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Donnerstag, 30. Oktober 2025

Werkstattbericht 2025-10-30

Liebe Gemeinde, die Schleier zwischen dieser und der anderen Welt werden dünner, schon verwehen sie und lösen sich im Nebel der Nacht auf. Auch dieses Jahr gedenken wir wieder aller Heiligen und aller Seelen, wie unheilig und unselig sie auch sein mögen. Diese und die andere Welt... welche von beiden ist inzwischen die unheimliche, und welche die, für die man sich entscheiden wird, wenn man auf der Schwelle steht?
Momentan auf dem Schreibtisch:

Dienstag, 31. Dezember 2024

Nachtmusick :: Der letzte Song dies Jahr

40 Jahre in der Mache (oder so) - gerade noch rechtzeitig fertig. Der interessierte leser dieses und anderer Kanäle hat sicher bemerkt, mit welcher Energie (und Verzweiflung) ich während des laufenden Jahres einige alte Songtexte, für die ich nie die richtige Musik (und die richtigen Musiker) gefunden habe, hardcore überarbeitet und softporn veröffentlicht habe.  Die meisten ganz alten Songs, noch aus dem letzten Jahrhundert, sind ganz nett geworden, so 80s Wave und ähnliches, aber einige gehen gar nicht mehr. Der folgende Song hat am längsten gedauert, und ich habe ihn nur noch retten können, indem ich den Text etwas gekürzt  und umgestellt habe, was übrigbleibt ist aber erfrischend surreal.

Also, eine musikalischer Trip zurück ins letzte Jahrhundert, Porträt des Künstlers als junger Mann, der sich gerade aus dem Kaiserkeller ins kalte Licht des Morgens quält. Keine Ahnung, ob schon eine S-Bahn fährt.

 

Sonntag, 13. Oktober 2024

Werkstattbericht 2024-10-13

Liebe Gemeinde, die Zeit vergeht, die Hälfte des unheimlichen Oktobers scheint schon vergangen... die ersten Herbststürme ziehen auf und zerren an den Blättern der riesigen Linde vor meinem Haus, die Katzen verbergen sich nachts und tagsüber verkriechen sie sich unter den Betten. Es wird dunkel, die Jahreszeit des Samhain naht, Zeit der Gespenster und der niemals Geborenen... Die Schleier werden dünner. Der Wind flüstert in einem unverständlcihen Code, während die Luft sich füllt mit dem Duft feuchten Laubs und dem Rauch der ersten Feuer. In der Ferne ein Vogel oder das Echo längst vergangener Stimmen. Die Nacht scheint tiefer, dichter, die Schatten kriechen näher an das Haus heran, gierig darauf, etwas zu erzählen, das in den langen Sommernächten verborgen geblieben ist.

Das ist, was der synthetische Verstand mir vorgibt, wenn ich das Orakel werfe; anscheinend will er mich zart darauf hinweisen, endlich einige der Dinge abzuschliessen, die in den letzten Monaten liegengeblieben sind. Das kommt jetzt nicht überraschend, schließlich ist es Erntezeit. Im unheimlichen Oktober haben wir schon immer gerne in Erinnerungen und den randnotizen unserer Geschichte(n) gewühlt.


AUF SATURN, IN LEMURIEN

Vor einigen Tagen hatte ich mir vorgenommen, zu sehen, was sich aus den Gedichten "In Saturn" und "In Lemuria" von Clark Ashton Smith ergeben könnte.  Schon beim ersten Lesen ist es offensichtlich, dass es sich bei beiden Monologen um Erinnerungen zu handeln scheint, Erinnerungen an vergangene Leben auf Welten, die es so nicht gegeben haben kann. Die Vorstellung, auf unserem Saturn zu leben, ist absurd, von welchem Saturn redet der Erzähler also? Und wir wissen auch, dass es ein Land namens Lemurien niemals gegeben hat außerhalb der hochtrabenden Spekulationen der Theosophie oder zweitklassiger Pulpautoren. [Ich habe dieses Jahr die meisten Thongor-Geschichten von Lin Carter (1965-1970) gelesen, und sie waren nicht so schlecht wie ihr Ruf. Auf jeden Fall besser als "Die Geheimlehre" (1888)]

