Sonntag, 16. März 2014

Shortcuts 2014-03-16

Schreiben ist eine köstliche Sache; nicht mehr länger man selbst zu sein, sich aber in einem Universum zu bewegen, das man selbst erschaffen hat.

Die Harlekinade

Da steh' ich nun, ich armer Tor und bin genau so schlau wie zuvor. Abgesehen davon, dass ich der abwegigen Meinung bin, man sollte "Tor" definitiv wieder wie früher "Thor" schreiben. Verdammte Rechtschreibreform von 1900, früher war alles besser.
Man hat erfolglos versucht, mich als "New Weird" oder "New Pulp"-Autoren zu outen. ich hab es auch versucht, aber man kann halt nicht alles mit Rasierklingen und 4 Kilo Semtex richten. Jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich alte Ideen einer eigenen Mythologie neu belebe, und stattdessen im 'Pierrot Lunaire' nachblättere als in meiner Taschenbuchausgabe des Nekronomicons.
Harlekin, Pierrot, Pulcinell und Brighella, die Zanni der Pyropunkzeiten, sie reinkarnieren vor meinen Augen in anderen Welten und drehen mir eine Nase.
Ätsch. (Das hättest Du wohl nicht gedacht, Herr Leandrowsky?)

I love my Duden


Fundstücke um den Wortschatz zu vergrößern:
  • glo­sen Wortart: schwaches Verb Bedeutung: schwach glühen, glimmen  
  • har­schig Wortart: Adjektiv Bedeutung: (vom Schnee) hart gefroren, vereist, krustig 
  • Järv Wortart: Substantiv, maskulin Bedeutung: Norwegischer Eigenname des Vielfraßes (Wolverine)  

Retro-Zeugs


works-in-progress:
Alles ist vernetzt. Was ich als gemeinfreien Text in den Archiven der Welt oder der Gutenberg-Galaxis finde, ist bereits 10 Minuten vorher als Kindle-Datei veröffentlicht worden, in den meisten Fällen für teuer Geld. Man kann sich natürlich aber auch die .txt oder .pub auf den Rechner oder ein anderes Gerät herunterladen und im Kindle als Dokument lesen.
Die Datacloud braucht dazu nur ein paar Augenblicke - es lohnt sich hier, auch international nach deutschsprachigen Texten zu suchen. Wer will nicht eine "utopische" Geschichte aus dem Jahre 1912 für lau lesen?
Dieselpunk, als man noch nicht wusste, was Diesel ist -
Damals hieß Science Fiction noch "Zukunftsliteratur", und man brauchte sich anscheinend um Wissenschaft nicht zu scheren. Und ein paar Straßen weiter bastelten Einstein und Heisenberg an einer ganz anderen Sicht der Dinge.
Klar, dass man da mals eine postmoderne Interpretation vorstellen sollte.
Mit Zeppelinen.

Samstag, 15. März 2014

Repost :: Meiner ist größer



Der Ebergott aus "Journey into Mystery" No.103 (schweinegeil)
"Thor" und "Asgard" visualisiert by Jack Kirby, © by Marvel Comics.

Sonntag, 9. März 2014

Zitat der Woche

"Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein."

Schiller

Fanboy :: Pigeon from Hell!

Es lohnt sich immer wieder, nach kleinen Kostbarkeiten im Netz zu schauen. Der hier verlinkte Kurzfilm (siehe Beschreibung) entführt uns nach Paris, Stadt der Lichter, Stadt der Liebe.... Stadt der mutierten Monstertauben aus der Hölle. (Nagut, vielleicht etwas übertrieben, aber können wir wirklich verzeihen, was mit Notre Dame geschieht? Hätte die Daikaiju Taube nicht stattdessen z.B. Hamm zuscheißen können?

