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Samstag, 18. Juli 2020

Werkstattbericht 2020-07-18



Herzliche Grüße von der Nordseeküste, aus den mythischen Gefilden von Zollern am Meer, wo der Sommer entspannt vorüberschlendert, und sich wieder mal nicht entscheiden kann, ob es die ganze Mühe wert ist. Und? Ist es das wirklich?



#PandemischeParallelwelten
"Jorge Luis Borges’ well-known quip on metaphysics being a branch of fantastic literature... requires that the converse be true – fantastic literature and science fiction are the pop metaphysics (or the “mythophysics”) of our time."
Ein Zitat der Woche, das ich vor längerer Zeit gestohlen habe, und jetzt noch einmal veröffentliche, nachdem ich die Quelle unkenntlich gemacht habe. Nur ein weiteres Symptom einer semiotischen Krankheit. Zuerst spürte ich Verärgerung ob Professor Tolkiens Krypto-Katholizismus, der seine ganze Welt durchzieht. Dann spürte ich essentiellen Ekel, als ich begriff, dass Lovecrafts Mono-Mythos weder kosmisch noch schrecklich ist, sondern nur die erbärmliche Projektion einer gleichzeitig lächerlichen und widerlichen Xenophobie.
  • Kann man den Autoren von seinem Werk trennen? (Und ich meine nicht, es ihm schreiend aus seinen Fingern reissen, um es unter anderem Namen zu veröffentlichen.)
  • Wieviel von der Seele des Autoren schwingt im geschriebenen Wort? Wieviel von seinen Vorlieben, seiner persönlichen Hygiene, seinen politischen Überzeugungen?
  • Was kann man noch verzeihen, was kann man noch lieben?
  • Ist "The Call of Cthulhu" wirklich "Weird Fiction" oder schwingt es auf einer Welle mit den "Protokollen der Weisen von Zion"?

Montag, 22. Juni 2020

Flash Fiction :: Das Mitternachtskino, eine Kritik

Die Psychologie sah wie ein Pharao aus; schreiend wie ein fühlendes Wesen, ein schwarzer Spalt im grünleuchtenden Schnee! Die letzten Götter tanzten, die blinden, die man nicht auf unserem Planeten findet! Zeit für das Mitternachtskino!“ Mit dieser aufpeitschenden Reklame hat man die Zuschauer in diesen dunklen Saal gelockt, wo schwarzer, staubiger Samt die abgestandene Luft zusammenzupressen scheint. Ein Kritiker hat sich mit ihnen verirrt, das schludrig gedruckte Programmheft im Revers. Alle Plätze sind besetzt, ein Gefühl ungeheurer Schuld liegt über dem Publikum. Eine neue Art von Film! Eine neue Art von Ausdruck! Was wird das Mitternachtskino offenbaren? Wellen der Zerstörung kommen aus den hintersten Rängen, gewisperte Warnungen und Prophezeiungen, die andere nicht sehen dürfen; durch diese erstickende Nacht, durch diesen abstoßenden Friedhof des Universums. Hinter den Welten vage Geister schrecklicher Dinge, hirnloser Zwerge, die hervorkommen und sich auf den Köpfen niederlassen.

Die Stimme des Kritikers: „Die allgemeine Spannung war grauenhaft, als das elektrische Licht schwächer zu werden begann. Auf die Leinwand geworfen sah ich das Kreischen der Städte. Optische Musik sollte dargestellt werden, bewegte Ornamente, lebende Architektur, miteinander verschmelzende Farben, gigantische Grabeswinde auf grünen Wassern. Sprechenrampenfremd, buchfeindlich, losgelöst von allem Zuvorgewesenen, ein eigener Stil von Film. Dumpf, delirierend, dunkel. Es gibt eine teuflische Änderung in der Jahreszeitenfolge und böse Gesichter, eine brütende Vorahnung schrecklicher körperlicher Gefahr. Durch die glitzernde Leinwand strahlt das Gefühl einer weitverbreiteten, allumfassenden Gefahr, die einem die Luft nimmt. Abscheuliche Schlangen, absurd, eine Sinfonie des Grauens, doch sorglich durchgearbeitet, handwerklich vollkommen, in sich abgeschlossen.“


Sonntag, 10. Mai 2020

Mythos :: Säulen aus Gelee



"Weird, glistening shapes looming amidst the unbroken snows of polar summits, threshing tentacles in the moonglow, shrill ululations -- like moving pillars of quaking jelly, somehow strayed from other worlds or far dimensions."

