Sonntag, 3. Mai 2020

Amadeus auf der Flußwelt (?)

Die Rückkehr der legendären Nonsense-Cut-Up Postings unter Einbeziehung relevanter Suchbegriffe (manchmal), demnächst als Pop-Novelle in meinem Bücherschrank!


Das Papier der japanischen Stellwände war mit stylisierten Wellen aus oranger Tusche bemalt, mit goldenen Kämmen, die in sattes Mitternachtsblau ausbluteten. „Guten Abend,“ sagte der bleiche Mann, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, „man sagt mir, Sie wünschen mich zu sprechen.“
„Wir wünschen in ihren Selbstmordklub einzutreten,“ versetzte Hiram Kobalt. Amadeus und er hatten nach einer halben Stunde Warten Platz genommen und stumm die Einrichtung betrachtet. Ihnen war bewusst, dass überall verborgene Sichtlöcher und Spiegel waren, aus denen man sie beobachtete.
Der Präsident rollte, statt zu antworten, seine Zigarre im Munde herum. Für einen kurzen Augenblick wurde das glitzernde feuchte rote Fleisch inmitten der Finsternis sichtbar; die Zigarre ein Tentakel, an dessen Ende rot ein Auge pulsierte.
„Was ist das?“, fragte es höflich.
„Entschuldigen Sie,“ entgegnete Hiram, „aber ich glaube, Sie können darüber am besten Auskunft geben.“
„Ich?“ rief der Präsident. „Ein Selbstmordklub? Das ist ein Scherz, oder? Beim Wein lasse ich mir solchen Spaß gefallen, – aber was soll das hier?“
„Der Selbstmord des Universums,“ sagte Hiram, „Sie wissen, worum es geht, und wir wollen uns ihnen anschließen.“

Samstag, 2. Mai 2020

Werkstattbericht 2020-05-01



Herzliche Grüße von der Nordseeküste, aus den mythischen Gefilden von Zollern am Meer, wo wir gerade eben den Tag der Arbeit so richtig zünftig gefeiert haben.Nein, war nur Spaß. Tatsächlich hat es ein wenig gehagelt, deswegen sind wohl alle zu Hause geblieben und haben wahrscheinlich in manchen Fällen sogar gearbeitet. Ich fürchte, es ist etwas still geworden im Äther, und wirklich Interessantes scheint es auch kaum noch zu geben. Früher... ja, früher... da war Bloggen eine richtige Kultsache, heutzutage sehen wir atemlos den verwackelten Handyvideos von Leuten beim Toastessen zu.

Helden des Alltags, Helden der Arbeit. Und da es nichts Langweiligeres gibt, als Leuten zuzusehen, die noch dümmer als man selber ist, oder es vielleicht sogar solchen Leuten nachzumachen, habe ich - weil ich inzwischen weise und erwachsen bin (*kicher*) - in letzter Zeit die Klappe gehalten. Bringt ja doch nichts. 2020 sollte ein großes Jahr werden, und nun...

Und mit dem unheimlichen Timing, die man mir in meinem Illuminaten-Basistraining beigebracht hat, hatte ich das Jahr schon sinnvoll verplant, bevor der böse Coronamann aus China kam und Pustelblumen säte. Erstaunlicherweise habe ich in den ersten drei Monaten des Jahres alle Projekte und Manuskripte noch einmal angeschaut und Präferenzen gesetzt, und dann alles mit einem Seidenband zusammengeschnürt und beschlossen, beginnend mit dem 01.04.2020 vorerst keine neuen Sachen anzufangen, sondern brutalstmöglich die vorliegenden Fälle zu bearbeiten.

Da hängt jetzt eine fette weiße Tafel am Bücherregal, die bunten Zettelchen an der Pinnwand habe ich als erstes entsorgt. Feste Regeln, feste Zeiten, erstaunlich, was man da alles schafft. Und nicht Neues mehr, Brüder und Schwestern, erstmal das Fundament reparieren. (Soviel auch zu den Anfragen wegen neuer Publikationen von Nemed House und Mirkruna Press.

Ich bin da ganz hart...