Douce Menace from margaux vaxelaire on Vimeo:
"This is my Graduation Movie made at Supinfocom Arles in 2011.
It was a team project and for the need of the movie made in 3D stereoscopic we were 5 members to work on it:
Ludovic Habas, Mickael Krebs, Florent Rousseau, Yoan Sender and myself Margaux Vaxelaire"

Sonntag, 23. Februar 2014

Zitat der Woche

"In einem Theater brach hinter den Kulissen Feuer aus. Der Pierrot trat an die Rampe, um das Publikum davon zu unterrichten. Man glaubte, es sei ein Witz und applaudierte. Er wiederholte seine Mitteilung; man jubelte noch mehr. So, denke ich mir, wird die Welt eines Tages untergehen."
Kierkegaard

Sonntag, 9. Februar 2014

Flash Fiction :: Die Stadt, die ein Haus ist, ist auch ein Schädel


Die Stadt, die ein Haus ist, ist auch ein Schädel. Riesig, altersgelb und fahl ragen ihre Zähne aus dem sienagelben Sand der Wüste. Die Wüste selbst ist alt, älter als die Stadt. Die zerbröckelnden Gebeine von Bergen und vergessenen Städten haben sich jahrtausendelang angesammelt, und die kalten Winde des Ödlandes verteilten sie, wie spielende Idiotenkinder, solange, bis nur noch eine einzige, flache, gleichmäßige Ebene von lebloser Perfektion übrig blieb. Die Schönheit dieses fernsten aller Länder hat Poeten weinen lassen und manchen Helden sein Schwert fortwerfen; dessen stählerner Leib zu rotem Rost und dessen Rost zu einem weiteren Partikel der allumfassenden Öde wurde, deren Name 'Vergessen 'ist.

In dieser Wüste namens Vergessen ist die Stadt, die ein Haus ist, und ein Schädel, die größte und die einzige Ansiedlung. Vor langer, langer Zeit, standen noch andere Städte und Burgen auf den grünen Hügeln am Rande der fröhlichen Bäche, doch die Bäche sind längst verschwunden, und die Städte und die Burgen sind mitsamt den Hügeln, auf denen sie einst standen, zu dem Staub geworden, dessen Ströme vom seelenlosen Wind getrieben in die Wüste fließen.

Die blankäugigen Bewohner der Stadt, in ihren insektenartigen Rüstungen und wallenden Gewändern, die über die aus Knochen geschnitzten Straßen mit ihren weit in die stürmische Leere der Wüste herausragenden Alkoven und terrassenartigen Balkone schreiten, widmen diesen Umständen keine Gedanken. Es ist nicht Lethargie, die aus jeder ihrer schlafwandlerischen Bewegungen spricht, sondern die vollkommene Ordnung, die jeden Aspekt ihres Daseins regiert. Die Stadt, die ein Haus ist, ist auch ein Schädel, und das Chaos wurde schon vor so langer Zeit aus ihren Zimmern verbannt, dass selbst die Erinnerung daran Teil des Staubes der allumfassenden Öde wurde, deren Name 'Vergessen 'ist.

Die vollständige Version dieses Textes demnächst in einer der Anthologien von Nemed House!

Samstag, 1. Februar 2014

Studien in Apokalypse



"Wenn des Elias’ Blut auf die Erde träufelt,
so entbrennen die Berge, kein Baum steht mehr,
nicht einer auf Erden, das Meer ausgetrocknet,
das Moor vertrocknet, der Himmel löst sich in Flammen auf,
der Mond fällt, Mittgart brennt,

Kein Stein steht mehr, denn der Gerichtstag fährt ins Land,
Fährt mit dem Feuer, die Frevler zu richten:
Da kann kein Verwandter helfen vor dem Weltenbrand.
denn die ganze Breite der Erde – alles verbrennt,
und das Feuer und die Luft - alles ist gereinigt."

Neulich wollte sich wieder einmal jemand über Gott unterhalten, an der Tür, derweil ich Schnee schaufelte. Wird die Welt in Feuer enden oder im Eis?, lag mir eigentlich auf der Zunge, Robert Frost zitierend. ich war zu müde, es so zu machen wie sonst und den gottesfürchtigen Mann mit meiner fünf Kilo schweren King James-Freimaurerbibel unter dem Arm schreiend um den Block zu jagen. Es war auch zu kalt. Also Plan B.

"Alle Propheten haben Recht gehabt", sagte ich weise, "aber sie haben nicht alles verstanden."

