Freitag, 29. September 2006
Training for the Archetype
Bam Meadstem WhiteMESSIANIC TENTACLE
virtuoso, how time fries now!
glossily suburbanized judas,
sitcom misnomer tearaway.
spiderflower of a thwarted fingerboard:
three-hitter gin, steerable jaywalk,
jiggle the three-way flaunty.
Bam Meadstem WhiteSITTING HERE
teenaged geometrician, stark raving,
but training for the archetype.
italian is the marker of a hijacking,
little unpriestly try-on.
downgraded by a metastatic menace,
monster blinded usa.
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Aus B.M. Whites Gedichtsammlung "Lyric Hexagram" (2001-2003)
Donnerstag, 28. September 2006
Herr der Pilzwälder

Zu den eher unbekannten Architekten der grossen Vision des kosmischen Schreckens, die wir wohlgemut den Cthulhu-Mythos nennen, gehört der heutzutage auch im deutschsprachigen Raum unverdientermassen in Vergessen geratene William Hope Hodgson (* 15. November 1877 - † 17. April 1918).
Es kostet viele heutzutage schon Überwindung, einzugestehen, dass der "Mythos" nicht allein von H.P. Lovecraft erschaffen wurde, sondern dass auch Ideen und Erzählungen von anderen, vor allem Clark Ashton Smith und Robert E. Howard die parallele Wirklichkeit geformt haben, in der das ausseriridische (und ausserkosmische) Grauen hinter der Schwelle lauert. Eine Vorstellung, die sich inzwischen sogar in breiten Kreisen der Esoterik grosser Beliebtheit erfreut.
Aber auch diese Pioniere erschufen nichts aus einem Vakuum heraus. H.P. Lovecraft war sich seiner Einflüsse und Vorbilder durchaus bewusst und verwies auch dementsprechend darauf. Natürlich bedeutet seine Verwendung von Namen und Ideen aus den Erzählungen z.B. von Arthur Machen und Algernon Blackwood, dass das Werk dieser Autoren eigentlich auch zum/in den Mythos gehört.
Nicht viel anders ergeht es dem Werk von W.H. Hodgson. Bereits hier finden wir die aus den Banden geratenen Pilzwälder und Wucherungen, die weite Teile der exotischen Landschaften von Clark Ashton Smith formen. In der Erzählung "Stimme in der Nacht" ist ein alles überwuchernder Pilz, der schliesslich sogar Menschen überfällt, eine Präfiguration der Deformierungen, die in Lovecrafts Klassiker "Die Farbe aus dem All" geschildert werden.
Und in der Erzählung "Die Crew der 'Lancing'" erscheint vielleicht zum ersten Mal die Art ausserirdischer/ausserkosmischer Anatomie, die Lovecraft in seinen späteren Werken so eindrucksvoll zu schildern wusste. Nur sind es hier Wesen, die ein seit langer Zeit über die Meere treibendes Schiff besetzt halten - Wesen, über deren wahre Natur man auch nach mehrmaliger Lektüre ihrer Schilderung nur rätseln kann:
"Nichts ähnelte ihnen so sehr wie Menschen. Ihre Körper hatten die gestalt von Seehunden, aber von einer toten, ungesunden weissen Farbe. Der untere Teil endete in einer Art zweifach geschwungenem Schwanz, auf dem sie zwei lange, schneckenartige Fühler hatten, an deren enden eine sehr menschenähnliche Hand mit Krallen statt Fingernägeln saß - schreckerregende Parodien von Menschen." (Die Crew der 'Lancing', in: W.H.Hodgson, Stimme in der Nacht, st 2706, ISBN 3-518-39209-3)
Mittwoch, 27. September 2006
Die Kröten tanzen! (4)
Der Ort: Die Wildnis nördlich der Großen Bunkerstädte
Die Zeit: Irgendwann im 3. Jahrtausend
Die Morgensonne schien unbeteiligt auf die beiden Männer herab. Die Gipfel der nahen Pilzwälder waren von einem feinen Morgennebel verhangen, aber in der Stille erklangen keine schrillen Stimmen mehr. Peklyntok verband seine Wunden und musterte seinen Gefangenen abwartend, der zur Sonne blickte und versuchte, hinter den Pilzwäldern die Silhouette der Bunker zu entdecken. Sein schwarzes Haar flatterte träge um sein Gesicht, das dank der Krallen der Kröten nun nicht mehr so blaß war. „Für einen Moment haben wir Sehnsucht und Entsetzen vertrieben“, sagte Peklyntok. „Aber dieses Dilemma, wenn es überhaupt ein Dilemma ist und nicht bloß eine Art moralischer Magenverstimmung, kann nur dort behoben werden, wo es seinen Ursprung hat.“
Der Gefangene rieb sich die Hände. „Albern genug fühle ich mich jetzt besser als die ganze Zeit vorher. Ich fühle mich wacher und aufmerksamer, vielleicht bin ich auch bloß aus einem Schlaf aufgewacht.“
