Sonntag, 14. Juni 2020
Pyropunk :: Semper Fi
Mark Leandrowsky erbleichte.
„Ich habe Nacktphotos aus der Umkleidekabine von Olivia Newton-John“, stotterte er, „und glauben Sie mir, Käpt’n… die Gravitation ist nicht unser Freund!“
„Natürlich“, nickte Käpitän Frakes, „der Kosmos wird von gewaltigen und fremdartigen Kraften regiert. ‚Die Welten heulen ihren eigenen Totengesang’ und all das. Aber wenn wir nur die Affen eines kalten Gottes sind, sollten wir dann nicht für jede Idee und jeden Traum dankbar sein?“
„Immer noch besser als mit Kacke werfen“, knurrte KER, aber er war nicht überzeugt.
Freitag, 29. Mai 2020
Eine kleine silberne Melodie.
Beneath a waning moon,
And on his lute he fashions
A little silver tune.
Pierrot plays in the garden,
He thinks he plays for me,
But I am quite forgotten
Under the cherry tree.
Pierrot plays in the garden,
And all the roses know
That Pierrot loves his music,
But I love Pierrot.
Samstag, 11. März 2017
The Future is Dead :: Die Sarkophage der Zukunft
Wieder an der alten Wasserstelle wie schon die Generationen vor uns, wie wir schon in den Generationen, die wir hinter uns gelassen hatten. Generation X, Y oder Z.... die Körpermenschen, die Seelenmenschen, die Geistmenschen einer schwarzen Gnosis.
Früher war die alte Korova-Internetbar die alte Korova-Milchbar gewesen, vollverchromt und voller Schwarzlicht, dass man auch nachts Sonnenbrillen brauchte, oder besser noch Spiegelbrillen. Der Apex der Postmoderne und des Posthumanismus waren Milkshakes aus 100% Original Muttermilch. In den Separees gab es Webcams und eine Privatvorstellung der Melkmaschinen...
Noch früher war die alte Korova-Milchbar das alte Whisky-a-Go-Go gewesen, mit Livemusik und einer anderen Art von Milchshake, die es in den Separees gab, zusammen mit einer Line Kaffeeweisser direkt von schweißnasser Haut. Und die beste Band, die keiner kennt, hatte dazu auf der Bühne gerockt, Background Muzak für das Ultrabrutale.
Aber das war dann, und wir hatten das Ultrabrutale längst hinter uns gelassen.
Es war Zeit für das Hyperbrutale.
Wir hatten die Körperlichkeit besiegt - Was war als nächstes dran?
In den Sechzigern standen die Worte der Propheten geschrieben auf die Wände der U-Bahn-Tunnel und Aufenthaltsräume, heute sind sie unsichtbar in den Äther gekritzelt, ständig abrufbar, werden kopiert und gelöscht, handlich und übersichtlich innerhalb des 140-Zeichen-Limits.
Trending now: #fakenews vom #tatort #deutschland.
So wie die Menschen der Antike komplexe Maschinen aus fleischfressendem Stein (lithos sarkophagos) erfunden hatten, um Fleisch und Körper (bis auf die Zähne) in reine Information umzuwandeln, hat die Moderne ein Vielzahl handlicher Maschinen hervorgebracht, die Seele, Verstand oder Psyche zersetzen. Damals Sarkophage, jetzt Psychophage, damals wie heute mit allerlei spektakulären Bildern und ähnlichem geschmückt, die sich dem Auge des Betrachters anbiedern, derweil er die Zeit herumbringt, d.h. umbringt.
Was war als nächstes dran?
"Ich sehe die Pneumaphagen der Zukunft, goldene Kopulationen inzüchtiger Archonten von jenseits des Uranus, Hyperkakerlaken, die kommen um zu fressen.... die Welten der Materie sind nur die Exkremente, die Kobolde aus der 5. Dimension hinter sich gelassen haben...."
Ich und meine drei kleinen Droogs starren den Typen am Tisch neben uns abwartend an.
Nach einiger Zeit steht er auf, schüttelt den Kopf und wankt dann hinaus in die kalte Novembernacht.
Wieder einer der Propheten, die am Leben gescheitert sind. Oder vielleicht war das Leben auch an ihm gescheitert. Man kann es schließlich nicht allen Menschen recht machen.
"Zuviel Information", sagt Mark und lädt die alte Nadelpistole. "Manche Dinge will man gar nicht wissen."
Er bleibt ein Romantiker. Es ist nicht das Wissen, was das Problem ist.
Es ist die Information. Die Venusischen Broker errechnen ihren Wert nur noch aus der Quantität, nicht der Qualität. Eine Kopie ist genausoviel wert wie ein Original, zwei Kopien doppelt soviel.
Andererseits: was gibt es schon Neues zu berichten?
Montag, 23. Juni 2014
Pyropunk Revisited
Eine kurze Stippvisite im 20. Jahrhundert...
