Mittwoch, 3. Juni 2009

Flash Fiction :: Das Schweigen der Schaben

„Die Larven fressen Akazien, Drazänen und ähnliche Pflanzen. ’Kerker des Grauens’, nannte es der Nachrichtensprecher. In dem schlechten Licht waren die Farben, unter ihnen liegt Dunkelheit wie ein Knebel über dem Gesicht oberhalb des Kiefers...“
Dies oder etwas ähnliches waren die Worte, die Ashanti Raven hörte, als sie vom Summen des Telekoms geweckt die Augen öffnete. Sie lauschte zwei Herzschläge lang auf den Klang der Stimme, dann begriff sie, daß es die eigene gewesen war. Mechanisch angelte sie nach dem kleinen Traumtagebuch, das auf ihrem Nachttisch lag, um die Informationen zu notieren, da fiel ihr Blick auf das Display des Telekommunikators direkt neben dem Waffenschrank.
’O Krishna’, dachte sie. ‘Ach du Schreck...’ – „OKAY DA DRINNEN! DIESES BAD IST EROBERT. MIT HOCHGEZOGENEN HOSEN RAUSKOMMEN. DIES IST KEIN DRILL!“
Sie stieg zu ihrer verblüfften Nachbarin unter die Dusche. „Rück schon beiseite, Ardelia, und würdest du mir bitte die Seife da reichen.“
Die beiden Frauen wuschen sich angestrengt und routiniert unter den stechend harten Wasserstrahlen, ohne miteinander zu reden. Ardelia Luxembourg schlug nur einmal die Augen auf, als Raven sich die Haare einschäumte. Dabei hob sich ihr sportlicher Busen, und die schuppenartigen Stellen unterhalb der Brüste wurden sichtbar. Raven hatte vor einigen Monaten mit Beetlejuice experimentiert, um bisher brachliegende Sektoren ihres Gehirns zu aktivieren, damit aber sofort aufgehört, als ihre Brüste zu unnatürlichen Proportionen anschwollen. Ein weiterer Nebeneffekt war eine verstärkte nichthumanoide Pheromonproduktion gewesen, die gewalttätige Atavismen in ihrer Umgebung hervorrief. Deswegen auch die rauhe Haut unter den Brüsten. Chitin.
Man hatte einige ihrer Erinnerungen aus dieser Zeit löschen müssen, aber Luxembourg erinnerte sich noch gut. Die Mutation, die der ‚Käfersaft’ ausgelöst hatte, war nicht nur psychologischer, sondern vor allem auch sexueller Natur gewesen.
’Du weißt immer noch nicht, wie all die Haare unterhalb Deines Nabels verschwunden sind’, durchfuhr es Luxembourg. ‚Glatt, glatt und rosig wie ein Neugeborenes, Raven, und Du wirst es nie erfahren, wenn Krishna Dir gnädig ist. Armes, dummes, dummes Ding.’
Raven trocknete sich eilig unter dem Heißluftgebläse ab, ohne die Blicke ihrer Nachbarin (Bunky) zu bemerken. Ihre Aufmerksamkeit glitt zur Zimmerwand ab. Die Imprinttapete hatte sich online gestellt und spulte die globalen Nachrichten ab. Abwesend überflog sie die schwachleuchtenden Textblöcke, die den Videofeed begleiteten. Kein Audio. Nur grobpixelige Filme, Statistiken, Grafiken. Ganz wie es aussah ein neuer dunkler Tag für Raumschiff Erde.
Das Ohr auf ein Telekomsummen gespitzt, packte sie für einen Aufenthalt über Nacht und stellte ihr gerichtsmedizinisches Köfferchen neben die Tür. Sie vergewisserte sich, daß die Zentrale wußte, daß sie auf ihrem Zimmer war, und verzichtete aufs Frühstück, um am Telekom zu bleiben. Zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn eilte sie wortlos mit ihrer Ausrüstung zur Abteilung für Verhaltensforschung hinunter. Bereits von weitem hallte ihr eine heisere, brutale Stimme entgegen. Kim Song.
„Der Psychopath ist der unumschränkte Herr seines eigenen Universums!“, verkündete Kim Song mit der ihm eigenen Art von Totalitarismus. „Er ist Gott. Sein Opfer ist seine Schöpfung, seine Werkzeug, seine Leinwand, auch wenn es ein verängstigtes fünfjähriges Mädchen ist. Sie könnten ihn hier nicht bei einer Lüge ertappen, ganz gleich, was passiert. Er ist der Demiurg! Schlimmstenfalls hätte er sich einfach geirrt. Hoffentlich stimmt das. Er könnte aber seinen Spaß mit ihr haben, dazu ist er ohne weiteres fähig. Haben Sie ihn je kennengelernt?“