„Das liegt wohl daran, daß ich Dir die Fesseln abgenommen habe.“
„Hättest Du es nicht, wärst Du wohl kaum hier.“
„Ein guter Handel, das gebe ich zu. Aber Du hättest mich nicht in den Sattel zerren brauchen. Wer sagt, daß ich mich jetzt dafür erkenntlich zeigen würde? Ich bin zu nichts verpflichtet:“
„Niemand ist zu etwas verpflichtet. Ich hab's gemacht, weil ich es für richtig hielt.“
„Glaube nicht, daß ich Dir nicht dankbar bin“, sagte Peklyntok und musterte das Gesicht des Gefangenen, „Was mich angeht, war es richtig. Verwunderlich, was geschieht, wenn man handelt, ohne zu denken, oder wie immer es auch nennen mag. Aber warum traust Du Dir nur bei so kleinen Dingen?“
„Hier ging es nur um Leben und Tod, Mann. Das andere... das bedeutet ewige Verdammnis... Das Schlimme ist, das ich die Bedrückung immer noch nicht los bin. Selbst wenn ich in die Stadt zurückkehren würde und sie nie wieder sehen würde, wäre da immer noch dieses Gefühl des Versagens, und darin erinnert mich jede Straße in der Stadt. Man glaubt alle Straßen zu kennen, selbst an dem Ort, an dem man geboren wird, aber kaum lernt man jemand anderen kennen, der sein Lebtag andere Wege beschritten hat, erweitert sich plötzlich der Blickwinkel, und man starrt auf Wege und Verbindungen, die man vorher noch nie gesehen hat. Und in die angenehme Überraschung, das sanfte Brennen, das man dabei verspürt, mischt sich immer auch ein winziges Quentchen Unbehagen, weil man in eine Welt eintritt, die nicht die eigene ist. Ich frage mich, ob es nur eine Angst vor Veränderungen ist, die daraus spricht, oder mehr...“
„Du weißt, das Du keine Angst vor Veränderungen hast, denn sonst wärest Du nicht so zufrieden, armselig und allein über irgendeine gottverlassene Weide am Ende der Welt zu wandern, fernab aller Bunkerstädte, fernab von Elektrizität, Licht, Wärme und menschlicher Zivilisation. Was auch immer Dich Dein Leben lang in den Katakomben gehalten hat, es war bestimmt nicht der Beton der Wände oder das summen der Laufbänder oder die Musik der Singenden Gärten. All das gibt es hier draußen nicht. Hier gibt es nur kompliziertere Vergnügungen wie Leben und Tod und den Tanz der Kröten.“
„Diese Tänze habe ich schon oft gesehen“, sagte der Gefangene bitter. „Und diese Tänzer sind mir nicht fremd. Nur tragen sie sonst längere Haare und andere Kleider. Aber sie sind immer auf Blut aus, aber meist auf das eigene.“
„Ich glaube, die Schwerkraft versagt bei Dir“, sagte Peklyntok und setzte sich schmerzlich auf. „Was fesselt derartig Deine Gedanken?“
„Ich fürchte, kein bestimmtes Thema. Nur kann ich mich nicht damit abfinden, mich mit nichts abzufinden, wenn da etwas anderes sein könnte. Ich habe oft genug die Gesichter der Clowns gesehen, wenn sie ihre Possen rissen, und den Ausdruck in den Augen der Bettler, wenn sie wieder hungrig die Straßen entlangstrichen. Ich will mich nicht mit Hoffnungslosigkeit abfinden, und wenn es mich umbringt, mich davon freizumachen. Davonlaufen, meinetwegen, aber immer noch eine Möglichkeit haben.“
„Ich kann Dich nicht laufen lassen, das ist keine Möglichkeit, nur noch größere Hoffnungslosigkeit. Hoffnungslosigkeit spricht daraus, daß Du überhaupt so denkst. Wohin Du auch fliehst, irgend jemand wie ich wird immer da sein, der Dich aufhält, jede Straße hat irgendwo ihr Ende. Keine Flucht dauert ewig, Du mußt Dich schon stellen. Ich werde allmählich der Worte müde.“
„Ich würde lieber ein rollender Stein sein als eine Stütze der Gesellschaft.“
„Dann wärst Du nur ein kleiner Unbekannter, genauso ohne Hoffnung wie alle anderen.“
„Ich brauche keine Hoffnung, das ist dasselbe wie Furcht auf der anderen Seite. Ich brauche nur eine Alternative.“
„Was für eine Alternative? Zu Dir selbst hast Du keine.“
„Das glauben nur die Alten. Und vielleicht die Clowns, die nachts weinen, weil ihre Schminke längst in ihre Haut übergegangen ist.“ Der Gefangene lachte und wischte sich hastig über die Augen. Seine Stimme war nun selbst ein wenig schrill geworden. er wußte sehr gut, was das bedeutete.
