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Mittwoch, 22. Oktober 2025

Flash Fiction :: Neues von Holly Owain [4]

Holly war tief in ihre Studien vertieft – die Füße auf dem Tisch, den Hut über den Augen – als es an der Tür des Cafés klingelte.

„Willkommen in meinem Büro“, murmelte sie. „Ziehen Sie eine Nummer.“

„Holly, die Torwächterin?“ Eine tiefe, nervöse Stimme.

Sie spähte unter ihrem Hut hervor. Dort stand ein junger Dämon, kaum einen Meter 1,20 groß, mit kleinen Hörnern und einem zitternden Schwanz. Er sah aus, als würde er gleich weinen.

„Oh! Hi!“ Holly setzte sich schnell auf und vergaß, dass ihre Füße auf dem Tisch lagen. Sie kippte rückwärts über ihren Stuhl, in einem Gewirr aus Gliedmaßen und gestreiften Strümpfen. „Au. Ja! Das bin ich.“

Der Dämon stürzte vorwärts. „Es tut mir so leid! Ich wollte nicht …“

„Du bist bezaubernd!“ Holly sprang auf und rückte ihr Bustier zurecht, das sich irgendwie wieder verdreht hatte. „Was ist los, Süßer?“

„Ich bin zufällig durch so’ne Bresche gekommen, und jetzt habe ich mich verlaufen und kann den Weg nach Hause nicht finden, und –“

Hollys Gesichtsausdruck verschmolz. „Oh, Liebling. Komm her.“ Sie zog ihn in eine Umarmung, völlig unbeeindruckt davon, dass ihr immer noch der Rock vom Café-Vorfall fehlte. Sie stand nur in ihrer kaffeefleckigen Bluse, ihrem Bustier und ihren stets treuen gestreiften Strümpfen da. Der Dämon bemerkte es und sah ihn verwirrt an.

„Ähm, Miss? Ihr –“

„Lange Geschichte. Sehr lange Geschichte. Es geht um einen Stuhl und Physik.“ Holly grinste. „Wichtig ist: Ich bringe dich sicher nach Hause. Das ist mein Job. Und willst du einen Keks?“

Seine Augen leuchteten hoffnungsvoll. „Wirklich?“

„Wirklich.“ Holly schnappte sich ihre Bücher und bewahrte trotz ihrer offensichtlich nackten Stellen irgendwie ihre Würde. „Komm schon, Kleines. Wir reparieren das zusammen."

Mittwoch, 15. Oktober 2025

Flash Fiction :: Neues von Holly Owain [3]

Holly brauchte Koffein, bevor sie ihre Liste mit Entitäten in Angriff nehmen konnte, die noch vor Halloween des Landes verwiesen werden mussten. Sie stieß die Cafétür mit der Hüfte auf, die Arme voller Zauberbücher, und blieb sofort mit dem Absatz an der Fußmatte hängen.

Die Zeit verlangsamte sich.

Die Bücher flogen in die Höhe. Holly wirbelte vorwärts. Ihr Rock rutschte hoch. Um das Gleichgewicht zu halten, klammerte sie sich an den nächstgelegenen Tisch – auf dem eine halbvolle Kanne stand.

Sie landete auf einem Stuhl. Die Kaffeekanne landete auf ihrem Schoß, die Bücher regneten um sie herum. Ihr Hut landete perfekt auf dem Kopf eines schockierten Geschäftsmannes. Ihre neue Bluse – genau zehn Minuten getragen – wies nun einen Kaffeefleck in Form eines schreienden Geistes auf.

"autsch", sagte Holly und verkündete dem stillen Café: "Alles okay, das war Absicht!“

Der Barista, Tyler, zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Das Übliche, Holly?“

„Dreimal.“ Sie wollte aufstehen, als ihr Rock am Stuhl hängen blieb. Der Stoff riss dramatisch auf und löste sich dann vollständig ab. Holly stand da in ihrer Bluse und diesen unverwüstlichen schwarz-orange gestreiften Strümpfen. „Weißt du was? Bring einfach den ganzen Topf mit.“

Ein Kunde flüsterte laut: „Trägt sie …“

„Die ewige Frage!“, verkündete Holly fröhlich und posierte. „Niemand weiß es! Es ist mein Lieblingsgeheimnis!“

Tyler schob ihr den Kaffee hinüber. „Dieselbe Antwort wie immer?“

„Ich würde nicht im Traum daran denken, es zu verderben.“ Holly zwinkerte .

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Flash Fiction :: Neues von Holly Owain [2]

Ich brauche neue Kleidung“, verkündete Holly und marschierte im Bademantel und mit ihren Hexenstiefeln in Thornwoods einzige Boutique.