Aber Erinnerungen sind immer subjektiv, egal wie wahr sie im Moment ihres Auftauchens erscheinen mögen. Sie sind eine Erscheinung, also ein Geist, aber auch Geister sind nicht real, sie existieren nur in unserem Kopf. Das ist nicht beruhigend, kann aber als Erklärung dienen; die phantastischen landschaften und Szenarien sind Teil des Imaginalen, des kollektiven Unbewußten, oder der kollektiven Erinnerung an das, was das menschliche Gehirn an Möglichkeiten zur Kombination und Rekombination hat.

Eine einfache Möglichkeit, die Irrealität als wirklich zu erklären, ist die Fremden Welten nicht als physische, sondern psychische wahrzunehmen, als Teile der Astralebene (wenn es diese gibt) oder als Zwischenzustände, ähnlich den Bardos des "tibetischen Totenbuches".


URBANE MAGIE

Bei den aktuellen Arbeiten an der 14. Ausgabe von "Schwert & Stab", dem legendären Kulturjournal für Moderne Magie, Angewandte Okkulte Lebenskunst und Psychonautik (in Buchform), mit dem Arbeitstitel "VRBAN VOODOO" tauchen wieder ältere Konzepte auf, wie das "Projekt Hammonia", "Städte als Magische Personen" und das, was in den immer noch unveröffentlichten "Schwarzen Papieren" des Ordens des Onyx-Dämmerung aufgeführt wird. Und es drängt sich wieder auf, noch einmal tiefgründig die Konzepte von Fritz Reuter Leiber zu studieren, die er in "Our Lady of Darkness" und einigen Kurzgeschichten entwickelte.

Titel/Illustration zu "Smoke Ghost" von Fritz Leiber


Samhain naht, das Tor zur Anderswelt steht offen, und die niemals Geborenen drängen heran, Sehnsucht in ihren schweigenden Augen.

Sonntag, 20. Juni 2021

Index der Möglichkeiten [4]

Die Alten Universen // Die Verlorenen Welten der Zeit (1982)

EBENE 14
16. Das Große Topas-Reich: Topas-Magier erlangen Kenntnis um alle Ebenen; Patenschaft der Edelsteinelementare; Bibliothek des gesamten Seins; fliegende Edelsteinstädte und weitere Wunder der Techno-Magie.
17. Halbdämonenreiche in Russya und Sybyrya.
18. Gegen die Macht von Topas setzt die Menschheit seltsame und verzweifelte Mittel ein: Erotomanen-Armeen, Eunuchen-Bogenschützen, Amputations-Prediger, Menschenmetzger, nur um schließlich einzusehen, daß nichts gegen eine Philosophie bestehen kann, die mehr Sterne umfaßt als sich der gewöhnliche Mensch vorstellen kann. Die Menschheit schlummert in den Dämmerreichen von ÂFRYKA, AYSTROLYA und ASYA ihrem unspektakulären Ende entgegen.

Sonntag, 13. Juni 2021

Index der Möglichkeiten [3]

Die Alten Universen // Die Verlorenen Welten der Zeit (1982)

EBENE 13
20. Die Omnikratier laßen den Mond auf Texas fallen; in dem folgenden Kataklysmus kommt die gesamte Bevölkerung der Amerikas um; Ökosysteme zerfallen, aber verdampfendes Wasser befruchtet Wüsten in Asien und Afrika. Überreste von Amerika fortan bekannt als "Wildländer von MOON".
21. Der Supreme Magus der Omnikratischen Liga errichtet über dem Nordpol seine Morgensternburg; die nur durch eine regenbogenförmige Brücke, deren anderes Ende in Hamburg steht, erreichbar ist; durch seine psychischen Kräfte, unsterblich und unverwundbar, herrscht er unanfechtbar über die gesamte Ebene.

