Sonntag, 9. Oktober 2005

Splatter 101 :: Formel und Figur

Man hat mich darauf hingewiesen, daß es vielleicht nicht die beste Idee ist, einen kompletten Teenie Splatter über ein Blog zu veröffentlichen. Die Vorstellung, daß jemand in regelmäßigen Abständen hier vorbeischaut, um zu sehen, ob ein neues Kapitel online ist, erscheint mir nun auch grotesk. Wo bleibt da der Funfaktor? Ausserdem kann man den Blog nicht abschliessen – wissen SIE, was ihre Kinder gerade lesen? Also keine Geschichten von abgerissenen Gliedern und baumelnden Eingeweiden, abgesehen davon – wer liest sowas schon, wenn es sowieso viel leichter im TV zu finden ist – oder draussen vor der Tür...
Konstruieren wir uns gemeinsam eine Formel für so eine Geschichte, dann kann sich jeder seinen Film selbst ausdenken, zu Hause... wann immer ihm danach ist... wann immer er das Verlangen spürt... und die Stimme des Blogs verstummt ist... niemand mehr Dir sagt, was der Sinn des Lebens ist... und das Küchenmesser matt im Licht des zunehmenden Mondes schimmert... und...

Ähhh... Wo waren wir gerade?
Achja, Wissenschaft.

Zum Plotten benutze ich neben orangenen Karteikarten und den Innereien eines schwarzen Hahnes etwas, das sich der „Standard Horror Plot Grab Bag“ nennt. Ich habe ihn irgendwo in einer Hintergasse des Internet blutend am Boden liegen gefunden... seitdem klopft er von Innen gegen die Kofferraumtür... wollen wir ihn mal rauslassen...
Mischen wir die Karteikarten, schauen wir in die Innereien – ein anderes System der Divination als „Chaosfaktor“ tut es übrigens auch – und brauen wir uns was zusammen.

Was brauchen wir denn?

Der „Standard Horror Plot Grab Bag“ nennt 14 Punkte, die jedoch nicht alle in der gleichen Kategorie angesiedelt sind, aber was soll’s. Wir reden hier ja nicht von Kunst, sondern von Standard Splatter, flott heruntergedreht, wann immer man das Verlangen spürt, und das Küchenmesser matt im Licht des zunehmenden Mondes...
Wie auch immer...
Wir wollen uns nicht täuschen, Splatter ist wie Porno, und dient nur einem: der Entladung eines primitiven Reptilieninstinktes... Es geht um Furcht, es geht ums Sterben... es geht um Verschwörung und Mord...

* * *


Als erstes brauchen wir Opfer... am besten die standardmässigen notgeilen Teens oder Twens... niemand kreischt so schön wie High School Tucken...
Und nicht nur einer, sondern eine kleine Gruppe. Man soll nicht geizen, interessant wird es erst ab einer Gruppe von fünfen...

Und damit wir wenigstens die rudimentären Überreste von etwas wie Handlung haben, brauchen wir auch einen oder zwei Heldengestalten, am besten ein Männlein und ein Weiblein, die vielleicht sogar das Ende unseres Filmes erleben werden.
Die anderen drei von den mindestens fünf potentiellen Opfern (seien wir ehrlich, bei diesen drei kann man sich das ‚potentiell’ auch sparen) bekommen ebenfalls ehrenvolle Aufgaben. Sie bringen die Handlung vielleicht sogar noch mehr voran als die Helden. Vor allem indem sie möglichst melodramatisch und blutreich sterben.

