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Sonntag, 3. Mai 2020

Amadeus auf der Flußwelt (?)

Die Rückkehr der legendären Nonsense-Cut-Up Postings unter Einbeziehung relevanter Suchbegriffe (manchmal), demnächst als Pop-Novelle in meinem Bücherschrank!


Das Papier der japanischen Stellwände war mit stylisierten Wellen aus oranger Tusche bemalt, mit goldenen Kämmen, die in sattes Mitternachtsblau ausbluteten. „Guten Abend,“ sagte der bleiche Mann, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, „man sagt mir, Sie wünschen mich zu sprechen.“
„Wir wünschen in ihren Selbstmordklub einzutreten,“ versetzte Hiram Kobalt. Amadeus und er hatten nach einer halben Stunde Warten Platz genommen und stumm die Einrichtung betrachtet. Ihnen war bewusst, dass überall verborgene Sichtlöcher und Spiegel waren, aus denen man sie beobachtete.
Der Präsident rollte, statt zu antworten, seine Zigarre im Munde herum. Für einen kurzen Augenblick wurde das glitzernde feuchte rote Fleisch inmitten der Finsternis sichtbar; die Zigarre ein Tentakel, an dessen Ende rot ein Auge pulsierte.
„Was ist das?“, fragte es höflich.
„Entschuldigen Sie,“ entgegnete Hiram, „aber ich glaube, Sie können darüber am besten Auskunft geben.“
„Ich?“ rief der Präsident. „Ein Selbstmordklub? Das ist ein Scherz, oder? Beim Wein lasse ich mir solchen Spaß gefallen, – aber was soll das hier?“
„Der Selbstmord des Universums,“ sagte Hiram, „Sie wissen, worum es geht, und wir wollen uns ihnen anschließen.“

Samstag, 2. Mai 2020

Werkstattbericht 2020-05-01



Herzliche Grüße von der Nordseeküste, aus den mythischen Gefilden von Zollern am Meer, wo wir gerade eben den Tag der Arbeit so richtig zünftig gefeiert haben.Nein, war nur Spaß. Tatsächlich hat es ein wenig gehagelt, deswegen sind wohl alle zu Hause geblieben und haben wahrscheinlich in manchen Fällen sogar gearbeitet. Ich fürchte, es ist etwas still geworden im Äther, und wirklich Interessantes scheint es auch kaum noch zu geben. Früher... ja, früher... da war Bloggen eine richtige Kultsache, heutzutage sehen wir atemlos den verwackelten Handyvideos von Leuten beim Toastessen zu.

Helden des Alltags, Helden der Arbeit. Und da es nichts Langweiligeres gibt, als Leuten zuzusehen, die noch dümmer als man selber ist, oder es vielleicht sogar solchen Leuten nachzumachen, habe ich - weil ich inzwischen weise und erwachsen bin (*kicher*) - in letzter Zeit die Klappe gehalten. Bringt ja doch nichts. 2020 sollte ein großes Jahr werden, und nun...

Und mit dem unheimlichen Timing, die man mir in meinem Illuminaten-Basistraining beigebracht hat, hatte ich das Jahr schon sinnvoll verplant, bevor der böse Coronamann aus China kam und Pustelblumen säte. Erstaunlicherweise habe ich in den ersten drei Monaten des Jahres alle Projekte und Manuskripte noch einmal angeschaut und Präferenzen gesetzt, und dann alles mit einem Seidenband zusammengeschnürt und beschlossen, beginnend mit dem 01.04.2020 vorerst keine neuen Sachen anzufangen, sondern brutalstmöglich die vorliegenden Fälle zu bearbeiten.

Da hängt jetzt eine fette weiße Tafel am Bücherregal, die bunten Zettelchen an der Pinnwand habe ich als erstes entsorgt. Feste Regeln, feste Zeiten, erstaunlich, was man da alles schafft. Und nicht Neues mehr, Brüder und Schwestern, erstmal das Fundament reparieren. (Soviel auch zu den Anfragen wegen neuer Publikationen von Nemed House und Mirkruna Press.

Ich bin da ganz hart...

...ja, und momentan arbeite ich für einen englischsprachigen Verlag an einer Novelle über einen Public Domain Charakter, weil mich auf Facebook ein Bekannter angesprochen hat. Und ich blogge wieder. Wahrscheinlich kommen auch noch andere alte Sachen wieder zum Vorschein.

Sag mal, wie war das eigentlich Amadeus und seiner Flußwelt..?

Samstag, 25. Juli 2015

Amadeus auf der Flußwelt, Folge 0.2

Brauchen wir wirklich eine Fortsetzung von nicht fortsetzbaren Texten von vor vier Jahren? Neeeh, aber die Vorgeschichte, die anscheinend noch viel weniger dazu passt. Macht doch Sinn, gelle?

„JC?“, knarrte es aus dem Automaten. „JC?“ // Titelvorspann der TV-Schau Outer Limits; eine Szene mit einer Frau - ein großes Deutsche - nur mit BH, Höschen und Strumpfhalter bekleidet: die Kamera schwenkte von ihrem blonden Gesicht zu den Stöckelschuhen, mit denen sie auf dem Fernseher tanzte. Er wurde ausgeschaltet, das Bild wurde zu einer weißen Linie, wurde zu Dunkelheit.
Die Stimme von Amadeus: „Das Kino kommt nicht von der Bildhauerei, nicht von der Literatur, vom Theater, sondern von der Jahrmarktsgaukelei, von der Magie.“
„Verletzen? Ich will niemand verletzen.“
„Du kannst Dinge begehren, aber Du kannst Deine Mutter nur mit den Augen ausziehen. Video pumpt Deinen Kopf auf wie einen Penis. Die Kamera ist ein mechanischer Dildo, der sich in dein Gehirn drängt und zustößt und zustößt bis alles Bilderbrei ist. In den Augen schmilzt ein grauer Film und rinnt über die Wangen. Video und Tod. Video und Krankheit, die Unfähigkeit, zu sehen. Die Hingabebereitschaft an Illusionen des Glaubens. Seine Wurzeln reichen tief und unaussprechlich in die Finsternis des Kultischen, der kommerziellen Blendung des Verbrauchers und des allgemeinen Aberglaubens. Diese Blindheit wird geheilt durch die bläulich schimmernden Rechtecke der vielen Fernseher, die aus den dunklen Fenstern herausflackern: „Starr aus Fernsehhimmeln auf die Stadt...“
Er beschrieb damit, wie aus der schweigenden ‚Ahnungslosen Bedrohung’ der Krieg begonnen hatte. Hunderte solcher Eintragungen.

* * *

Ungeduldige Droge: als er sich wieder aufrappelte, fiel sein kleiner Fernseher, krachte auf die Seite, stellte sich eigenständig an. Flimmernde Kanäle, alle gemischt mit weißem Rauschen: Amadeus, der stumm die Lippen bewegte; Amadeus, der ihr sagte, sie sei einfach schön; Amadeus, der die Tür aufstieß, reinguckte und eintrat; Amadeus, der einen tiefen Zug aus dem purpurnen Joint nahm und den Kopf zurückwarf; Amadeus im Badezimmer; Amadeus im Auto; Amadeus im Vordergrund; Amadeus im Zentralgericht, wie er vorm Spiegel posierte, ein Mannequin mit gequältem Oberteil, die Karikatur eines Sex-Idols. Amadeus als amerikanischer Traum. Lynchjustiz, Erdbeben, Geisterkinder, Schlangenwurzeln, Menschen, die auf Knochen tanzen, Plünderungen, Krawalle.
„Der Mund war endlich ausgeklungen...“

Freitag, 24. Juli 2015

Amadeus auf der Flußwelt, Folge 0.1

Brauchen wir wirklich eine Fortsetzung von nicht fortsetzbaren Texten von vor vier Jahren? Neeeh, aber die Vorgeschichte, die anscheinend noch viel weniger dazu passt. Macht doch Sinn, gelle?

„Starr aus Fernsehhimmeln auf die Stadt...“ Amadeus begriff, dass man über seine Worte hinweghörte. Umso stärker schlug seine Stimmung auf der Bühne und außerhalb um – auf explosive Weise. Er war gewissermaßen außer Kontrolle geraten. Ein Tänzer in der Dunkelheit, sein Herz ein einsamer Jäger. Oder wie es die Schmierenpoeten auch immer ausdrücken wollten. Er war durch. Und selbst er glaubte nicht mehr, dass der Rock’n’Roll seine unsterbliche Seele noch retten konnte.
„…kastrieren. Eine kriegt den Schwanz, die andere das Gehirn, wenn's recht ist.“
„Amadeus?“
„Ruh’, sonst gibt’s a Kleschn!“, brüllte er.
Sie drängten sich ihm vors Auto.
Amadeus startete in die Nacht.
„JC?“, knarrte es aus dem Radio. „JC?“

* * *

Drogen. Langsam, wie ein Träumender, griff Hiram Turner nach dem Notizbuch. Drei Minuten lang studierte er sorgfältig den Inhalt, wobei er langsam, fast widerwillig, die Seiten umblätterte, um dann schließlich das Buch mit einem schweren Seufzer niederzulegen.
Amadeus lag ausgestreckt auf dem Bett und starrte zur Decke.
Er sprach leise, mit einer Stimme, die seinen Freunden als eine verblüffende Mischung aus unbestimmtem Hohn und amüsiertem Trotz erschien. Man wusste nie, ob er es ernst meine oder dumm daher schwatzte. Manchmal benutzte Amadeus diese Stimme, um die Frotzeleien zu verbergen, mit dem er sich gegen das wehrte, was er ‚die Sprache des Systems’ nannte.
Gelegentlich, so sagt Sam Kilman, einem Freund aus Unizeiten, der zu Beginn der Semesterferien nach L.A. gekommen war, gebrauchte er sie auch, um Zweifel, an einem Vorschlag, den er selbst machte, auszudrücken. „Eine Art Klingen in seiner Stimme; ich hörte es, und weil ich es notieren konnte, war die einzige Möglichkeit, mich zu erinnern, die Worte für sie festzuhalten.
„Das hier ist im Augenblick das wichtigste Dokument in ganz Europa, es ist das wichtigste Dokument, das ich jemals gesehen habe“, Hiram Turner atmete schwer. „Die Nation steht tief in Ihrer Schuld, Major Smith.“