Freitag, 1. Mai 2020

Mythos :: Traumsucher [3]



Notizen aus dem Platinbuch

Ist YOG-SOTHOTH der Erlöser? Σωτήρ (Erlöser, Heiland) ist im Gnostizismus derjenige, der die Seele aus der Gefangenschaft des irdischen Archonten und Demiurgen Jaldabaoth befreien wird.

Die Götter von Pegāna erscheinen weniger unerbittlich als manchmal eifersüchtig, neidisch oder hochnäsig - menschlich, allzu menschlich. Und auch wenn die Bewohner der Welten tatsächlich Spielfiguren oder Teil eines der Spiele der Götter sind, so sind diese Spiele gleichzeitig auch die Bedeutung des Lebens und des Äons. Aber es klingt sehr nach dem "Mythos", Sie entspricht dem, was die Leser von Lovecraft irgendwann den "Cthulhu-Mythos" nannten - er selbst tendierte zu "Yog-Sothotherie". (Und dies ist zweifellos korrekt, denn der Große Cthulhu ist nur ein in einer Art invertierter Gnosis auf der Erde gefangener Außerirdischer... der Hohepriester einer radikal fremdartigen Religion, der nur darauf wartet, erlöst zu werden und ins Pleroma der Leere zurückzukehren...) Dies klingt wenig In Dunsanys Mythos werden die Welt und die Götter erschaffen von MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ, der solange schläft, wie SKARL der Trommler spielt. Und wenn SKARL aufhört zu spielen, dann wird MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ erwachen und neue Welten und neue Götter erschaffen. In Lovecrafts Mythos hat dieser große Allerälteste die Form des Dämonen-Sultans AZATHOTH angenommen, das nukleare Chaos im Zentrum der Universums, das jenseits der Zeit inmitten des gedämpften, rasendmachenden Schlags nichtswürdiger Trommeln und des dünnen, monotonen Gewinsels verwünschter Flöten brodelt und lästert.


AZATHOTH ist wie MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ, alle Existenz ist in ihm enthalten und von ihm abhängig. Er ist "GOTT" - der wahre "gute" Gott des Pleromas, der jenseits der Existenz ewiglich herrscht und zu dem die befreiten Seelen zurückkehren werden.

MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ kann so sein, aber er schläft.

AZATHOTH jedoch ist nicht nur "grenzenlos", er ist auch "hirnlos".


Das ist die Quintessenz von Lovecrafts "Mythos" - der ultimative Gott ist ein sabbernder Idiot. Zu ihm reichen keine Träume, so werden wir versichert, und er herrscht in Leere und völliger Verwirrung. Im Gegensatz zum gnostischen Weltbild gibt es hier kein Entkommen. Genauso wie in der realen Welt.


(Ist es da ein Wunder, dass manche ihr Heil in Traumwelten suchen?)

Sonntag, 10. November 2019

Merkwürdige Äonen [5]



Das Zeitalter der Namenlosen Stadt


The Nameless City“ ist keine große oder vielleicht auch nur besonders gut bekannte Geschichte von H. P. Lovecraft – vielleicht gerade, weil hier viele der Bausteine und Elemente, die er in späteren Werken viel effektiver einsetzte, das erste Mal auftauchen. Die Namenlose Stadt steht noch knapp auf der Schwele zur Imitation größerer Autoren – die Dimensionen und Proportionen sind noch bescheidener und unverzerrter, als sie sich in der Zukunft anbieten mögen. Wurde deswegen die Namenlose Stadt in der weiteren Entwicklung des Mythos nicht weiter berücksichtigt, außer halbherzigen Erwähnungen am Rande? Das Volk, das sie erbaute – „haßverzerrt, grotesk herausgeputzt, halb durchsichtige Teufel einer Rasse, die niemand verwechseln kann – taucht im Mythos nie wieder auf. In der größeren Architektur von Lovecrafts Werk und seinen Epigonen spielt sie, „die über die Welt herrschte, bevor Afrika aus den Wogen auftauchte“ keine Rolle.

Dennoch ist der Gedanke verlockend, vielleicht auch quälend, sich einen Mythos vorzustellen, der sich von hier aus weiterentwickelt hätte, mit dem gleichen Duktus und der Geschwindigkeit, die Lovecraft zu jenen Ruinen tief im Inneren der Arabischen Wüste geführt hatte. Kein Cthulhu-Mythos, nicht mal ein cthulhoider, sondern der Mythos von den Echsen-Königen, die Millionen jahre über diesen Planeten herrschten, bis die Wüste ihre ehemalige Küstenmetropole erstickte; der Mythos von der Alten Rasse, die Meilen unter der Menschenwelt im astralen Lichtmeer der Innenwelt darauf lauert, zurückzukehren.