"Pyropunk", um es einmal vorwegzunehmen, und um die Fragen zu beantworten, die immer wieder auftauchen, wenn ich kryptisch diesen Namen nenne und hämisch vor mich hinkichere, bezeichnet eine Reihe von Novellen und Geschichten um eine Gruppe Hamburger Musiker, Hacker und anderer Versager, die ich beginnend mit der Mitte der 80er Jahre zu meinem Vergnügen, und dem einiger Freunde verfasst habe. Seitdem nie wieder veröffentlicht oder nachgedruckt! Eine unverschämte Mixtur aus SF, Urbaner Fantasy und Agentendrama, gewürzt mit einer Prise Surrealismus und Commedia dell'Arte.
Unverschämt vor allem deswegen, weil es nichts anderes als einen Versuch darstellte, eine Art deutschen "Jerry Cornelius" zu kreieren, was sich glücklicherweise schnell selbstständig machte und einen ganz anderen Drive bekam. Heavy Stuff, Baby.
Und die Pyropunks - der quecksilberhafte Karl Edwyn Rothner, der melancholische Ästhet Mark Leandrowsky, der stets breite Werner Pargsen und der finstere, aber gutmütige Jimi Matota, sowie ihr stets griesgrämiger Militärberater Oberst Contable (heute: Captain Frakes) inkarnierten auch nach dem Abschluss der letzten Geschichte immer wieder mal in einer Ecke meines eigenen kleinen Multiversums. Nomaden der Zeitströme und so...
Ein stures und renitentes Pack, wie die Norddeutschen halt so sind, sind sie auch nicht totzukriegen und kommen immer wieder in unbewachten Momenten an und wollen, dass ich neue Abenteuer von ihnen dokumentiere. Nie wieder veröffentlicht oder nachgedruckt!
Sonntag, 16. März 2014
Shortcuts 2014-03-16
Die Harlekinade
Da steh' ich nun, ich armer Tor und bin genau so schlau wie zuvor. Abgesehen davon, dass ich der abwegigen Meinung bin, man sollte "Tor" definitiv wieder wie früher "Thor" schreiben. Verdammte Rechtschreibreform von 1900, früher war alles besser.Man hat erfolglos versucht, mich als "New Weird" oder "New Pulp"-Autoren zu outen. ich hab es auch versucht, aber man kann halt nicht alles mit Rasierklingen und 4 Kilo Semtex richten. Jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich alte Ideen einer eigenen Mythologie neu belebe, und stattdessen im 'Pierrot Lunaire' nachblättere als in meiner Taschenbuchausgabe des Nekronomicons.
Harlekin, Pierrot, Pulcinell und Brighella, die Zanni der Pyropunkzeiten, sie reinkarnieren vor meinen Augen in anderen Welten und drehen mir eine Nase.
Ätsch. (Das hättest Du wohl nicht gedacht, Herr Leandrowsky?)
I love my Duden
Fundstücke um den Wortschatz zu vergrößern:
- glosen Wortart: schwaches Verb Bedeutung: schwach glühen, glimmen
- harschig Wortart: Adjektiv Bedeutung: (vom Schnee) hart gefroren, vereist, krustig
- Järv Wortart: Substantiv, maskulin Bedeutung: Norwegischer Eigenname des Vielfraßes (Wolverine)
Retro-Zeugs
works-in-progress:
Alles ist vernetzt. Was ich als gemeinfreien Text in den Archiven der Welt oder der Gutenberg-Galaxis finde, ist bereits 10 Minuten vorher als Kindle-Datei veröffentlicht worden, in den meisten Fällen für teuer Geld. Man kann sich natürlich aber auch die .txt oder .pub auf den Rechner oder ein anderes Gerät herunterladen und im Kindle als Dokument lesen.
Die Datacloud braucht dazu nur ein paar Augenblicke - es lohnt sich hier, auch international nach deutschsprachigen Texten zu suchen. Wer will nicht eine "utopische" Geschichte aus dem Jahre 1912 für lau lesen?
Dieselpunk, als man noch nicht wusste, was Diesel ist -
Damals hieß Science Fiction noch "Zukunftsliteratur", und man brauchte sich anscheinend um Wissenschaft nicht zu scheren. Und ein paar Straßen weiter bastelten Einstein und Heisenberg an einer ganz anderen Sicht der Dinge.
Klar, dass man da mals eine postmoderne Interpretation vorstellen sollte.
Mit Zeppelinen.
Samstag, 24. April 2010
Der gute Stoff
Das alltägliche Ritual der Frühstücksstunde. Mutter kocht den Kaffee, Vater liest die Zeitung. Was ist passiert, was ist geschehen? "Nicht viel, Liebling. In Südamerika ein neuer Diktator, ein neuer Bestechungsskandal, in Amerika brennen die Städte und der Prinz der Ruinen wird des Diebstahls einiger Gramm Urans verdächtigt..."
Moment...
"Uran? Uran? Uran? Uran? Er hat URAN geklaut?"
"Nicht nur Uran, Jimi. Sogar den guten Stoff, aus dem man die Bombe füttert."