Donnerstag, 23. Juli 2015

Amadeus auf der Flußwelt, Folge... keine Ahnung

Brauchen wir wirklich eine Fortsetzung von nicht fortsetzbaren Texten von vor vier Jahren? Keine Ahnung, wer weiß das schon? Ich arbeite hier nur. Okay, weiter im Text: die Lautstärke bitte hochdrehen:

Es gab einmal Zeiten, da hieß es, DJs sind die neuen Rockstars.
Der Remix ist der ideelle Nachfolger des One-Hit-Wonders.
Und mein kranker Kopf sagt mir, Kumpel, remixe alles, remixe Dein Leben, remixe die Magick und vor allem remixe das verdammte Inetrnet.
Schlagzeilen, Gossip und Public Domain Texte, alles zusammen eine Momentaufnahme der Flußwelt der Zeit.
(Flußwelt der Zeit ist natürlich dem Werk des unsterblichen Philip José Farmer entlehnt oder gezogen. Alles gezogen, alles geklaut und somit real. Der Remix ist auch real. (Don't do Drugs.)
„JC?“, knarrte es aus dem Automaten. „JC?“
Ich glaube, als ich damit anfing, war gerade Mozart mal wieder hipp, oder es war Mozartjahr, oder ich hatte hinten in der letzten Reihe beim Logentreffen eine Epiphanie... oder einen ganz miesen Tripp.
Der Mozart-Remix... Die kleine Nacktmusik... Die Sauberflöte... Requiem für eine Leiche... jede Woche ein remix, eine andere Welt, die Abenteuer von Amadeus in der Flusswelt der Zeit. Cut-ups a la Burroughs, Winnetou auf Speed, Groschenheftchenaction für nur einen Mausklick...
Alles in allem recht schnell und effektiv herzustellen... der innere Zusammenhang? Phhh, lineare Erzählung sind was für Anfänger...
Weswegen ich das Experiment irgendwann eingestellt habe, und klammheimlich in den Tiefen meiner Festplatte versteckt habe. Wieder ein Projekt, das mit der Geschwindigkeit einer falschen Suppenschildkröte gegen die Wand gefahren ist.
Zeit, sie abzukratzen?
Naah...

Sonntag, 12. Januar 2014

Jahres-Remix 2013

Brauchen wir wirklich eine Fortsetzung von nicht fortsetzbaren Texten von vor drei Jahren? Keine Ahnung, wer weiß das schon? Ich arbeite hier nur. Okay, weiter im Text: die Lautstärke bitte hochdrehen:

„JC?“, knarrte es aus dem Automaten. „JC?“
Völlig abgefuckt, ein Wahlomat mit schweren Störungen der Schaltkreise VIII, IX und X. „Nur Sex, Sex, Sex“, echot es durch die Samsung Galaxie. Was ist geschehen? Eine Projektion der Psyche, wie Vallee von den UFOs annahm, vielleicht in einer höherdimensionalen Form?

Amadeus steht im Offizierskasino, umgeben von betrunkenen und halb schlafenden Programmdirektoren, Hackern, Technojunkies. Neben ihm Paul Walker, der wandelnde Geist. Beide grinsen. Das ist nicht ihre Scene. Beide tragen die klassischen Perücken, über die wir uns schon im letzten Jahrhundert lustig gemacht haben. Beide sind breit, abgefuckt, denn wer kann ein solches Jahr schon nüchtern ertragen? „Wir haben den Rum und was zu rauchen“, sagt Paul. „ wir haben die Musik, wir haben die Technologie...“

Auf einem der Chaosschirme flimmert seit 24 Stunden Nonstop die Wiederholung der großen Hits: der weinende Immobilien Scout im Dschungelcamp, iPhone-Fisten Gangbang Style, und natürlich die Klassiker. Da ist der ewige Großbrand in einer Textilfabrik in Karachi. Die Untoten des Internets, mindestens 240 Menschen ums Leben gekommen. „Das ist fucking breaking bad“, sagt der Mann mit dem Hut und schenkt Amadeus und Paul noch einen ein. Flotte blaue Kristalle schwimmen im Champagner. „Der erste Hit ist immer kostenlos, Bübele“, grinst er.


Freitag, 23. Juli 2010

Amadeus auf der Flusswelt, Folge 13

Wahrscheinlich passt das hier zu einem der vorhergehenden Kapitel von Amadeus auf der Flusswelt Keine Ahnung, wer weiß das schon? Ich arbeite hier nur. Okay, weiter im Text: die Lautstärke bitte hochdrehen:

"Mann, die geilsten Videos gibt es nicht mehr auf MySpace oder YouTube", ächzte Tobias Arkenbrand und rieb sich mit der Mündung seiner Flashgun über das entzündete rechte Auge. "Die perversesten Nummern gibt es jetzt auf Facebook. Man stelle sich das mal vor: Ein ganzes Buch, nur Gesichter. Bukakke Overdrive! Die mentalen Ejakulationen einer ganzen Generation!"

"Sauber, Toberl", murmelte Amadeus und betrachtete die vor ihm zuckenden Bildschirme. "Wer hat's Dir denn heut' ins Gehirn geschissen?"

Im Stillen machte er sich eine Notiz, den medizinischen Notdienst auf die wachsende geistige Verwirrung unter den Wiedergeborenen aufmerksam zu machen - wenn die nicht dahintersteckten. Wie immer fühlte er sich für alles, was nun an Bord des letzten Raumschiffes der Erde geschah, verantwortlich.

"Klarmeldungen von den Geschützständen", meldete das eisige Gehirn der HOFFNUNG. Arkenbrand schüttelte sich wie ein nasser Hund und juckte sich noch einmal mit der Pistole an der Augenbraue. Mit Abscheu bemerkte Amadeus, wie diese Nachricht bei den ihn umstehenden Offizieren eine heftige Erektion verursachte.

"Güh", murmelte General Mao Mao Mao sabbernd. "Jetzt geht's los. Milwaukee, Nordkorea oder Kosovo - wir kommen über sie wie ein Tropensturm!"

"Leckt die 5-D-Halluzimaten blank!", brüllte Arkenbrand und fuchtelte mit der Waffe in der Hand herum. "Wir kommen über dich, Scott Pilgrim! Scheiss auf deine vier Billionen Freunde! Scheiss auf Deine Mikrofarm, deine interaktiven Bulletins und Deine Meme-Masturbation! Heute kommen wir über Dich!"

Stresstest, durchzuckte es Amadeus. Stresstest. So geht die Menschheit zu Grunde. Nicht mit einem Knall oder einem Wimmern, sondern mit einem Sabbern.

Plötzlich ein bellendes Krachen, gefolgt von einem feuchten Aufprall.

"Ja, Scheisse", sagte der kahlköpfige General, "hat denn keiner diesem Wichser gesagt, er soll seine Knarre sichern, wenn er damit rumfummelt?"

"'S net so schlimm", murmelte Amadeus. "'s woar eh nur sein Gehirn."

Sonntag, 17. Februar 2008

Amadeus auf der Flusswelt (12)

Wahrscheinlich das vorhergehende Kapitel von Amadeus auf der Flusswelt (9) Keine Ahnung, wer weiß das schon? Ich arbeite hier nur. Okay, weiter im Text: die Lautstärke bitte hochdrehen:
„JC?“, knarrte es aus dem Funkautomaten? „JC?“
Statikrauschen aus den Audiokanälen der Chaos-Screens mischte sich mit risszeichnungsartigen Bildern fremder Körper, die in den angrenzenden 14 Dimensionen durch diesen Abschnitt des Zeitstromes fielen. Chundra Singhs Kommandostand fuhr in die Höhe, als er sich zu Amadeus umdrehte.
„Die von den Paläochonten verwendeten Frequenzen stehen in beiden Dimensionsbereichen fest, Kamerad. Ich möchte vorschlagen, wegen der für Normalimpulse zu großen Entfernung den Hyperfunk anzuwenden. Wir setzen eine Rundstrahlsendung mit hunderttausend Kilowatt Leistung ab. Das genügt, um eine Schockfront zu erzeugen, die die Antennen der anfliegenden Schiffe veröden wird.“

Amadeus sah sich in der Zentrale zustimmend um. Die Bildschirme erbebten unter polychromem Starhlungshagel. Sie warteten auf den Befehlsimpuls. Das Militär versprach sich von technischen Hilfsmitteln viel: Aufklärungssatelliten und Drohnen nahmen ein aktuelles Lagebild auf, Kommunikationssatelliten, Funk- und Computernetzwerke leiteten die Informationen weiter, Knotenpunkte fassten die Daten zusammen und speicherten sie. Die Summe der Informationen ergab ein umfassendes Lagebild.
Die Piloten kannten 93 Prozent der Ziele vor dem Start nicht. Die Gefechtsstände wiesen die Ziele erst während des Fluges zu. Satelliten- und Funkübertragung lieferten die Daten direkt ins Cockpit.
„Der Hyperfunk ist in der Geschichte der Menschheit das erste Unternehmen, das versucht, den Zeitfluss ohne Lücke aufzufüllen“
Die drohende Auseinandersetzung mit einem unvorstellbar hoch überlegenen Gegner verlangte Amadeus seine ganze Aufmerksamkeit ab. Und doch schweiften seine Gedanken immer öfter zu seinen alten Weggefährten ab und zu den vielen anderen Menschen, die jetzt entweder nicht mehr existieren - oder an einem Ort, so fern, dass kein Hyperfunk in der Lage war, eine Nachricht nach Hause zu bringen...
„Schiff klar zum Gefecht!“ gab er das rituelle Kommando der Flotte durch.
Es war nicht das erste Mal, dass Medien- und Vernichtungstechnik Hand in hand gingen: Die Einführung des noch heute gebräuchlichen Magnetonfon-Verfahrens resultierte, wie als Erfüllung aller Reflexionen auf Hörkunst und Radioästhetik, unmittelbar aus der Kriegspraxis. So konnte das faschistische Kriegsradio, nicht nur hier von wissenschaftlicher Forschungskapazität unterstützt, ein Programm anbieten, das in einer Realität des Schreckens absurd-glückhaft geordnete Zustände perfekt zu simulieren in der Lage war.
Die Antennen schwenkten auf das Ziel ein. Augenblicke später schaltete der holotronische Automatpilot nach einer Berechnung der Geschwindigkeiten die Triebwerke auf Bremsbeschleunigung um. Das Tosen steigerte sich zu einem Brüllen, das die Helmautomatiken zwang, Schalldämpfer über die Ohren der Männer zu klappen. Die Piloten agierten schnell und aktuell.
Wie wird der Einsatz des Hyperfunks in Kriegszeiten sein, wenn er in Krisenzeiten schon eine so vielfältige Rolle spielt? 5D-Impulse sind in ihrer Frequenz derart hart und widerstandsfähig, dass ihnen selbst Stahlwände kein Hindernis bedeuten. Sie haben die Eigenschaft, die Energiekonstante jedes einzelnen Zellkerns mit solcher Heftigkeit anzugreifen, dass jeder Organismus sofort das Bewusstsein verlieren muss. Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Hyperfunk gewartet, sondern der Hyperfunk wartete auf die Öffentlichkeit, und um die Situation des Hyperfunks noch genauer zu kennzeichnen: Nicht Rohstoff wartete auf Grund eines öffentlichen Bedürfnisses auf Methoden der Herstellung, sondern Herstellungsmethoden sehen sich angstvoll nach einem Rohstoff um.
Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.
Das Medium der Angst…