Wie fremdartig müssen diese Wesen für uns sein, wenn wir ihnen einmal gegenüberstehen – Wesen, die aus einer Zeit stammen, in der sich noch nicht einmal die höheren Teile unseres Gehirns entwickelt hatten?

Der einzelne flüchtige Blick in seltsame Äonen: Welt und Natur sind hilflos gegen solche Angriffe aus den aufgebrochenen Brunnen der Nacht, auch kann kein Zeichen oder Gebet den Walpurgisaufstand des Grauen aufhalten. Und schon sind wir unsicher, wer oder was es ist, was ewig lügen kann.

Sonntag, 3. November 2019

Merkwürdige Äonen [4]



Das Zeitalter der Namenlosen Stadt


Anklänge finden sich auch an das sagenhafte Ägypten aus „The Cats of Ulthar“ (1920), ebenfalls eine Dunsany-Imitation, in der Lovecraft fulminant die Katze als „die Seele des alten Aigyptos“ identifiziert. „Die Sphinx ist ihre Cousine“, preist sie der Autor, „und sie spricht ihre Sprache; aber sie ist viel älter als die Sphinx und erinnert sich an das, was jene vergessen hat.“

An einer anderen Stelle werden die sagenhaften Kolosse des Memnon erwähnt, die Statuen des Amenophis III. beim Luxor, und das Geräusch, das das Öffnen und Schließen der Bronzetür in die „Innere Welt“ verursacht, wird mit dem klagenden Ton verglichen, den die Kolosse einst bei Sonnenaufgang ausstießen. (Erstaunlicherweise ist dieses Phänomen der einzige von Lovecrafts Verweisen, der wissenschaftlich belegbar und nicht einer Traumwelt oder Legende entstammt.) Die Katze mag „älter als die Sphinx“ sein, die Namenlose Stadt aber ist „Urahne der ältesten Pyramide“ – bedrohlich und rätselhaft wie die Frage nach ihren Erbauern. „Furcht sprach aus den zeitbenagten Steinen dieses altersgrauen Überbleibsels der Sintflut“, so heißt es. Es ist offensichtlich – die Namenlose Stadt entstammt seltsamen Äonen.

Ein Detail am Rande, leider nicht von Lovecraft angewandt: Der schreckliche ägyptische Fruchtbarkeitsgott Sobek, er mit dem Krokodilskopf, trug als Beinamen den Titel Djedi, der Dauernde. Wie lang mag er wohl gedauert – und gewartet haben? „Die Altertümlichkeit des Ortes war unerträglich“, so heißt es weiter, „und ich sehnte mich danach, irgendein Zeichen oder eine Vorrichtung aufzufinden, um zu beweisen, daß die Stadt wirklich von menschlichen Wesen errichtet wurde. Es gab in den Ruinen gewisse Proportionen und Dimensionen, die mir nicht behagten.“ Ähnlich werden auch die Hinterlassenschaften anderer außermenschlicher Kulturen in den Folgegeschichten des Mythos beschrieben; hier ist diese Beschreibung aber auch noch ein zartes Echo der Faszination, mit der man früher den Hinterlassenschaften der Pharaonen begegnet ist.

Sonntag, 27. Oktober 2019

Fear of the Unknown Vol. I, Nr. I

"The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown."
H.P.Lovecraft


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Merkwürdige Äonen [3]



Das Zeitalter der Namenlosen Stadt


Das ist nicht tot, was ewig lügen/liegen kann.
Und mit seltsamen Äonen kann sogar der Tod sterben.“


Das berühmte Zitat bezieht sich hier augenscheinlich auf die Bewohner der Namenlosen Stadt im Inneren der Arabischen Wüste, die in den Tiefen ihrer „Inneren Lichtwelt“ überdauert haben – in „The Call of Cthulhu“ wird dieselbe Stelle mehr oder weniger unverändert wieder verwendet, bezieht sich jedoch plötzlich auf den außerirdischen Titelhelden. „In seinem Haus in R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu“ auf die Zeit, da die Sterne richtig stehen und er wieder erwachen wird. In diesem Zusammenhang wird aus dieser Sentenz die Quintessenz des Mythos, und der ekstatische arabische Dichter zu seinem Propheten.