...ja, und momentan arbeite ich für einen englischsprachigen Verlag an einer Novelle über einen Public Domain Charakter, weil mich auf Facebook ein Bekannter angesprochen hat. Und ich blogge wieder. Wahrscheinlich kommen auch noch andere alte Sachen wieder zum Vorschein.

Sag mal, wie war das eigentlich Amadeus und seiner Flußwelt..?

Freitag, 1. Mai 2020

Mythos :: Traumsucher [3]



Notizen aus dem Platinbuch

Ist YOG-SOTHOTH der Erlöser? Σωτήρ (Erlöser, Heiland) ist im Gnostizismus derjenige, der die Seele aus der Gefangenschaft des irdischen Archonten und Demiurgen Jaldabaoth befreien wird.

Die Götter von Pegāna erscheinen weniger unerbittlich als manchmal eifersüchtig, neidisch oder hochnäsig - menschlich, allzu menschlich. Und auch wenn die Bewohner der Welten tatsächlich Spielfiguren oder Teil eines der Spiele der Götter sind, so sind diese Spiele gleichzeitig auch die Bedeutung des Lebens und des Äons. Aber es klingt sehr nach dem "Mythos", Sie entspricht dem, was die Leser von Lovecraft irgendwann den "Cthulhu-Mythos" nannten - er selbst tendierte zu "Yog-Sothotherie". (Und dies ist zweifellos korrekt, denn der Große Cthulhu ist nur ein in einer Art invertierter Gnosis auf der Erde gefangener Außerirdischer... der Hohepriester einer radikal fremdartigen Religion, der nur darauf wartet, erlöst zu werden und ins Pleroma der Leere zurückzukehren...) Dies klingt wenig In Dunsanys Mythos werden die Welt und die Götter erschaffen von MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ, der solange schläft, wie SKARL der Trommler spielt. Und wenn SKARL aufhört zu spielen, dann wird MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ erwachen und neue Welten und neue Götter erschaffen. In Lovecrafts Mythos hat dieser große Allerälteste die Form des Dämonen-Sultans AZATHOTH angenommen, das nukleare Chaos im Zentrum der Universums, das jenseits der Zeit inmitten des gedämpften, rasendmachenden Schlags nichtswürdiger Trommeln und des dünnen, monotonen Gewinsels verwünschter Flöten brodelt und lästert.


AZATHOTH ist wie MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ, alle Existenz ist in ihm enthalten und von ihm abhängig. Er ist "GOTT" - der wahre "gute" Gott des Pleromas, der jenseits der Existenz ewiglich herrscht und zu dem die befreiten Seelen zurückkehren werden.

MĀNA-YOOD-SUSHĀĪ kann so sein, aber er schläft.

AZATHOTH jedoch ist nicht nur "grenzenlos", er ist auch "hirnlos".


Das ist die Quintessenz von Lovecrafts "Mythos" - der ultimative Gott ist ein sabbernder Idiot. Zu ihm reichen keine Träume, so werden wir versichert, und er herrscht in Leere und völliger Verwirrung. Im Gegensatz zum gnostischen Weltbild gibt es hier kein Entkommen. Genauso wie in der realen Welt.


(Ist es da ein Wunder, dass manche ihr Heil in Traumwelten suchen?)

Sonntag, 29. März 2020

Fanboy :: Neues aus der Pulp Domain

Helden, die mehr als nur ein Stirnrunzeln hervorrufen. Kein Traum! Keine Täuschung! Erfindungslust, die Amok läuft. / Eine lose Serie von Kurzartikeln.

Beim Herumspielen im Blogarchiv stieß ich auf diesen Eintrag, der sich mit einem "unmöglichen Helden" aus der Public Domain namens ZONGAR (the Miracle Man) bezog...
"Ich reserviere hier ausdrücklich folgenden Charakter für später", hatte ich geschrieben: Zu diesem zeitpunkt war ich der Meinung, dass es ja wohl kein Problem wäre, einen derartig schrägen und okulten Charakter für die eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Achja, aber wie immer war jemand anderes schneller, und das heisst, wie einer dieser Pläne, der zu Boden geht und ausgezählt wird. Dennoch, und gerade deswegen, gratuliere ich dem geschätzten Kollegen Tommy Hancock von Pro Se Productions zu Nr. 5 von 80 geplanten Stories aus der Pulp Domain:

"Demons of Manhattan"!

