdruckes identifizierte man Blogs dann auch als "Klowände des Internets". Naja, non olet, meine Lieben. Das Internet nicht, und auch nicht die Kohle, die man trotz oder gerade wegen solcher Glanzideen einstreichen kann.

Die logische Folge "Du bist Deutschland" ... "Wir sind Papst" ... "Ich bin zwei Öltanks" ... wurde jetzt von den gleichen Herren noch verfeinert. Weg fällt das "Du", weg das "Bist", auch das "Land" kannst Du vergessen. Es bleibt ein einzig' Wort: DEUTSCH.

"Deutsch" ist anscheinend, wenn sich eine Frau in zweifelhaftem Pseudo-Heroin-Chic von einem doch recht großen Hund lecken (Caninolingus?) oder bespringen lässt. (via horizont.net und reklammehimmel).

Achja. Das ist natürlich viel besser. Ich fühl mich mal wieder so richtig, richtig, richtig stolz. Wie hieß es noch?

"Wir sind 82 Millionen. Machen wir uns die Hände schmutzig."...

Montag, 7. Mai 2007

Mediaporn :: Ein Ozean der Irrelevanz

Brigitte Pellerin Online: Lots of information, but the real story is missing: "Talk about a sea of irrelevance. It’s dumb, uninformative, and anti-useful. For it gives viewers nothing but an excuse to sit on the couch, emoting and not doing anything other than emoting. It’s sort of like watching porn; you just sit there enjoying emotional cheap thrills as preposterous scenarios unfold, in this case a frenzy of misery because it took a while to process thousands of people escaping a war zone on a cruise ship."

Das wäre dann endlich mal eine Definition für Medienporno. Medienporno ist dumpf, uninformativ und nicht sehr hilfreich. Er bannt die Leute mit einer Entschuldigung auf das Sofa, nicht zu tun, als gefakten Emotionen in lächerlichen und idiotischen Situationen zuzuschauen. [Kennt jemand das Geständnis am Vormittag, oder andere Shows, wo drittklassige Schauspieler sich durch viertklassige Skripte stammeln?]
Und wie es beim Porno ist: Entweder ist die Moral/Pointe von vorneherein klar, oder es gibt keine. Ein Ozean der Irrelevanz.

Donnerstag, 8. März 2007

"Verlorene Mädchen"

In "Sex and the City" war es akzeptabel, bei "Lost Girls" werden sich die Augenbrauen heben. Drei erwachsene Frauen unterhalten sich über ihre... sagen wir einmal erotische Jugend. Nur sind dies Dorothy, Alice und Wendy, drei Damen, deren andere Jugendabenteuer man aus drolligen Büchern oder nicht minder drolligen Filmen kennt. Wollen wir wirklich wissen, wie gross die Erektion von Peter Pan war? Natürlich! Es ist krank, es ist seltsam, es ist genial. Bei der "Liga der Aussergewöhnlichen Gentleman" (nicht der Film!) war man auch nicht wirklich überrascht über den Fetischismus in der Beziehung zwischen Mina Harker und Alan Quartermain, als der alte Jäger sie gegen einen Baum nahm "wie ein Eingeborenenmädchen".*

Alan Moore zur ungewöhnlichen Thematik von "Lost Girls", das er in jahrelanger Arbeit zusammen mit seiner jetzigen Partnerin Melinda Gebbie entwickelte: "Uns erschien Sex, als Genre, in der Literatur leider sehr unterrepräsentiert. Für alle anderen Gebiete menschlicher Erfahrungen - selbst so exotische wie Detektiv, Astronaut oder Cowboy - entstanden komplette, eigene Literaturgattungen. Währenddessen ist das einzige Genre, in dem Sex abgehandelt wird, ein verrufenes, schmieriges, unter-dem-Tresen-Genre ohne jeden Qualitäts-Standard: Die Pornoindustrie - eine Art Bollywood für hippe, schmutzige Hässlichkeit."

Gut, ich könnte keinen Porno schreiben. Der Plot ist langweilig, und dem Happy End folgt die petit tristesse. Wenn Mr. Moore gleichzeitig noch den Anfang des 20. Jahrhunderts und andere Dinge kommentieren kann, zeigt dies nur seine Begabung. Und es ist natürlich eine tolle Methode, um Frauen kennen zu lernen. Egal. Neil Gaiman findet ihn toll, und wer bin ich, einer anderen Meinung zu sein als Mr. Gaiman?