„Und ich habe immer noch mein Messer und die andere Leine“, sagte Peklyntok. Er verschränkte die Arme vor seiner Mantelbrust. „Wie schnell Du auch rennst, ich kriege Dich. Und wenn nicht ich, dann ein anderer.“
„Nicht, wenn ich das Pferd nehme.“
„Dann dauert es vielleicht länger...“
„Aber ich hätte die Zeit, mir darüber klar zu werden..“
„Verdammt, Mann!“, schrie Peklyntok, „Wovor rennst Du eigentlich davon? Weißt Du das überhaupt?“
„Vor allem, was mich einfangen und in Fesseln dorthin zurückschleppen will, woher ich komme“, sagte der Gefangene ernst, und seine Lippen zitterten ein wenig.
Peklyntok seufzte, halb aus Schmerz und halb aus Resignation.
„Sieh es doch einmal so: Wenn sie jemanden wie mich hinter Dir herschickt, um Dich aufzuhalten, dann bedeutest Du ihr doch irgend etwas, oder? Und wenn es nur der kleine Flecken Mißvergnügen ist, den man braucht, damit das Leben nicht zu unerträglich eintönig ist.“
„Liebe und Haß, eh? Das alte Spiel scheint nie zu Ende zu sein.“
„Es gibt immer neue Spieler“, sagte Peklyntok weise. „Wir reiten abwechselnd, abgemacht?“
„Abgemacht:“
Sie schüttelten sich die Hände.
Dienstag, 26. September 2006
Sekundäre Schöpfungen (1)
Während des 1. NordlandThinges war ich nicht die ganze Zeit damit beschäftigt, die Freuden des Methrausches an die Uneingeweihten zu vermitteln oder über die Relevanz von Mammuts im 21. Jahrhundert zu philosophieren, sondern hatte zwischen den einzelnen Sturmböen und Regengüssen mehr als genug Gelegenheit, mich zu unterhalten und Menschen kenenzulernen. (Man trifft heutzutage ja nur noch selten welche...)
In einem Gespräch mit den Betreibern der Internet-Community My Lands hatte ich spontan zugesagt, zusammen mit einem Kollegen eine Literatur-Community zu organisieren. Ein bischen Unterhaltung... ein bisschen ernsthaftes... vielleicht ein paar Klassiker... achja, und natürlich ein Fortsetzungsroman, der eigens für die Seite geschrieben wird und von dem pro Monat ein Kapitel erscheinen soll. Sowas wollte ich schon lange mal wieder machen. Übermütig wie ich bin, fragte ich sogar noch nach, welches Genre man den bevorzugen würde.
"Tja", sagten die guten Leute, "Ich glaube, die Leute lesen am liebsten Krimis..."
Auftritt vor meinem Inneren Auge: Humphrey Bogart in "The Deep Sleep". Abschätzend mustert er mich und zündet sich herausfordernd langsam eine Zigarette an.
"Kein Ding", sage ich.
Im Sanctum :: Wild Weird Web
Ein weiteres Beispiel für Schrödingers' Fetisch-Theorie: Die Quantenphysik sorgt dafür, dass jede Art von Fetisch, die man sich ausdenken kann, sofort in Realität umgesetzt wird.)