Wir brauchen mindestens ein dummes, zickiges oder nervendes Mädchen, das bereits recht früh zum Opfer fällt... am besten mit deutlichen körperlichen Vorzügen, und erst am Ende einer nervenzerreissenden Hetzjagd erlegt, bei der sie mindestens einmal stürzt. Sollte ihre Bekleidung dabei zerreissen, unterstreicht dies natürlich auch die ethische Grundaussage dieser Figur, dass manche Leute einfach zu blöd für diese Welt sind. Und niemand mag Hollywood-Bimbos.
Neben der Zicke fällt als nächstes derjenige zum Opfer, den wir den Nörgler nennen wollen... Sie wissen schon, der klugscheisserische Dummschwätzer, der an allem etwas auszusetzen hat, der immer nach einer ‚rationalen’ Erklärung sucht und tatsächlich glaubt, dass er ungeschoren aus der ganzen Sache herauskommt. Hahaha! Nicht in diesem Film, Du Narr! Stirb! Stirb! Küchenmesser matt im Licht...
Eine angemessene Variante dieses Klingenfutters ist der hilflose Warner, der vielleicht sogar mehr weiss, als die anderen, dem aber natürlich erst dann geglaubt wird, wenn die Körper beginnen, ihm vor die Füsse zu rollen. Und auch dass ist nicht Garant dafür, dass er es überleben wird. Nicht nur Bimbos und Klugscheisser müssen sterben, sondern auch die, die es eigentlich hätten besser wissen müssen...

Merken diese armen Seelen denn nicht, dass sie sich in einem Film befinden?
Der Textcursor auf dem Bildschirm, wo das Drehbuch entsteht, ist wie die Klinge, die sie hetzt.
Können sie denn nicht aus diesem Albtraum erwachen!?


Im Zweiten Teil: Set und Setting.

Freitag, 7. Oktober 2005

Der Werwolf im Bild (2)


Zweite Folge :: Die Konsolidierung des Werwolf-Mythos als in ausgewählten Comicheften. "Schoßhund oder Superschurke?"...












Titelbilder in Reihenfolge:

Marvel Team-Up No. 12, August 1973
Dr. Strange, Sorceror Supreme No. 26, Marvel, Februar 1991
Werewolf at Night No. 2, Marvel, März 1991
Werewolf: The Apocalypse “Children of Gaia” Moonstone, Juli 2002
Werewolf: The Apocalypse “Black Furies” Moonstone, Februar 2002

Donnerstag, 6. Oktober 2005

Der Werwolf im Bild (1)


Erste Folge :: Die Wiederkehr des Werwolf-Mythos in ausgewählten Comicheften der 70er Jahre. "Vollmondnacht, Nacht der Furcht"...






Titelbilder in Reihenfolge:

World's Finest No. 214, DC, Oktober/November 1972
House of Mystery No. 231, DC, Mai 1975
Eerie No. 48, Warren, Juni 1973
Marvel Spotlight No. 2, Februar 1972
Creatures on the Loose No. 31, Marvel, September 1974

Dienstag, 4. Oktober 2005

Dunkel, mein Liebling...

Ich hatte es ja schon angekündigt, habe aber für den Tag der Einheit eine Ausnahme gemacht, weswegen wir erst heute anfangen wollen...
Zum Abschluss des ersten halben Jahres NEMEDHOUSE BLOG stehen alle Veröffentlichungen unter dem Motto HALLOWEEN SPECIAL.

Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung ist Halloween nämlich nicht nur eine einzige Nacht, sondern eigentlich eine ganze Jahreszeit. Nun, so genau wollen wir es nicht nehmen, aber ich denke, jeder der an einem frühen düsteren Morgen aus dem Fenster schaut und sieht, wie die Frühnebel sich zögernd aus dem vergilbten Laub verkrümmter Äste lösen, wird erahnen, dass irgendetwas vor sich geht. Der Herbst hat begonnen, unaufhaltsam verringert sich das Licht. Die dunkle Jahreszeit hat begonnen, die Hexenkönigin regiert...