* der ultimative Vorteil eines Blogs: man kann über die possierlichsten Dinge schreiben, ohne dass einem der Redakteur die Shcreibmaschine Schreibmaschine aus den kalten Fingern zerrt.

Dienstag, 26. Dezember 2006

Graffitti der Woche

Plakatwand, S-Bahn Neuwiedenthal, Ausgang Rehrstieg/Bushaltestelle; weisse, leicht verlaufende Sprayfarbe auf mehrfarbigem Hintergrund.

TÖTE DEINEN
FERNSEHER

(Künstler unbekannt.)

Mittwoch, 30. November 2005

Tubbyterror

Es gibt Dinge, die das normale Grauen übersteigen... Dinge, vor denen jede berechtigte Furcht vor Mensch, Politik, Religion, Geld, Wetter, Mode, Gravitationskonstante oder evolutionärer Druck verblassen muss. Missgestalte Kreaturen erheben aus den Tiefen der Erde, deformierte Köpfe, in denen tote stumpfe Plastikaugen glänzen...

Ein, zwei, drei – vier Teletubbies!

Sind die Teletubbies überhaupt Lebewesen in unserem Sinne? Ausser dem Babyspeck gibt es kein offensichtliches Anzeichen dafür, dass bei ihnen eine Veränderung, ein Wachstum stattfindet. Sie sind, wie andere Kunstfiguren auch, in einem ewigen Moment kindlicher Geschlechtslosigkeit eingefroren. Und das ganz wortwörtlich, denn bei keinem dieser Wesen sind Genitalien nachzuweisen.

Schauen wir es doch an, dieses traurige Leben, durch das sie brabbelnd und rülpsend tollen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um einen Versuch einer hochstehenden Roboterzivilisation handelt, asexuelles künstliches Leben zu erzeugen. So erklären sich auch die standardisierten Pantomimen, mit denen die Teletubbies ihren streng reglementierten Tagesablauf bestreiten. Es sind psychosexuelle Rituale, mit denen die geistige und emotionale Entwicklung normalen Lebens simuliert werden soll. Sie sind Plüschcyborgs, der rosige Schleim, mit dem sie fortwährend gefüttert werden, scheint vor allem dazu zu dienen, ihre Fernsehorgane anzutreiben.

Ihr heimisches Biotop ist eine künstliche Landschaft, aufgeschüttet, um ihnen eine Simulation unbeschwerter Kindheit zu ermöglichen. Die bunten Blumen sorgsam abgezirkelt, und dazwischen Hoppelhäschen.

Wie niedlich! Oder haben diese unschuldigen Tierchen vielleicht sogar einen Nutzen?
Leiten Sie etwa das gottlose Experiment, wie die Mäuse den Computer Erde?
Andererseits muss der rosige Schleim, mit dem die Teletubbies ernährt werden, ja auch aus irgendetwas bestehen. Ist es da vermessen, anzunehmen, dass es sich bei diesem Park um ein autarkes System handelt, und die Hoppelhasen, die oben den Rasen kurz halten, unten von der Maschinerie, die alles kontrolliert, in Tubbybrei umgewandelt wird? Soylent Pink ist Hasenfleisch…

Wir alle wissen, dass es sich bei ihnen um widerliche kleine Außerirdische handeln muss. Gezüchtet auf einer Farm, ohne „menschliche“ Bezugsperson. Die einzige Möglichkeit zum Austausch ist ein Staubsauger. Wundert man sich, wenn Tubbyschmusen imemr ein wenig aussieht wie wechselseitige Masturbation?

Vielleicht fungieren die antennenähnlichen Fortsätze, in denen ihre Köpfe enden, sowohl als Empfänger als auch als Sender ihrer psychosexuellen Programmierungen. Auffällig ist jedenfalls, dass zwei der Tubbies aufstrebende, phallische Antennen aufweisen, zwei jedoch solche mit Aussparungen oder Öffnungen, die das Bild einer Vulva invozieren. Falls diese Lebensform jemals aus dem Larvenstadium treten sollte, wird sich hier wahrscheinlich das biotechnische Äquivalent des Genitals entwickeln.