Die Besitzerin, Mrs. O‘Malley, blickte auf und schrie auf: „Holly! Du bist – du bist ja total na--“

„Nur technisch, okay?“ Holly blickte auf den Bademantel hinunter, der mit Kürbisflecken bedeckt war. „Okay, gutes Argument. Der Rock hat es nicht geschafft.“

Sie schnappte sich Kleidung und ging in die Umkleidekabine. Dreißig Sekunden später ertönte Hollys gedämpfte Stimme durch die Tür: „Ähm. Ich stecke fest.“

„Wieso steckst du fest?“

„Der Reißverschluss hat mich gebissen!“, fluchte Holly. „Außerdem glaube ich, dass ich es verkehrt herum angezogen habe. Kann ein Kleid falsch herum UND verkehrt herum getragen werden?“

Ein Krachen. Ein Aufschrei. Die Tür der Umkleidekabine fiel aus den Angeln.

Holly stand da, in einen Vorhang gehüllt, in drei verschiedene Kleider verwickelt, ihr Hut brannte irgendwie. Ein Stiefel hing von der Deckenlampe.

„Ich nehme sie alle“, sagte sie fröhlich und reichte eine Kreditkarte, während sie die Flammen ausklopfte. „Und vielleicht etwas Industriegarn?“

Mrs. O‘Malley seufzte nur, packte alles ein und fügte ein Nähset hinzu. „Das geht aufs Haus, Schätzchen. Ich glaube, du brauchst das.“

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Flash Fiction :: Neues von Holly Owain [1]

Holly wachte mit dem Gesicht nach unten in ihrem Kräutergarten auf und schmeckte Dreck und Reue.

„Ughhh“, stöhnte sie und rollte sich herum. Ihr Hut steckte irgendwo im Rosmarin. Ihr Rock war auf eine wirklich beängstigende Höhe hochgerutscht.

Mr. Whiskers saß auf dem Zaun und wedelte verurteilend mit dem Schwanz. „Harte Nacht?“

„Siebzehn Breschen versiegelt, einen Höllenfürsten verbannt und die ganze Stadt gerettet.“ Holly setzte sich auf, Blätter fielen ihr aus dem Haar. Ihr Bustier hatte sich komplett verdreht. „Außerdem glaube ich, dass ich in einer anderen Dimension einen Stiefel verloren habe.“

„Es ist der erste Oktober.“

„Genau! Halloween-Vorbereitungsmonat!“ Sie versuchte aufzustehen, stolperte über einen Gartenzwerg und fiel erneut aufs Gesicht. „Au. Okay. Neuer Plan. Erst Kaffee. Würde später.“

„Das sagst du jedes Jahr.“

„Und jedes Jahr klappt es.“ Holly grinste aus dem Dreck, irgendwie immer noch strahlend, obwohl sie aussah, als hätte sie gegen eine Heckenschere gekämpft und verloren. Ihre schwarz-orange gestreiften Strümpfe waren wie durch ein Wunder noch intakt – das einzige Teil ihres Outfits, das überlebt hatte. „Außerdem habe ich dreißig Tage Zeit, mich fertigzumachen.“

Sie stand auf, schwankte, und die Sicherheitsnadel ihres Rocks gab völlig nach. Der zerfetzte Stoff fiel vollständig ab.

Mr. Whiskers wandte den Blick ab. „Trägst du …“

„Das muss nur ich wissen und das Universum kann darüber rätseln!“ Holly posierte völlig unbekümmert, nur in ihrem verdrehten Bustier und den gestreiften Strümpfen. „Geheimnis ist Teil meines Charmes!"

Montag, 21. April 2025

Flash Fiction :: Piep-Show

Mallory biss in ein gelbes Marshmallow-Küken.
Süß, dann salzig. Dann metallisch.
Blut füllte ihren Mund. Sie würgte.
Das Küken grinste.
In der Küche zuckte die Tüte.
Winzige Küken piepsten – leise, dann schrill, wie tausend Babyfone.
Sie griff zum Messer. Zu spät.
Die Küken schlüpften, rissen die Folie auf, Zuckergesichter starrten gierig.
Der Ofen sprang an.
Sie sprangen hinein.
Brutzeit.
Mallory schrie, als ihr Rücken knackte, Arme zu Flügeln wurden.
Die Haut färbte sich gelb. Der Schnabel wuchs.
Die nächste Lieferung war bereit.
Extra fluffig.
Extra süß.

Sonntag, 20. April 2025

Flash Fiction :: Auferstehungssonntag

Am Karfreitag wurde sie beerdigt.
Am Sonntag war das Grab leer.
„Vielleicht ist die Erde eingebrochen“, sagte der Priester.
Aber die Ziege war verschwunden.
Dann der Hund.
Er hörte Kauen hinter dem Altar.
Dort war sie.
Sie nagte an einem Lammbein, Augen pechschwarz, Kleid zerrissen, summte rückwärts Kirchenlieder.
„Du sagtest, Auferstehung sei ein Geschenk“, zischte sie.
Er floh.
Sie folgte.
Seitdem regt sich jedes Jahr an Ostern etwas hinter der Kapelle.
Und nichts bleibt ewig begraben.