Mittwoch, 6. Februar 2008

Amadeus auf der Flusswelt (11)

Amadeus lag mit gefesselten Armen und Beinen lang ausgestreckt auf dem Boden. Seinen Ohren entströmte noch immer Blut; sie mussten ihm großen Schmerz verursachen, er aber achtete nicht darauf. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Monolog des alten Tramps gerichtet, der immer wieder zu der starren braunen Gestalt sprach, die am Feuer kauerte. Die kaleidoskopartige Weise, in der er in eine andere Phase der Flusswelt hineingeboren worden war, hatte ihn benommen gemacht, aber dennoch nicht so sehr, dass er nicht erkannte, dass es sich um eine Mumie handelte, ausgedörrt und starr, die in ihrer kauernden Haltung von dünnen Lederschnüren zusammengehalten wurde. Ein Fetisch? Ein Prophet?

Der alte Mann hatte eine verstaubte Flasche Madeira in den Ruinen des Saloons aufgetan und süffelte nun an ihr, während er der Mumie in das lederne Ohr raunte: „By Jove, Sir, ich schwöre es! Eine Mutter mit zwei Söhnen ermordet, totgepeitscht, geschändet und aufgefressen, dieser Kerl war es! Der Bleiche Mann mit seinen bleichen Haaren, all devils!“ Er trank erneut und kam schwankend hoch. „Lustige Weihnachten waren das damals… aus der Finsternis der Berge kamen sie, diese bleichen Reiter und an ihrer Spitze dieser Teufel. Eine Mutter mit zwei Söhnen ermordet in Zeplepplin, totgepeitscht. Glauben Sie, ich könnte das vergessen, Sir? Diese Nacht, dieses Gesicht?“

Hatte Amadeus erst ziemlich trostlos darein geschaut, so war der Ausdruck seines Gesichtes jetzt ein ganz andrer geworden. Der alte Tramp machte sich nun an ihm zu schaffen. „Der Bleiche Mann mit seinen bleichen Haaren!“, heulte sein madeiraduftender Mund. Er richtete Amadeus in sitzende Stellung auf, ergriff ihn beim Haare und zog an demselben, um die Perücke vom Kopfe zu reißen. Zu seinem größten Erstaunen wollte das nicht gelingen, das Haar hielt fest, es war wirklich eignes Haar.

„All devils, der Halunke hat wirklich Haare auf seiner Glatze!“ rief er erstaunt aus und machte dabei ein so bestürztes Gesicht, dass die andern gewiss über dasselbe gelacht hätten, wenn die Situation nicht eine so ernste gewesen wäre.

Amadeus Gesicht verzog sich zu einem höhnischen Grinsen, und er rief im Tone grenzenlosen Hasses: „Drauf geschissen, Duttelficker! Wo ist denn die Perücke? Es ist leicht, einen Menschen wegen einer Ähnlichkeit, die er mit einem andern hat, falsch anzuschuldigen. Beweise doch, daß ich derjenige bin, für den du mich ausgeben willst!“

Der alte Tramp blickte bald auf ihn, bald auf die Mumie des Indianers, die neben dem Feuer kauerte, und sagte ratlos: „Sagt mir doch, Sir, was Ihr davon denkt! Derjenige, den ich meine, war wirklich weißhaarig; dieser hier aber ist dunkel. Und dennoch will ich tausend Eide schwören, daß er es ist. Ich habe ihn gesehen, in jener Nacht in Yugioh City! Meine Augen können mich unmöglich täuschen.“

Die Mumie starrte in die lodernden Flammen; unverändert, starr, der Ewigkeit zugewandt.

„Ihr könnt' Euch dennoch irren“, schrie Amadeus. „Sacra! Natürlich gibt es Ähnlichkeit in dieser Welt wechselnder Identität und schmelzender Berge. Nichts ist fest, alles ist im Fluss! Der Himmel ist pink, die Sonne heisst Ashley, Eure Devisen sind Konzertkarten für Led Zeppelin, seltsam nach Jasmin duftend und mit dem geheimen Zeichen von Hoi Guy gekennzeichnet! Bettelstar, Battlestar! Galactica Catilacga! Alles ist im Wandel, alles ist im Fluss! Habt Ihr immer noch nicht begriffen, dass wir verdammt hier sind in der Flusswelt der Zeit! Das sind meine 50 Cent dazu, und dabei bleibe ich!“

„Dann darf ich meinen alten, guten Augen nicht mehr trauen!“

„Mach sie besser auf!“ höhnte Amadeus. „Ich bin gerde eben in diesem Moment in diese Welt hineingeboren worden, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft! Der Teufel soll mich holen, wenn ich etwas davon weiß, was Du raisonnierst!“

Da drang es wispernd aus der starren braunen Form der Mumie: „Dafür können wir sorgen, Manitou!“


Die heutige Folge von "Amadeus auf der Flusswelt", anstelle eines Abendessens, wurde ihnen präsentiert unter tätiger Mithilfe von Karl May und Google Zeitgeist. Mögen die Klicks hereinströmen!

Montag, 24. September 2007

Amadeus auf der Flusswelt (10)

Vielleicht eine Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (8) unter Einbeziehung relevanter Suchbegriffe. (Wir müssen mal wieder die Quote pushen!)

Dann kam die Zeit der Bersteinring-Tournee. Die größte Nummer, die Amadeus Burroughs und seine Band, die Tarmangani je abgezogen hatten – 14 Konzerte in den größten Küstenstädten der USA, die Ostküste herab und die Westküste rauf. Die Vorbereitungen dauerten drei Monate konzentrierten Probens. Konzentriert hieß, wenn man von Amadeus selbst absah.

Es gab Botengänge zum Schnapsladen, und in dem Aufnahmeraum des Studios die Groupies. Den Rest der Zeit verbrachte Amadeus in den Kneipen, die praktischerweise rund um sein sein Motel lagen, und das Studio schickte jeden Tag pünktlich um 10 die Schwarze Limousine, um ihn in seinem Raum aufzugabeln, oder wenn es nicht anders ging, auch aus dem Hinterzimmer einer Bar abzutransportieren. Ohne Vitaminspritzen ging gar nichts.

Amadeus Universalmittel, die magische Flasche, die seinen Nöten abhalf, seine Probleme löste. Er musste aus geschichtlicher Notwendigkeit saufen. Dem dionysischen Bild gemäß, mit dem er sich identifizierte, in das er sich versetzte, und in der kulturellen Tradition Amerikas Amadeus gelegentliche Impotenz verursachte.

Amadeus trank, um die Schmerzen des Daseins zu lindern. Diesen Schmerz zu begreifen, war wichtiger als irgend etwas sonst im Leben, obschon das Leben selbst ständige Quelle des Schmerzes war. Das war schon fast Buddhismus, aber Amadeus benutzte es eher wie ein Aufputschmittel.

Der Anlaß zum Trinken war nicht so sehr Teil der umfassenderen Realität, sondern ein wichtiges Fundament der persönlichen Mythologie, die Amadeus sich erschaffen hatte. Das Bild des leidenden Künstlers, der an sich selbst kaputt ging, war schon immer ein attraktives Bild gewesen, und eine Abkürzung zur Unsterblichkeit. Kopfüber über dem chaotischen Miasma der Menschlichkeit baumelnd, die Hände auf den Rücken gebunden, ein Opfer an die Vorstellungen der Fans und der PR-Monstermaschine.

Das Bild des Gekreuzigten hatten schon so unterschiedliche Typen wie James Dean und Morrison benutzt, um ihren eigenen Mythos zu nähren. Das war typisch. Amerika hatte keine Götter, also schufen sie sich selbst. Die verfassungsmäßige Konfessionslosigkeit der Vereinigten Staaten hatte immer wieder zur Folge, daß die Massen so leicht auf religiöse Ikonen ansprangen. Politiker und Schauspieler, und oft dieselben, hatten ein leichtes Spiel, in das Unterbewußtsein der Bevölkerung einzudringen, indem sie die Posen biblischer Charaktere kopierten.

Amadeus fand es einfach, sich selbst zum Opfer zu bringen. In seinen Notizbüchern meditierte er über die Ikonographie, die die Musikjournalisten von ihm aufgebaut hatten. Der Eierkopf-Dionysos. Der schwarze Engel der Zerstörung. Dies war der Abgrund, über den er sich selbst aufgehängt hatte. Wenn man sagte, daß in den Medien jemand ‚gehängt’ oder ‚gekreuzigt’ wird, heißt es eigentlich nichts anderes, als daß jemand systematisch fertig gemacht wird.

Amadeus gefiel sich in der Pose des Gekreuzigten. Er war gerne ein elektronischer Messias, sein eigener persönlicher Jesus. Er stand voll darauf, fertig gemacht zu werden. Er freute sich auf die Tournee. Der Wetterdienst hatte „Trauer, House Music und Bikinis“ vorhergesagt.

Das war einen Tag gewesen, bevor der QVC-Trojaner, Codename „Der Pate“ die halbe Datenbasis der Ostküste ausradiert hatte.

* * *

In der Schwarzen Limousine: Vor den getönten Scheiben drängten sich die Mädchen, manche ohne Schlüpfer, manche vollkommen nackt, lauter kleine virtuelle Anime-Girls, violetter Lippenstift, neongrüne Nägel, Ponyzöpfe und Ganzkörperrasur. Die Abdrücke ihrer kleinen Brüste tätowierten das rauchige Glas mit ovalen Spuren. Die Tarmangani auf dem schwarzen Lederpolster. Gläser klirren. Amadeus erzählt einen Witz.