Die Frage stellt sich also nicht, ob der lila Tubby homosexuell ist. Sie sind alle gleichermassen geschlechtslos, aber er hat eine vaginaartige Antenne, und die psychosexuelle Rolle, die er von seinen unsichtbaren Herren empfängt, ist eine feminine. Und der dunkelgesichtige Tubby, das maschinelle Äquivalent des Quotennegers, hat natürlich auch die längste Antenne von allen.
Beunruhigend, oder? Wie niedlich? Oder verbirgt sich hinter diesen grellen Farben etwas wirklich Grauenhaftes?

Dies ist kein wirkliches Leben, sondern nur die Simulation von Rollen. Ein Verhalten, das unter Menschen Anlass zur Sorge und Wut geben würde, natürlich aber nicht unter den in Plüsch gehüllten Cyborgs, die irgendwo am Rande des Sonnensystems in einer hermetisch abgeschlossenen Umwelt herangezüchtet werden.

Der rosa Schleim fliesst weiter, und vier groteske Gestalten wanken durch eine aseptische Welt, ihre sinnlosen Rituale zelebrierend, von denen sie hoffen, dass sie sie irgendwann in echtes Leben verwandeln.

Die „Teletubbies“ erscheinen jeden Morgen um 9:00 Uhr auf den heimischen Bildschirmen, wenn man Kleinkinder oder andere geistig minderbemittelte im Haushalt hat. Gegen diese Form außerirdischen Teleterrors können wir uns nur durchsetzen, wenn wir uns bereits den Anfängen wehren. Vergesst nicht das Alamo! Soylent Pink ist Hasenfleisch!! Streitet gegen die Aliens im Namen von Satan, Bugs Bunny und mir!

Mittwoch, 9. November 2005

Welches Schweinderl bin ich denn?

In den "Notes of the dirty young men" haben wir uns jetzt in den letzten Wochen verstärkt auf die Kampagne "Du bist Deutschland" eingeschossen. Warum, kann man nicht wirklich sagen...
Vielleicht eine Verteidigungsstrategie gegen den grassierenden Schwachsinn der Zeit?
Wir wissen doch alle, dass jeder Geschichtenerzähler, vor allem aber die Werbefachleute, Lügner sind.
Warum sollten wir also ausgerechnet dieser Kampagne vertrauen?
Weil man uns hätschelt und auf die Schulter klopft, wie toll wir sind?
Achja, natürlich...
Ich vergass.

Sonntag, 6. November 2005

Augengift :: Du bist Weisskohl

Close-Up:
Das Bild wird von Grüntönen dominiert. Eine Doppelseite, bei der sich die Information vom Falz ausgehend af der rechten Seite konzentriert. Ein Kohlfeld. Darüber, mit Anstrengung angehoben, ein einzelner Kohlkopf, von etwa 1 Meter Durchmesser. Hinter ihm, von der schieren Gigantik des Kohlkopfes an den Bildrand gedrückt, das Gesicht einer alten Frau. Grauhaarig. Hart & wettergegerbt, der Mund leicht verzerrt in einer Mischung aus Befriedigung und Anstrengung. Der Kohlkopf ist zu schwer, ihn länger als einige Minuten zu heben. Sie schaut aus der Doppelseite heraus. Der Fotograf hat sich Zeit gelassen, diesen perfekten Moment abzulichten.
Darüber in weißen, überproportionierten Serifen: Du bist Ludwig Erhard.

Int.
1. Blick: Verständnislosigkeit. Das Augengift hat gewirkt und mich eingefangen. Meine Aufmerksamkeit verharrt in der Mitte des überproportionierten weissen Wortes „Du“.
Du bist Ludwig Erhard. Wer? Ich? Jeder Leser? Die alte Frau? Der Kohlkopf?

Ext.
Rechte obere Ecke der Doppelseite, weisse Schrift, die vom dunklen Hintergrund angefressen wird: „Du glaubst, dass ein Wunder das Ergebnis harter Arbeit ist?“
Nein, nicht wirklich, und einen Leser mit einer solchen an den Haaren herbeigezogenen Prämisse anzureden, zeugt auch von schlechtem Stil. Fragen wir doch gleich korrekt weiter: „Du glaubst, dass die Erde eine Scheibe ist?“
„Ob du dein Ziel erreichst, entscheidest du. Nicht das Schicksal. Und die Entscheidung, ob du auf deinen Erfolg mit Champagner anstoßen oder lieber eine Zigarre rauchen willst, kann auch nur einer treffen: du.“
Wer? Ich? Jeder Leser? Die alte Frau? Der Kohlkopf? Als Motivationsmethode ist Surrealismus denkbar ungeeignet.