„The Nameless City“ wird aus diesen Details heraus – wie erwähnt – oft als die erste Geschichte des „Cthulhu Mythos“ angesehen. Dies ist nicht richtig. Sie ist Proto-Mythos, und liefert einige Bausteine, die Lovecraft in späteren Geschichten zitiert, um die Illusion eines Kontinuums zu suggerieren. Erst dies ist der vielbeschworene Mythos, „The Nameless City“ liegt davor und greift auf andere Quellen zurück.

Zum einen bildet sie die Faszination ab, die Lovecraft als junger Mensch für die Geschichten aus „1001 Nacht“ empfand. Der unbekannte Erzähler selbst erwähnt „Sarnath die Verdammte im Lande Mnar, als die Menschheit jung war, und an Ib, das aus grauem Stein gehauen wurde, ehe die Menschheit bestand“ aus „The Doom that Came to Sarnath“ (1920), und verbindet so „The Nameless City“ mit den Traumweltgeschichten, die Lovecraft in Imitation von Lord Dunsany verfasste.

Sonntag, 20. Oktober 2019

Merkwürdige Äonen [2]



Das Zeitalter der Namenlosen Stadt


Als der namenlose Erzähler in Gewölbe unter der Namenlosen Stadt eindringt, „tief unten im Grab ungezählter, seit Äonen vergangener Altertümer, Meilen unterhalb der von Morgendämmerung erhellten Menschenwelt“ präsentieren sich ihm die bizarren, doch beeindruckenden Hinterlassenschaften der alten Rasse, die diese Stadt vor zehn Millionen Jahren erbaut hatte. Er findet groteske Mumien, in der Beschreibung nicht unähnlich dem Brauchtum des späten ägyptischen Reiches, und Reliefs an den Korridorwänden, die die Geschichte der Alten wiedergeben. Viele Jahre später stellte er auf gleiche Weise die sternköpfigen Alten Wesen seiner Meistererzählung „At the Mountains of Madness“ (1931, veröffentlicht Februar-April 1936 in „Astounding Stories“) vor. Auch der Plot einer der letzten Erzählungen Lovecrafts, „The Shadow Out of Time“ (1934/5, veröffentlicht Juni 1936 ebenfalls in „Astounding Stories“), hat in seiner zweiten Hälfte Ähnlichkeiten mit dem von „The Nameless City“.

Doch dies sind nicht die einzigen Elemente, die Lovecraft in späteren Erzählungen wieder verwendete, die zusammen den dunklen Mythos ergeben, der ihn so populär werden ließ. In „The Nameless City“ wird auch das erste Mal der Name Abdul Alhazred erwähnt. Es ist die Namenlose Stadt, so heißt es in der Geschichte, von der „der wahnsinnige Dichter in den Nächten träumte, ehe er seinen rätselvollen Zweizeiler sang“:

„That is not dead which can eternal lie.
And with strange aeons even death may die.“

Sonntag, 13. Oktober 2019

Merkwürdige Äonen [1]



Das Zeitalter der Namenlosen Stadt


„The Nameless City“ (Die Namenlose Stadt) ist eine Horrorgeschichte des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) aus dem Januar 1921, die erstmals in der Novemberausgabe 1921 der Amateurzeitschrift „The Wolverine“ veröffentlicht wurde. Es wird oft als die erste Geschichte des „Cthulhu Mythos“ angesehen. Dies ist ein Begriff, den Lovecraft selbst so nie benutzt hat, aber dazu dient, den Handlungsrahmen, die Stilmittel und Überlieferung zu identifizieren, die von Lovecraft und seinen literarischen Nachfolgern eingesetzt wurden. Einige der Themen dieses Mythos, wie zum Beispiel das Überleben nicht-menschlicher Wesen, die in „seltsamen Äonen“ die Erde beherrschten und die relative Bedeutungslosigkeit der menschlichen Rasse, kommen bereits in „The Nameless City“ vor, wurden in späteren Erzählungen jedoch effektiver eingesetzt.

Mittwoch, 24. April 2019

Mythos :: Traumsucher [2]



Notizen aus dem Platinbuch

Von allen Welten, die ich im Traum besuchte, ist Pegāna die vollkommenste. Ich war in Andarra und Tothra, selbst Kuth vom Sternengürtel, doch ihre Wunder scheinen nur eine blasse Nachahmung zu sein, wenn ich die Tore von Pegāna erblicke, wo die Zwillingssterne Yum und Gothum Wache stehen.

Pegāna war vor allen anderen. Noch bevor es Götter auf dem Olymp gab, oder noch ehe Allah überhaupt Allah war, war Pegāna – so heißt es.