Samstag, 19. April 2025

Flash Fiction :: Osterparade

Sie marschierten schweigend.
Hüte, Anzüge, Kleider – tadellos. Doch die Gesichter: schlaff, die Augen trüb vom Verfall.
Die Osterparade der Stadt war zurückgekehrt – 80 Jahre zu spät.
Pater Doyle beobachtete vom Kirchturm, das Kruzifix wie ein Messer umklammert.
Er sah seinen Urgroßvater – halber Kiefer baumelnd – Kindern zuwinkend, die wie versteinert standen.
Als die erste Note der Geisterkapelle erklang, folgten die Lebenden – ruckend, verdreht.
Doyle läutete die Glocken, bis seine Hände bluteten.
Sie hörten nicht auf.
Ostern war wieder da.
Und ging nie mehr.

Freitag, 18. April 2025

Flash Fiction :: Das Hohle Ei

Jenny biss in das bemalte Ei. Es knackte – nicht aus Schokolade, sondern aus sprödem Knochen. Darin: ein winziger, mumifizierter Finger.
Ihre Mutter schnappte nach Luft. „Schon wieder“, flüsterte sie und starrte in den Korb.
Ein Ei pochte. Ein anderes zuckte.
Draußen ächzte die alte Weide im Wind.
Oma hatte immer gesagt, der Baum trage jedes Ostern Früchte – Kindheitslügen, geerntet von gierigen Wurzeln.
Jenny ließ das Ei fallen. Aus der Schale drang ein Wispern: „Du hast gesagt, du hast ihn nicht gestoßen.“
Hat sie ja auch nicht. Nicht richtig.
Die Wurzeln hörten zu.
Sie wussten es.

Samstag, 18. Juli 2020

Flash Fiction :: Ka, der Vogel der Schöpfung

Die Alte Rasse, die über den Kontinent Thuria herrschte, als es die schattenhaften ersten Königreiche der Menschen noch nicht gab, erzählt sich folgende Legende:
„Im Anbeginn der Zeit flog Ka, der Vogel der Schöpfung, aus dem Osten über die Länder der Menschen, seine ebenholzschwarzen Schwingen verdeckten die Sterne des Anbeginns der Zeit, und wir werden ihn nach Osten zurückkehren sehen am Ende der Zeit, wenn alle Dinge zu Ende gehen.“
Dies mag sein oder nicht sein. Von der Alten Rasse leben nur noch wenige, nicht mehr als eine Handvoll. Es sind hagere alte Männer mit affenartigen Armen und seltsamen Augen; Hexer, die den Menschen späterer Rassen mit unauslöschlichem Hass gegenüberstehen. Am liebsten würden sie uns allen den schwarzen Göttern opfern, die unter den Schatten der ebenholzschwarzen Schwingen geschlüpft waren: Dem Schatten, dem Skorpion, der Großen Schlange. Aber sie sind nur eine Handvoll, und wir sind viele.
Und mit jedem Jahrtausend werden es weniger.

* Thuria und Ka stammen aus den Geschichten von Robert E. Howard über "Kull den Eroberer", König von Valusien

Montag, 22. Juni 2020

Flash Fiction :: Das Mitternachtskino, eine Kritik

Die Psychologie sah wie ein Pharao aus; schreiend wie ein fühlendes Wesen, ein schwarzer Spalt im grünleuchtenden Schnee! Die letzten Götter tanzten, die blinden, die man nicht auf unserem Planeten findet! Zeit für das Mitternachtskino!“ Mit dieser aufpeitschenden Reklame hat man die Zuschauer in diesen dunklen Saal gelockt, wo schwarzer, staubiger Samt die abgestandene Luft zusammenzupressen scheint. Ein Kritiker hat sich mit ihnen verirrt, das schludrig gedruckte Programmheft im Revers. Alle Plätze sind besetzt, ein Gefühl ungeheurer Schuld liegt über dem Publikum. Eine neue Art von Film! Eine neue Art von Ausdruck! Was wird das Mitternachtskino offenbaren? Wellen der Zerstörung kommen aus den hintersten Rängen, gewisperte Warnungen und Prophezeiungen, die andere nicht sehen dürfen; durch diese erstickende Nacht, durch diesen abstoßenden Friedhof des Universums. Hinter den Welten vage Geister schrecklicher Dinge, hirnloser Zwerge, die hervorkommen und sich auf den Köpfen niederlassen.