Freitag, 23. April 2010
Keine Hoffnung
„Was Du willst, ist eine Travestie der Religion“, sagte Mark, und er wirkte plötzlich ziemlich nüchtern, „Du willst einen Messias stiften, der dem Leben der Menschen keinen neuen Sinn gibt; einen, der ihnen KEINE Hoffnung machen will.“
„Nein“, nickte Karl. „Wer Hoffnung braucht, der hat Furcht. Furcht vor sich selbst und dieser Welt. Wir brauchen einen Messias, der dieser Welt beibringt, dass es keinen Grund gibt, sich zu fürchten; einen Messias, der alle Hoffnungen zerstört; einen Messias, der unsere Welt belehrt, dass es keinen Sinn im Leben gibt außer man selbst gibt es ihm.“
Donnerstag, 22. April 2010
Der Spion im Wagen
Der Spion, der das Haus von Karls Mutter bewachte war schon lange tot. Sein Haupt war schlaff auf die Kopfstütze seines VW Polos zurückgesunken, die weißen Hände klauenartig um das Steuerrad aus Plastik verkrampft. Seine starren weißen Züge wurden von drei Strömen aus Blut gespalten, die aus dem kreisrunden Loch in seiner Stirn gedrungen waren. Die tödliche Stahlnadel stak immer noch in seinem Gehirn.
Dienstag, 20. April 2010
Der Mann, den man nicht gerne sieht...
"Die freundlichen Eingeborenen werden mich unterhalten", murmelte der Graue Mann, als er seinen Koffer auf den Asphalt des Flugplatzes absetzte. Staub flog von den Falten seines langen Mantels auf und rieselte selbst von seinem Haupt, als er sich durch das verkrustete, schulterlange Haar fuhr. Die Seide des Tuches, das ihm die Haare aus dem Gesicht hielt, war einst von leuchtendem grün, gelb und rot gewesen, aber öliger Schmutz und Schweiß hatten es längst zu einem fauligen Blauschwarz umgefärbt. Er war ein Mann, den man nicht gerne kommen sieht.
Donnerstag, 15. April 2010
Pyropunk 2.0
überarbeite gerade das material, das von der pyropunkserie der 80er und 90er den zahnd er zeit überlebt hat. eine mischung aus nostalgie und ikonoklastik, oder erinnerungen an eine zukunft, die leider versagt hat. die pyropunk-serie war stets auch teils ironischer, teils ernsthafter sozialer kommentar. (streichen sie den letzten satz, virginia.) vertreiben wir uns die zeit mit ein paar willkürlich aus den texten geschnittenen sätzen.
"KER fuhr herum, als ein leises Geräusch erklang. Es kam aus dem Badezimmer. Er lauschte an der Tür und untersuchte dann den Telefonapparat auf dem Nachttisch neben dem großen Bett. Ein paar Zettel lagen unordentlich unter das Telefon gefaltet, mit fahrigen Kugelschreibernotizen bemalt. Die Adressen von Nachtclubs und Nomenclatura-Bordellen, Notizen über Drogen-Connections. KER überprüfte die Namen, dann hielt sein Zeigefinger auf einer Telefonnummer inne. Er nahm den Telefonapparat und ging mit ihm auf den Balkon zurück. Er warf einen Blick herab. Schräg unter ihm, in einem stumpfen Winkel, lagen immer noch die grauen Stiefelspitzen auf der Balustrade."
Freitag, 5. Juni 2009
Pyropunk :: War against Horror
Die Rede war von einem Revival, aber Karl Edwyn Rothner hatte in den letzten Jahren so viele seiner Freunde und Verwandten an die Schwankungen im Mega-Strom verloren, dass er alles Interesse an Reinkarnation verloren hatte. Er hatte bis zum Jahr 2000 so viele Parallelen besucht, und war von den Schwankungen des Mega-Stromes abgetrieben worden, dass es einige Jahre gedauert hatte, bis er wieder in die Ausgangsrealität zurückgekehrt war.
Und auch heute noch gab es Momente der Verunsicherung, ob er wirklich da war, wo er sein wollte. Immerhin, das ging wohl allen inzwischen so. Die Kids in der Nachbarschaft hatten einen neuen Code, mit dem er nicht mehr mitkam, neue Götter, an die er nicht glauben wollte.
„Wie das Schwimmen durch eine Lawine von Videoclips, während der Kanal jeden Augenblick wechseln kann“, hatte Captain Contable eines Tages gesagt, als sie in den Ruinen des World Trade Centers (März 2001) gefrühstückt hatten. „Die Möglichkeiten vervielfältigen sich mit jeder Sekunde, die ganze Struktur der Wirklichkeit ist fraktal geworden, wie eine Schneeflocke, die sich immer weiter verzweigt.“
Wie eine Schneeflocke, hatte KER gedacht. Kein schlechter Vergleich für die Welt, durch die wir irren. Wie eine Schneeflocke: Immer anders, aber immer gleich.
Die Stahlträger, die aus den Trümmern ragten, hatten im Licht der Mitternachtssonne bizarre Schatten geworfen, als KER und der Captain nach ihrer Mahlzeit zu einem Spaziergang aufbrachen. Rudel verwilderter Hunde flohen vor ihnen, als entlang der sorgsam aufgeschichteten Trümmerberge wandelten. Einige von ihnen hatten eigentümlich verlängerte Pfoten, und KER hatte schwören können, dass der eine oder andere von ihnen versucht hatte, kurze Strecken auf den Hinterbeinen zurückzulegen.