„Burroughs, Burroughs...“

Burroughs war für die Kids nichts weniger als ein Gott. Was Amadeus sich in früheren Zeiten überlegt hatte, war Wirklichkeit geworden. Er hatte sich lange genug von exponierter Stelle herab in den Abgrund hängen lassen, daß sein persönlicher Mythos sich in den Urwassern des kollektiven Unterbewußten auflösen konnte.

Er hatte das Chaos der Phantasielosen befruchtet und eine neue Schlangenbrut hervorgebracht. Das Opfer des Gehängten war erfolgreich gewesen, wenn auch auf Kosten von wichtigen teilen seines Selbst. Von diesem Akt ging für jeden, der klarsichtig genug war, es zu begreifen, eine gewisse morbide Faszination aus. Aber wenige begriffen, worum es Amadeus wirklich ging. Für manche war seine Show nur ein affektiertes Kokettieren mit der katholischen Schuld & Sühne-Nummer, für andere ein paganes Spektakel der Selbstvergottung.

„Ich habe da dieses homöopathisch codierte Hasch“, vertraute er irgendwann den Tontechnikern an, „Fettes Harz aufgeladen mit der telepathischen Schwingungen und den Ideen von allen Freaks, die jemals einen Brocken davon gezogen haben. Es ist Information pur: der Acapulco Golden Silence Mind Trip. Jedermann sonst kann das Programm erweitern: in den Vereinigten Staaten war Los Angeles immer der genetische Plan, nach dem sich die ganze Evolution richten sollte: Westwärts – zum Meer – Surfen und Doppel-D Silikon Nirvana.“

Auf die verwirrten Blicke der Techs grinste er nur verschwörerisch. „Das kommende Königreich, Kids!“, rief er, „Das Jüngste Gericht wird warm serviert!“

In Atlanta sprach er beruhigend auf Zuschauer ein, die bei den Randalen am Rande des Superbowls verletzt worden waren.

Und in New York zog er seine Jacke aus und gab sie einem Kind, das im Regen am Straßenrand zitterte. „Das ist alles Teil der Formel“, flüsterte er spöttisch seinen Kollegen zu. „Der Sterbende und Wiederauferstandene Gott gibt reiche Gaben an seine Gläubigen.“

„Die beste Show seit dem Brand Roms“, beschrieb der Journalist Alan Cabal vom Modern Noise Magazine das Konzert in Queens, das die Tarmangani als Hauptact hinter Ganjasta Rap und Lugosi Saviour spielen sollten. „Ich sehe ihn immer mit Weintrauben im Haar, wie einen heidnischen Frühlingsgott aus dem alten Griechenland. Er stand am Mikrophon, packte es oben mit der Rechten, den Ständer mit den Fingerspitzen der Linken, das Licht fiel auf sein Gesicht. In diesem Moment begann die Schöpfung. Es gibt kein zweites Gesicht auf der Welt wie dieses Antlitz. Es ist so wunderhübsch im landläufigen Sinn. Mit seinem symbolischen Tod geht es der ganzen Welt besser. Weil du, wenn du es anschaust, spürst, daß er für uns am Pfahl sterben will.“

Ein etwas gelassenerer Autor schrieb im gleichen Blatt: „Man weiß nicht, ob der Kerl bescheuert oder genial ist, „aber ganz sicher weiß er, wie's sich verkaufen lässt.“

Der freie Platz in Queens ermöglichte den Tarmangani ein Programm nach einem anderen Buch und einem längeren Gig, als die britischen Band Lugosi Saviour, die gerade ihre Auflösungspläne in Florida bekanntgegeben hatten, ihre Spielzeit entgegen allen Absprachen auf eine halbe Stunde kürzten. Mehr Raum für Burroughs und seine Show, und keine Berührung mit den neurotisch-depressiven, asexuellen Inselfröschen. Die Tarmangani sahen in Freiheit einem guten und aufregenden Abend entgegen.

„Burroughs, Burroughs, Burroughs...“

In der Schwarzen Limousine. Seine Dokumentation: rundherum das ziemliche Mädchen-Gedränge. Hinter ihn schützend ein Trupp New Yorker, sie folgten im Kielwasser des Helden. Er schien entspannt und ging rückwärts, war fröhlich und burlesk.

„Burroughs, Burroughs...“

Ein Mantra; die Menge sang es über das ganze Gelände hinweg. Amadeus wirkte feierlich, als er auf die

Polizisten bezogen ihre Stellung vor den Kameramännern. Nur die Knöpfe der Verstärker, Räucherstäbchen auf Hirams Orgel, sonst nichts.

„Burroughs, Burroughs...“

Die jungen Leute fingen an, auf einander zu klettern, um sich an der Bühne hochziehen zu können – nur um von den Polizisten buchstäblich zurück in die Dunkelheit geworfen zu werden. Hölzerne Klappstühle wurden nach den Bullen geschleudert; Hunderte von Teenagern bluteten.

Um Mitternacht notierte er, „Rückzug ins Primitive: Nacktheit und Waghalsigkeit. Auf einmal gibt's keine Gefahr.“ Seine inneren Kräfte brachten am nächsten Tag wieder Farbe in sein Gesicht.

Der Gig wurde abrupt beendet und das wurde in einer Zeit, in der Rock-Krawalle im Untergrund schick wurden und Schlagzeilen von jedem neuen Krach die Reputation der Bands nach oben puschten, zu einem Verkaufsschlager. Der Trend nahm noch zu. Hello, l Love You.

Mittwoch, 23. Mai 2007

Amadeus auf der Flusswelt (9)

Wahrscheinlich das vorhergehende Kapitel von Amadeus auf der Flusswelt (5) Keine Ahnung, wer weiß das schon? Ich arbeite hier nur. Okay, weiter im Text: die Lautstärke bitte hochdrehen:


„Schaffen wir so unsere Kultur? Aus den Echos ferner Stimmen? Aus den Gedanken, die schon einmal gedacht wurden, aus wiedergekäuten Ideen und halbverdauten Geschichten?“

Die Megatronik meldete sich.

„Auswertung der Hypersignale beendet. Mit dreiundachtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit handelt es sich um einen Notruf. Anzeichen für Verschlüsselung nicht erkennbar. Übersetzung ohne zusätzliche Informationen nicht möglich. Ende."

„Hm!" machte Amadeus. „Keine Angabe außer der Vermutung, es handle sich um einen Notruf. Das könnte bedeuten, es handelt sich um ein fremdartiges Volk."

„Hältst Du den Notruf für eine Falle?" fragte ‚Rock’ Sarastro.

Amadeus zuckte die Schultern.

Hiram Kobalt lächelte ironisch und sagte scharf akzentuiert: „Unverschlüsselter Notruf mit hoher Sendeleistung: zu primitiv für eine Falle, aber durchaus denkbar für die tatsächliche Notlage von intelligenten Lebewesen, die nicht mit unseren alten Bekannten identisch sind." Er rieb sich über die feine Narbe an seiner Stirn. In diesem Bereich der Galaxis hatten die Hyperkriege mehr als ein Opfer gefordert, und die Temponauten mussten sich vor den Mächten vorsehen, die hier hinter jeder Raumverwerfung lauern mochten: das kybernetische Universum, die klebrige Brut des

Auffordernd blickte er den Mann der Funkortung an, der ihn über einen Audiokanal anrief.

„Entfernung 332 Komma 93 Lichtjahre, Sir. Koordinaten!", kam die Rückmeldung.

Die dreidimensionale Projektion der Raumkoordinaten wurde eingeblendet: eine bunte Blume von Zahlenkombinationen, die entlang der bekannten Zeitströme auseinanderschwammen. Hiram erkannte, daß der Sender unterhalb der Kursebene der HOFFNUNG stand und zwar in Richtung des Galaktischen Zentrums. Shishmaref - nördlich der kosmischen Beringstraße. Er bedankte sich für die Meldung, dann wandte er sich Amadeus zu.

„Wir werden hinfliegen und uns umsehen. Unsere Aufgabe einer Gesamtvernetzung von Sicherheit und Entwicklungspolitik ist die richtige Strategie. Vielleicht können wir den Unbekannten helfen und sie uns zu Dank verpflichten."

„Ein bisserl Zucker für die ungewaschenen Massen, was?“

„Du sagst es, Bruder.“ Selbstgefällig summte Hiram vor sich hin.

Gleich nach dem Übergang in den Zeitstrom war eine Sonne auf den Chaos-Screens erschienen, dunkelrot und pulsierend, fast wie eine organische Masse. Sie stand fast im Zentrum des Schirms, und da die HOFFNUNG Kurs auf den Sender genommen hatte, deutete die Übereinstimmung darauf hin, dass er sich in dem System jener roten Sonne aufhielt.

„Kursänderung, Nightface!" befahl Hiram Kobalt. „Wir werden nicht eine Lichtstunde, sondern drei vor den Sendekoordinaten in den Normalraum gehen!"

Amadeus atmete erleichtert auf. „Du bist also doch skeptisch geworden, Hiram“, murmelte er zu sich selbst. „Ich würde aber an deiner Stelle noch mehr Zurückhaltung üben."

Hiram schüttelte den Kopf. „Zurückhaltung? Denkst Du, wir müssten uns fürchten?“

„Hoffnung ist immer untrennbar mit Furcht verbunden. Nur betäubt Hoffung, wie jede Art traditionellen Opiums, die Furcht. In katastrophalen Situationen, was man gemeinhin ironisch ‚hoffnungslos’ nennt, ist Hoffnung das einzige Schmerzmittel, das dem leidenden Menschen noch angeboten werden kann.“

„Ich bin für jeden Kick dankbar“, sagte ‚Rock’ trocken. „Ein paar Pillen?“

Die Zeit bis zur Rückkehr in den Normalraum verging quälend langsam.

Schließlich kamen die Klarmeldungen von den Geschützständen durch. Pneumatisch geladenen Hochgeschwindigkeitsblaster wurden hochgeladen, Impulsraketen, EMP-Werfer, fette Entropiegeschütze, 5-D-Halluzimaten und ein Paar Hochleistungs-Automatikgeschütze. Die HOFFNUNG bereitete sich auf einen Kampf vor.

