Posts mit dem Label Typographie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Typographie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 4. Januar 2021

3rd Mind :: Das Neue Alte

 Es ist eines der kleinen, aber deutlichen Vergnügen, sich aus der Sicht der Gegenwart an den Trends und Tricks der Vergangenheit zu ergötzen, sie zu analysieren, das Brilliante zu kopieren und alles Weitere mit einer Mischung aus Wehmut und Amüsement auf den Schutthaufen der Geschichte zu befördern. Alles andere tut zu sehr weh. Bei wenigen Dingen ist dies so offensichtlich wie bei Massenprodukten wie Taschenbüchern (Paperbacks), die man oft schon anhand des Designs, der Typographie oder der Version des Verlagssignets auf eine bestimmte Epoche verorten kann.Ein schönes Beispiel sind die nachfolgend abgebildeten Bücher, die ich im Nachlass meines Vaters gefunden habe. (Ja, mein Vater war Jazzer...) 

Berendt, Joachim Ernst: Das neue Jazzbuch. Fischer - Bücher des Wissens, 1959
Neumann, Robert: Mit fremden Federn. Der Parodien erster Band. Ullstein, 1961 


Beide Bücher stammen also ungefähr aus der gleichen Zeit, und wenn ihr Layout auch vollkommen anders ist, weiss man schon bevor man sie aufschlägt, worauf man sich einlässt. Typographie, die damals sicherlich modern war, die Coverästhetik modernder Moderne. Das Papier (älter als die Finger, die sie berühren...) ist quittegelb inzwischen, löst sich auf und tanzt. Beide Bücher sind damals in mehreren Auflagen gedruckt worden, insgesamt sooft, dass ein Verlag der Jetztzeit feuchte Augen bekommen würde. Zu dieser Zeit war das Paperback das günstige und angemessene Informations- und Unterhaltungsmedium der Massen. Populär, man könnte auch sagen Pop.

Es lassen sich viel Pop Art in den Kellern unserer Vorfahren finden.

Freitag, 12. Juni 2020

3rd Mind :: Jeder Mann und jede Frau ist ein Dinkus

In der Typografie bedeutet der Begriff Dinkus ein graphisches Element zur Teilung von Text, zum Bespiel bei einem Abschnitts- oder Szenenwechsel. Heutzutage wird dies oft durch drei Sternchen oder Punkte in einer horizontalen Reihe bezeichnet. Ein Signal an den Leser, dass etwas fehlt (Zeit) oder dass etwas sich geändert hat (Perspektive).

Im reichen Schatzhaus der Bilder (uniCode), der Geschichte der Typographie, findet man aber auch heute noch ein früher gerne benutztes Symbol, den sogenannten Asterism(us) ⁂ - diesen Ausdruck kann man (wenn überhaupt) am Besten als „Sterngruppe“ übersetzen. Derselbe Ausdruck nämlich wird auch in der Astronomie verwendet, als Bezeichnung einer als solche wahrgenommene Ansammlung von Sternen und den Linien, mit denen sie verbunden werden können. Die Definition dieser Asterismen (Sterngruppen) scheint rein subjektiv, sie sind keine offiziellen Konstellationen oder Sternbilder, sondern nur Orientierungshilfen. Eben wie in der Typographie.

Eine attraktivere Variante des Dinkus – abseits vager Gedanken über die Sternbilder unserer Wahrnehmung – ist das sogenannte Fleuron, zum Beispiel ❦, die sogenannte „Druckerblume“ oder das „Aldusblatt“ (nach dem italienischen Renaissance-Drucker Aldus Pius Manutius 1449/1452 – 6. Februar 1515). Das Fleuron ist jede Art von stylisierter floraler Verzierung, d.h. von Blatt oder Blume, die als Ornament verwendet wird. Sie ist Teil der Ornamentik der dekorativen Künste, womit anscheinend dann auch die Typographie (oder Teile von ihr) gemeint sind.

Oh Wunder der Welt! Oh nutzloses Wissen! Aber wenigstens kann man jetzt mit seiner Insiderkenntnis der dekorativen Künste glänzen, und der nächste Mediendesigner fühlt sich nicht ganz so verärgert, dass er die Taste rechts neben dem "Ü" mehrfach benutzen muss. Und es gibt ja genug Sternchen in jeder gutgefüllten Fontsammlung (oder Unicode Dingbats)...

Brüder und Schwestern, wir alle sind ein Asterismus, und jeder Mann und jede Frau ein Dinkus.