Von den Zwillingstürmen war nicht mehr viel zu erkennen, die Konstruktion war nach dem Aufschlag des Raumschiffes durch die enorme Hitze so stark geschwächt worden, dass das gesamte Bauwerk unter der eigenen Last einstürzte. Der Nordturm war als erstes an den beschädigten Stellen eingeknickt, der Südturm hatte ihm einige Minuten später gefolgt, als die Struktur an den zuerst brennenden Stockwerken nachgab und die darunter liegenden Stockwerke mitgerissen wurden. Die Trümmer glitzerten grau und gläsern unter den fremden Sternen.
„Ich hatte mehr Hoffnung in das Zeitalter der Information gesetzt“, sagte KER und trat gegen eine eigenartig schwarze Coladose, so dass sie klingend über die Steinbrocken sprang. „Aber das ist nicht die Zukunft, die man uns versprochen hat, oder?“
An einem von der Wucht der Explosion verdrehten Straßenschild war der verstümmelte Kadaver einer der außerirdischen Invasoren mit Stacheldraht aufgehängt worden. Ein besudeltes Pappschild hing um seinen tentakelbesetzten Schädel. „War Against Horror“ – das war das Motto des Widerstandes in Amerika und dem Rest der ehemals freien Welt.
Captain Contable lächelte und stocherte mit einem Eisenstab in den Eingeweiden des Gehängten. „Ach, wer weiß, ob es überhaupt die Zukunft ist, mein Junge. Vielleicht spielt sich alles in Zyklen ab, und wir sind bereits wieder am Anfang angekommen. Der letzte Mensch auf Erden ist wieder der erste Mensch, verstehen Sie? Die Zeit…“ Er runzelte die Stirn, als der Stab zu dampfen begann. „Die Zeit ist ein hinterhältiges Ding. Und wer weiß schon, wo wir morgen sind.“
Der alte Mann kicherte, wie über einen eigenen, ganz privaten Witz und warf einen letzten, bewundernden Blick auf die Szenerie, die langsam hinter ihnen zu verblassen begann.
„Ahja“, seufzte er. „Sic transit gloria mundi. Und sonst?“
KER hob fragend eine Augenbraue. „Sonst?“
Contable machte eine vielsagende Handbewegung. „Wie ist es so zuhause? Wie geht’s der Frau und den Kindern?“
„Welche Kinder? Und: was für eine Frau?“
Contable zog die buschigen eisengrauen Brauen zusammen und starrte ihn an. Zuerst strafend, und als er das Unverständnis in Karls Augen zu registrieren begann, mit wachsender Trauer.
„Ach Scheiße“, murmelte er, und auf einmal wirkte er alt und müde. „Du bist es ja gar nicht, Junge…“
„Natürlich bin ich es, Captain…“
Der Captain sah KER lange und traurig an. Seine sonst so klaren türkisblauen Augen hatten alle Farbe verloren.
„Natürlich“, murmelte er, „natürlich bist Du es, Junge. Aber nicht der richtige….“
Montag, 23. Juli 2007
Pyropunk :: Form und der Prinz
Der vorliegende Roman, der zweite in einer Folge von drei (sammelt sie alle!) ist hier vielleicht postmoderner als andere – eine effektivere Bombe – doch auch er ist nicht so clever und non-linear, wie man fürchten könnte. Stattdessen ist er multi-linear, zusammengeknüpft aus mehreren Erzählsträngen. Warum sich auch mit einer Wirklichkeit zufriedengeben?
Auch hier wird die innere Handlung durch einen oberflächlichen Kniff vorgegeben: Wie man sieht, ist das Buch in vier thematische Teile – inzwischen kodifiziert als Exposition, Entwicklung A + B, und Denouement (man könnte auch sagen, Katastrophe) – unterteilt, um eine grundlegende Dramatik vorzugaukeln. Dass es pro Teil Themenschwerpunkte gibt, hilft natürlich auch, Kontinuität zu entwickeln, die es vielleicht nicht gibt. Die vertikale Teilung in vier Teile hilft bei der Ausgestaltung der horizontalen: Ich musste nun nur noch einige Folgen von jeweils vier miteinander verknüpften Szenen schreiben, und der Roman begann von ganz alleine zu wachsen. Eine wunderbare Methodik, die ich anscheinend en passant für mich also vor 17 Jahren erfunden habe. Das scheint auch fast logisch zu sein: Das Leben in der Grosstadt – die urbane Pluralität – lässt sich nun einmal besser mit non-linearen Mitteln darstellen. Es bleibt dem Autoren überlassen, wie genau er den chaotischen Datenstrom des modernen Lebens darstellen will.
Auch ohne hochgestochen daherzukommen, hatte die Struktur des Werkes eine Art Eigenintelligenz vorzuweisen und diktierte mehr oder weniger die Art und Weise, wie er sich entwickeln und enden würde. Dies machte es mir auch leicht, bei der Überarbeitung des Werkes in den letzten Wochen noch ein paar Kapitel hinzuzufügen. Ich brauchte nur einige andere Texte aus der gleichen Epoche zu weiteren Szenenfolgen weiterzuentwickeln und die so entstehenden Kapitel einzugliedern. Während ich mit der Reihenfolge der Kapitel herumspielte, wuchs zugleich auch die kontextuelle und moralische Dimension des Romans, weswegen ich noch einen Prolog und eine Coda hinzufügte, um das Werk als ganzes abzuschliessen.