Sonntag, 22. Dezember 2019

Flash Fiction :: Der Samariter

Über der Welt stand ein einsamer Mann an einem Fenster, das so groß war, dass er seine Ränder nicht sehen konnte, selbst wenn er den Kopf in den Nacken legte. Unter ihm, ein paar Meter oder auch viele hundert Kilometer, drehte sich der Planet in gleichmäßiger Bewegung dem Sonnenlicht entgegen. Seine Augen verweilten einige Augenblicke auf den dunklen Schatten des großen Kontinentes, auf dem er geboren worden war, unter den strahlendweißen Wolkenbändern, dann war die Landmasse entschwunden, und das offene, schimmernde Türkisblau des Ozeans, übersät mit dem brillanten Schimmern versprengter Archipel, kam in Sicht. Kurz schimmerte es blau und grün und weiß vor ihm, dann verdunkelten sich die Farben und vermählten sich mit der Finsternis der Nachtseite. Der Satellit umkreiste die Welt einmal in drei Minuten. Manchmal fühlte er sich wie ein Geist, wenn er auf die Lichter herabsah, die die Nacht übersäten – kalte, zwinkernde Lichter wie die Sterne jenseits dieser kleinen Kugel unter ihm. Ein Geist, ein einsames Auge inmitten der Leere des Weltraumes. Sah vielleicht irgendjemand da unten zu ihm empor, irgendeine einsame Seele, die ebenfalls nicht schlafen konnte? Aber der Satellit war vom Boden betrachtet nur eines von Millionen winzigen Lichtern, leicht zu übersehen und bedeutungslos in dem gähnenden Abgrund, durch den der Planet raste. Er wandte sich ab, als die Dunkelheit der Nachtseite dem schimmernden Weiß und Blau wich, die sich in neuen Mustern über der Westküste des Kontinentes zusammenzog.

Der Klang seiner Stiefel hallte weit in den langen Korridoren, die vor ihm lagen. Er warf seinem Spiegelbild einen kurzen Blick zu, als er an einer blankpolierten Stahltür vorbeiging. Sein Gesicht, eingerahmt von kurzen, bereits grau werdenden Harren, ein flüchtiger Schatten über dem dunkelblauen Schemen seines Uniform. Er war ein Samariter, so nannte man sie nun, die Männer und Frauen, die die orbitale Satellitenstation in der Atmosphäre des Planeten bemannten. Ein goldenes „S“ in einem Pentagon, dem Abzeichen der Terranischen Raumabwehr, das auf die rechte Brustseite der Uniform geprägt war, gab Zeugnis davon, dass der Spitzname, den man vor etwa zwei Jahrzehnten für die einsame Besatzung der Station geprägt hatte, inzwischen auch Eingang gefunden hatte in den offiziellen Sprachgebrauch. Samariter nannte man sie, weil sie die einzigen waren, die von ihrer Arbeit keinen Nutzen haben würden, die vor allem aus der Beobachtung des Wetters und der tektonischen Aktivitäten des Planeten, sowie dem In-Raum-Scanning des Sonnensystems bestand. Die Samariter waren die einsamen Wachhunde des Planeten, die ihren undankbaren Job schweigsam in den endlosen Stahlkammern der Station verrichteten. Das einzige, was ihnen geblieben war, als sie sich freiwillig für den Dienst auf dem Satelliten verpflichtet hatten, war, die Welt zu beobachten. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, bis der Dienst abgeleistet war, oder der Tod einen von ihnen auslöschte und ein neuer Samariter an Bord kam.

Der einsame Mann hoch über der Welt blieb stehen, doch das Echo seiner Schritte setzte sich noch einige Augenblicke fort. Auch heute war er nicht der einzige Geist, der den Himmel heimsuchte.