„Es wird zweifellos wärmer“, sagte Nightface. „Die positiven Folgen werden lange auf sich warten lassen - die negativen dagegen passieren sehr schnell.“

Endlich fiel das Schiff der Temponauten in das vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum zurück. Die verschiedenen Ortungsgeräte begannen verrückt zu spielen.

Während die HOFFNUNG mit 0,33 % Lichtgeschwindigkeit auf die blutrote Sonne zujagte, wertete die Bordmegatronik die Ortungs- und Meßdaten aus. Genau drei Lichtstunden vom Eintrittspunkt entfernt, in Steuerbord, wurde die Quelle der Funkimpulse ausgemacht - gleichzeitig aber noch etwas anderes: die charakteristischen Energieemissionen starker Intervallaktivität, die Streustrahlung dreier unterschiedlicher Raumschiffstriebwerke und die Schockwellen nuklearer Explosionen. Leichen auf der Straße, zersplitterte Fenster, Trümmer überall.

Amadeus seufzte bedrückt. „Und da dacht’ man, man trifft auf intelligentes Leben…“

„Das ist alles Teil der Grossen Show“, sagte Hiram zynisch. „Leben und sterben lassen. Schaltet den Soundtrack ein…“

Samstag, 19. Mai 2007

Amadeus auf der Flusswelt (8)

Keine Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (7)

Der Leser ist ein Spanner, ist ein dunkler Komödiant, in seiner dunklen Anonymität, in seinem Eindringen in die Palimpseste des Seelenlebens des Autoren, seine Geheimnisse. Er ist bemitleidenswert allein, aber fähig, durch diese selbe Stille einen unbekannten Partner jederzeit ohne Vorwarnung zu durchdringen, zu vernichten oder zu vergewaltigen. Dies ist seine Drohung, die Macht seiner Augen.

In Amadeus Vorstellung war der kreative Künstler eine Feuersbrunst, in der alles andere untergehen musste. Eine reinigende Flamme, die alles Alte, Graue, Abgenutzte, Bedeutungslose, Langweilige, Irrelevante, Schmutzige verzehrte.

Er hatte kein Vorbild, keine Identität, und fühlte deshalb die sozialen Bande desintegrieren, mit neuer Leidenschaft, er tanzte nicht. Er war hilflos, beinahe ohnmächtig. Er hatte Angst. Und Amadeus ging's, versteht sich, um diesen tief greifenden Nihilismus, Verzweiflung, größer als er’s selbst verstehen konnte. Vielleicht war es Wut, vielleicht kamen daher die Symbole in eines seiner Notizbücher. Er sog etwas Befriedigung aus dem zweiten Vornamen, den ihm seine Eltern gegeben hatten, Gabriel, nach dem Engel, der die Posaunen des Jüngsten Gerichtes erklingen lässt. Der schöpferische Prozess, so sagte er, war auch eine Art von Weltenbrand, der die etablierte Realität vernichtete, so dass frische Ideen, neue Seelen aus den Gräbern der Jahrtausende aufsteigen konnten.

Auch Hiram wurde von Amadeus Zerstörungslust angezogen und wärmte sich seine Hände an diesem Feuer, denn wie oft ist Zerstörungslust mit echter Kreativität gepaart. Die Alchemisten des Mittelalters machten viel Hokuspokus um ihre Wissenschaft des ‚Solve und Coagula’. Aber um etwas koagulieren (gerinnen – Form geben) zu können, muß man es erst solvieren (auflösen – zerstören.)

Fred Myrow heulte: „Es war dieser Moment in Los Angeles, den wir alle in den späten Siebzigern so deutlich spürten. Zwischen den Grünflächen und den Garagen. Es war eine unheimliche Umgebung.“

Er war einer der Aufmüpfigen, ein Student, den die Professoren Jahre später als den finstersten, lautesten und zynischsten Hurensohn bezeichnen sollten, der je den Campus auf der Jagd nach Chicks und Kicks unsicher gemacht hatte. In dieser Zeit hatte er oft Visionen, nächtliche Träume, in denen er sich als äußerer Betrachter eines außergewöhnlichen Geschehens sah.

Noch Jahre später sprach er oft von diesen Träumen und bezeichnete sie als etwas Prophetisches, eine ‚Erinnerung an die Zukunft’. „Ich glaube, ich muss die ganze Zeit unbewusst daran denken. Es dachte sich in mir. Ich bin Konzert, Band, Gesang und Publikum, ein Video und eine Aufzeichnung, alles was in meinem Kopf ablief.“

Ein weiterer enger Freund, Haupt-Macker in der Goldenen Zeit, war ein blonder Mephisto-Typ: Felix Faust. Er war gerade aus England eingetroffen. Eigentlich war er aus Glasgow, aber er hatte sich den Namen ‚Faust’ nach einem gleichnamigen Schurken aus einem der alten Justice League-Comics gegeben, die die gesamte spirituelle Nahrung seiner Kindheit gewesen waren. „Aus irgendwas muss man sich seine Identität ja zusammenschustern“, sagte er immer, „Und ich brauche Farmen, Formen und Substanz. Da geht es mir genauso wie jedem anderen. Nur weiss ich es. Selbst ein Schurke, ein Monster, ein Verbrecher sein ist besser als ein Nichts zu sein.“ Das war natürlich psychologisierender Nonsens. Felix einziger Grund, eine 4-Farben-Identität anzunehmen war sein schleichender Albinismus, eine Erbkrankheit, die in seiner Familie seit 13 Generationen grassierte. Jahr für Jahr verlor er mehr an Farbe, Form und Substanz. Auf dem Campus nannte man ihn eh nur noch „den Geist“, „Bleichgesicht“ oder „Whitey“. Er war der Totenbleiche Mann.

Ist es da ein Wunder, was aus ihm wurde?

Täglich kamen Durchgebrannte und Kunstmacher in Scharen. Der ganze Campus entwickelte sich langsam zu einer Art durchgeknallter Künstlersiedlung. Die Menschen lagen am Strand und rauchten Marihuana, LSD gab's im Head Shop. Selbst Amadeus war nur einer von vielen anonymen Herumlungerern mit Shirt und Jeans. Eine Zeitlang wohnte er mit einem Homo zusammen in einer Bretterbude neben dem Kanal, dann zog er in die leerstehende Ruine eines Warenhauses. Das Mobilar: eine Beleuchtung, ein Bunsenbrenner, um gelegentlich Dosen aufzuwärmen, und gegen das Frieren eine Decke. An der Wand ein Graffitti in Day-Glo-Farben, das man auch im Whisky und anderen angesagten Läden sehen konnte: JIM MORRISON STARB FÜR DEINE SÜNDEN.

An einem Abend hatte Amadeus soetwas wie eine Vision, als er ein halbnacktes Mädchen, deren Blößen nur von einem langen Chiffonshal bedeckt wurden, am Strand tanzen sah.

„Hey Hiram“, sagte er, „Das ist die Welt, weißt Du?“

„Hmmm“, gab Hiram zurück und schaute zu der einsamen Tänzerin herunter, die sich auf den Zehenspitzen in ihrem wirbelnden Fetzen drehte. Vier Latinos hockten um sie herum und feuerten sie an, einer spielte auf Bongos.

„Ich meine, was wissen wir schon? Wir schauen dem Tanz zu und versuchen die Schlange im Garten zu finden. Aber vielleicht gibt es gar keine. Weißt Du, ob das Mädchen da ein Star wird oder das Opfer eines Gangbangs?“

„Mann, Du bist immer noch voll drauf“, sagt Hiram.

Amadeus kicherte. „Sicherlich wirkt es unglaublich romantisch. Ich glaube, in ein paar Jahren machen wir uns prima aus; denn es gibt Veränderungen, und wir haben einen Riesenreibach gemacht.“

In anderen Worten war es eine Zeit der geistigen Wiedergeburt - wie nach der großen Pest im Mittelalter, die die halbe Bevölkerung niedergemacht hatte.

Die Überlebenden trugen farbige Kleider.

Das war die Zeit des Frühlings.

Sonntag, 15. April 2007

Amadeus auf der Flusswelt (7)

Keine Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (6) unter Einbeziehung relevanter Suchbegriffe

Irgendwo im Herzen des kybernetischen Universums tickte eine Chaossphäre. Zeit und Raum und selbst Identität waren einem beständigen Austausch unterworfen. Die Scharlachrote Dame ist immer dabei. Künstler oder Propheten scheinen sich der starken Faszination, die von diesem Bild ausgeht, kaum entziehen zu können und müssen es fortsetzen und weitertradieren.

„Ein feines Spielchen“, dachte Amadeus. „Tod und Verzweiflung flammet um mich her …“ Er dirigierte eine Gruppe von fünfzig Androiden – schweinsköpfig, abgebrüht, voll auf Anabolika – den Brückenkopf zu halten und die Gasse sowie die angrenzenden Gebäude ständig zu kontrollieren. Seine Absicht war klar. Er wollte sich den Rückweg auf alle Fälle offen halten. Mit Handzeichen verständigte er sich mit den anderen Chaosingenieuren – Hiram Kobalt, Vanessa Anne, Hudgens Nightface und ‚Rock’ Sarastro.

Der Rest der Streitmacht wurde in vier weitere Gruppen aufgeteilt, von denen jede die Aufgabe hatte, einen der durch Brückenaufgänge mit dem Platz verbundenen Türme zu besetzen und zu durchsuchen.

Der Trupp, den Amadeus anführte, nahm den nächst gelegenen Turm in Angriff. Es handelte sich um ein schlankes, minarettähnliches Bauwerk mit noppenähnlichen Vorsprüngen, die sich wie Cockringe um den eigentlichen Rumpf des Turmes legten.

No Science, no Fiction – no Future.

Die sanft geschwungene Brücke, die von der Ebene des Platzes aus in die Höhe führte, mündete, von unten gezählt, auf dem dritten Vorsprung, in etwa achtzig Meter Höhe. Der Turm selbst war wenigstens fünfhundert Meter hoch. Die Schlankheit war dementsprechend relativ.