Sonntag, 6. Juni 2021

Index der Möglichkeiten [2]

Die Alten Universen // Die Verlorenen Welten der Zeit (1982)

EBENE 4
Vorzeichen und Wechsel der Naturgesetze leiten das Zeitalter des Chaos ein: Zeitbeben erschüttern die Kausalität; Inkorporierte Fraktalabschnitte, die "Schlangen des Chaos" werfen Brocken von Zeit und Raum aus dem Kontinuum und sorgen für eine Infizierung der 4d-Welt. Sogenannte "Temporale Virophagen", städtegroße Roboteinheiten, werden konstruiert, um den Status Quo des Raum-Zeit-Kontinuums zu reparieren. Der Orden der Zeitritter wird gegründet und retrospektiv in alle Zeiten und Ebenen verpflanzt.

Sonntag, 30. Mai 2021

Index der Möglichkeiten [1]

Die Alten Universen // Die Verlorenen Welten der Zeit (1982)

EBENE 9
20. Der Rückgang der Eiskappen wird als Bestätigung der bacchantischen Doktrin gefeiert; es kommt zur Gründung von wissenschaftlichen Clubs und Bruderschaften, die die Wiederbesiedlung Europas organisieren. Ihnen zu Ehren nennen sich die neuen Staaten in Aegypthon, Persien, Pontien, Napolitanien, Indien und Espanien "Okkultistenrepubliken".
21. Neuere Veränderungen des Ökosystemes deuten auf einen fundamentalen Wandel der Naturgesetze hin, die in sog. "Eschatologen-Clubs" diskutiert werden. Ruhig und gelassen wartet man den Weltuntergang ab.

Sonntag, 23. Mai 2021

Index der Möglichkeiten [Prolog]

Die Alten Universen // Die Verlorenen Welten der Zeit (1982)

Michael Moorcock ist an allem schuld. Als ich jung war, dachte ich, es wäre eine gute Idee, hundert Sachen gleichzeitig zu machen. Serien, Charaktere, Projekte, die einander gegenseitig befruchteten, hundert Welten der Zeit, in sich abgeschlossen und in ein Multiversum eingewoben, so facettenreich und zerbrechlich wie eine Schneeflocke. Und wahrscheinlich ebenso schwer zu begreifen... kaum hält man sie in der Hand, schon ist sie zerschmolzen. Im "Index der Möglichkeiten" sind einige der Zeitlinien dieser Alten Universen aufgelistet, und einige dieser Verlorenen Welten der Zeit besuche ich momentan wieder, aus Nostalgie, Neugier und in der stillen Hoffnung, sie meinem manischen Genius wiederum unterwerfen zu können. Also... let's do the time warp again, Dexter Ames!

Donnerstag, 25. Februar 2021

Willkommen in Walhalla

Wie bei allen Veränderungen gewinnt man etwas und man verliert auch etwas. All die coolen Sachen, Fakten & Fiktionen, Souvenirs & Tand, sind sicher wieder im Sanctum angekommen und würden vorsichtig in die brillant erweiterten "Knochenlosen" integriert. Selbst alle Aktenordner, die Jahre lang ihr Dasein in fragwürdigen Kellern fristeten, sind sorgsam aufgereiht. Nur eines hat den Umzug nicht überlebt, das Wikingerschiffsmodell, das mein Vater vor vielen vielen Jahren sorgsam zusammenbaute, bemalte und mit Takelage ausstattete.
Nun gut, eine letzte Fahrt auf tosenden Wogen und dann tief tief hinab nach Helsheim. (Die städtische Müllkippe.)



Montag, 4. Januar 2021

3rd Mind :: Das Neue Alte

 Es ist eines der kleinen, aber deutlichen Vergnügen, sich aus der Sicht der Gegenwart an den Trends und Tricks der Vergangenheit zu ergötzen, sie zu analysieren, das Brilliante zu kopieren und alles Weitere mit einer Mischung aus Wehmut und Amüsement auf den Schutthaufen der Geschichte zu befördern. Alles andere tut zu sehr weh. Bei wenigen Dingen ist dies so offensichtlich wie bei Massenprodukten wie Taschenbüchern (Paperbacks), die man oft schon anhand des Designs, der Typographie oder der Version des Verlagssignets auf eine bestimmte Epoche verorten kann.Ein schönes Beispiel sind die nachfolgend abgebildeten Bücher, die ich im Nachlass meines Vaters gefunden habe. (Ja, mein Vater war Jazzer...) 