Die Stimme des Kritikers: „Die allgemeine Spannung war grauenhaft, als das elektrische Licht schwächer zu werden begann. Auf die Leinwand geworfen sah ich das Kreischen der Städte. Optische Musik sollte dargestellt werden, bewegte Ornamente, lebende Architektur, miteinander verschmelzende Farben, gigantische Grabeswinde auf grünen Wassern. Sprechenrampenfremd, buchfeindlich, losgelöst von allem Zuvorgewesenen, ein eigener Stil von Film. Dumpf, delirierend, dunkel. Es gibt eine teuflische Änderung in der Jahreszeitenfolge und böse Gesichter, eine brütende Vorahnung schrecklicher körperlicher Gefahr. Durch die glitzernde Leinwand strahlt das Gefühl einer weitverbreiteten, allumfassenden Gefahr, die einem die Luft nimmt. Abscheuliche Schlangen, absurd, eine Sinfonie des Grauens, doch sorglich durchgearbeitet, handwerklich vollkommen, in sich abgeschlossen.“


Sonntag, 22. Dezember 2019

Flash Fiction :: Der Samariter

Über der Welt stand ein einsamer Mann an einem Fenster, das so groß war, dass er seine Ränder nicht sehen konnte, selbst wenn er den Kopf in den Nacken legte. Unter ihm, ein paar Meter oder auch viele hundert Kilometer, drehte sich der Planet in gleichmäßiger Bewegung dem Sonnenlicht entgegen. Seine Augen verweilten einige Augenblicke auf den dunklen Schatten des großen Kontinentes, auf dem er geboren worden war, unter den strahlendweißen Wolkenbändern, dann war die Landmasse entschwunden, und das offene, schimmernde Türkisblau des Ozeans, übersät mit dem brillanten Schimmern versprengter Archipel, kam in Sicht. Kurz schimmerte es blau und grün und weiß vor ihm, dann verdunkelten sich die Farben und vermählten sich mit der Finsternis der Nachtseite. Der Satellit umkreiste die Welt einmal in drei Minuten. Manchmal fühlte er sich wie ein Geist, wenn er auf die Lichter herabsah, die die Nacht übersäten – kalte, zwinkernde Lichter wie die Sterne jenseits dieser kleinen Kugel unter ihm. Ein Geist, ein einsames Auge inmitten der Leere des Weltraumes. Sah vielleicht irgendjemand da unten zu ihm empor, irgendeine einsame Seele, die ebenfalls nicht schlafen konnte? Aber der Satellit war vom Boden betrachtet nur eines von Millionen winzigen Lichtern, leicht zu übersehen und bedeutungslos in dem gähnenden Abgrund, durch den der Planet raste. Er wandte sich ab, als die Dunkelheit der Nachtseite dem schimmernden Weiß und Blau wich, die sich in neuen Mustern über der Westküste des Kontinentes zusammenzog.

Der Klang seiner Stiefel hallte weit in den langen Korridoren, die vor ihm lagen. Er warf seinem Spiegelbild einen kurzen Blick zu, als er an einer blankpolierten Stahltür vorbeiging. Sein Gesicht, eingerahmt von kurzen, bereits grau werdenden Harren, ein flüchtiger Schatten über dem dunkelblauen Schemen seines Uniform. Er war ein Samariter, so nannte man sie nun, die Männer und Frauen, die die orbitale Satellitenstation in der Atmosphäre des Planeten bemannten. Ein goldenes „S“ in einem Pentagon, dem Abzeichen der Terranischen Raumabwehr, das auf die rechte Brustseite der Uniform geprägt war, gab Zeugnis davon, dass der Spitzname, den man vor etwa zwei Jahrzehnten für die einsame Besatzung der Station geprägt hatte, inzwischen auch Eingang gefunden hatte in den offiziellen Sprachgebrauch. Samariter nannte man sie, weil sie die einzigen waren, die von ihrer Arbeit keinen Nutzen haben würden, die vor allem aus der Beobachtung des Wetters und der tektonischen Aktivitäten des Planeten, sowie dem In-Raum-Scanning des Sonnensystems bestand. Die Samariter waren die einsamen Wachhunde des Planeten, die ihren undankbaren Job schweigsam in den endlosen Stahlkammern der Station verrichteten. Das einzige, was ihnen geblieben war, als sie sich freiwillig für den Dienst auf dem Satelliten verpflichtet hatten, war, die Welt zu beobachten. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, bis der Dienst abgeleistet war, oder der Tod einen von ihnen auslöschte und ein neuer Samariter an Bord kam.

Der einsame Mann hoch über der Welt blieb stehen, doch das Echo seiner Schritte setzte sich noch einige Augenblicke fort. Auch heute war er nicht der einzige Geist, der den Himmel heimsuchte.