„Planet Tokyo Drift“, winselte es aus dem Helmverstärkern – die Stimme des Plattwurmes, Singstar Barcelona live auf 5-D im Orbit. „Planet Tokyo Drift, die Sterne schimmern auf der Milchstrasse.“

Auf der anderen Seite des Turmes: Hiram Kobalt schätzte den Durchmesser des zylindrischen Turmrumpfes auf wenigstens zwanzig Meter. Sein Helmempfänger übertrug den Marschbefehl. Er unterdrückte den Wunsch, den Antigrav zu aktivieren und zum Ende der Brücke hinaufzuschweben, anstatt den steilen Bogen mühsam emporzuklettern. Der Gegner durfte keine Gelegenheit erhalten, die charakteristische Ausstrahlung des Antigravs zu registrieren. Die Anwesenheit der immer noch unsichtbaren regulären Truppen mußte so lange wie möglich geheim gehalten werden.

„Rock on, Planet Tokyo Drift, rock on… hinein ins pulsierende Fleischherz der Milchstrasse… Come on…“

Mehr als fünfhundert Androiden und fast achtzig Mann schoben sich die lange Brücke hinauf. Hiram vergaß zeitweise seine Bedenken, als das Niveau der Brücke sich über die Dächer der niedrigeren Gebäude erhob und er einen weiten Ausblick über die Festung bekam.

Bis zum Rand des Blickfelds erstreckte sich der verfilzte Teppich grotesk geformter Bauwerke, über deren Dächer sich nur die schlanken Umrisse der Türme erhoben. Nirgendwo zeigte sich die leiseste Spur von Aktivität.

Wie ein sturmgepeitschtes, zu Stahl erstarrtes Meer zog sich die Festung bis zum nördlichen Horizont, nur hier und da von den dünnen Linien sich windender Straßen oder den dunklen Flächen der Plätze unterbrochen. Eine zusammengemixte Collage aus zweitklassigem Plot, drittklassiger Esoterik und viertklassiger Recherche, dachte er. Alle Architekten bedienten sich bei der Konstruktion gerne kultureller Archetypen und Klischees.

Auf den seltsam gefärbten Metallmassen brütete die amethystfarbene Sonne.

Es war unheimlich still, bis auf das hysterische Plappern in den Helmempfängern. „Planet Tokyo Drift“, rappte es in seine Ohren, „Planet Tokyo Drift. Siebenfacher Sonnenkreis! Letzte Ausfahrt links, entlang der Milchstrasse, entlang der Milchstrasse… Milka Gürtel… Gürtel Rose…“

„Ich habe schon angenehmere Landschaften gesehen, Sie nicht auch?“ fragte Falk Lanzarote neben ihm, ein Leutnant aus einer der Kolonien entlang des Jakobswegs von Eridanus VII.

„Ganz richtig“, antwortete Hiram. „Viel angenehmere sogar.“

„Man könnte annehmen, die Anlage sei von Verrückten gebaut worden“, wagte der Leutnant sich weiter vor. „Man fragt sich, wie die Denkweise der Wesen beschaffen sein muß, die solche Gebäude errichten.“

„Hm“, machte Hiram. Er ärgerte sich. Er war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und niemand hatte das Recht, ihn dabei zu stören. Er hatte sich stets über die Unzahl von Theorien über angebliche Verschwörungen geärgert, die in der modernen Popkultur zirkulierten. Die Medien gierten nach apokalyptischen Schlagzeilen, und selbst ernannte ‚Kult-Spezialisten’ machten schnelles Geld.

„Ich könnte mir vorstellen“, hörte er Falk Lanzarote sagen, „daß die…“

Das war das letzte, was er von ihm zu hören bekam.

Der Flux kam über ihn und löste alle Türme und die diskordische Architektur in einer Welle polychromen Konfettis auf.

„Mei“, sagte Amadeus, als die Welt unterging und die Chaosingenieure entlang einer ungeraden Anzahl von Dimensionen versprengt wurden. „Rock on.“

Samstag, 31. März 2007

Amadeus auf der Flusswelt (6)

Eine verspätete Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (5) unter Einbeziehung relevanter Suchbegriffe

Es sind erschütternde Bilder, die den gefallenen Pop-Engel einen Tag zeigen, bevor er den dritten Entzugsversuch in der Suchtklinik "Promises" startet: Als Amadeus mit dem Kopfe herumfuhr, sieht er den Indianer, das blanke Bowiemesser in der Hand, neben sich knieen. Die Worte desselben beweisen, dass er die Fährte richtig gelesen und höchst scharfsinnig beurteilt hat.

„Ganz ehrlich, ich mag ganz verschiedene Typen“, sagte er versonnen und spielte mit dem Messer vor Amadeus Perücke herum. „Jungenhafte Mädchen, mädchenhafte Jungs. Ich fühle mich feminin und maskulin. Ich besitze selbst das ruhelose Gemüt eines Mannes.“

Er hielt also nicht den abgewrackten Musiker für den Mörder. Das beruhigte diesen, und er antwortete: „Ich versteckte mich vor ihnen. Zwei sind fort, in die Prairie hinaus; der dritte warf die Leiche hier ab, und ich blieb stecken, weil ich nicht weiß, ob er fort ist oder nicht.“

„Er ist fort. Seine Spur führt durch den Busch und dann noch Osten. hat den besseren Routenplaner, auf jeden Fall mehr Durchblick als mein weißer Bruder hier.“ Die Rothaut schnüffelte am Boden, legte Grashalme um und nickte dann. „Ein fetter Bursche. Krass abgesaugt, Mann. Das dickste Kind der Welt, verdrückt mindestens 15 "Happy Meals" von McDonald’s pro Tag. Er hat dem Toten die geilen Bilder abgenommen, oder?“

„Ist er auch wirklich nicht mehr da?“

„Nur der große Manitou weiß alles; mein Auge kann nicht in dein Inneres dringen. Abgefuckter Bursche, dieser Killer. Sein Schweiss stinkt nach Silicon, 24 Stunden Power-Masturbieren auf Bilder von Britney Spears, Christina Aguilera, Paris Hilton und Ikea-Regalen. Hardcore. Ich habe alles über ihn in der BILD gelesen. In einem Kuhstall in Kleinhartmannsdorf kocht er tote Katzen aus. Aber sei ohne Sorge: Mein weißer Bruder und ich sind die einzigen lebenden Menschen, die sich hier befinden.“

Der freundliche Ton, in dem dies ausgesprochen wurden, bewies Amadeus, dass der Rote ihm wohlgesinnt sei und keinerlei Verdacht gegen ihn hege. „Es ist unfassbar, dass eine Mörderin in unserem Land die Chance hat, glücklich zu werden“, murmelte er und zog die Spritze auf. „Auch einen Hit, Häuptling?“, fragte er und bot der Rothaut das Flux-Serum an. „Glaub mir, in der nächsten Welt sieht alles besser aus. Da kennt jeder den edlen Weg von Bushido, Liebe und Aldi, und sabbern nicht die Tastatur voll, wenn sie hören: Hier die neuesten Topnews von Promis: Britney ohne Brüste! Paris benutzt Tampons von Chanel! Christina endlich ein Mann! Ikeas heisse Liebesnächte in St. Petersburg!“

Der Rote betrachtete den Weißen mit einem Blicke, welcher alles zu durchdringen schien, und sagte dann: „Geil auf den nächsten Klick, hugh?“

„Ja, genau so,“ nickte Amadeus.

„Nur der große Manitou weiß alles; mein Auge kann nicht in dein Inneres dringen. Könnte es das, so würdest du dich vielleicht vor mir schämen müssen; ich will schweigen; dein Gott mag dein Richter sein. Meine Hand richtet sich gegen die bösen Menschen, und mein Arm schützt jeden, der ein gutes Gewissen hat. Ich werde nach deiner Wunde sehen; noch notwendiger als das aber ist, zu erfahren, warum der Mörder euch die Bilder abgenommen hat. Kennst du mich?“

„Nein,“ antwortete Amadeus kleinlaut.

„Ich ein Häuptling der Apachen. Weißt du es?“

„Weiß ich was?“

Der Indianer antwortete nicht darauf. Er holte die Leiche aus dem Gebüsch und untersuchte die Taschen noch einmal. Der Tote bot einen gräßlichen Anblick, nicht etwa zufolge der Kugelwunde, sondern weil man sein Gesicht mit Messern kreuz und quer zerschnitten hatte, so daß es ganz unkenntlich geworden war. Die Taschen waren leer. Natürlich hatte man auch sein Gewehr mitgenommen.

Der Indianer blickte sinnend in das Weite; dann sagte er im Tone tiefster Überzeugung: „Wenn ich mein weißer Bruder wäre, wäre ich schon längst aus dieser Realität geflohen. Sie ist kaputt, abgefuckt, ausgelutscht, wechselt ihren Look jede Stunde. Wenn sie so weitermacht, droht sie zu explodieren. 24 Stunden Power-Masturbieren. Bizarre Stunden in Gefangenschaft. Kann schon sein, dass da jemand fotografiert oder angesprochen wurde, hugh?“

Und weiter im Text.

Montag, 12. März 2007

März Remix

„Dieser Beitrag soll nicht als Versuch verstanden werden, eine zur allgemein akzeptierten Geschichtsschreibung gegensätzliche Theorie zu verbreiten. Es ist einfach nur ein fiktiver Hintergrund für eine Reihe von Science-Fiction-Geschichten. Aber ich habe natürlich wenig Zeit gehabt, zwischen den morphiuminduzierten Tiefschläfen und den Visionen des Engels des Todes, ähh, der Nachtschwester...“
Die Stimme, die über Funk kam, war die von Hiram Kobalt.
Man sieht, es ist ziemlich einfach, den atemlosen Stil des Verschwörungstheoretikers zu emulieren…“
„JC?“
„Ich werde in Zukunft also mir einiges an Kommentaren ersparen und anstelle dessen immer hierauf verweisen: Der treffende Kommentar eines Mannes, der begreift, dass er seiner Zeit weit voraus ist und seine Pläne von ungewaschenen Halbaffen vereitelt werden...“
Der Spott des Wissenschaftlers über die esoterischen Dogmen einer verkommenen Zeit: „Sieh mal“, zischt es aus den Lautsprechern, „Leonardo! Ja, Leonardo, der grosse Leonardo, ihr habt ihn alle nicht verstanden – der hat uns geheime Botschaften hinterlassen! Escht! hahaha… und nur ich weiss, wasse bedeuten…“
Missbehagen gegen die erdrückende Ordnung seiner kleinstädtischen Herkunft, sein Elternhaus, die sogenannte Lebensplanung, die von ihm empfundene Unfreiheit des Berufsleben, das glitzernde feuchte rote Fleisch inmitten der Finsternis pulsierte und schien immer neue seltsame Blüten hervorzubringen. Es gab riesige unerforschte Gebiete. Die zivilisierten Königreiche, für sich genommen bereits von gewaltiger Ausdehnung, nahmen dennoch nur einen vergleichsweise kleinen Bereich des Planeten ein.
Die Leistung dieser Station war jedoch ausgesprochen schwach.
"Und?", knisterte es in den Lautsprechern. Hiram Kobalt, am Rande des Wahnsinns.
"Was und?"
"Wie wäre es, wenn Sie mal schauen?"
"Ich kenn aber das Passwort nicht..."
Diese beiden Charakterzüge sind reine Action, historische Erzählungen aus einer unhistorischen Zeit. Wiederum nur ein fiktiver Hintergrund für eine Reihe von Science-Fiction-Geschichten. Aber sind sie das nicht alle?