Berendt, Joachim Ernst: Das neue Jazzbuch. Fischer - Bücher des Wissens, 1959
Neumann, Robert: Mit fremden Federn. Der Parodien erster Band. Ullstein, 1961 


Beide Bücher stammen also ungefähr aus der gleichen Zeit, und wenn ihr Layout auch vollkommen anders ist, weiss man schon bevor man sie aufschlägt, worauf man sich einlässt. Typographie, die damals sicherlich modern war, die Coverästhetik modernder Moderne. Das Papier (älter als die Finger, die sie berühren...) ist quittegelb inzwischen, löst sich auf und tanzt. Beide Bücher sind damals in mehreren Auflagen gedruckt worden, insgesamt sooft, dass ein Verlag der Jetztzeit feuchte Augen bekommen würde. Zu dieser Zeit war das Paperback das günstige und angemessene Informations- und Unterhaltungsmedium der Massen. Populär, man könnte auch sagen Pop.

Es lassen sich viel Pop Art in den Kellern unserer Vorfahren finden.

Sonntag, 28. Juni 2020

Flashback :: Ein grünes Buch in Red Hook


ruhe ≠ lautlosigkeit
    entrückt von diesen menschen
    umgeben vom hauch der stadt
    sitze ich in einem sonnenmeer
    auf dieser grünen bank.
die flügel der helikopter umschwirren mich

Grünes Notizbuch, "der Muse", Blatt XX + XXII (notiert in Red Hook)

Sonntag, 14. Juni 2020

Pyropunk :: Semper Fi

„Shambhala, sagen Sie“, wiederholte er und sog nachdenklich an seiner Bruyerepfeife. „Shambhala… warum nicht gleich Shangri-la? Oder… Xanadu?“

Mark Leandrowsky erbleichte.

„Ich habe Nacktphotos aus der Umkleidekabine von Olivia Newton-John“, stotterte er, „und glauben Sie mir, Käpt’n… die Gravitation ist nicht unser Freund!“

„Natürlich“, nickte Käpitän Frakes, „der Kosmos wird von gewaltigen und fremdartigen Kraften regiert. ‚Die Welten heulen ihren eigenen Totengesang’ und all das. Aber wenn wir nur die Affen eines kalten Gottes sind, sollten wir dann nicht für jede Idee und jeden Traum dankbar sein?“

„Immer noch besser als mit Kacke werfen“, knurrte KER, aber er war nicht überzeugt.

Dienstag, 9. Juni 2020

3rd Mind :: Der typographische Untergrund

Wenn es stimmt, dass das Internet zerbrochen ist und die Sozialen Netzwerke als Medium zum wertfreien Informationsaustausch versagt haben, wittert der Untergrund wieder seine Chance. Ist es wieder an der Zeit, den Webblog als natürlichen Erben des Egozines neu zu beleben oder... die Lippen werden trocken und die Zunge zögert, es auszusprechen... 180° Retro zu werden?

Die Stimme des Untergrundes (egal welcher Coleur und Richtung), das war früher die Graue Literatur, Samisdat, sehr oft Druckerzeugnisse, die mehr oder weniger regelmäßig, in geringer Auflage (unter 1.000 Exemplaren) und jenseits der etablierten Vertriebswege, teilweise unter abenteuerlichen Bedingungen, weitergegeben wurden. Das Fanzine, das Egozine, oder einfach das Zine. Reich wurde man damit nicht, aber man gewann schnell Freunde, Einfluß und die natürliche Feindschaft des überentwickelten Ästheten, der nicht verstehen konnte, dass eine direkte Kommunikation nicht auf Hochglanzpapier gedruckt werden sein muss. Wahrheit offenbart sich auch sehr schön auf den grob designten Seiten von 80g chlorfrei gebleichtem Kopierpapier.