Sind die einzelnen Kapitel deswegen unchronologisch? Der Zeitstrom – darauf hat bereits Michael Moorcock hingewiesen, der als unsichtbarer Übervater (?) über dem ganzen Unternehmen steht – verläuft nicht gradlinig, sondern paradox. Er schlägt Kapriolen und läuft manchmal sogar in sich selbst wieder zurück. Es ist vielleicht kein Wunder, dass ich die Figuren der Pyropunk-Romane auch manchmal als „Chronolyten“ bezeichnet habe. Sie lösen die Zeit auf. Denn die Zeit existiert nur in ihrem Bewusstsein – ebenso wie seine Fiktion nur im Bewusstsein des Lesers.
Ein weiteres Merkmal der Postmoderne, die Dekonstruktion des Selbstbestimmung, wird jedoch in den Pyropunk-Romanen nicht auftauchen. Sie sind rein idealistische Werke (obwohl der Idealismus konsequent verhöhnt wird), denn sie feiern die Anarchie. Kann es einen größeren Idealismus geben? Vielleicht ist es gerade diese Dekonstruktion des Postmodernen, die sie wieder zu Vertretern der Postmoderne macht? Das Nicht-Vorhandensein der verbindlichen Weltsicht oder des Lebenssinnes gilt hier nicht als weltanschauliche Einsicht, sondern als ein in der Erzählung verankerter biologischer und politischer Defekt, gegen den sich alle Handlung richtet. Oder andersherum. Denn die ausschließliche Verbindlichkeit dieser Aussage ist genauso ein Teil des Problems wie die ausschließliche Verbindlichkeit seines Gegenteils. Der Pyropunk streitet also – wie immer – gleichermaßen gegen die (Post-)Moderne wie gegen das Mittelalter, gegen die Beliebigkeit wie gegen die Einschränkung, gegen das Chaos wie gegen die Ordnung.
Wenn man das genau weiterdenkt, erkennt man schnell, dass nicht nur die Hanswurstfiguren der Commedia dell’Arte zu geistigen Verwandten dieser Gestalten gehören, sondern natürlich auch Don Quixote. Während er gegen Windmühlen stritt, die er in seinem Wahn für Riesen hielt, streitet der Pyropunk gegen allen Wahn der Riesen – Kapitalismus, Kommunismus, Fußgeruch und Disko.
Der erste Teil dieses Textes unter Pyropunk :: Form und Postmoderne
Pyropunk :: Form und Postmoderne
Es ist gesagt worden, dass zu den Merkmalen des Postmodernen Romanes eine Negierung, Ironisierung oder einfach Vernachlässigung der Narrativität, Subjektivität und Wirklichkeit gehören. Was ziemlich hochgestochen klingt, scheint eher eine Erkenntnis der Urbanen Kultur zu sein: In einer schnelllebigen Zeit ist es verdammt schwer, noch einen Sinn des Lebens zu erkennen. Negierung, Ironisierung und einfach Vernachlässigung als Lebensprinzip implizieren demnach auch Beliebigkeit, Ziellosigkeit – das Non-Lineare. Ohne Sinn keine moralischen Kriterien. Wir können glücklich sein, wenn es wenigstens noch ästhetische gibt.
Klingt vertraut. Beim Bearbeiten der sogenannten „Pyropunk“-Manuskripte, die zum Ende der 80er und Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts entstanden sind, musste ich immer wieder ähnliche Gedanken vorfinden. Was nicht unbedingt darauf hinweisen sollte, was für ein prophetischer Vordenker der Literaturwissenschaften ich bin, sondern eher darauf, dass in diesen Geschichten der Zeitgeist der damaligen Zeit besser eingefangen wurde, als man es heute – in der toten Zukunft jener Tage – jemals könnte. Über den sittlichen Nährwert lässt sich streiten – Pyropunk ist vor allem auch Unterhaltung, das Gossenkind von „New Wave“ und „Cyberpunk“. Recht europäisch im Grunde. Aber hat es Swing? Kann es tanzen? ist es wirklich postmodern? Und überhaupt, wen kümmert’s? Es gibt Schlimmeres, als irgendwann von fragwürdigen Genredefinitionen shanghait zu werden.
Tja, das denkt man dann so, und nimmt eine andere Windmühle auf’s Korn. Doch dazu später mehr. Derweil die Finger über die Keyboards klappern, bleibt natürlich weiterhin Zeit genug, das Geschaffene zu hinterfragen. Will man etwas mitteilen – Kommunikation – oder nur mit der Konvention spielen? Eine wahrhaft postmodernistische Frage, natürlich – wo beginnt sie, und will man wirklich dazugehören?