Credits:
Eine Aktion deutscher Medien im rahmen der Initiative „Partner für Innovation“. www.du-bist-deutschland.de

Montag, 3. Oktober 2005

Einheitlich bucklig

...zum Tag der Deutschen Einheit 2005

Ich bin Deutschland.

Das ist so.

Das ist das, was mir die Stimmen jeden Abend erzählen, die aus dem Weißen Rauschen meines Fernsehers hervorklingen. Ich bin Deutschland.

Und außerdem ein Schmetterling und ein Chor. Die Details sind ein wenig unklar.

Ich bin Deutschland. Das heißt dann wohl, dass mein Auge in Norddeutschland liegt, und ungefähr im Saarland meine Rosette. Wacht auf, Bayern, ihr seid das symbolische Äquivalent meiner Käsefüsse! Achja, und ich bin bucklig. Der ganze Osten liegt mir schwer auf den Schultern.

Ich bin Deutschland, und ein Schmetterling und ein Chor, der Bucklige von Europa. Mein Name ist Deutschalnd, denn wir sind viele.

Aber ich bin ein Happening-Land. Vorsprung durch Technik: Vergesst das alte Deutschland, jetzt bin ich es. Und als wichtiger Bestandteil des nordatlantischen Paktes und der westlichen Hemisphäre tue ich wasauchimmerzumteufel ich will.

Ich erkläre hiermit den schwarz-rot-gold karierten Kilt zur Nationalkleidung, außerdem haben im Sommer alle Frauen nicht nur bauchfrei, sondern auch busenfrei herumzulaufen. Die neue Nationalspeise ist einmal die 82 und einmal die 129, gebackene Wantans extra. Das Sauerkraut schicke ich zurück in den Elsass, sollen sie meine französischen Nachbarn damit strangulieren.
Ich bin Deutschland, und ich find meinen Namen Scheiße. Kurz vor meiner Geschlechtsumwandlung werde ich mich umtaufen lassen. Ich habe auch schon einen elegant klingenden Künstlernamen gefunden. Glückwunsch. Ihr seid jetzt alle Bürger des schönen Staates Hebephrenie.

Wer mir dumm kommt, dem tret ich in die Eier und kipp ihm den Butterberg vor die Tür. Die hebephrenen Bauern sollen mir huldigen und auf jedem Dorfplatz Statuen aus getrockneten Kuhfladen errichten, die pünktlich zu Ostern in Brand gesetzt werden, während sich die parfümgeschwängerte Luft mit Sonetten füllt, und barbusige Jungfrauen bei meinem Anblick reihenweise umklappen. Ich bin zwischen Rhein und Oder, ich bin der Tod eines Meisters, mein Huf tritt auf das Herz dieses Kontinentes; zweimal bin ich schon gekommen, meine kleinen Droogs da draußen, ihr schlottert doch schon lange davor, dass ich noch ein drittes Mal auf Welttournee gehe.

Entspannt euch. Natürlich bin ich nicht so blöd, Euch an die Wäsche zu gehen, oder gar unserem Onkel Sam ans Bein zu pissen. Auf so eine Idee würde nur ein kleiner pubertierender Zehenlutscher kommen. Scheiss auf heroischen Geist, hier geht’s darum, wer den längsten hat. Ich bin alt und haarig und wenn ich einen ablasse, verdunkelt sich die Sonne. Ich nehme mir die kleinen Schwuchteln vor. Als erstes sind Andorra und San Marino dran, diese Ziegenficker. Liechtenstein? Luxembourg? Vergesst es, Jungs, wenn ihr in der Oberliga spielen wollt, dann müsst ihr schon mal ein wenig Gas geben. Ihr seid nur Pickel auf der Landkarte, ein wenig entzündet, aber leicht auszudrücken.

Ich steh schon vor euren Sozialbauten. Brauchst Dich nicht zu verstecken, ich hab’ Deine dumme Visage hinter der Gardine gesehen. Also komm runter, Monaco, damit ich Dir ordentlich in die Eier treten kann.

Denn ich bin Deutschland.

Ein Schmetterling und ein Chor.

Der Bucklige von Europa, alt und haarig.

Sonst noch Fragen?