Sonntag, 12. März 2006

Amadeus auf der Flusswelt (5)

Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (4)

Statikrauschen aus den Audiokanälen der Chaos-Screens mischte sich mit risszeichnungsartigen Bildern fremder Körper, die in den angrenzenden 14 Dimensionen durch diesen Abschnitt des Zeitstromes fielen. Zwei oder drei von ihnen wirkten dabei bedeutsamer, aber wenn man ihrem Kurs zu folgen versuchte, lösten sie sich in einzelne Linien auf, die einem gemeinsamen Fluchtpunkt zustrebten.

„JC?“, knarrte es aus dem Funkautomaten? „JC?“

Er legte den Kopf schief und zog sein Bewusstsein aus den umliegenden Zonen zurück. Die Stimme, die über Funk kam, war die von Hiram Kobalt.

„JC?“

„JC hier: Verifikation Joannes Chrysostomus – Haben Sie den Funkspruch empfangen?“

„Ja“, antwortete Kobalt. „Ich wollte mich gerade deshalb mit Ihnen in Verbindung setzen, weil es uns nicht gelungen ist, den Sender anzupeilen.“

Dröhnendes Gelächter kam aus dem Lautsprecher.

„Ja, leckt’s mi! Unsere Geräte sind besser“, sagte Amadeus. „Wir haben den Sender mit einem Wert von plus-minus zehn Lichtjahren lokalisiert.“

„Ausgezeichnet!“ Kobalt beugte sich nach vorn. „Sagen Sie uns bitte die Daten durch, damit wir sie in die Bordmegatronik geben können.“

Amadeus teilte den Temponauten mit, daß der mysteriöse Impuls aus einer Entfernung von zwanzigtausend Lichtjahren gekommen war. Der Sender mußte im Grünsektor der HOFFNUNG liegen. Als die von Amadeus durchgegebenen Werte nachgerechnet wurden, sprachen die Hyperempfänger der HOFFFNUNG erneut an.

Diesmal kamen die Impulse von einem anderen Sender, der nach den ersten Berechnungen nur hundert Lichtjahre entfernt sein konnte.

Die Leistung dieser Station war jedoch ausgesprochen schwach.

Nach fünf Minuten verstummten ihre Impulse völlig.

Diese Sendedauer reichte jedoch für die Funkautomaten aus, um den Standort des Senders genau anzupeilen. Nahm man die Hauptkontrollanlage der HOFFNUNG als Bezugspunkt, kamen die Impulse aus einer Entfernung von dreiundneunzig Lichtjahren von einem Sender, der im oberen linken 3-D-Sektor lag.

„Es hat den Anschein, als hätte jemand mit einem schwachen Sender auf den ersten Impuls geantwortet“, überlegte Hiram Kobalt.

„Ich bezweifle, daß die Sendeenergie der näher gelegenen Station ausreicht, um neunzehntausend Lichtjahre zu überbrücken. Jene, die den ersten Impuls abgestrahlt haben, dürften also kaum eine Antwort erhalten.“

Amadeus meldete sich wieder über Funk.

„Was haben Sie vor, Hiram Kobalt? Wir suchen in dieser Galaxis nach raumfahrenden Völkern. Ich schlage vor, daß wir einen der Sender anfliegen.“

„Genau das ist meine Absicht“, entgegnete Kobalt. „Wir nehmen Kurs auf die näher gelegene Station. Ich hoffe, daß sie sich nicht an Bord eines Raumschiffes befindet, das bei unserer Ankunft längst verschwunden sein kann.“

„Viel Glück bei der Suche!“ rief Amadeus.

Mit einer Handbewegung verschob er das Bild, das seine Chaos-Screens zeigte.

Ein harter Schnitt auf das Innere eines Raumschiffes das in einem Kollisionskurs aus der 5. Dimension auf ihn zu kam, sich gleichzeitig in alle Richtungen entfaltend und zusammenstürzend.

Ein organisches Knäul rollte sich auseinander, dunkles Fleisch offenbarend, in dem feucht und rosig ein vertikaler Schnitt pulsierte.

„Ja leck mich am Goldenen Sporn!“, jubelte Amadeus, „Salieri!“

Er schloss die Augen und summte eine Melodie, während er die Bordmegatronik umschaltete.

Im gleichend Moment als das fremdartige Raumschiff in den Einsteinraum zurückfiel, teleportierte sich Amadeus in einen anderen Körper in einem anderen Zeitstrom, während die sein Raumschiff hinter ihm mit der Gewalt einer Supernova aufleuchtete und alles im Umkreis von 0,33 Lichtjahren verzehrte.

Samstag, 4. März 2006

Amadeus auf der Flusswelt (4)

Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (3)

Sein Atem stockte, und seine Stimme versagte ihm den Dienst, als er schreien wollte. Was vor ihm stand, war groß, massig und dunkel. Bedrohlich füllte ein unglaubliches Lebewesen den Raum zwischen dem Türrahmen.

Es war eine rundliche, haarige Form, der dort hockte und Amadeus um Haupteslänge überragte. In der Mitte war sie gespalten und schimmerte feucht und rot, dort wo handtellergrosse Augen und zitternde Fühler aus dem Inneren des Leibes hervorzuquellen schienen.

Der Erstarrung und dem Schrecken folgten Zweifel.

Träumte er? Die Wirklichkeit, in der er sich befand, war nicht so fest wie die, aus der er gekommen war – sie floss, veränderte sich, warf Wellen…

Weishaupt hatte von soetwas gesprochen. Oder war es Hiram Kobalt gewesen?

„Sei mir willkommen“, sagte er einfach. In Bruchteilen von Sekunden gingen ihm Gedanken durch den Kopf und er glaubte, die richtige Lösung gefunden zu haben.

Er gab sich ruhig und gelassen, doch man sah ihm an, daß es ihm größte Mühe bereitete. Im entscheidenden Augenblick benahm er sich hilflos wie ein Neugeborenes. Dabei hatte er sich die Begegnung mit einem Ausserirdischen in tausend verschiedenen Variationen ausgemalt. Das Zusammentreffen – so hatte er gehört – sollte mit Lichtern, Zeitverzerrungen und einer Vielzahl anderer Dinge verbunden sein. Eine leise Musik, wie das Flöten eines einsamen nächtlichen Spaziergängers, dann Bilder, die ineinander flossen…

„Wie ist dein Name?“ Amadeus Stimme hatte schon sicherer geklungen. Langsam kehrte seine Fassung zurück, und er versuchte, die unheimliche, massige Gestalt auf seiner Türschwelle zu ignorieren und sich von dem riesenhaften Wesen keinen Schrecken einjagen zu lassen. Und doch…. das glitzernde feuchte rote Fleisch inmitten der Finsternis pulsierte und schien immer neue seltsame Blüten hervorzubringen… Augen, Tentakel, Münder…

Warum ähnelte das Wesen, das sich ihm entgegenstemmte, einer Spinne? Hing es mit den Versuchen zusammen, die er unternommen hatte? Glaubte der Ausserirdische, ihm einen Gefallen zu tun, wenn man ein Bild wählte, das ihm vertraut sein mußte?

Inmitten des Risses, der den dunklen Leib von oben bis unten spaltete, öffnete sich eine längliche Öffnung, aus der eine transparente Flüssigkeit zu tropfen begann… Dumpfe, gutturale Laute drangen aus dem sich aufblasenden Fleisch.

„Ich bin Salieri.“

Blitzschnell überlegte Amadeus. Diese Ausserirdischen hatten Macht. Vor allen Dingen waren sie imstande, jede erdenkliche Gestalt anzunehmen. Aber Salieri war dies nicht. Salieri war zwar ein Fotz gewesen, aber nie wie eine ausgesehen…

„Salieri…?“, wiederholte er langsam.

Das spinnenartige Wesen sprach weiter. Seine dumpfe, laute Stimme dröhnte durch das Innere der Hütte. „Du heißt deinen Mörder willkommen?“

Freitag, 24. Februar 2006

Amadeus auf der Flusswelt (3)

Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (2)

Weit, wie der unermeßliche, endlose Ozean, breitete sich die Wüste aus; glühend brannte die Sonne hernieder, und über dem heißen Sande zitterte ein flackernder Schein, das darüber hinschweifende Auge schmerzend und blendend. Fünf lebende Wesen waren in der trostlosen Einöde sichtbar; ein Reiter, sein Pferd und drei Aasgeier, welche hoch in der Luft den beiden Ersteren folgten, als ob sie nur des Augenblicks warteten, an welchem beide vor Erschöpfung zusammensinken und ihnen zur willkommenen Beute werden sollten...
Der Wanderer war ein noch junger Mann von etwas mehr als dreißig Jahren, oder um genauer zu sein: von dem genauen biologischen Alter, indem er in seiner früheren Existenz gestorben war, an dem, was man zu seiner Zeit ein "hitziges Frieselfieber" genannt hatte.

Er trug die gewöhnliche Tracht der Prairiejäger, ein ledernes, ausgefranstes Jagdhemd, ebensolche Leggins und Mokkassins und auf dem Kopfe einen Filzhut, dessen Farbe und Gestalt erraten ließen, daß sein Besitzer schon seit geraumer Zeit nicht mit der Zivilisation in Berührung gekommen sei. Seine erschöpften Züge mit den Pockennarben, früher vielleicht geist- und lebensvoll, seine trüben, gläsernen Augen, seine kurzgeschnittenen, verschwitzten Haare und die krampfhaft um die Büchse geballte Hand ließen erraten, daß er kaum mehr vermöge, den Entbehrungen und Anstrengungen des Rittes Widerstand zu leisten.