Weniger Flash Fiction als ein Fragment, das entstanden ist, als ich vor 20 Jahren (1998) versucht hatte, die Geschichten um den Grünen Planeten Nemedia aus meinen Jugendwerken, neu zu beleben und in einer griffigeren Form umzuschreiben. Naja, es war einen Versuch wert. *Seufz*

Samstag, 27. Oktober 2018

Flash Fiction :: Jenseits aller Träume

Wenn der Herbstwind weht, kommt die Erinnerung wieder, und das weinfarbene Laub auf den stillen Straßen wird neu gemischt. Ein Orakel, die Karten eines unvollständigen Tarotspiels: Kannst Du in ihnen die Zukunft lesen, oder die Vergangenheit?

Die Erinnerung ist bruchstückhaft, die Trümpfe seltsam verändert. Dies sind die Blätter, die man die Großen Arkana nennt, die großen Geheimnisse, das Verborgene: „Der Turm in Ruinen“, „Der Lächelnde Tod“, „Der Engel der Tränen“ und „Das Seltsame Äon“.

Noch tanzen sie auf den stillen Strassen, bevor der Wind sie mit sich trägt, um ein neues Muster zu werfen, für einen Augenblick, für eine Ewigkeit.

Du bist diese Wege bereits zuvor entlang gegangen, entlang der nebelverhangenen Ruinen der Zeit. Die Tage stehen im Zeichen des Skorpions, die Sonne hat die Fetisch-Uniform des Pluto angelegt; an dem erhobenen Stachel zittert ein einsamer, schimmernder Tropfen Gift, der magische Spiegel: Kannst Du in ihm die Zukunft lesen, oder die Vergangenheit?

Bald wird aus dem Stachel Plutos die Sichel Saturns, dicht angelegt an der Kehle des Tages. (Eine Ader pocht unter der rostigen Klinge, zittert unter dem unglaublichen Gewicht der Zeit.)

Du kannst meditieren, du kannst beten; du kannst rennen, aber du kannst dich nicht verstecken. Der Herbst steht hinter Dir: ein bleiches Gesicht, eine fahle Form im Nieselregen. In der Finsternis über uns eine erhobene Klinge.

Dann ein Blitz, der Regen bringt.

Mittwoch, 29. November 2017

Flashige Fiction

Kurzes Statement:
An dieser Stelle erscheinen recht unregelmässig kurze Skizzen oder Geschichten, die meistens dann entstehen, wenn ich eine Idee habe, die zu gut für meinen kleinen Verstand ist und ich irgendwann a) frenetisch Worte auf den Bildschirm werfe oder b) einen Text um allzu üppigen Wildwuchs beschneide.
(Das ist richtig, die meisten meiner Geschichten sind beschnitten!)
Oder stream-of-consciousness...
...oder cut-up...
...oder eine andere Art von Selbstbestrafung.
Dies nur mal so am Rande. Anstelle eines neuen Textes erst einmal ein Verweis auf etwas, was ich damals zu Zeiten der 'satanischen Panik' und der neckischen Infobroschüren der Innenbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg geschrieben habe.
Denn wisset, Satinisten und Okkultisten sind ganz böse, genauso wie diese Metaltypen.
Aber am schlimmsten sind

Die Smegma-Sammler vom Sirius!

Mittwoch, 15. November 2017

Flash Fiction :: Perle der Finsternis

Die Dämonen der Finsternis haben eine Königin, die sie mit aufrichtiger Liebe verehren.

Es gibt keinen unter ihnen, den Dienern und Boten der Finsternis, der nicht alles für einen Wimpernschlag geben würde, selbst sein unsterbliches Leben.

Die Ritter der Finsternis, die Ritter der Unterwelt schenken ihr schwarze Juwelen für ihre weiße Stirn.

(Seelen besitzen sie nicht, und wenn, hätten sie diese schon vor langem vor den kleinen Zehen ihrer bloßen Füße geopfert…)

Niemand wird dies bezweifeln, der sie schon einmal auf ihrem schwarzen Thron im Herzen dieses unbekannten Landes gesehen hat, das manche den Phantom-Kontinent nennen.

In der Finsternis schimmert ihr Leib wie eine Perle. Sie ist nackt wie eine Flamme, ihr langes Haar fällt bis zu den Hüften, blutig rot, und rot wie Blut ist auch ihr hungriger Mund.

(Eine größere Schönheit hat es nie gegeben; wen wundert es, dass die Dämonen sie lieben und jeden Schritt ihrer kleinen Füße verehren?)

Sie ist die scharlachrote Hexe, die Tochter der Hölle, die Werwölfin; die Herrin des Phantom-Kontinentes, der Dunklen Welt, der Hexenwelt.