Kim Song schüttelte den Kopf und schnaubte Luft aus der Nase, während seine Augen Raven folgten, die sich durch die Sitzreihen schlängelte, bis sie zu einem freien Platz gekommen war. „Nein! Sie kennen ihn nicht. Sie werden ihn nie kennen. Und sie werden ihn nicht verstehen. Wie Gott entzieht er sich der letzten Erklärung. Der Begründung. Sie können sich ihm nur nähern in einem Akt des Glaubens! Alle Theorien versagen vor der Religion der Rasierklinge, schließlich – in welche Typologie wollen Sie Gott einsperren?“ Sein Blick biß sich fest, wie eine zuschnappende Kobra. „‘n Abend, Raven.“
„Hallo“, sagte sie.
„Also, welchem Typus würden Sie ihn zuordnen?“
„Das ist schwierig. Einige Kriterien würden dazu verleiten, ihn dem einen Typus zuzuordnen, andere einem anderen. Das liegt daran, daß die notwendige Strukturalisierung einer Einteilung der Komplexität des Individuums nur annähernd gerecht werden –“ Ihre Nervosität wuchs bei jedem Wort. Als im gleichen Augenblick der Vibrationsalarm ihres Handgelenktelekoms losging, schreckte sie zusammen.
„’Stark vereinfachend’ ist der Begriff, den Sie suchen!“, rief Kim Song triumphierend. „In der Tat ist ein Großteil der Psychologie kindisch, Officer Raven, und die in der Abteilung für Verhaltensforschung praktizierte steht auf einer Stufe mit Phrenologie. Als erstes bekommt die Psychologie kein sehr gutes Material. Gehen Sie zur psychologischen Fakultät eines x-beliebigen College und sehen Sie sich die Studenten und den Lehrkörper an: Amateurnetzfanatiker, Neuro-Uploader, Sensimfans und sonstige Cyber-Enthusiasten, denen es an Persönlichkeit mangelt. Kaum die besten Hirne auf dem Campus. Organisiert und desorganisiert — das zeugt nur so von Inkompetenz.“
„Wie würden Sie denn die Einteilung ändern?“, fragte Raven und schielte nach dem Absender des Gespräches, das ihr Telekom in Standby hielt. Howard? Der Prof?
„Das würde ich gar nicht.“
„Haben Sie denn nicht ein Papier zu gerade diesem Thema im Global Psychological Bulletin veröffnet?“
„Lesen Sie’s lieber noch mal, bevor Sie diskutieren wollen. Aber da wir von Publikationen sprechen, haben Sie meine Artikel über Operationssucht und psychische Läsionen durch die Benutzung von Neuroarchitekten wie Spockshock oder Beetlejuice gelesen?“
Bastard. Raven versuchte, ihren Atemrhythmus normal zu halten. „Ja, sie waren erstklassig“, erwiderte sie.
„Aber bitte, nur zu. Wie oft scheißen Sie?“, fragte Kim Song.
„Oft, aber nicht mitten in der Nacht“, erwiderte Raven.
„Ah –“, sagte er scharf und wandte das Gesicht einen Moment von ihrer Starrköpfigkeit ab. „Das ist Zufall. Zurück zum Thema: Der psychopathische Demiurg kurz vor dem Akt der Kosmogonie, und das ist es ja, eine Weltschöpfung, jeder Mord, ein Punkt, an dem die chaotische Präexistenz vor dem Erscheinen des Gottes durch einen besonderen Akt in geordnete – befriedigende – Bahnen gelenkt wird. Was kommt davor, was macht er grundsätzlich, welchem Zweck dient er durch Töten? Raven?“
„Zorn, soziale Ablehnung, sexueller Frust -“
„Nein.“
„Was dann?“
„Er begehrt. In der Tat begehrt er, gerade das zu sein, was Sie sind. Es ist seine Natur, zu begehren. Wie beginnen wir zu begehren, Ashanti? Suchen wir uns Dinge zum Begehren aus? Bemühen Sie sich um eine Antwort.“
„Nein. Wir -“
„Nein. Genau. Wir beginnen, alles zu begehren, was wir täglich sehen. Spüren Sie nicht, wie jeden Tag bei gelegentlichen Begegnungen Blicke über Sie gleiten, Ashanti? Ich kann kaum verstehen, wie Sie das nicht spüren können. Und wandern Ihre Blicke nicht auch über Dinge?“
Ashanti befeuchtete die plötzlich trocknenen Lippen, als Kim Song seinen brennenden, halb gehäßigen Blick von ihr löste und sich das nächste Opfer aussuchte. Sie beugte sich über ihr Telekom und schaltete frei.
„Professor“, flüsterte, „ich bin in Kim Songs Vorlesung. Entschuldigen Sie die Wartezeit...“
„Alles in Ordnung. Hoffentlich hat der Anruf Ihnen keinen Schrecken eingejagt.“
„Nein.“
Stimmt nicht ganz, dachte Raven.