Schon seit gestern früh hatten alle erkennbaren Pfade aufgehört, und er besaß keine anderen Wegweiser als den Kompaß und die Gestirne des Himmels. Je tiefer er in die Öde hineinritt, desto tiefer entfernte er sich auch von allen Zeichen menschlicher Existenz, und manchmal schien es ihm, als würde sich auch sein verstand immer weiter entfernen und in einer dunklen Ödnis und Leere versinken. Hier in der Wüste schienen die Sterne andere Konstellationen zu bilden, und des Nachts schienen sie über dem endlosen Ozean aus Sand zu tanzen, trügerisch und verwirrend. Manchmal glaubte er, hinter den eisigen Sternenfunken im dunklen Himmel zu erkennen, für was sie ein Abbild waren, und dann erwachte er schreiend aus seiner Betäubung, denn ihm war als sähen titanische Gesichter hinter dem Nachthimmel hervor.

Ebenso ermattet wie er war auch sein Pferd. Es war, das konnte man sofort erkennen, ein aus der Herde gefangener Mustang, vor wenigen Tagen jedenfalls noch voll Mut, Kraft und Ausdauer, jetzt aber gebrochen und bis auf den letzten Rest seiner Kräfte abgetrieben. Die Zunge hing ihm trocken zwischen den Zähnen hervor, die Augen schienen mit Blut unterlaufen, und nur mechanisch schleppte es sich Schritt um Schritt in dem tiefen Sande weiter.

Seit drei Tagen war kein Tropfen Wassers über seine glühenden Lippen gekommen und mit einem trostlosen Blicke beobachtete er die Geier, welche sich immer weiter niedersenkten, je langsamer und strauchelnder die Bewegungen seines erschöpften Pferdes wurden. Sie ruhten nicht, sie aßen nicht. Unberührt von Wüste und Mensch folgten sie ihm hoch in der Luft und warteten. Warteten.

Das Pferd stand endlich still und war nicht weiter fortzubringen; es zitterte an allen Gliedern und drohte, bei der ersten erzwungenen Anstrengung umzusinken.
„Also bis hierher und – jedenfalls – nicht weiter!“ murmelte der Fremde. „Gibt's denn keine Rettung für mich und Dich, mein braves Tier?“

Das Pferd schnaubte und verhielt dann, das rollende Auge den drei Schattenrissen zugewandt, die gnadenlos und ohne zu ermüden über ihren Häuptern kreisten, kreisten, kreisten ---

Freitag, 10. Februar 2006

Amadeus auf der Flusswelt (2)

Fortsetzung von Nemed House: Amadeus auf der Flusswelt (1)

Das Warten wurde zur Qual.
Auch ohne zur Uhr zu blicken, wusste Amadeus, dass jetzt 33 Minuten verstrichen waren, seit das fremdartige Raumschiff an der HOFFNUNG angelegt hatte und die Besatzung übergewechselt war. Die gewaltigen Metallformen, die vor den Bullaugen des irdischen Raumschiffes aus der Finsternis des Raumes hervorragten, hatten in dieser Zeit mehr als hundert Mal ihre Farbe gewechselt. Polychromatische Schauer und Flecken rannen über das semi-intelligente Metall der drei außerirdischen Gefährte, wie ein immerwährender Rorshach-Test, der die Intelligenz und Belastbarkeit der Raumfahrer herausfordern wollte.

Amadeus beobachtete die Chaos-Screens. Er tat das weniger in der Erwartung, irgend etwas zu sehen, als aus einer gewissen Scheu heraus, den hinter ihm sitzenden Offizieren in die Augen zu blicken. Er fühlte sich für alles, was nun an Bord des letzten Raumschiffes der Erde geschah, verantwortlich.

Der Musiker spürte, wie jemand an seine Seite trat.

„Dort drüben rührt sich nichts“, sagte der Mann wie Knochen. „Wie lange wollen wir noch warten, bevor wir etwas unternehmen?“

Amadeus zuckte die Schultern. „Solang’s noch keine akute Gefahr für Hiram und seine Begleiter besteht, verhalten wir uns abwartend. 14 Mutanten mit dem Papa-Gen X stehen mit Hiram in telepathischer Verbindung, und bis jetzt hat er überhaupt noch nichts durchgegeben, was auf Gefahr schließen ließe.“

Wenige Augenblicke später wurde an Bord der HOFFNUNG ein Normalfunkspruch aufgefangen. Er ging über Sprechfunk ein, und der Mann, der ihn durchgab, war zweifellos Hiram Kobalt.

„Hier spricht Hiram Kobalt. Ich rufe die HOFFNUNG. Können Sie mich hören?“
Die Stimme klang undeutlich.

Amadeus ließ die Verbindung in den Kontrollstand legen.

„Ich verstehe dich nicht sehr gut, Hiram“, antwortete er. „Hoffentlich ist es umgekehrt besser.“

„Nein. Ich benutze ein Gerät der Außerirdischen. Ich befürchte, es wird nicht lange aushallen. Hier an Bord ist alles in bester Ordnung. Wir werden uns mit den Außerirdischen einigen können. Du kannst mit der HOFFNUNG längsseits gehen. Du musst ein paar Techniker herüberschicken, die den Außerirdischen helfen, die drei Schiffe gründlich zu überprüfen.“

Auf Amadeus Stirn erschien eine Falte.

„Weshalb?“ fragte er.

„Die Außerirdischen wollen eines dieser Schiffe soweit herrichten, daß sie damit zwanzigtausend Lichtjahre überbrücken können. Das ist die Entfernung, die sie von ihrem Gross-Kophta, trennt.“

„Diese drei Raumschiffe wandeln jede Minute ihre Farbe, und ich glaube auch die Form. Sie sind wie Lavalampen, Hiram. Sie zerfliessen, trennen sich und kommen wieder zusammen. Ich will Dich nicht echauffieren, aber meinst’, dass man diesen Leuten traun kann?“

„Sie sind anders, meinst’ das?“

Amadeus lachte. „Duttelgefickt! Was hältst du denn von der ganzen Sache?“
Ein undeutliches Lachen kam aus dem Lautsprecher.

„Ich glaube nicht, dass eines dieser Schiffe jemals wieder fliegen wird“, sagte Kobalt. „Der Raum hat sich um sie in eine andere Richtung gewölbt… ihre Farbtriebwerke haben einen ungewöhnlichen Pixelverlust erlitten, als sie an den Monochromen Megalithen unseres Universums strandeten. Deshalb habe ich den 33 überlebenden Außerirdischen angeboten, sie mit der HOFFNUNG zum Standort ihres Gross-Kophtas zu bringen.“

In Amadeus Erleichterung mischte sich Ärger. Es sah Kobalt ähnlich, den Fremden ein solches Angebot zu unterbreiten. „Geschissen!“, fluchte er und strich sich über seine pockennarbigen Wangen.

„Ich höre dich nicht!“ rief Kobalt.

„Ich habe auch nicht gesprochen. Ich denke nach.“

Hinter ihm erhob sich der Mann wie Knochen. In seiner Hand lag eine tückisch funkelnde Strahlenwaffe.

„Diese Sache gefällt mir nicht“, sagte er langsam. „Warum sollten wir für diese Außerirdischen Transportunternehmer spielen?“

„Heuer sind wir tolerant?“, vermutete Amadeus.

Donnerstag, 2. Februar 2006

Amadeus auf der Flusswelt (1)

Das nächste, an das er sich erinnern konnte, war das Schiff. Er kannte nicht den Namen des Flusses, noch die Ufer, die in der Ferne sichtbar waren. Als er das Fahrgeld bezahlt hatte, warf er einen forschenden Blick über das Deck. Die gut gekleideten Kajütenpassagiere schienen ihn nicht zu interessieren. Ihre Gesichter waren Seidenmasken, die die vollkommene Leere ihrer Züge verhüllten. Da fiel sein Auge auf die andern, welche vom Spiele aufgestanden waren, um die an Bord Steigenden zu betrachten. Er sah einen Mann in ihrer Mitte, hoch aufragend, ein hagerer Schatten von der Farbe von Knochen; sein Blick verließ denselben sofort wieder, als ob er ihn gar nicht bemerkt habe; aber er kicherte, indem er die heruntergerutschten Strümpfe wieder über die schmächtigen Waden heraufzog, leise vor sich hin:

„Duttelgefickt!“, murmelte er, „Wenn das nicht der, wo ich mein’, so mag’s man mich in Schokad’ rollen und vom Zopf bis zum Zipfel abschlecken! Der Zweck, zu welchem er sich eine solche Schar zusammengetrommelt hat, ist sicherlich kein guter. Hoffentlich kennt er mich nimmer.“

Derjenige, den er meinte, hatte auch ihn gesehen und gestutzt. Er wendete sich in leisem Tone an seine Gefährten: „Seht euch mal dies kleine schmächtige Wichterl an! Kennt ihn einer von euch?“

Die Frage wurde verneint.

„Nun, ich muß ihn schon einmal gesehen haben, und zwar unter Umständen, welche für mich nicht erfreulich gewesen sind. Es steckt in mir so eine dunkle Erinnerung davon.“

„Dann müßte er dich doch auch kennen,“ meinte einer. „Er hat uns angesehen, dich aber dabei gar nicht bemerkt.“

„Hm! Vielleicht fällt es mir noch ein. Oder noch besser, ich frage ihn nach seinem Namen. Wenn ich den höre, werde ich gleich wissen, woran ich bin. Gesichter kann ich wohl vergessen, Namen aber nicht. Machen wir ein Saufen mit ihm!“

„Wenn er mitthut!“

„Das wäre eine schandbare Beleidigung, wie ihr alle wißt. Wer nicht mitsäuft, den kamma abstechen, da kräht kein Hahn darüber.“

„Er sieht aber nicht so aus, als ob er zu etwas, was ihm nicht beliebt, zu zwingen sei.“

„Ja, der is’ a bisserl meschugge!“

„Schaut’s, wie er schaut, das Männderl!“

„Und nun kichert er – den hat der Leibhaftige am Zipfel gepackt!“

„Geschissen! Wettest du nun mit, Bischof?“

„Ja, wetten, wetten!“ ertönte es im Kreise. „Der Verlierer zahlt drei Glas für jeden.“

„Mir ist's recht,“ erklärte der Mann wie Knochen.