Weniger Flash Fiction als ein Fragment, das entstanden ist, als ich vor 20 Jahren (1998) versucht hatte, die Geschichten um den Grünen Planeten Nemedia aus meinen Jugendwerken, neu zu beleben und in einer griffigeren Form umzuschreiben. Naja, es war einen Versuch wert. *Seufz*

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Das Schwarze Brett im Winter

Ha! Wieder selbst ausgetrickst!
Als motivierende Massnahme und Vorbereitung der Epiphanie eines neuen Lichtes in der Gutenberg-Galaxis,hatte es sich bei uns hier eingebürgert, ein buntes Kärtchen mit dem Titel und den groben Daten der Veröffentlichung an unser Redaktions-Schwarzbrett zu tackern. (Hängt direkt hinter den Schreibtischen...)
Und dann hatten wir sie, und dann hatten wir noch ein paar, aber irgendwie kamen immer mehr bunte Kärtchen dazu, als bunte Kärtchen als "erledigt" geschreddert wurden... bis die bunten Kärtchen alle waren, und das Redaktions-Schwarzbrett nur noch ein stummer, misgelaunter Vorwurf in der optischen Atmosphäre war.

Im Sinne der beschaulichen Vorweihnachtszeit... jedenfalls sagt man mir, sie sei beschaulich und ich solle dies doch bitte um Gottes Willen! auch einmal nutzen, pflücke ich nun die bunten Kärtchen, die ich früher mit viel Sachverstand aber wenig praktischem Nutzen selbst zurechtgeschnitten habe, von dem mißbilligenden Schwarzbrett wie der Winter die letzten Blätter von den Bäumen.
All dies muß weg, bevor es wieder Frühling werden kann...
Ich prokrastiniere weiter...

Sonntag, 10. November 2019

Merkwürdige Äonen [5]



Das Zeitalter der Namenlosen Stadt


The Nameless City“ ist keine große oder vielleicht auch nur besonders gut bekannte Geschichte von H. P. Lovecraft – vielleicht gerade, weil hier viele der Bausteine und Elemente, die er in späteren Werken viel effektiver einsetzte, das erste Mal auftauchen. Die Namenlose Stadt steht noch knapp auf der Schwele zur Imitation größerer Autoren – die Dimensionen und Proportionen sind noch bescheidener und unverzerrter, als sie sich in der Zukunft anbieten mögen. Wurde deswegen die Namenlose Stadt in der weiteren Entwicklung des Mythos nicht weiter berücksichtigt, außer halbherzigen Erwähnungen am Rande? Das Volk, das sie erbaute – „haßverzerrt, grotesk herausgeputzt, halb durchsichtige Teufel einer Rasse, die niemand verwechseln kann – taucht im Mythos nie wieder auf. In der größeren Architektur von Lovecrafts Werk und seinen Epigonen spielt sie, „die über die Welt herrschte, bevor Afrika aus den Wogen auftauchte“ keine Rolle.

Dennoch ist der Gedanke verlockend, vielleicht auch quälend, sich einen Mythos vorzustellen, der sich von hier aus weiterentwickelt hätte, mit dem gleichen Duktus und der Geschwindigkeit, die Lovecraft zu jenen Ruinen tief im Inneren der Arabischen Wüste geführt hatte. Kein Cthulhu-Mythos, nicht mal ein cthulhoider, sondern der Mythos von den Echsen-Königen, die Millionen jahre über diesen Planeten herrschten, bis die Wüste ihre ehemalige Küstenmetropole erstickte; der Mythos von der Alten Rasse, die Meilen unter der Menschenwelt im astralen Lichtmeer der Innenwelt darauf lauert, zurückzukehren.

Wie fremdartig müssen diese Wesen für uns sein, wenn wir ihnen einmal gegenüberstehen – Wesen, die aus einer Zeit stammen, in der sich noch nicht einmal die höheren Teile unseres Gehirns entwickelt hatten?

Der einzelne flüchtige Blick in seltsame Äonen: Welt und Natur sind hilflos gegen solche Angriffe aus den aufgebrochenen Brunnen der Nacht, auch kann kein Zeichen oder Gebet den Walpurgisaufstand des Grauen aufhalten. Und schon sind wir unsicher, wer oder was es ist, was ewig lügen kann.