Cut-up Experiment "Burroughs meets Harris", 2005

Dienstag, 2. Juni 2009

Jack Kirby's OMAC #1


OMAC #1
Titel: „Brother Eye and Buddy Blank”

DC, September-October 1974
Credits: Jack Kirby (Script), Jack Kirby (Pencils), Mike Royer (Inks), ? (Colors), Mike Royer (Letters)


STORY: Die Geschichte beginnt an ihrem Höhepunkt… Das erste Bild, das wir sehen, ist eine Schachtel, aus der die Einzelteile einer jungen Frau ragen – marionettenhaft, unnatürlich, und doch scheint sie zu leben. Sie will unser Freund sein – sie ist eine Modellbaukastenfrau. „Build-a-Friend“ nennt sich das Label. SCHNITT

Und dies ist OMAC: Ein Riese in einer blau-goldenen Uniform, deren einziges Abzeichen das Bild des Auges auf seiner Brust ist. Er ist ein Mann der Handlung, sein Haar zu einem kunstvollen Mohawk gestylt. Er steht inmitten der Fertigungshallen, in der die „Build-a-Friend“ Modelle in ihre Baukasten verpackt werden. Und er kündigt an, den gesamten Abschnitt zu zerstören. Die gesamte Fabrik ist illegal und gefährlich. Während die Arbeiter fliehen, spricht OMAC mit einem der bereits zerlegten und verpackten Modelle. „Wo hört die Menschlichkeit auf und beginnt die Technologie?“ Es ist offensichtlich, dass OMAC dieses Modell namens Lila kennt oder kannte. Zumindest zu kennen glaubte… und mit einem schweren Herzen leitet er die Vernichtung ein. Und alles vergeht in Flammen. SCHNITT.



Und hier beginnt es wirklich: Die eigenartig maskierten Agenten der Global Peace Agency – gesichtslos, da sie jede Nation vertreten – nehmen Kontakt mit einem Wissenschaftler auf, der den perfekten Kandidaten für Projekt OMAC gefunden hat. Wir befinden uns in der Zukunft, und betrachten die Planung von etwas, das einmal Teil der NASA war. Buddy Blank, so erfahren wir, wird umgehen mit dem Satelliten „Brother Eye“ verbunden werden. Wozu erfahren wir nicht. Aber wir sehen den Satelliten – die fortschrittlichste Technik einer gefährlichen Zeit treu in ihrem Orbit. Und Brother Eye lebt! Spricht! Er und Buddy Blank werden Brüder werden! SCHNITT.