"Ach, fürchten Sie nicht das Harmageddon?", wisperte mein Gegenüber mit einem kalten Funkeln in seinen Schweineäuglein - sich somit als Anhänger einer ganz besonderen Art von Sektierertum outend. "Die Letzte Schlacht, die Apokalypse, das Ende der Welt in Flammen?"

Ich zuckte mit den Achseln. "Die Apokalypse fand längst statt, eure Leute haben sie nur verpasst. Die Welt endete in Flammen im April des Jahres 1904, und eine neue Erde trinkt aus den Urwassern erste Kraft." Ich lächelte milde und deutete auf die baulichen Scheußlichkeiten der letzten hundert Jahre. "Das alles hier sind bloß die Ruinen eines Zeitalters, das schon lange vergessen ist."

So kann man natürlich nicht der auswendig gelernten Argumentationskette folgen. "Aber, aber...", stammelte er und kam mit irgendetwas von Seelen, die errettet werden müssen, oder andersherum. Der Schnee unter meiner Schaufel war besonders hartnäckig, deswegen achtete ich nicht mehr auf ihn. Ich blickte wieder auf, als ihm ein dissonantes "Sohn Gottes" entfuhr.

"Genau", sagte ich, "es ist das Zeitalter des Kindes, und weil wir alle Gottes Kinder sind, ist der Mensch Gott geworden."

"Äh... Adventist?", murmelte er.

"Post-Adventist?", half ich ihm auf die Sprünge.

"Achso..." War es Ekel oder nacktes Grauen in seinen Augen?

"Hey!", rief ich ihm noch hinterher. "Nicht vergessen - Ton, Steine, Scherben: 'Die Letzte Schlacht gewinnen wir!'"


* * *


Auf der Suche nach dem Weltuntergang, nachdem ich mich am Kamin aufgewärmt hatte, konnte ich nicht viel auftreiben. Schade für den armen Nachbaren mit der weltanschaulichen Einschränkung. Harmageddon ist nur eine unklare Ortsangabe, oder ein Berg in Israel; Apokalypse heißt nur "Offenbarung, Enthüllung", und hat somit keinen eschatologischen Bezug, solange sich nicht die richtige entblättert. Seufz...

Selbst als ich mich eher fortschrittlicheren Mythologien zuwandte, wurde ich enttäuscht - die Götterdämmerung hat nie existiert, es heißt wohl "das Schicksal der Götter" (rök) und nicht "das Zwielicht der Götter" (rökr). Immerhin gibt es eine Letzte Schlacht hier, in der sich die Mächte des Chaos und der Ordnung gegenseitig auslöschen, um ein Gleichgewicht herzustellen, auf dem eine neue Welt aufbauen kann. Na, das kann man auch bei Michael Moorcock nachlesen, aber mit mehr Schwertern. Selbst der Weltenbrand ist da nur eines der Vorzeichen, gleich nach dem Fimbulwinter.

Das einzige, was mich hier erheitert, ist eine größtenteils unbekannte, altdeutsche (altbayrische?) Stabreimdichtung mit dem Titel "Muspilli", eine eigenwillige Mischung aus biblischer und germanischer Mythologie, sozusagen eine christianisierte autochthone Actionversion der Apokalypse. "der Himmel löst sich in Flammen auf, der Mond fällt, Mittgart brennt..." Das klingt doch vielversprechend. Protagonist ist der durchaus umstrittene Supermagier und Prophet Elias. Soviel zum Thema "Deutsches Erbe". Ragnarok'n'Roll!

Ich bleibe dennoch bei meiner eigenen Version des Karmageddons und meditiere über das unausweichliche Kommen der Harpokalypse.


Weitere Links*

Text des Muspilli in der Bibliotheca Augustana
Gleichnamiger Roman von Arnold Hagenauer, den man bis auf die letzten Kapitel kürzen sollte.
Aus der Antike: Germania Magna, rekonstruiert nach Ptolemäus’ Atlas der Ökumene
Aus dem Gälischen: "dún", Plural "dúin": eine Festung, Zuflucht, Burg
Kunst: Bilder von John Charles Dollman
Kerker und Ruinen von Piranesi

* Inspiration und Recherche unter anderem für eine Meyrink-Anthologie und "Stadt des Elfenbeins, Stadt der Rosen"