Sie ist so alt wie die Entstehung der Kontinente und Ozeane.

Sie ist kein Traum – sie ist das, wovon wir träumen.

Dienstag, 23. April 2019

Mythos :: Traumsucher [1]



Notizen aus dem Platinbuch

Neben seinen Geschichten über kosmische Monstrositäten und waffentaugliche kognitive Dissonanz verfasste H.P. Lovecraft (1890–1937) auch eine Reihe von Geschichten, die im sogenannten "Traumland" angesiedelt sind. Das wichtigste Werk in dieser Reihe ist wahrscheinlich "Die Katzen von Ulthar" (1920) und "Die Traumsuche nach dem Unbekannten Kadath" (1926). Ein wichtiger Aspekt des "Traumlandes" ist, dass es selbst nur eine vage, traumartige Realität darstellt - vielleicht jenseits der Wirklichkeit, vielleicht parallel dazu oder in fernster Vergangenheit oder alles zusammen. Es ist unklar, und wäre es klar, würde es wohl auch viel von seiner rätselhaften Faszination verlieren.

Lovecraft hat selbst darauf hingewiesen, dass er beim Verfassen dieser Geschichten stark von den Werken des irischen Lord Dunsany (1878–1957) inspiriert wurde, obwohl er die erste seiner Traumgeschichten geschrieben hatte, noch bevor er das erste Mal auf den Lord aufmerksam wurde. Aus den Geschichten von Dunsany (gesammelt z.B. in A Dreamer's Tales (1910), The Book of Wonder (1912) und Tales of Wonder (1916)) übernahm Lovecraft vor allem die wohlklingenden orientalischen Namen, die selbst Dunsanys Inspiration für seine innovative Fantasy in den "orientalischen Phantasien" des 19. Jahrhunderts verraten. Geschichten in der Art von 1001 Nacht, nur ohne den weltanschaulichen Hintergrund. Etwas, das Lovecraft, der als kleiner Junge von genau der gleichen Art von Geschichten fasziniert war und sich für seine Spiele das Pseudonym "Abdul Alhazred" ausdachte.

Dienstag, 12. Februar 2019

Mythos :: Die unheimlichen Carters [3]



Notizen aus dem Schwarzen Buch

Linwood Vrooman Carter (9. Juni 1930 – 7. Februar 1988)
"Die Berge hinter Arkham sind voll von unheimlicher Magie – von etwas, das vielleicht der alte Hexenmeister Edmund Carter von den Sternen herabrief oder aus den Krypten der innersten Erde heraufbeschwor, als er 1692 aus Salem dorthin floh."
H.P. Lovecraft & E. Hoffmann Price: "Durch die Tore des Silberschlüssels"

"Der graue, alte Gelehrte, munter wie zu Lebzeiten, sprach lange und eindringlich von ihrem alten Geschlecht und von den sonderbaren Visionen der delikaten und sensitiven Männer, die es bestimmten. Er sprach von dem flammäugigen Kreuzfahrer, der den Sarazenen, die ihn gefangen hielten, wahnsinnige Geheimnisse ablauschte; und von dem ersten Sir Randolph Carter, der die Magie studierte, als Elizabeth Königin war. Er sprach auch von jenem Edmund Carter, der während des Salemer Hexengerichts dem Strang nur knapp entkommen war, und der in einem antiken Kasten einen großen, silbernen Schlüssel verwahrt hatte, der von seinen Ahnen auf ihn gekommen war."
H.P.Lovecraft: "Der Silberschlüssel"