Eine kleine Sammlung aus THE SANCTUM:
Montag, 25. September 2006
Die Kröten tanzen! (3)
Der Ort: Die Wildnis nördlich der Großen Bunkerstädte
Die Zeit: Irgendwann im 3. Jahrtausend
Der süße, leicht faulige Geruch der großen Pilzbäume trieb in der nächtlichen Brise, schon lange bevor die Wipfel der nördlichen Pilzwälder unter dem Mond sichtbar waren.
„Es war keine Flucht, es war eine Reise“, sagte der Gefangene.
„Es war eine Flucht.“
„Vielleicht. Vielleicht wollte ich auch einfach nur fort. Allein sein, und auf meinem Pferd stundenlang über die leeren Ebenen reiten; unter dem Mond die riesigen Pilze sehen, die wie Krebsgeschwüre an den Bergen emporwuchern; allein sein, fern der Stadt mit ihren tausend Stimmen und dem Geruch feuchter Pflastersteine, weg von allem, weg von Gedanken und Erinnerungen und den Erinnerungen der Erinnerungen, weg von all den Zeichen, die ich an die Häuser entlang der alten Straße gemalt habe, fort von ihr und stattdessen allein mit dem Mond und dem toten Stein der Berge. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen.“
Peklyntok grunzte und nickte schwer. „Ja, das verstehe ich.“ Er musterte den Horizont. Ein befriedigter Ausdruck trat auf seine Züge, als er den ersten rosigen Schimmer bemerkte, der am östlichen Horizont das Violett der Nacht vertrieb. Es war auf jeden Fall besser, mit Tageslicht durch die Pilzwälder zu reisen.
„Wie hast Du damals über sie gedacht?“
„Oft.“
„Nein, wie.“
„Bevor ich mich mit ihr traf, freute ich mich darauf, ja, ich schwelgte so sehr in Erwartung und Vorfreude, daß die ersten Stunden bei ihr immer von einem rosigen Schleier getrübt waren - nein, das stimmt nicht einmal, vielleicht manchmal, aber meistens doch nicht. Ich war einfach gerne bei ihr, und ich hätte es gerne gehabt, daß da mehr wäre.“
„Aber da war nicht mehr?“
„Ich weiß nicht.“
„Du weißt nicht?“
„Ich weiß nicht.“
„Das ist verwunderlich.“
„Nicht verwunderlicher als alles andere, was uns beide umgab. Wenn wir in den Singenden Gärten spazierengingen, hatte ich das Gefühl, als ob sie sich wohl bei mir fühlte, und als ob uns etwas verbünde, aber wenn ich allein zurückkehrte, fühlte ich nichts.“
„Dann scheint mir das Dilemma tatsächlich auf einer persönlichen Fehlfunktion zu beruhen.“
„Bei mir nicht mehr als bei mir, glaube ich jedenfalls. Der Gott, der uns beide zusammenbrachte, muß ein grausamer Hund gewesen sein.“
„Weil es anders war?“
„Anders als was?“
„Anders als alles, was Du erwartest hast?“
„Vielleicht. Es macht mich nicht froh. Dumm, soetwas, zu sagen, oder? Aber ich kann nicht die ganze Zeit gescheit daherreden, wenn ich selber nicht genau weiß, was es eigentlich zu bereden gibt. Das einzige, was ich mit Bestimmtheit weiß, sind diese Momente der Enttäuschung. Manchmal möchte man einfach mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, um die Grenzen des Schmerzes zu finden, aber dann ist es meistens schon zu spät. Ich weiß noch genau, was ich dachte, als ich mit ihr das erste Mal in den Singenden Gärten war. Zuerst haben wir uns nicht sehen wollen oder können. Immer hieß es, man könnte, oder man sollte, aber wir haben es immer verschoben - ich habe es verschoben, oder wer auch immer, aber an diesem Abend überlegte ich nicht lange, warf alles hin und folgte ihr. sie war verändert an diesem Abend, offen und irgendwie erwartungsvoll, genauso wie ich. Oder stimmt das nicht? Wahrscheinlich erwartete sie etwas ganz anderes als ich. Rätsel über Rätsel. Den ganzen Abend folgte ich ihr, ermutigte sie, hörte ihr zu, ich weiß genau, daß ich bestimmt nicht zu eifrig war oder aufdringlich, aber vielleicht war genau dies das Problem, vielleicht habe ich einfach den richtigen Zeitpunkt verpaßt.“