Ich gebe dem Relativismus die Schuld. Seitdem wird jeder, der etwas starkes, wildes, relevantes erschaffen will, die Konventionen seines Genres negieren, ironisieren oder einfach vernachlässigen und somit unweigerlich bei der gleichen Art von non-linearem, scheinbar cleveren und im Grunde herzlosen Text landen, der größtenteils oberflächlich bleibt, aber nicht einmal unterhaltsam ist. Oft ist es gerade diese Oberfläche (Form), die die organische (?) Gestalt ersetzt. Typographische Experimente, nicht mehr. Und man betrachtet dann sein eigenes Werk mit einer Mischung aus Faszination und Ekel, wenn man sieht, dass man anscheinend all diese cleveren und im Grunde herzlosen Tricks auch draufhatte, als man jung und unverschämt war. Oh yeah, baby. Nicht vergessen, es heißt Pyropunk. Und nicht nur weil die Figuren junge Wilde sind, die das unbändige Verlangen haben, Sachen in Brand zu setzen oder gleich in die Luft zu sprengen, sondern auch weil der Autor damals ein junger Wilder war, der abends davon träumte, Sachen in Brand zu setzen oder gleich in die Luft zu sprengen. Es ist wahr! Gebt mir die Bombe! (Rein literarisch gesehen…)
Der zweite Teil dieses Textes unter Pyropunk :: Postmoderne und der Prinz
Montag, 25. Juni 2007
Die Rückkehr der Pyropunks
Aber dazu später mehr, wenn ich das Mss. weiter bearbeitet habe. (Merkwürdigerweise macht es mir nämlich momentan unglaublichen Spaß, noch ein paar Kapitel dem Haupttext anzufügen und somit den Seitenumfang dieser Veröffentlichung zu vergrößern. Mehr Lesespaß für noch mehr Geld. Wo gibt es sowas schon noch?)
Donnerstag, 15. Februar 2007
Pyropunk... Mangastyle
Aus den südlichen Vorstädten... einen Ghettoblaster in der Hand, der Magier mit Peitsche und Pistole, stolzer Prinz der Ruinen... Karl Edwyn Rothner reitet wieder!
Dienstag, 8. November 2005
Pyropunk :: Europa Babylon 2.0
Eine bläuliche Maske, die körperlos in der Dunkelheit schwebte...
Nach einer Stunde vor den Monitoren hatte der Rest des Raumes, und sein Körper, ihre Bedeutung verloren. Eine weitere, vielleicht unnütze, Information über das Dreidimensionale, die im hektischen Zucken der Infoströme beiseite fiel. Die zwei Dimensionen der Bildschirme waren zur Realität geworden.
Nach drei Stunden vor den Monitoren hatten die Bilder aufgehört, Sinn zu ergeben. Sie zerfielen in einzelne Informationssequenzen, die das Gehirn unabhängig von einander zu interpretieren versuchte. Landschaften wurden zu Zahlenmodellen, Gesichter zerfielen in polygone Strukturen. In der Monitorwand begannen die 3 x 3 Hauptpanele hervorzutreten, in denen jeweils 3 x 3 Monitore verankert waren. Formen begannen innerhalb der Panele miteinander Wechselbeziehungen aufzubauen.
Nach vier Stunden vor den Monitoren war Karl davon überzeugt, dass aus den willkürlich generierten Bilderfolgen eine Art selbstreplizierender Intelligenz sprach, von deren Existenz niemand bisher geahnt hatte, dass nämlich das Fernsehen selbst sein Programm zusammenstellte.
Nach fünf Stunden vor den Monitoren war die Trennung zwischen dem Gesehenen und dem Seher endlich aufgehoben, und Karl absorbierte alle Informationen direkt über die Sehnerven. Sein Bewusstsein teilte sich in Split Screens auf, er in jedem visuellen Zeichen präsent:
Arschgewackel auf Monitor 15, ein metallener Gegenstand über rotem Fleisch auf 55, Gameshow oder Exekution auf 23, CSI-Team auf 9. Dazwischen Silhouetten von Soldaten, Polizisten, paramilitärischen Truppen. Beschlagene Visiere verstecken die Gesichter /cut/ Texteinblendung: DDR geheim – Schattenreiche. Dunkelhäutige Jugendliche in weiten Jacken schreien und rennen. Musikvideo oder Reportage? Jean Paul Belmondo schlägt immer wieder auf einen Verbrecher ein, umgeben von roten Zahlen entblösst eine alte Frau ihre mit Venen tätowierten sackenden Brüste /cut/
Gefrorene Momentaufnahme schmelzenden Plastiks, dessen Tränen bizarre Formen bildet, ein schreiendes Kind, eine Animesequenz zweier bis aufs Farbschema identischer Ninjas /cut/ eine Gurke verwandelt sich unter einem huschenden Messer in hauchdünne Scheiben (?), die Klappe eines Kofferraums wird geöffnet, ein blutüberströmtes Gesicht schaut heraus, Feuerwehrmänner versuchen brennende Autos zu löschen /cut/ Völkische Musikschau: die Sängerin verzerrt ihre silikongeschädigten Lippen zu einem Vollplayback. Realityshow: ein mit Ekzemen übersäter Obdachloser wird verhaftet. Ein dünnes Urinrinnsal zeichnet seine letzten Schritte nach.