"Schnüffelkleber war nicht so sehr schlecht geschrieben als kaum geschrieben; Grammatik war nicht vorhanden, Layout war willkürlich, Überschriften wurden normalerweise nur in Filzstift geschrieben, Schimpfwörter wurden oft anstelle eines begründeten Arguments verwendet... alle davon gaben dem Schnüffelkleber seine Dringlichkeit und Relevanz" *

Es hat einen gewissen Charme, solche Broschüren nach all den Jahren wieder in die Hand zu nehmen; sie sind Artefakte einer vergessenen Geschichte, Illustrationen des Zeitgeistes einer anderen Vor- oder Nachkriegszeit als man heutzutage vielleicht denken würde. Und die einfache Herstellungsweise ergibt ein erstaunliches Mass an Möglichkeiten. Mit heutigen Mitteln wahrscheinlich exponentiell. Die Chaoskurve der Operation Mindfuck: Man nehme ein DinA4 Blatt und falte es, schon hat man das klassische Template für Zine-Design, doppelseitig kopiert vier DinA5 Seiten. [Bei Bedarf wiederholen.] Deswegen haben alle die alten Zines eine durch vier teilbare Anzahl von Seiten, parallel zur Aufteilung industrieller Magazine, wobei diese oft ein Vielfaches von 8 oder 16 Seiten aufweisen, je nachdem wie groß der ursprüngliche Druckbogen ist.

Eigentlich braucht man jetzt nur noch eine Schere, einen Cutter und eine Tube Fixogum, und man kann sofort loslegen. Die Typography fliegt einem um die Ohren, man schnüffelt den Leim (Fixogum bringt leider nix), Satzfahnen flattern im Wind, und als Letztes wird das Titelbild und die Mitte des Zines gestaltet. denn die Mitte, da ist die Welt eine Auster. Wenn man das fertige Heft hier aufschlägt, hat man eine echte Doppelseite... das Centerfold! Doppeltviel Platz für doppeltviel Wahnsinn! Das DinA4 Ausreißposter, die Xeroxcollage, der steife Mittelfinger, der sich dem Establishment und dem überentwickelten Ästheten entgegenstreckt...

Also, ich glaube, das wäre immer noch ein interessantes Medium, und Mann, das Geld für ein paar Kopien kann man sich doch sicherlich auch heute noch zusammenschnorren, oder?


* Wenn der automatische Übersetzer meisterhaft überfordert wird, klingt es einfach lustiger.

Sonntag, 22. Dezember 2019

Flash Fiction :: Der Samariter

Über der Welt stand ein einsamer Mann an einem Fenster, das so groß war, dass er seine Ränder nicht sehen konnte, selbst wenn er den Kopf in den Nacken legte. Unter ihm, ein paar Meter oder auch viele hundert Kilometer, drehte sich der Planet in gleichmäßiger Bewegung dem Sonnenlicht entgegen. Seine Augen verweilten einige Augenblicke auf den dunklen Schatten des großen Kontinentes, auf dem er geboren worden war, unter den strahlendweißen Wolkenbändern, dann war die Landmasse entschwunden, und das offene, schimmernde Türkisblau des Ozeans, übersät mit dem brillanten Schimmern versprengter Archipel, kam in Sicht. Kurz schimmerte es blau und grün und weiß vor ihm, dann verdunkelten sich die Farben und vermählten sich mit der Finsternis der Nachtseite. Der Satellit umkreiste die Welt einmal in drei Minuten. Manchmal fühlte er sich wie ein Geist, wenn er auf die Lichter herabsah, die die Nacht übersäten – kalte, zwinkernde Lichter wie die Sterne jenseits dieser kleinen Kugel unter ihm. Ein Geist, ein einsames Auge inmitten der Leere des Weltraumes. Sah vielleicht irgendjemand da unten zu ihm empor, irgendeine einsame Seele, die ebenfalls nicht schlafen konnte? Aber der Satellit war vom Boden betrachtet nur eines von Millionen winzigen Lichtern, leicht zu übersehen und bedeutungslos in dem gähnenden Abgrund, durch den der Planet raste. Er wandte sich ab, als die Dunkelheit der Nachtseite dem schimmernden Weiß und Blau wich, die sich in neuen Mustern über der Westküste des Kontinentes zusammenzog.