Und wer ist dieser Buddy Blank? Er ist einer von unzähligen Büroarbeitern in einer undurchsichtigen Firma namens Pseudo-People Inc. Ein kleines Rädchen im Mechanismus – niemand, dem man einen zweiten Blick widmen würde. Er ist tatsächlich „blank“ oder leer. Er wird von den Kollegen gemobbt, von seinem Vorgesetzten heruntergemacht, er schwärmt für das Mädchen von nebenan, das sein Freund sein will und Lila heißt. Eine nicht unwahrscheinliche Welt, in der er lebt, doch in Aspekten grotesk. Er versucht seinen Frust in der Psychologie-Abteilung der Firma loszuwerden, aber der „Zerstörungsraum“ gibt ihm nichts… er hat nicht einmal Lust, Autos anzuzünden. Er ist so absorbiert in seinem Unglück, dass er nicht einmal merkt, wie Lila abgeführt und nach erfolgreichem „Feldtest“ dekonstruiert wird.



Erst als Blank sich nach Lila erkundigt, beginnt durch diesen bedeutungslosen Akt die wirkliche Handlung. Er wird sofort verhaftet und befragt. Erst als man ihm einen Videoclip vorführt, indem eines der Modelle zusammengebaut wird und kurz danach in den Armen ihres „Freundes“ explodiert, wird klar worum es geht. Hier werden nicht bloß Pseudo-Menschen gebaut – es sind auch „weibliche Bomben“, die unauffällig in der Privatsphäre jedes beliebigen Einsamen platziert werden können – und sind heutzutage nicht alle Menschen einsam? Als Blank die Frauennamen hört, unter denen die Modelle hergestellt werden, ereignet sich eine spektakuläre Verwandlung. Einer der Namen ist Lila. Und Blank ist plötzlich in Energie gehüllt, auf seiner Brust entsteht das Symbol des Auges, und er wächst zu der Respekt einflössenden Gestalt von OMAC heran. Elektronische Chirurgie! Eine Computer Hormon Operation! Ausgeführt durch Remote Control!

Kugeln können ihn nicht aufhalten – er ist OMAC! Wie ein antiker Kriegsgott watet er durch den Kugelhagel, zerschmettert Stahltüren, überwindet Fallen und Flammenmeere, bis er endlich in den Exportabschnitt vordringt, in dem die gefährlichen Modellbaukästen versandt werden. Und dann endet es, wie es begonnen hat und die Geschichte kehrt wieder fort zurück, wo sie angefangen hat. SCHNITT.

Hoch im Orbit über der Erde kommuniziert Brother Eye mit OMAC, Sie sind wie Brüder, durch das Symbol des Auges verbunden. Der Satellit sendet beständig unsichtbare Strahlen zu OMAC, die ihn mit allem versorgen, was er braucht – Energie, Kraft und Information. Es ist dieser unsichtbare Strahl, der Buddy Blank verwandelte, und es ist dieser unsichtbare Strahl, der OMAC in einem Sekundenbruchteil Orientierung für die Zukunft verschafft. Heutzutage würde man es wohl ein Update nennen. Der Weg ist klar, und OMAC schreitet voran, die nächste Mission zu erfüllen.



Wow! Das ist das erste Exemplar von Kirbys OMAC - ein rasanter erster Einblick in die "Welt, die kommen wird". Interessant hier der erzähltechnische Kniff, am Ende zu beginnen und dann in der Zeit zurückzuspringen. Obwohl die Erzählung doch recht linear und sagen wir einmal nicht unbedingt feingliederig daherkommt, vertieft dies doch den Effekt. Und natürlich - zumindestens aus der Perspektive der Jetztzeit - gibt es hier einige interessante Kommentare zur Entfremdung der Moderne und durch die Technologie zu entdecken. Und das Prinzip der Frau in der Schachtel ist eine geradezu visionäre Darstellung der Verrohung und Verdinglichung des Zwischenmenschlichen - und einer der enervierendsten Anblcike, den die Comicwelt bis dato hervorgebracht hat.

Und hier ein Link zu einem Artikel im Jack Kirby Comics Blog, gehostet beim Jack Kirby Museum selbst!
OMAC #1 [1974]
Das Jack Kirby Museum hat auch eine stattliche Anzahl von Kopien der originalen Bleistiftzeichnungen von OMAC, die man sich hier ansehen kann:
Kirby Museum Gallery >> Pencil Art Photocopies >> OMAC

“OMAC” created by Jack Kirby. © by DC Comics. Some data courtesy of the Grand Comics Database Project

Montag, 1. Juni 2009

Jack Kirby's OMAC :: Die Welt, die kommen wird!