Peklyntok lachte. Sein breites grausames Gesicht verzog sich voll fürchterlicher Fröhlichkeit. „Wie mir scheint ist Dein Problem eher eine Unfähigkeit, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen. Was sind die Fakten, und wie hast Du sie Dir dargestellt? Es ist doch so, daß faktisch zwischen Dir und ihr nur eine recht gewöhnliche und platonische Freundschaft bestand, keine Leidenschaft, nicht einmal eine Liebelei. Ihr kanntet euch, und das war es. Du aber sahst darin bereits soetwas wie eine Verlobung, und Du konntest es weder Dir noch ihr verzeihen, daß diese Verlobung nie vollzogen wurde. Du hättest sie einfach fragen können.“
„Pure Wahrheit funktionierte nicht. Das hätte ich nie gewagt.“
„Nur wenige wagen 'pure Wahrheit'.“
„Ich bezweifle, daß sie soetwas direkt ins Auge gesehen hätte.“
„Die Möglichkeit besteht, wenn sich diese Wahrheit nicht als zu brutal herausstellt. Sie hätte sie bestimmt nicht erniedrigt.“
„Aber mich.“
„Eine Möglichkeit.“
„Ja, aber solche Möglichkeiten sind schrecklicher als Gewißheit. Gewißheit zwingt zum Handeln. Soetwas... lähmt. Ich habe immer an anderes gedacht, wenn ich mit ihr in den Singenden Gärten tanzte, zwischen all den Tänzern mit ihren verfilzten Haaren, berauscht von Soma. Die tanzten jeder für sich selbst, mancher schon tot im Kopf. Ich konnte darin nichts schönes sehen, nein, wie auch. Ich dachte an romantischere Dinge, wenn ich sie vor den Neonfackeln tanzen sah. Liebe, ja, oder Aufruhr, egal, was, wenn es nur stark war. Nicht die Gleichgültigkeit oder Farblosigkeit dieser Stadt.“
„Das ist eine Frage des Blickwinkels“, sagte Peklyntok und schaute sich um, „Ich war schon in vielen Bunkerstädten, und in jeder gab es etwas zu entdecken. Die Singenden Gärten sind nicht die uninteressantesten Sehenswürdigkeiten hier im Norden. Viele würden vieles geben, sie einmal ansehen zu dürfen, und Du hast sie jeden Abend haben können, ob nun allein oder mit ihr zusammen.“
„Was andere wünschen muß ja nicht unbedingt mir gefallen, oder? Mir haben diese Stunden, in denen ich allein in den Bergen war, tausendmal besser gewesen als all die Stunden in den Katakomben der Singenden Gärten, die Neonfackeln, die Tänzer und die Knochenmusik.“
„Als ich ein Kind war, bin ich aus eben diesen Bergen geflohen...“
„Wegen der Kröten und den Pilzwäldern...?“
„Wegen der Langeweile...“
„Ja, genau so fühle ich mich auch. Wenn ich allein bin, fühle ich mich viel wohler, auf den Bergwegen, mit dem Pferd, habe ich viel mehr Frieden gespürt als in der Stadt. Ich mußte einfach raus dort. etwas anderes sehen, egal was, etwas anderes, schrecklich oder schön, solange es nur die Erinnerungen in meinem Kopf zum Schweigen brachte.“
Peklyntok wischte sich mit dem Handschuh über den Mund. „Vielleicht erhören die Götter Deinen Stoßseufzer, mein Freund“, sagte er und lockerte den Knoten der Leine, mit der sein Gefangener an den Sattelknauf gebunden war.
„Was meinst Du?“
„Die Kröten tanzen, und es ist noch nicht Morgengrauen.“
Der Gefangene hob den Kopf und sah endlich auch, was sein Bewacher bemerkt hatte. Vor ihnen zwischen den blassen Pilzbäumen schlichen schattenhafte, bucklige Gestalten. Wieder erklang der schwirrende Gesang. War es ein Gesang? Oder nur ein Laut der Vorfreude, oder des Hasses, was vielleicht das selbe war?
Das Pferd schnaubte nervös. Der Gefangene sah zur Seite. Die Spitzen des Büffelgrases bewegten sich an einigen Stellen nicht mit dem Wind.