Der Klang seiner Stiefel hallte weit in den langen Korridoren, die vor ihm lagen. Er warf seinem Spiegelbild einen kurzen Blick zu, als er an einer blankpolierten Stahltür vorbeiging. Sein Gesicht, eingerahmt von kurzen, bereits grau werdenden Harren, ein flüchtiger Schatten über dem dunkelblauen Schemen seines Uniform. Er war ein Samariter, so nannte man sie nun, die Männer und Frauen, die die orbitale Satellitenstation in der Atmosphäre des Planeten bemannten. Ein goldenes „S“ in einem Pentagon, dem Abzeichen der Terranischen Raumabwehr, das auf die rechte Brustseite der Uniform geprägt war, gab Zeugnis davon, dass der Spitzname, den man vor etwa zwei Jahrzehnten für die einsame Besatzung der Station geprägt hatte, inzwischen auch Eingang gefunden hatte in den offiziellen Sprachgebrauch. Samariter nannte man sie, weil sie die einzigen waren, die von ihrer Arbeit keinen Nutzen haben würden, die vor allem aus der Beobachtung des Wetters und der tektonischen Aktivitäten des Planeten, sowie dem In-Raum-Scanning des Sonnensystems bestand. Die Samariter waren die einsamen Wachhunde des Planeten, die ihren undankbaren Job schweigsam in den endlosen Stahlkammern der Station verrichteten. Das einzige, was ihnen geblieben war, als sie sich freiwillig für den Dienst auf dem Satelliten verpflichtet hatten, war, die Welt zu beobachten. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, bis der Dienst abgeleistet war, oder der Tod einen von ihnen auslöschte und ein neuer Samariter an Bord kam.

Der einsame Mann hoch über der Welt blieb stehen, doch das Echo seiner Schritte setzte sich noch einige Augenblicke fort. Auch heute war er nicht der einzige Geist, der den Himmel heimsuchte.

Weniger Flash Fiction als ein Fragment, das entstanden ist, als ich vor 20 Jahren (1998) versucht hatte, die Geschichten um den Grünen Planeten Nemedia aus meinen Jugendwerken, neu zu beleben und in einer griffigeren Form umzuschreiben. Naja, es war einen Versuch wert. *Seufz*

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Das Grauen in meiner Schublade

Wie lange ist es her? Wie lange müssen wir noch so leiden? Wie lange werden diese Männer mit den silbergrauen Bärten uns noch mit Geschichten aus Zeiten quälen, als es noch nicht mal ein vernünftiges Smartphone gab und man seinen Twitteraccount noch in Holz schnitzen musste? Das Grauen... das Grauen... das Grauen in Schublade X. Ich selbst, ich mich, ich selbst quäle den letzten Buchstaben, die letzte noch so dürftige Zeile, die zu finden ist.

Warum tue ich mir das nur immer wieder an?

Das Grauen: Früher einmal, liebe Kinder, gab es soetwas wie eine Maschine, mit der man schreiben konnte. Man nannte dies eine "Schreibmaschine", und meistens kam sie aus den Olympiawerken in Roffhausen, bei Wilhelmshaven. (Siehe Ghost Town Photography in diesem Blog, die Welt ist klein.) Mit dieser so genannten "Schreibmaschine" konnte man über eine Art Keyboard veranlassen, dass kleine Metallbuchstaben ein farbgetränktes Band gegen eine auf einer Art Walze aufgespanntes DinA4-Blatt Papier drückten und somit einen Abdruck dieses Buchstabens hinterliessen. Voll kompliziert, und voll altmodisch. Allerdings konnte die Datei (das Blatt) nicht einfach so verschwinden, wie z.B. die vier Entwürfe jeden Blogartikels, den die Fnords fressen, bevor er endlich von den Googletechnikern freigegeben und hochgeladen wird.