OMAC (One-Man Army Corps) ist eines der letzten Werke, das Jack Kirby in seiner Zeit bei DC Mitte der 70er Jahre erschuf. Wie auch bei den anderen Werken aus dieser Zeit und dem folgenden hatte sich Kirby von dem reinen Superhelden-Topos abgewandt und nutzte verstärkt Science-Fiction-Elemente, ein Genre, das er seit seiner Jugend sehr schätzte. In dieser Zeit arbeitete Kirby nicht nur als Zeichner, sondern auch noch als Autor und Redakteur seiner eigenen Serien, die dadurch einen ganz besonderen Charakter bekamen, der mit den formelhaften Geschichten anderer Serie in schrillem Kontrast standen.

Kirbys Produktivität ist legendär – mit den Ideen, die er auf zwei Seiten aus dem Ärmel schüttelte, hätten andere Autoren locker zwei Hefte füllen können. OMAC, aber auch die Fourth World und vor allem KAMANDI („die Abenteuer des letzten Jungen auf Erden“), und später bei Marvel THE ETERNALS, BLACK PANTHER und 2001 sprengten durch die schiere Menge visionärer Konzepte den Rahmen, den die Industrie vorgab. Kirby testete in dieser Zeit die Grenzen des Mediums – viele der Dinge, die er zu dieser Zeit ausprobierte, waren ihrer Zeit weit voraus.

OMAC ist kein Superhelden-Comic, sondern führt die Science-Fiction-Action, die bereits Kirbys Arbeit an den Fantastischen Vier kennzeichnete, auf ein noch höheres Niveau. Diesmal ist es nicht ein phantastische Jetztzeit, in der skurill gekleidete Helden und Schurken sich bekämpfen, die gesamte Welt ist skurill geworden und bekämpft sich selbst. Es ist die Welt einer nicht näher gekennzeichneten Zukunft - „die Welt, die kommen wird!“ Es ist – wie KAMANDI – eine dystopische Zukunft, aber zu OMACs Zeiten kämpft man noch gegen den Untergang der Zivilisation an. (Quälende Andeutungen späterer Jahre legen nahe, dass OMAC Kamandis Großvater war, dass der Kampf gegen den Untergang also letztendlich vergeblich war, und die „Große Katastrophe“ kommen würde, in der die menschliche Welt untergeht und die Erde schliesslich von hochintelligenten Tieren bewohnt wird, während der Mensch auf das Niveau von Tieren herabgefallen ist.)

Kirby als visueller Mensch erschuf seine SF-Parallelwelten schneller und kompletter, als jeder Autor sie beschreiben konnte, und das schloss ihn selber ein. Sie sind visuelle Achterbahnfahrten von hohem Tempo, bei denen manches Mal die Feinheiten auf der Strecke liegen bleiben. Dennoch wirken sie – Jahre später – auf surreale Weise prophetisch. Die „Welt, die kommen wird“ ist eine klar zu erkennende Weiterentwicklung der Welt am Abgrund, wie die Mitte der 70er Jahre sie kannte. Die Welt ist in einem delikaten Gleichgewicht des Schreckens, multinationale Konzerne und globale Verschwörungen haben mehr Einfluß als jede Nation. Die einzige unabhängige Polizei ist die Global Peace Agency, die stets mit gesichtslosen Masken auftritt, um Herkunft und Geschlecht zu verbergen. Sie arbeiten mit pazifistischen und hochgeradig futuristischen Waffen. Das Gleichgewicht ist inzwischen zu zerbrechlich geworden, um große Armeen einsetzen zu können.

In dieser Welt begegnen wir einem Niemand namens Buddy Blank, wobei dieser nondeskriptive Name vielleicht sogar nur ein Codename ist. Buddy Blank ist, ohne es zu wissen, „Bruder“ der künstlichen Intelligenz, die als Satellit die Erde umkreist: Brother Eye.

Buddy Blank ist, ohne es zu wissen, OMAC.

Die Ein-Mann-Armee.