Dienstag, 9. Juni 2020

3rd Mind :: Der typographische Untergrund

Wenn es stimmt, dass das Internet zerbrochen ist und die Sozialen Netzwerke als Medium zum wertfreien Informationsaustausch versagt haben, wittert der Untergrund wieder seine Chance. Ist es wieder an der Zeit, den Webblog als natürlichen Erben des Egozines neu zu beleben oder... die Lippen werden trocken und die Zunge zögert, es auszusprechen... 180° Retro zu werden?

Die Stimme des Untergrundes (egal welcher Coleur und Richtung), das war früher die Graue Literatur, Samisdat, sehr oft Druckerzeugnisse, die mehr oder weniger regelmäßig, in geringer Auflage (unter 1.000 Exemplaren) und jenseits der etablierten Vertriebswege, teilweise unter abenteuerlichen Bedingungen, weitergegeben wurden. Das Fanzine, das Egozine, oder einfach das Zine. Reich wurde man damit nicht, aber man gewann schnell Freunde, Einfluß und die natürliche Feindschaft des überentwickelten Ästheten, der nicht verstehen konnte, dass eine direkte Kommunikation nicht auf Hochglanzpapier gedruckt werden sein muss. Wahrheit offenbart sich auch sehr schön auf den grob designten Seiten von 80g chlorfrei gebleichtem Kopierpapier.

"Schnüffelkleber war nicht so sehr schlecht geschrieben als kaum geschrieben; Grammatik war nicht vorhanden, Layout war willkürlich, Überschriften wurden normalerweise nur in Filzstift geschrieben, Schimpfwörter wurden oft anstelle eines begründeten Arguments verwendet... alle davon gaben dem Schnüffelkleber seine Dringlichkeit und Relevanz" *

Es hat einen gewissen Charme, solche Broschüren nach all den Jahren wieder in die Hand zu nehmen; sie sind Artefakte einer vergessenen Geschichte, Illustrationen des Zeitgeistes einer anderen Vor- oder Nachkriegszeit als man heutzutage vielleicht denken würde. Und die einfache Herstellungsweise ergibt ein erstaunliches Mass an Möglichkeiten. Mit heutigen Mitteln wahrscheinlich exponentiell. Die Chaoskurve der Operation Mindfuck: Man nehme ein DinA4 Blatt und falte es, schon hat man das klassische Template für Zine-Design, doppelseitig kopiert vier DinA5 Seiten. [Bei Bedarf wiederholen.] Deswegen haben alle die alten Zines eine durch vier teilbare Anzahl von Seiten, parallel zur Aufteilung industrieller Magazine, wobei diese oft ein Vielfaches von 8 oder 16 Seiten aufweisen, je nachdem wie groß der ursprüngliche Druckbogen ist.

Eigentlich braucht man jetzt nur noch eine Schere, einen Cutter und eine Tube Fixogum, und man kann sofort loslegen. Die Typography fliegt einem um die Ohren, man schnüffelt den Leim (Fixogum bringt leider nix), Satzfahnen flattern im Wind, und als Letztes wird das Titelbild und die Mitte des Zines gestaltet. denn die Mitte, da ist die Welt eine Auster. Wenn man das fertige Heft hier aufschlägt, hat man eine echte Doppelseite... das Centerfold! Doppeltviel Platz für doppeltviel Wahnsinn! Das DinA4 Ausreißposter, die Xeroxcollage, der steife Mittelfinger, der sich dem Establishment und dem überentwickelten Ästheten entgegenstreckt...

Also, ich glaube, das wäre immer noch ein interessantes Medium, und Mann, das Geld für ein paar Kopien kann man sich doch sicherlich auch heute noch zusammenschnorren, oder?


* Wenn der automatische Übersetzer meisterhaft überfordert wird, klingt es einfach lustiger.

Samstag, 16. August 2014

3rd Mind :: The foggy ruins of time.

Die nachfolgenden Ausführungen trage ich nicht nur schon eine ganze Zeit mit mir herum, sondern habe sie auch schon so oft anderen Interessenten unter die Nase gerieben, dass ich Hornhaut auf dem erhobenen Zeigefinger habe. Die 99,93 % der Menschheit, die sich für solche banalen Trivialitäten nicht zu interessieren haben, mögen das Folgende bitte ignorieren. Und diejenigen, die es betrifft, werden es sich sowieso nicht merken.