Und das ist das Problem: Wie soll man all diese toten Bäume entsorgen? darf man das überhaupt noch? Ist das nicht zeimlich pietätlos, dieses Opfer nicht wertzuschätzen, das für die fahrigen Fantasien vieler Sommernachmittage aufgebracht wurde? Wieviel Ries liegen hier wohl begraben... im Grauen meiner Schublade? (Ries ist ein tatsächlich existierendes Wort und beschreibt eine Menge von momentan 500 Blatt Papier). Schublade X, der entfernteste Ort in meinem Schreibtisch oder meinem Gehirn... Schon kriecht es hervor, flattert mit den traurigen Seiten wie ein todeswunder Vogel... etwas, das mir einmal unheimlich wichtig war und das sich einfach nicht töten lassen will...

Der Traumweltzyklus! Nicht so elegant wie die Traumwelten von Dunsany, und auch nicht so unheimlich wie die von Lovecraft, aber wenigstens Traumwelt! Im Schweiße meines Angesichtes auf einer Schreibmaschine von Olympia produziert... ich werde diese unheimlichen Geister der Schublade X in Zukunft nur noch "olympische Schriften" nennen, das klingt noch unheimlicher... eine reguläre Manuskriptseite (Norm) war damals 30 Zeilen mit bis zu 60 Zeichen (= 1.800)... was für eine Verschwendung, der junge Mann, der ich damals war, bekam soviele Zeichen drauf, wie draufpassten. Als man mir solche bizarren Konzepte wie "Absätze" und "Lesbarkeit" nahebrachte, 60 Zeilen mit 60 Zeichen (= 3.600). Davor auch mehr. Ohne Absätze.

Der Traumweltzyklus! 100 Seiten mit bis zu 3.600 Zeichen, also im Maximum 360.000 Zeichen. Hardcore! Es sind zwar nicht soviele, enttäuschenderweise, verdammte Absätze, aber dennoch... jeder normale Mensch würde davon ausgehen, dass da irgendetwas brauchbares dabei wäre, oder? Ein Relikt der goldenen Zeit zur Erbauen dieser düsteren Tage... Ich verrate euch ein Geheimnis, und darin liegt das Grauen, das schnell und heimlich wieder in die Tiefen der Schublade X verbannt werden soll:

Ein normaler Mensch würde davon ausgehen...
...aber wer jemals hat behauptet, dass Schriftsteller normal sind?


Dienstag, 26. Dezember 2017

Shortcuts 2017-12-25


Es ist wieder an der Zeit, ein paar Seiten aus dem Notizbuch zu reissen, oder darüber nachzudenken, ob es sich lohnt, sie ins nächste Jahr mitzunehmen... [Und Werbung... ein Haufen Werbung. Aber es ist schon nach Weihnachten, also ist es okay...]



Von mehreren Titeln mit den Hits (und Fehlschüssen) der letzten 35 Jahre "Spekulative Fiktion" (ist sie das nicht immer), ist inzwischen "Verlorene Welten" veröffentlicht, aber bislang noch nicht in den internationalen Buchhandel gelangt; dies wahrscheinlich dann wenn die anderen Titel gedruckt wurden.
Insgesamt eine schicke kleine Sammlung von ungewöhnlichen und merkwürdigen Geschichten - alte Bekannte, vergessene Freunde und Auson Mazant, der Ewige Held. Ein bischen Nostalgie für Terra Fantasy. Und ein neuer Besuch in Pegana. Denn: Pegana ist die Beste.