REPOST von 2008

Mittwoch, 27. Mai 2009

Flash Fiction :: Tindalos

Manche erzählen, dass sie vom Anfang der Zeit stammen, als die höchste Organisationsform organischen Lebens der Einzeller war. Aber manche sagen auch, dass sie vom Ende der Zeit stammen und die letzte Form der äonenlangen Degeneration und des Zerfalls sind, dem das Leben an sich unterworfen ist – die vollkommne Anpassung des Seins an die Finsternis, in der das Universum sich in sich selbst zusammenfaltet und alle Sterne in einem schrecklichen Spiraltanz in dem endgültigen gigantisches Schwarzes Loch enden, das alles Sein verschlingen wird. An diesem Ereignishorizont wird die gesamte Komplexität der Raumzeit in die Länge gezogen und in sich verdreht – die vier bekannten Dimensionen degenerieren zu imaginären Zahlen – die Geometrie der Naturgesetze wird eine nichteuklidsche werden! Wenn diese Theorien richtig sind, dann muss das Leben zu diesem Zeitpunkt bereits einen Weg gefunden haben, sich entlang der noch intakten Dimensionen zu bewegen. Ein Leben, dass seltsamer und schrecklicher ist als alles, was wir in unserem stabilen Heim aus Länge, Höhe und Tiefe uns ausmalen können – ein leben rückwärts durch die Zeit, rechtwinklig zum Raum, eine Art Anti-Leben, das von dem angezogen wird, was eigentlich abstoßen sollte. Wir können uns nicht ausmalen, was dies für eine Art von Existenz sein könnte – unserem physischen und psychischen Selbst ist es unmöglich, eine solche Position einzunehmen – aber könnten diese mageren, ausgehungerten Wesen sich ausmalen, wie unsere Existenz ist? Würden sie nicht hungern nach all den Qualitäten, die sie im Laufe der gnadenlosen Evolution bis hin zu diesem letzten schrecklichen Entwicklungszustand verloren haben? Nach all dem, was der Welt, entlang derer sie sich bewegen, nicht mehr möglich ist? Ist es nicht eine schreckliche Gravitation, die Leben und Anti-Leben sich aufeinander zu bewegen lässt, angezogen und abgestoßen gleichermaßen, nur sie sich letztendlich gegenseitig auslöschen zu lassen?

Manche beschreiben sie als Hunde, aber das ist ein Irrtum. Jegliche Form des Lebens, die so weit von der unseren entfernt ist wie die ihre, lässt sich schon lange nicht mehr mit einfachen zoologischen Kategorien beschreiben. Diese Namensgebung dient nur dazu, ihre Verdorbenheit in ein für Menschen verständliches Bild zu kleiden – ein Gleichnis, eine Parabel. Sie mit Hunden zu vergleichen, erfolgt ausschließlich aus dem wenigen, was man über ihr Verhalten und die Art ihres Erscheinens weiß. Man sagt, diese Wesen folgen jedem, der ihre Aufmerksamkeit erregt hat, durch die Winkel von Raum und Zeit, und deswegen erscheinen sie am Ende auch immer in irgendeiner Form von Winkel, unsichtbar aber gegenwärtig. So hungern sie nach dem Leben – und hassen es – dass sie mit ihren langen dünnen Gespensterzungen ihren Opfern den prosaischen Garanten des Seins, die Körperflüssigkeiten aussaugen. Das Opfer spürt zuerst keinen Schmerz, wenn die unsichtbaren Zungen sich in seine Schädel oder Nacken bohren. Ein unbeteiligter Betrachter könnte vielleicht sogar sehen, wie plötzlich ein Loch in seinem Körper entsteht, das beständig größer wird, aber nicht blutet. Und dies geschieht solange, bis das Opfer vollkommen ausgesaugt ist und nur noch eine trockene welke Hülle aus Haut ist, die das fleischlose Knochengerüst umgibt. In der Zwischenzeit jedoch hat das Opfer bemerkt, dass etwas Schreckliches mit ihm geschieht. Aber es kann sich nicht wehren. Sein Lebenssaft verströmt ins Unsichtbare, Unbekannte, und er spürt nur wie er mehr und mehr ausgehöhlt wird. Die langen Minuten bis zu seinem Tode müssen das Grauenhafteste sein, was man sich vorstellen kann.