Sie geht vorbei, und der schwarze Stein seufzt unter ihren Füßen. Selbst die Verdammten weinen, wenn sie sie sehen, denn auch wenn sie im Jenseits, in der Finsternis Gefangene der Dämonen sind, sind sie doch ebenso wie ihre Kerkermeister vor allem Gefangene dieser Schönheit.

Für einen Kuss von ihr würden sie alles geben, aber dieser Kuss würde bis in alle Ewigkeit auf ihrer Haut brennen.

Denn dies ist die Macht der Hexenwelt, das Mal der Dämonen: Schönheit, vor der alles verdorren muss.


Gewidmet Hugh Walker, eine von mehreren Skizzen unter Verwendung der Einzeltitel der Terra Fantasy-Taschenbuchreihe.

Sonntag, 22. Oktober 2017

Flash Fiction :: Halloween Pierrot

Weißes Gesicht, schwarzer Himmel….

Der mondbleiche Mann Pierrot stolpert durch den nachtdunklen Wald. Die Klinge in seiner Hand, scharf wie die Mondsichel, funkelt hell wo sie nicht feucht und schwarz glänzt.

Schwarz ist die Farbe von Blut im Mondenschein. Sein falsches Licht wandelt alle Farben zu Variationen von Grau; die Schatten sind Abgründe, die begierig darauf warten, dass man in sie stürzt.

(Sollte dies geschehen, ist es ein Sturz ohne Wiederkehr.)

Eine Beschwörung: hier der Kreis der Anrufung, dort das Dreieck der Manifestation. Pierrot wendet sein Gesicht dem fahlen Himmelskörper zu: eine weiße reglose Maske, die Augen Teiche absoluter Finsternis.

(Was die meisten vergessen, ist dass der Mond nur ein Spiegel ist, der das Licht der Sonne auf die Erde reflektiert, und wie jeder Spiegel gibt er nur das Antlitz des Betrachters wieder. Er reflektiert unser Licht auch zur Sonne, aber die Sonne sieht uns nicht.)

Pierrot, das Mondmesser in der Hand, ist verrückt vor Liebe. Irgendwo in diesem Wald ist der Schatz seiner Highschool-Tage. Ihr Name ist Colombine, ihr weißer Leib eine fahle Flamme in ihrem weißen Gewand. Ihr Liebhaber heißt Harlekin, und das einzige, was von ihm zu sehen ist, sind seine hellen Augen und das verächtliche Grinsen. Das kranke Mondlicht hat alle Farben seines Flickengewandes geschwärzt.

Pierrot will sie finden, um seine Liebesgeschichte zu erzählen.

(Eine Halloweengeschichte, von weißem Gesicht und weißer Klinge, und dem feuchten schwarzen Glanz im Mondenlicht.)

So stolpert er durch den nachtdunklen Wald, unklar, was sich in dem Dreieck ihrer Beziehung manifestieren wird. Er weiß nur, dass er diese Geschichte erzählen muss, bevor die Sonne aufgeht und die Welt wieder mit wilden Farben erfüllt.

(Manche Dreiecke haben Winkel, die so spitz sind, dass man sich an ihnen schneidet…)

Sonntag, 23. April 2017

Flash Fiction :: Aus den Tiefen

"Der Mond ist vom Himmel gefallen und hat sich wieder der Erde vermählt, aus der er einst geboren wurde; Abgründe haben sich eröffnet, die seit Äonen verschlossen gelegen haben, und all des Menschen Werk ist in Staub zerfallen. In toter Stille schlafen die zerfallenen Häuser und die trümmerbedeckten Straßen, dort, wo vor Zeiten einst die Mengen wandelten, geschäftig, eilig, den Geschäften einer edlen Dynastie verpflichtet. Doch nun herrscht nur noch Schweigen und Finsternis, und manchmal scheint es, als ob man Murmeln und Schlurfen hört, und ein Geräusch, als ob sich tief unter der Erde Türen öffnen und schließen würden.
Es heißt, dass manches Nachts schlanke, bleiche Gestalten aus den schwarzen Reichen von Yoth und Naggai, Atvatabar, Mizora, Skartaris emporsteigen, um im Licht der schwarzen Sterne in den Trümmern einer lang vergang'nen Zivilisation zu wandeln. So groß ist ihre Schönheit, dass jeder, der sie sieht, mit seinem Leben bezahlen muss, wenn der Schlag seines Herzens vor Verzückung innehält. Sind es Engel, sind es Seelen?
Oder nur die feenhaften Geister derer die lebten, bevor der Mond sich der Erde wieder vermählte? Bleich und schlank sind sie, unbekleidet, fahl im Sternenlicht. Über ihren maskenhaften Gesichtern sträubt es sich bebend wie ein Knäul augloser Nattern, oder der Tentakelkranz einer Seeanemone.
Ein Geräusch ertönt, als ob sich tief unter der Erde Türen öffnen und schließen würden…
Dann herrscht wieder Dunkelheit und Leere.