Ein Tarottrumpf wird aufgedeckt. Der Turm. Die Hand, die ihn ergreift, ist voller Runzeln und Altersflecken, bevor sie verdeckt wird durch /cut/ Texteinblendung: Weitere Themen: Darmkrebs, Fit im Alter, Dauerkopfschmerz, Anti- /cut/ der Turm ist in Flammen gehüllt, Menschen stürzen durch den Rauch. Angela Bassett als Tina Turner rammt ein phallisches Mikro in ihren Schlund. Talkshowrunde mit mehreren Politikern, die reglos in ihren Sesseln sitzen und einer unhörbaren Stimme lauschen. Sie wirken wie Leichen. Texteinblendung: Was tun, wenn’s brennt?
Dann die Silhouette eines Polizisten oder Soldaten vor feuersrotem Hintergrund, der langsam eine Schrotflinte hochhebt.
Er zielt genau in die Kamera.
Karl schloss die Augen.
Werner hatte die Tür zu dem Zimmer aufgerissen. Er war kaum zu erkennen, so hell schien das Tageslicht hinter ihm zu sein. Oder war es ein Feuer?
„Yo, Karl!“, heulte er, „Der Wichser an der Ecke vertickt schon wieder Benzin an die Kiddies!“
Karl öffnete die Augen. Die Monitore hatten sich alle in einheitliches weißes Rauschen gehüllt.
Die Message war angekommen.
Freitag, 4. November 2005
Pyropunk :: Europa Babylon 1.0
Aber sich deswegen Dreadlocks wachsen lassen? Nee, das ging nun wirklich nicht.
„Schwarz-gelb-grün: Die Nationalfarben von Jamaika. Autokennzeichen JA. Was ist dann Schwarz-Rot? Albanien, oder was?“
„Anarchosyndikalismus“, grinste Karl Edwyn Rothner vom Sofa her, zog die Zigarre aus dem Mund und blies drei perfekte Ringe, die sich gegenseitig zerstörten. „DAS ist der Geschmack der Zukunft, Bruder“
„Was soll das für eine Zukunft sein?“, murmelte Wolf und justierte den zweiten Tachometer an der Maschine nach. „Müssen wir jetzt alle Bob Marley hören?“
„Na, sooooooo übel wär das nicht“, grunzte Werner Pargsen und versuchte die vielen bunten Pillen auf dem Tisch in eine andere geometrische Anordnung zu bringen. Er fluchte, als der Tisch kippte und ihn mit einem Regen roter, gelber, schwarzer und grüner Kugeln überschüttete. Ein polychromer Regen. Groovy, oder? „Farben..:“, grollte Werner. „Farben...“ Er inhalierte sein Bier.
„Vielleicht ist das auch bloss ein Code. Jamaika = Bananenrepublik. Ganz offensichtlich, oder? Die betreiben doch nur noch Cargo-Kulte. Zelebrieren die Rituale der Demokratie, ohne zu wissen, wozu die eigentlich dienen sollen. Wir hätten damals alle ‚Cool Runnings’ boykottieren sollen.“
Wolf runzelte die Stirn. „Farbcodes der Weltpolitik?“
„Möglich. Alle psychosexuellen Subkulturen haben so was. Gelbes Taschentuch links, rotes Taschentuch rechts... in der Politik teilen auch nur einige aus, und die anderen müssen’s wegstecken...“
Werners Gesicht erhellte sich. „Gelb und rot? Das sind die Tschechen, nicht?“ Wolf senkte erschüttert den Kopf. Manchmal war er sich nicht sicher, ob seine Freunde überhaupt einen linearen Zugang zur Wirklichkeit hatten oder nicht. Die Zeitsprünge kommen immer häufiger, dachte er. Bald sind wir im 21. Jahrhundert angekommen.
„Die Erste oder Alte Welt hat ausgedient, mein Junge“, lächelte KER. „Das kommt jetzt alles zurück. Die Zivilisation ist einmal um den ganzen Erdball gewandert, der Sonne hinterher, und jetzt bekommt Europa all das zurück, was es in den letzten Jahrhunderten auf die Reise geschickt hat. Dreifach.“
„Karma?“, murmelte Werner und fummelte an seinem Hosenbund herum, wo einige bunte Kugeln kleben geblieben waren.
„Zuerst kamen die Amerikaner. Dann die Australier. Nun kommen alle unsere alten Kolonien zurück“, sagte KER. „Und die Alte Welt wird langsam unter dem Einfluss der Neuen und der Dritten in die Vierte Welt fransformiert. Aber diesmal nicht in eine Welt neuer Götter und Superhelden. Warte nur ab, bis sie die ersten Schreine für Haile Selassie bauen.“
„’Ernte, was Du gesät hast’, was?“, zischte Wolf und leitete den Strom um.