Aus den Notizen zu einer Novelle mit dem Arbeitstitel "Reservoir of Tindalos"

Sonntag, 24. Mai 2009

Onkel Dittmeyer ist tot

Rolf H. Dittmeyer : Saftproduzent 'Onkel Dittmeyer' ist tot
Eigenartig - ich erinnere mich noch gut an diese längst verflossenen Tage, als die Musik sich wieder einmal wandelte, und plötzliche Ice-Ts Bodycount eine grosse Sache war. Fettes Riff, böse dreinschauende Neger Afroamerikaner mit Metalgitarren - wo hatte man sowas schon mal gesehen? Endlich kein Soul und Funk Bullshit mehr. Bodycount, Mann!



Was also naheliegender für den deutschen Weissbrotmutanten, als dies gnadenlos nachzuspielen - aber mit deutschem Text!
Hier im Norden waren es die Bronx Boys die mit bestechender Akribie den Text einzudeutschen verstanden ("Leichenzähler"), und weiter unten im Süden die Angefahrenen Schulkinder, die sich jedoch in freiem Versmaß versuchten und diese Coverversion von Bodycount "Tötet Onkel Dittmeyer" nannten.
Komplett mit T-Shirt! Ach, was waren das doch für unbeschwerte Zeiten.

"Onkel Dittmeyer ist tot".

Donnerstag, 14. Mai 2009

Redmask 2 :: Update

Die zweite Ausgabe des Pulp-Magazins "REDMASK" ist in Vorbereitung. Hier schon mal ein Überblick über die bislang gesammelten Erzählungen. Weitere Erzählungen werden momentan redigiert oder noch vollendet. Mehr dazu demnächst an diesem Ort.

DAS PRÄTORIUS-EXEMPLAR ist eine weitere Erzählung um Maximilian Gumbel, den okkulten Detektiv. Die Hauptrolle hier spielt Friedrich Wilhelm von Junzt und sein Buch „Von Unaussprechlichen Kulten“ (Düsseldorf 1840, späteren Ausgaben, in englischer Sprache unter dem Namen „Nameless Cults“). Dies wurde auch bereits von anderen Autoren verarbeitet. Hierbei zu erwähnen wären „The Black Stone“, „The Thing on the Roof“ von R.E.Howard, „Zoth-Ommog“, „The Thing in the Pit“ von L. Carter, sowie „Out of the Aeons“ von H.Heals und H.P.Lovecraft u.a.

DIE SÜNDEN DER VÄTER ist die erste Erzählung um Edred von Dunham, einen Kreuzritter zur Zeit von König Richard Löwenherz, eine Figur, die extra für diese Anthologie entworfen wurde. Sie reiht sich ein in die Liste historischer Abenteurer der Weird Fiction, wie sie beispielhaft von Robert E. Howard in seinen Kreuzfahrer-Novellen und den Erwählungen um Solomon Kane geschildert wurden.

GEFALLEN IST BABYLON ist eine weitere Erzählung aus der Serie um den Götter-Esser und seine Wanderungen durch Raum und Zeit. In REDMASK #01 wurde bereits die Novelle DAS GELÄCHTER DER AFFEN veröffentlicht. Weitere Erzählungen in Vorbereitung. © by Simon Petrarcha

DAS REICH DER TOTEN ist eine weitere Erzählung aus dem Zyklus um Arullu, die Erde am Ende der Zeit, wenn die Sonne nur noch altersschwach vom Himmel blinzelt und Magie und Aberglauben die Zivilisationen der Menschheit unter sich begraben haben. Die Erzählung führt uns in den fernsten Osten des letzten Kontinentes, in Länder so üppig wie die Märchen aus 1001 Nacht. In REDMASK #01 wurde bereits die Geschichte DIE SÜMPFE VON MANOU veröffentlicht. Weitere Erzählungen in Vorbereitung.

DER SELTSAME FALL DER PERIPHERON bildet den Abschluss dieser Anthologie, eine seltsame kleine Erzählung aus einer eigenartigen Zukunftswelt, die den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts nonchalant zu den Sternen gebracht hat. Zusammengebraut wurde sie als Hommage an die Planetengeschichten der 30er Jahre, wie sie selbst H.P. Lovecraft und C.A. Smith verfassten. Der Name des Planeten in dieser Geschichte ist Necronomiconne – das sollte doch alles erklären, oder? © by Simon Petrarcha und Axel M. Gruner