(Gestrichenes Material aus "An den Ufern von Demhe")

Freitag, 20. März 2015

Flash Fiction :: Die Ägyptische Verschwörung

"Die Typen an der Ecke verticken momentan echt krasses Zeug, Clithni, Mnophka, reine Phantasienamen, Drogen vom Pluto… einmal auf dem Trip, kannste Dich außerhalb der Zeit bewegen, und siehst den ganzen Scheiß als Beobachter von außen, wie in einem Museum oder einem Comic, jeder Moment eingefroren in einem Panel, Vierfarbmagie, kirbymässige Sciencefiction, Flachreliefs aus Tachyonenpixeln, die Ausstellung von Ptah dem Bildner… die Zeit hat dann keine Macht mehr, das höchste High, dass Du Dir vorstellen kannst, ab und weg in die Heutemorgengesternwelt, keine Grenzen, keine Gesetze im ewigen Frieden des Nyarlat… der erste Hit ist immer umsonst, aber Du kommst immer wieder für mehr.“

„Damit finanzieren sie ihren Heiligen Krieg, Mann, denen ist jedes Mittel recht. Es ist alles ein Trick, finster, Mann, aber Du kriegst auch nicht raus auf welcher Seite sie stehen. Alles Agenten des Ägyptischen Reiches… all die Typen in den bunten Kostümen, superstark und unverwundbar durch ägyptische Magick… Shazam, Ibis, Lamesis… der Goldhorus wiedergeboren…. Ein ägyptischer Prinz fliegt auf Falkenschwingen über New York City, der alte Zauberer tief unter Fawcett City, am Ende der U-Bahn... die Pharaonen sind nie gestorben, und regieren die Welt seit sechzig Jahrhunderten… zusammengestückelte Mumien, künstlich erzeugt durch die Verbindung menschlicher Rümpfe und Gliedmaßen mit Tierköpfen… unter der Großen Pyramide haben Sie ein Tor in die Hohlwelt erbaut, Nitokris herrscht da, die raffinierte Nitokris, die die Schleusen öffnen ließ, und der Schwarze Pharaoh… das Gesicht einer Sphinx, oder gar kein Gesicht, alles im ewigen Frieden des Nyarlat.

„Ich habe es gesehen, von außen: Vierfarbmagie, wie in einem Museum. Zeit beschämt, Geist verwirrt, das Verständnis dunkel… finster, Mann… Das ist nicht tot, das ewig lügt… die größte Verschwörung aller Zeiten, ägyptische Maurerei, Thelema, das Auge im Dreieck… die Pharaonen sind nie gestorben, und regieren die Welt seit sechzig Jahrhunderten… Ägypten, Het-ka-Ptah, das Haus der Seele des Ptah, Mizraïm, das Schwarze Land Khemet, die Erben der Schlangenkönige Stygiens… Sie führen ihren heiligen Krieg außerhalb der Zirkel der Zeit… wir sind für sie alle nichts als Barbaren, Nomaden im Roten Land, der Wüste Deshret, das Verlassene Land, desertum… Vierfarbmagie, Mann… das Blaue Land und das Gelbe Land haben lange nichts von sich hören lassen… CMYK, CMYK, Mann, die Droge vom Pluto… Der erste Hit ist immer umsonst, aber Du kommst immer wieder für mehr…“


Flashfiction, aus den Notizen zu "Der Insider" (Arbeitstitel)

Montag, 28. April 2014

Flash Fiction :: Krieg im Himmel

Seit über zwei Millionen Jahren tobt ein Krieg im Herzen der Milchstraße. Während all der Zeit hat es nie einen Moment des Friedens gegeben, nur kurze der Momente der Ruhe zwischen zwei Schlachten. Sobald eine der zahllosen Fronten, die über Raum und Zeit verstreut sind, still zu stehen drohte, trat der Konflikt in eine neue Phase, und alles begann von neuem.

Spionage und Gegenspionage sind eben sooft eingesetzte Waffen in diesem Krieg wie das Brüllen der Strahlenwaffen, die Planeten zertrümmerten. Und Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert, breitet sich der Konflikt weiter aus. Von Planet zu Planet wird der Keim der Unrast weitergetragen, mit dem schlangenhaften Zischeln des Gerüchtes und dem schweren Tritt von Soldatenstiefeln, und erfasst immer mehr Unbeteiligte.