„Ich sehe sie auch“, sagte Peklyntok. „Große graue Burschen... sie umschleichen uns. Hier kommen wir nicht mehr weg, sie werden versuchen, uns noch vor Morgengrauen zur Strecke zu bringen. Die sind auf Blut aus.“
Der Gefangene schwieg. Er hatte bereits die Geschichten vom großen grauen Steinhaus der Kröten gehört, und was man dort mit Männern zu machen pflegte.
Peklyntok warf die gelöste Leine nach hinten. „Mach Dich los“, sagte er und zog ein Messer aus dem linken Stiefel, „ich muß an mich selbst denken.“ Er warf dem Gefangenen das Messer zu und griff in seine Satteltaschen. „Und falls wir hier herauskommen, werden wir beide noch einmal über diese Geschichte reden.“
„Versprochen“, sagte sein Gefangener und trennte die Fesseln auf. Vorsichtig massierte er sich die Handgelenke und sah mißtrauisch zur Seite. Peklyntok hatte inzwischen eine Armbrust aus seiner Satteltasche gezogen und sie vorsichtig gespannt. Das Pferd schnaubte erneut, lauter jetzt. Im Büffelgras raschelte es.
Der Gesang der Kröten erklang erneut. Ganz nah jetzt. Das harte Schlagen der Armbrustsehne ging in einem schrillen Schrei unter. Im gleichen Augenblick stolperte eine graue, bucklige Gestalt aus dem blauen Gras, knurrte und fiel dem Gefangenen vor die Füße. Er sah noch einen Augenblick große hervortretende gelbe Augen vor sich und einen Armbrustbolzen, der aus einem grotesk breiten Maul ragte, dann prallten graue, singende Körper gegen ihn und er ging zu Boden. Wieder knallte die Armbrust, dann verschwamm alles hinter singenden Froschmündern und kalten Händen mit Schwimmhäuten, die über sein Gesicht fuhren und versuchten, ihm den Mund zuzuhalten.
Er schlug um sich. Klamme Haut gab unter Metall nach, und er spürte die Umklammerung an einer Seite nachgeben. Plötzlich war er wieder auf den Beinen, halb kniend, und mit einem wütenden Schrei stieß er das Messer einer hochaufragenden grauen Gestalt mitten ins Herz. Im gleichen Moment versuchte ihn etwas von hinten am Hals zu packen, aber er duckte sich, trat um sich und hechtete sich nach vorne.
Er war schon auf den Beinen, bevor sie bei ihm waren. Es waren nur grob menschenähnliche Gestalten, ihre Augen mit winzigen schlitzförmigen Pupillen, aber unter ihrer warzigen grauen Haut bewegten sich kräftige Muskeln. Sie waren sicher keine wirkliche Kröten, aber das lange Leben unter den Pilzen mit all ihren Giften und Düften hatte sie so völlig entfremdet, daß sie den Unterschied kaum noch kennen würden.
Der Gefangene wich einer grotesken Hand aus und stach in den drahtigen Arm. Hinter ihm ging soeben das Pferd mit einem schrillen Wiehern zu Boden, und eine graue, schnatternde Horde schwärmte über Peklyntok, der sich verzweifelt im Knien mit seinem Messer zur Wehr setzte. Der Gefangene schlug die Faust der ihm nächst stehenden Kröte die Faust zwischen die Augen, daß die Knochen darunter nachgaben und stieß sie beiseite. Hastig bückte er sich nach der herrenlos am Boden liegenden Armbrust und erschoß eine Kröte, die Peklyntok würgte, von hinten durch den Kopf.
„Das Pferd!“, rief Peklyntok, aber der Gefangene hatte schon in die Zügel gefaßt und das panisch mit den Augen rollende Pferd hochgerissen. Mit einem Fluch zerschmetterte er die Armbrust auf dem Schädel einer Kröte und sprang in den Sattel. Die Kröten stimmten erneut ihren Gesang an und griffen nach ihm, aber er ließ das Pferd auf die Hinterläufe steigen und drängte es direkt in die singende Menge. Das Geräusch knirschender Knochen unterbrach den Gesang, als die metallbeschlagenen Hufe herabsausten. Noch bevor die Kröten sich wieder besinnen konnten, hatte der Gefangene sich weit aus dem Sattel gebeugt, Peklyntok am ausgestreckten Arm ergriffen und zerrte ihn zu sich empor. Mit einem Schrei gab er dem Pferd die Sporen, und das Tier brach durch die Reihen der Kröten und hetzte durch das blaue Gras der Morgendämmerung entgegen.
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