Verlorene Welten

Sonntag, 26. November 2017

Werkstattbericht 2017-11-26



Hallo von der Nordwestküste des Jadebusens.
Normalerweise grüße ich aus Zollern am Meer, aber das ist leider nur ein mythisches Gefilde; ein Name, der nie verwendet wurde... man könnte auch sagen, eine Idee, die sich nicht durchgesetzt hat.
Zollern am Meer ist nie entstanden, es ist ein Ort, den es nur in einem besser geschriebenen Paralleluniversum als diesem gibt, eine halbmythische Stadt wie Tanelorn, Lankhmar oder Brigadoon. Die graue Realität sieht anders aus, eine dieser typischen norddeutschen Hafenstädte, irgendwie grau, irgendwie schmuddelig, kein übler Ort, aber die Sonne scheint manchmal nur in der Nacht.
Immerhin, Jadebusen klingt ja ganz interessant. Meine Freunde aus dem Reich der Mitte versichern mir, dass "Jade" immer etwas Erhabenes und Wertvolles ist. Konfuzius hat da ein paar schöne Worte für gefunden. Ein "Jadebusen" ist also ein besonders erhabener oder schön geformter Busen.
Das ist doch schon mal was.

Donnerstag, 7. September 2017

Werkstattbericht 2017-09-07



Wie aus gut unterrichteten Quellen zu hören ist, ist inzwischen "Digital Burnout" ein großes Thema, und am meisten brennen die Menschen momentan die sozialen Medien durch. Also, warum nicht wieder bloggen, oder ganz steinzeitlich, ein Egozine raushauen? Ist es nicht großartig, im 21. Jahrhundert zu leben? Wir können die komplizierteste Technik aller Zeiten nutzen, aber wir können es auch sein lassen. Freiheit!
Und ja, ich habe auch keine Lust, Alibipostings zu veröffentlichen. Warum nicht mal ein nichtssagendes, aber interessantes Photo*?

* Immer Photo, immer Phantasie. Es sieht einfach besser aus**. Geheimnisvoll. Romantisch.
** Ich bleibe dabei, ein versales "ß" ist einfach nur eine dumme Idee.

Samstag, 20. Mai 2017

Der Weltraum... unendlich und breit


Der Geist ist wie eine Pflanze - er wächst, wenn er begossen wird. Nein, kein Loblied auf den Alkohol. Die besten Ideen habe ich meistens, wenn ich im Regen wandere. Die hohe Kunst der Prokrastination, manchmal kommen solche Sachen auch, wenn man an gar nichts denken will, also während einer typischen 8-Stunden-Schicht, wenn der Wahnsinn an die Zimmerwände hämmert oder sich in der integralen Struktur der Programme widerspiegelt, mit denen man arbeiten muss. Hatte vor ein paar Tagen im Keller gekramt, um zu sehen, ob ich in den letzten 40 Jahren nicht doch mehr Science Fiction geschrieben habe, als das, an was ich mich erinnere. Ich dachte, so aus Gag wäre es doch witzig, eine von den ganz üblen Sachen aus meiner Kindheit mal schnell in einem vernünftigen Stil rauszurotzen. RetroSF im Stil der 30er Jahre! Photonenpistolen und heulende Zyklotrone! Sozusagen ein Abstecher in die Embryonalphase meiner Pulpwelten. Ach ja, jetzt weiß ich wieder, warum ich mich an manche Sachen nicht mehr erinnere. Captain Galaxo! Commander Dorrow! Powerrak! Was habe ich damals eigentlich gemacht? Anscheinend war ich ein großer Fan von Raumschiff Enterprise, Captain Future und Perry Rhodan. Achja, und Goldorak. Superroboter machen alles besser.

Regenidee 942:
Wenn Du mal nichts besseres zu tun hast, junger Jedi
  • RetroSF im Stil der 30er Jahre. Und wenn Du das wirklich schreibst, dann wie ein Autor aus der Zeit.
  • Vergiss alles andere. Vergiss Captain Galaxo. Klau bei Dir selber was besseres.

Richtig. Da unten im Keller liegt noch mehr. Und ich musste natürlich mich gleich hinsetzen und ein Exposé für eine Retro-SF-Serie hinhauen, die es sich gewaschen hat. Und die ich wahrscheinlich nie schreiben werde. Sonne macht dumm - Regen übermütig.