D
ie korrekte Form und Verwendung eines der ungewöhnlichsten Zeichen der Internationalen Typographie:
Das sogenannte "Dreipunktzeichen", definiert als drei Punkte an den Spitzen eines gleichschenkligen, aufrecht stehenden Dreiecks. Dies ist identisch mit dem Sonderzeichen ∴, das in der Logik die Ableitung "daher" (therefore) bezeichnet. Das klassische "Dreipunktzeichen" muss mindestens genauso groß wie ein Minuskel (Kleinbuchstabe) sein.
∴ ist eine bereits im Mittelalter auftauchende besondere Form der Auslassungspunkte ..., und bezeichnet klassischerweise die Auslassung von Buchstaben oder Worten. ∴ steht in Manuskripten der klassischen operativen und später der esoterischen Freimaurerei als Ersatz für alles, was den Augen derjenigen, die in das 'Geheimnis' nicht eingeweiht waren, entzogen werden sollte, darunter nicht nur die Geheimen Worte und Namen, sondern auch die korrekten Bezeichnungen von  Anreden und Ämtern etc. Ein M∴v∴St∴ ist als 'Meister vom Stuhl' zu lesen, Br∴ steht für 'Bruder", Brr∴ für 'Brüder' etc. Sie dienten somit auch als einfache Methode der Abkürzung.
Die Verwendung von ∴ in den Mss∴ der Maurer war so typisch, dass es ihnen - zumindest in humoristischen oder höhnischen Schriften - den Spitznamen der "Dreipunktbrüder" einbrachte.
Der Aberglauben späterer Zeiten erklärte ∴ zu einem esoterischen Symbol, dessen Benutzung nur den 'Eingeweihten' erlaubt war. D'uh.
Mit Beginn des Desktoppublishing tauchte das Dreipunktzeichen wieder auf, z.B. in der alten Version des Windowsfonts "Symbol" unter ALT092. Im Unicodesystem kann ∴ abgebildet werden durch U+2234 oder in HTML als &there4.

Sonntag, 26. Mai 2013

3rd Mind :: Das Geheimnis der Chevrons

Wie jeder vernünftige Mensch habe ich jede Woche stundenlang darüber gerätselt, was es mit den mysteriösen Chevrons auf sich hat, die beim Einwählen beim Stargate nebenan aktiviert werden müssen. Nach langer Meditation habe ich es dann vergessen bis zum nächsten Mal, wie jeder vernünftige Mensch. Man muß ja auch nicht jeden Scheiss wissen.

Beim Setzen eines Buchprojektes fiel mir auf, dass eines der eingereichten Manuskripte statt der gewöhnlichen Anführungszeichen " oder der so genannten typographischen Anführungszeichen „“ diese kleinen Winkelchen benutzte, die man auch auf den FastForward und Rewind-Tasten findet. » und «. Man findet sie öfter in fremdsprachigen Büchern, weswegen man glauben könnte, es wären "französische" Anführungszeichen oder ähnliches. Sieht eigentlich aber viel besser aus, allein wenn man den Grauwert der fertigen Seite betrachtet - gewöhnliche Anführungszeichen brechen weg, und sind auch beim Scannen immer wieder ein Quell der Verwunderung. Diese Winkelzeichen sind eigentlich ein Standard, den man sich nicht entgehen lassen sollte, und jeder Verlag, der etwas auf sich hält, sollte dem Leser diesen zusätzlichen Service leisten.

(Ein Blick in die Typographie der Taschenbuchbibliothek rund um meinen Schreibtisch verrät, dass die wörtliche Rede tatsächlich recht uneinheitlich gestaltet wird. Moewig und Heyne verwenden typographische Anführungszeichen, Bastei, Suhrkamp und selbst die alten Gruselheftchen aus dem Zauberkreis-Verlag die mysteriösen Winkelzeichen. Aber es gibt auch Ausnahmen.)

Im Bleisatz war es natürlich kein Umstand, die winkelförmigen Anführungszeichen (sie heißen übrigens Chevrons) aus dem Satzkasten zu nehmen, gleicher Arbeitsgang etc. Die meisten Textverarbeitungsprogramme wandeln reguläre Anführungszeichen aber stumpf in typographische um, weswegen man um den Standard zu erreichen, sie nachträglich in Chevrons umwandeln muss. Dies tut man am einfachsten durch ein Makro, der die Ascii- oder Unicode-Notierung der zu ersetzenden Zeichen verwendet.  In den meisten Windowsprogrammen wäre dies
ALT+0132 „ ersetzen durch ALT+0187 »   und
ALT+0147 “ ersetzen durch ALT+0171 «

Et voilá! Chevron aktiviert!