In dem cthulhoiden Universum, das ich entwerfe, würde ich den Stammbaum der unheimlichen Carters um einige Personen ergänzen. Da gibt es die rätselhafte Eileen Carter aus Hanns Heinz Ewers gleichnamiger Geschichte, die auch noch aus Lovecrafts Heimatstadt Providence stammt. Zufall? (Eine in diese Richtung erweiterte Fassung ist bereits in Arbeit.)
Und natürlich, in einem cthulhoiden Universum hat es die Mythosautoren der ersten Stunde nie gegeben, denn hier ist der Mythos real.
Wenn in diesem Universum ein Randolph Carter in einem Magazin für Weird Tales namens Whispers veröffentlichen kann, und in Providence stattdessen ein Mystiker und Träumer namens Ward Phillips existiert, was spräche dagegen, dass in diesem Universum ein Linwood Vrooman Carter existiert, der vor allem als Herausgeber esoterischer und exotischer Dokumente in Erscheinung trat? Die Mythosforscher kennen die Forschungsergebnisse über die Vorgeschichte des Pazifikraumes durch Professor Harold Hadley Copeland, die er vor dem Vergessen bewahrte. Und seine - teils freie, teils akribische - Bearbeitung der Nemedischen Chroniken und der Folklore der Averoigne.
Im Umkehrschluss entsteht hierdurch ein "erweitertes chthulhoides Universum", denn Carters Veröffentlichungen sind real, weil der Mythos real ist, d.h. dass auch seine anderen Veröffentlichungen real sein müssen.
In diesem Universum gibt es einen Grünen Stern, den man durch Astralprojektion (wie einst ein anderer Carter den Mars) erreichen kann. Jupiters Mond Callisto ist bewohnbar und durch rätselhafte Zeitbrunnen mit anderen Welten, darunter dieser Erde, verbunden. Und es gibt eine geheime, zeitlose Höhlenwelt unterhalb der Sahara namens Zanthodon.
(All das miteinander zu verbinden und weiter zu entwickeln wäre ein interessantes Projekt, man müsste sich nur die Rechte sichern.)

Mittwoch, 1. November 2017

Weird Fiction Ill-ustrated [6]

"Pickman's Model" (Tower of Shadows #9 Jan. 1971), adaptiert von Roy Thomas und Tom Palmer
Was könnte schöner sein, als Halloween ausklingen zu lassen mit einer doppelten Ladung der Dinge, die einen Silberrücken-Fanboy entzücken. "Pickman's Modell" ist eine der bekanntesten und effektivsten Geschichten von H.P.Lovecraft, selbst wenn es stilistisch und in der Auflösung ein wenig hölzern erscheint.
Dennoch, die meisten vergessen den letzten Satz nie wieder, dies atemlose "Verstehst du, Eliot – es war die Fotografie eines lebenden Wesens!"

Wir sind wieder im Turm der Schatten, dieser kurzlebigen pulporientierten Anthologie aus Marvels Silbernen Jahren - wieder Silber - und die Geschichte um den Maler Pickman und sein merkwürdiges Model beginnt wie gewohnt... mit der ungewöhnlich Angst eines Mannes vor dem Untergrund... nicht dem samtenen Untergrund, sondern dem schwarzen Untergrund der Tunnel und Bahnen und Keller und Löcher unterhalb von Boston, MA.
"NIEMALS!", sagt er... Stan Lee hatte damit nichts zu tun.


In Lovecrafts Geschichte werden detailiert die Werke des Malers Pickman vorgestellt, und der Leser begreift nur zu schnell, dass irgendwas mit diesem Mann nicht stimmt... der Realismus seiner grotesken Werke ist unmenschlich, und deswegen noch erschreckender. Und ist somit der Künstler nicht auch bereits mit dem Keim des Unmenschlichen behaftet?
Pickman begegnet einige Jahre später unserem alten Bekannten Randolph Carter von den Unheimlichen Carters aus Arkham und um zu... da ist er bereits zu einem vollständigen Emissär der Ghouls geworden und ist selbst ein Bewohner der Löcher zwischen der Wachen und der Schlafenden Welt geworden.

In der Comic-Adaption ist dies mehr oder weniger identisch. Ordentlich egmacht, sauberer Stil, die Konfrontation, die unheimlichen Kellergewölbe und die verräterische Fotographie, die der Erzähler an sich nimmt und eine lebenslange Angst auslöst. (Und vergessen wir nicht, seine Angst war begründet, denn Pickman selbst, Wechselbald der Kunst wurde zu einem Emissär der Ghoulwelten...)
"Verstehst du, Eliot – es war die Fotografie eines lebenden Wesens!"
Und hier ist das Foto:


Was???
Kermit, bist Du das?
Roy Thomas wird bittere Tränen geweint haben.
War es Zensur, oder ein böser Scherz?
War der Ghoul mit seinen gummihaften Lefzen zu hart für die damalige Zeit?
Oder war es Stan Lee mit einer weiteren Superidee für die Kiddies?
Man weiss es nicht. Wir schließen die Seiten und schleichen langsam nach Hause.
Gute Nacht da draußen, was auch immer ihr seid.

H.P.Lovecrafts Stories visualisiert © by Marvel Comics. 