„Klar. Warum nicht?“
„Das ist nur ein hübsches Bild, mit der Du eine eher nichtssagende Gegenwart mythisch aufwerten willst.“
„Nee, das ist Evolutionstheorie, Mann, Migration. Und die Erde ist nun mal ‚ne Kugel.“
„Je weiter man nach Westen geht, desto eher kommt man in den Osten, eh?“
„Das ist das Problem mit diesen Sonnenanbetern.“
Dienstag, 10. Mai 2005
Pyropunk :: Alte Mss. wiederentdeckt
Für die Uneingeweihten: Bei der Pyropunk-Serie handelt es sich um die lose verknüpften Abenteuer einer Reihe von Personen der Jetztzeit, deren Realität eine weitaus fluidere Variante der unseren ist. Im Grunde handelt es sich um eine Weiterentwicklung der ‚New Wave’ der SF aus den 60ern. ‚Pyropunk’ ist eine Parallelentwicklung zu ‚Cyberpunk’, mit einem Schwergewicht eher auf den ‚weichen’ Wissenschaften als auf Industrie; jeder Futurist hat auch seine technologiekritische Ader. Gerade das macht ihn zum Realisten.
Für die Eingeweihten: Dies ist der Roman, wo sie alle erwachsen werden. Beziehungen enden und verwandeln sich, Kinder nabeln sich von ihren Eltern ab, und Karl heiratet. Alles in allem wenig phantastische Elemente, aber vielleicht deswegen verspürte ich bei einigen Passagen ein wenig Unbehagen, als ich sie nochmal gelesen habe. Einiges wirkte unangenehm real. Selbst die Superhelden suchen sich irgendwann ihre Rollen selber aus. Das war mir, da ich nur die älteren Stories als Dateien habe, entfallen. Habe ich etwa Nostalgie entwickelt für etwas, was selbst meine Figuren längst hinter sich gelassen haben? Das erklärt vielleicht, warum die Pyropunks sich, wenn ich jetzt eine Story mit ihnen schreibe, allen Versuchen widersetzen, sie wieder in ihre alten Rollen zu stecken: „Fuck you, Gruner“, grollt Werner Pargsen und hinter meinem Kopf zersplittert eine Bierpulle an der Wand. „Auf Deine Kinderkacke haben wir keinen Bock mehr...“
Und hier ein kleiner Ausschnitt aus den Seiten, unverändert und mit Warzen... Ich finde, dafür daß es vor 17 Jahren geschrieben wurde, trifft es die Lage der Nation recht gut...
„Schlimme Sache“, murmelte KER und schniefte, als ein Laster die Straße entlangbrauste, auf dessen staubiger, hellblauer Seite mit großen, obszön schwarz-rot-golden leuchtenden Neville Brody-Buchstaben das bevorstehende Jubiläum der Bunkerrepublik ankündigte.
„Diese Burschen haben die gesamte Zeitungsbranche verdorben“, knurrte KER und rieb sich die juckende Nase, „Inzwischen trägt sogar eine Parteizeitung diese zeitgeistigen Schönschrift, je länger man hinsieht, desto mehr wird alles mit diesen Atomrunen zugeklebt. Schau's Dir an, ein ‚A’ ohne Querstrich, wie aufregend.“
Mark rührte in seinen Tee. „Alles wird zur Sensation aufgebauscht, auch ein Geburtstag. Das ist Brunner's Happening-Welt, Baby. In ein paar Jahren wird es Feten geben, die jede angebrochene Stunde mit einer Pulle Schampus feiern werden.“
KER brummte etwas und stierte in den dunklen Spiegel seiner Tasse. „Das wäre nicht weiter verwunderlich. Solche Festivitäten hat es während der Kriege auch schon gegeben. Der anderen, meine ich.“
„Aber wir haben doch jetzt Frieden?“, wunderte sich Mark.
KER schob die Teetasse weit von sich. „Frieden, Krieg, ich schätze es würde die gleiche Zeitungsmeldung abgeben, sie würden sich nur im Schrifttypen unterscheiden, mit dem der Artdirector die Fotofilme beschriften würde.“ Er schniefte und schenkte sich etwas Darjeeling nach, nur um ihn weiter trübe anzusehen.
„Was hast Du eigentlich?“, rief Mark erregt.
„Angst“, knurrte KER kurzangebunden.
„Angst? Wovor?“
KER zuckte mit den Achseln. „Den zeitlichen Kontext zu verlieren.“
„Kontext? Wer glaubt denn an soetwas?“
KER spitzte die Lippen.
„Du polnischer Bastard“, fluchte er, „merkst Du gar nicht, wie sich die Zeit mit Müll anfüllt? Um uns herum wird die Zukunft ermordet, und wir schnippen noch im Takt mit.“ Er runzelte die Stirn, nieste und nahm einen Schluck Tee. „Früher hatten die Menschen Träume von der Zukunft, hundert Meter hohe Türme, zwischen denen Schwebestraßen gespannt waren, Flugautos und Gyrokopter erfüllten diese visionären Art Deco-Himmel wie Libellenschwärme, und die Menschen in diesen Städten waren glücklich im Schutz ihrer Energiekuppeln, in sich geschlossene, ausgeglichene Idealgesellschaften - das war früher, und was bieten uns die Denker heute als Zukunft? Alles, was jetzt ist, nur doppelt soviel. Die Zukunft wird heute am Grad der Verpackung definiert. Brrrr!“ Er schniefte.