Was einst nur einige Sterne im Herzen der Galaxis betraf, hat sich längst wie eine ansteckende Krankheit entlang der Spiralarme ausgebreitet und tief in die Herzen der Sternhaufen gefressen, ja, hat inzwischen sogar die abgelegenen Sterne des galaktischen Randes erreicht. Und selbst die Bewohner der Welten, die diese Kunde noch nicht erreicht hat, erahnen sie fast, wenn sie den Nachthimmel betrachten oder in die Unendlichkeit des Raumes lauschen: Leuchtende Blumen farbigen Gases erblühen in der Finsternis, wo Planeten verglühen; erregte Stimmen zwitschern auf allen Bändern des elektromagnetischen Spektrums, bevor sie abrupt ersterben, und da sind Sterne, wo vorher keine waren.

Es ist wahr, der Krieg ist überall.

(gefunden in einer Datei mit dem Titel "Nexus", was eigentlich ein ganz anderer Roman war, den ich noch nicht eingescannt habe... Seltsam und seltsamer...)

Sonntag, 9. Februar 2014

Flash Fiction :: Die Stadt, die ein Haus ist, ist auch ein Schädel


Die Stadt, die ein Haus ist, ist auch ein Schädel. Riesig, altersgelb und fahl ragen ihre Zähne aus dem sienagelben Sand der Wüste. Die Wüste selbst ist alt, älter als die Stadt. Die zerbröckelnden Gebeine von Bergen und vergessenen Städten haben sich jahrtausendelang angesammelt, und die kalten Winde des Ödlandes verteilten sie, wie spielende Idiotenkinder, solange, bis nur noch eine einzige, flache, gleichmäßige Ebene von lebloser Perfektion übrig blieb. Die Schönheit dieses fernsten aller Länder hat Poeten weinen lassen und manchen Helden sein Schwert fortwerfen; dessen stählerner Leib zu rotem Rost und dessen Rost zu einem weiteren Partikel der allumfassenden Öde wurde, deren Name 'Vergessen 'ist.

In dieser Wüste namens Vergessen ist die Stadt, die ein Haus ist, und ein Schädel, die größte und die einzige Ansiedlung. Vor langer, langer Zeit, standen noch andere Städte und Burgen auf den grünen Hügeln am Rande der fröhlichen Bäche, doch die Bäche sind längst verschwunden, und die Städte und die Burgen sind mitsamt den Hügeln, auf denen sie einst standen, zu dem Staub geworden, dessen Ströme vom seelenlosen Wind getrieben in die Wüste fließen.

Die blankäugigen Bewohner der Stadt, in ihren insektenartigen Rüstungen und wallenden Gewändern, die über die aus Knochen geschnitzten Straßen mit ihren weit in die stürmische Leere der Wüste herausragenden Alkoven und terrassenartigen Balkone schreiten, widmen diesen Umständen keine Gedanken. Es ist nicht Lethargie, die aus jeder ihrer schlafwandlerischen Bewegungen spricht, sondern die vollkommene Ordnung, die jeden Aspekt ihres Daseins regiert. Die Stadt, die ein Haus ist, ist auch ein Schädel, und das Chaos wurde schon vor so langer Zeit aus ihren Zimmern verbannt, dass selbst die Erinnerung daran Teil des Staubes der allumfassenden Öde wurde, deren Name 'Vergessen 'ist.

Die vollständige Version dieses Textes demnächst in einer der Anthologien von Nemed House!

Sonntag, 23. Juni 2013

Flash Fiction :: Wilcox' Visionen


Psychosexuelle Projektionen… eine Baukunst des Fleisches, Portale wie Genitale, okkult-magisch, polymorph pervers, Vesica Pisces, darin die Perle ohne Preis… diese feuchte zyklopische Stadt aus schleimig grünem Gestein, eine Geometrie, die sittenlos und falsch ist, völlig falsch…

Er hatte diesen Ort in einem Traum gesehen… abnorm, nicht euklidisch und auf ekelerregende Weise an Sphären und Dimensionen fern der unseren erinnernd. Nichts Gerades, keine Fluchtlinien, kein Zugriff… verschlagene Bedrohungen und Ungewissheiten laueren lüstern in den trügerischen Winkeln behauenen Steins.

Ist es eine Aushöhlung? Ist es eine Wölbung? Es wächst und wogt, nachgiebig, feucht. Diese zyklopische Stadt aus schleimig grünem Gestein, aus dem Meer tauchend, dem Symbol des Unbewussten. Ohne Namen, namenlos, und doch immer wieder auftauchend… ein Zyklop anzüglicher Architektur, ein einziges Auge in der Höhe, das nie blinzelt.

Die Psychologen, die seinen Ausführungen lauschten, warfen sich bedeutsame Blicke zu, bevor sie die Zellentür schlossen.

Wie Wilcox gesagt hatte, war die Geometrie dieses Ortes völlig falsch.