Dienstag, 31. Oktober 2017

Mythos :: Die Leiber-Papiere [3]

Die Spinnentunnel
die schwarzen Unendlichkeiten
die Farben der Dunkelheit
die Stufentürme von Yuggoth
die glitzernden Hundertfüßer
die geflügelten Würmer

Die halb geborenen Welten
die fremden Himmelskörper
die Bewegungen in der Schwärze
die verhüllten Gestalten
die nächtlichen Tiefen
die leuchtenden Strudel
der purpurrote Dunst

Montag, 30. Oktober 2017

Weird Fiction Ill-ustrated [5]

"The Terrible Old Man" (Tower of Shadows #3, Jan. 1970), adaptiert von Roy Thomas, Barry Smith, Dan Adkins und John Verpoorten
Es ist ein schuldiges Vergnügen, in alten Horrorcomics von DC und Marvel zu blättern... heimlich unter der Bettdecke oder in der Abgeschiedenheit eines weihrauchverhangenen Tempelraums. In diesem vielelicht flüchtigsten aller Medien sind sie die flüchtigsten, und auch die esoterischsten. Sie haben Titel, von denen die wenigsten gehört haben und keine wiedererkennbaren Charaktere. Und dennoch (und gerade deswegen) sind sie vielleicht der reinste Ausdruck des nicht-seriellen Charakters von Mystery, Horror... Weird Fiction.
Und natürlich ist echte Weird Fiction nicht wirklich serientauglich, denn es gibt keine Garantie, dass der Protagonist (oder der Erzähler) zum Ende Geschichte noch am Leben oder bei Verstand ist. Diese alten Hefte, modrig im Geruch und matschig im Druck sind deswegen alle Anthologie, mit drei, vier in sich abgeschlossenen Geschichten, schnell erzählt und schnell vergessen. Aber gerade das macht die etwas esoterische Faszination an diesen Relikten aus, dass die Künstler es trotz all der Ähnlichkeiten und Wiederholungen, trotz der Einschränkungen in Format und Formel es immer wieder geschafft haben, etwas erstaunliches, fesselndes und wundersames zu erzählen...
Da gab es Häuser der Geheimnisse und Mysterien, Gespenster und Ungeheuer in jeder Form und Grösse...Ein erprobtes Format, und doch immer wieder für Überraschungen gut. Ende der 60er Jahre war auch in der Comicbranche eine experimentierfreudige Zeit und der damalige de facto Chefredakteuer von Marvel, Roy Thomas, versuchte in einigen Titeln, Comic-Adaptionen klassischer Weird Fiction-Geschichten unterzubringen - was von seinem abwesenden Vorgesetzten Stan Lee nicht immer mit Gegenliebe erwidert wurde.
In einer der ersten Ausgaben von  "Tower of Shadows" erschien die Adaption von H.P.Lovecrafts "Der schreckliche alte Mann", illustriert von Barry Smith... wie weitere Adaptionen und neue Werke ein finanzieller Misserfolg, weswegen "Tower of Shadows" nach neun Ausgaben den Titel in "Creatures on the Loose" änderte und statdessen begann, Fantasystories zu veröffentlichen... "Gullivar Jones, Warrior of Mars" (ein Vorläufer von John Carter) und "Thongor" (ein Conan-Klon). Die Rechte an Conan selbst konnte man sich kurz darauf sichern und er wurde von Roy Thomas und Barry Smith sehr erfolgreich in Comics umgesetzt...


Wenn man den Schrecklichen Alten Mann sieht, wie er mit den Seelen der toten Piraten in Flaschen spricht, wer hätte das gedacht? (Ehrlich gesagt, sieht er mehr wie Agatha Harkness aus als wie ein schrecklicher alter Mann...) Und wer hätte gedacht, dass aus den eckigen, stark von Kirby geprägten Zeichnungen eines Barry Smith mal die eleganten Zeichnungen von Barry Windsor-Smith werden sollten?

H.P.Lovecrafts Stories visualisiert © by Marvel Comics. 

Sonntag, 29. Oktober 2017

Mythos :: Die Leiber-Papiere [2]

Das Magnum Innominandum
die schimmernden violetten und smaragdgrünen Flügel
die azurnen und zinnoberroten Klauen
die Wespen des großen
Cthulhu

Die existentiellen Salze
die graue verkrümmte spröde Monstrosität
das flötengequälte Pandämonium
die korallenverkrusteten Türme von
R’lyeh

Die Runen von Nog-Soth
Nyarlathoteps Schlüsselbein
die Litaneien von Lomar
die profanen Meditationen von Pierre-Louis Montagny
das Necronomicon
die Gesänge von Crom-Ya
die Diagramme von Yiang-Li

Freitag, 27. Oktober 2017

Mythos :: Die Leiber-Papiere [1]

Der gekerbte Rand
die Proto-Shoggothen
der vorgezeichnete Korridor
das ältere Pharos
die Träume des
Cthulhu

Die Legende von Yig
die Violetten Irrwische
die kugelförmigen Nebel
Canis Tindalos und ihre faulige Substanz
die Natur der Dholes
das getönte Chaos
die Gefolgschaft des großen
Cthulhu

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Mythos :: Die Leiber-Papiere [0]


Prelude:
Eiskalt die Hand am dunklen Fensterglas... Es wird wieder Zeit, in den Leiber-Papieren zu blättern, und stille Beschwörungen zu murmeln, um das essentielle Grauen zu bekämpfen, das einen überkommt, wenn man die Reflektionen in den schwarzen Pfützen auf menschenleeren Seitenstrassen studiert.
Kopfsteinpflaster, schief und rund, dort ist es abgesunken um zwei Fuß nahe dem Bordstein, krebsgelbes Laub ertrinkt in einem schwarzen Pfuhl. Es wird wieder Zeit, in den Leiber-Papieren zu blättern, den eigenen Mythos gegen das kreischende Chaos zwischen den Sternen zu werfen...
Nach Arkham und zu den Sternen, kommende Attraktionen... dies sind die Worte des Propheten, geschrieben auf die Wände der U-Bahn-Tunnel...
(Und was wälzt sich dort heraus aus der Dunkelheit, auf glitzernden Schienen, die allen Strom verloren haben?)

In tiefer Zuneigung gewidmet einem der größten Autoren von Wird Fiction und Sword & Sorcery, Fritz Reuter Leiber, jr. Die nach ihm benannten "Leiber-Papiere" sind der ideale Shortcut in die imaginale Welt des Chthulhu-Mythos und eines der wenigen tatsächlichen "Ebontomes" (Schwarzen Bücher) der Weltliteratur. Einige kurze Zitate reichen, um die Tore in diese multifraktale Parallelwelt zu öffnen: Ihre Worte wirken hypnotisch - Caveat Lector.
(In den nächsten Tagen an dieser Stelle - vergessen Sie nicht, es ist Halloween, die Festzeit aller Seelen und aller Heiligen.)

Sonntag, 11. Juni 2017

Mythos :: Der unbekannte Mr. Kirowan


Einige Notizen zu einer Nicht-Serie von Robert E. Howard

(Zu seinem 81. Todestag)

Robert E. Howard (1906 – 1936), der dunkle Kelte aus Texas, hat neben vielen interessanten und fesselnden Abenteuergeschichten in historischem und pseudo-historischem Milieu auch mehr als eine Weird Fiction-Geschichte hinterlassen. Viele davon eher konventionell, nicht seine besten, und einige, die – wohl seiner Brieffreundschaft mit H.P.Lovecraft geschuldet – Anklänge an den Mythos haben, oder diesem direkt zuzuordnen sind. Auch diese sind nicht unbedingt seine besten, aber Howard war ein so erstklassiger Erzähler, dass es ihm unmöglich war, eine langweilige Geschichte zu verfassen.

Von diesen Geschichten werden einige in der Literatur oft zu einer "Serie" zusammengefasst, da in ihnen die gleichen Personen vorkommen – manchmal werden diese sogar dem Genre der "okkulten Detektive" zugeordnet. Gewöhnlich wird diese "Serie" – und wir werden gleich sehen, dass es eine "Nicht-Serie" ist – nach den Protagonisten "Conrad" und "Kirowan" benannt. Es sind folgende Geschichten, von denen nur die ersten vier zu Howards Lebzeiten publiziert oder verkauft wurden. Nicht alle der Geschichten werden in jeder Auflistung berücksichtigt, auch dies ein Indiz, dass man sich wohl doch nicht so sicher ist:

  • 1. "The Children of the Night" – zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe April-Mai 1931
  • 2. "The Thing on the Roof"– zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe Februar 1932
  • 3. "The Haunter of the Ring" – zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe Juni 1934
  • 4. "Dig Me No Grave" – zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe Februar 1937, auch veröffentlicht unter dem Titel "John Grimlan's Debt".
  • 5. "Dermods Bane" – zuerst veröffentlicht in "Magazine of Horror", Ausgabe Herbst 1967.
  • 6. "The Dwellers under The Tombs"– zuerst veröffentlicht in "Lost Fantasies 4", 1976
  • 7. "The House" (Fragment) – eine von August Derleth abgeschlossene Fassung erschien unter dem Titel "The House in the Oaks" in "Dark Things", 1971