In einer der ersten Ausgaben von SCHWERT+STAB habe ich etwas gefunden, was recht gut dazu passt:
"Samhain (ausgespr. so’ahn) ist das wichtigste der vier großen keltischen Jahresfeste. Es wird 40 Nächte (die traditionelle Periode des Wachsens, Werdens und der Prüfung in der keltischen Vorstellungswelt) nach den Herbstäquinoktien, annäherungsweise in der Nacht zum 1. November begangen. (1) In der Vorstellungswelt der Kelten war dies die Nacht der Nächte. Die Nacht, in der der 12monatige Zyklus der Gestirne vollendet wurde, und die Welt, und die Zeit selbst, ein Ende fand. In der nebligen Finsternis dieser Nacht vermischten sich Vergangenheit und Zukunft, und die magischen Hügel, die Sidhe, öffneten sich. Türen ins Jenseits und in die Andere Welt taten sich auf, und die Wilde Magie, die Magie der Kräfte vor der Schöpfung der Welt, regierte wieder das Land.
Die Wilde Jagd war unterwegs, und maskierte junge Männer zogen umher, lärmten, um die Geister zu vertreiben und sahen da bei selbst wie Geister aus. In dieser Nacht endete die alte Welt, und eine neue wartete darauf, geboren zu werden. In dieser Nacht erloschen alle Herdfeuer in Irland und wurden erst im Verlaufe der Nacht wieder an den Freudenfeuern neuentzündet, die die Druiden unter feierlichen Gebeten an die Kräfte, die die Welt formten, errichtet hatten.
Samhain war auch eine Nacht, in der man das begangene Jahr mit seinen Erfolgen und Mißerfolgen wild und ekstatisch feierte, eine Nacht, in der die Stände beieinander saßen und unter der Aufsicht der Druiden in einer archaischen Art von Thing über Pläne entschied, die man im kommenden Jahr durchführen wollte. Samhain war die Nacht, in der das Alte starb und das Junge geboren ward: Eine Nacht, in der die Zeit selbst jede Bedeutung verloren hatte."


Das ist auch ungefähr die Idee hinter dem HALLOWEEN SPECIAL. Kein Kiddiekram, und ganz sicher keine Kürbisse, weder Rezepte für Kürbissuppe noch drollige Grafiken von Kürbislaternen, es sei denn, ich finde eine von einem, der zubeißt. Ja, es soll hier mal ein bisschen unheimlicher zugehen. Immerhin endet die Zeit, und die Tore der Unterwelt schwingen weit auf...

Verwandeln wir den Oktober in vier Wochen Magie und Schrecken. Keine bunten Bilder mehr, sondern stattdessen alles, was in der dunklen Jahreszeit zuhause sein könnte. Ich habe noch keine Endauswahl getroffen. Vielleicht versuche ich auch innerhalb dieser vier Wochen einen archetypischen Teenie-Splatter-Roman zu schreiben... ansonsten machen wir uns gefasst auf Gespenster, Hexen, schwarze Magie, Wiedergänger, Zombies und Vampire... Dinge die mitten in der Nacht herumpoltern... und die eisige Hand des Grauens.

Ich lass also mal alle anderen genretypischen Bezüge und beschränke mich mal auf Horror und Mystery. Sie müssen keine Angst haben, dass meine Hand plötzlich aus ihrem Bildschirm herausgreift und ihnen die Kehle zuschnürt.

Ist alles nur Spaß!

Obwohl, manchmal...
hehehehehehe...

Montag, 3. Oktober 2005

Einheitlich bucklig

...zum Tag der Deutschen Einheit 2005

Ich bin Deutschland.

Das ist so.

Das ist das, was mir die Stimmen jeden Abend erzählen, die aus dem Weißen Rauschen meines Fernsehers hervorklingen. Ich bin Deutschland.

Und außerdem ein Schmetterling und ein Chor. Die Details sind ein wenig unklar.

Ich bin Deutschland. Das heißt dann wohl, dass mein Auge in Norddeutschland liegt, und ungefähr im Saarland meine Rosette. Wacht auf, Bayern, ihr seid das symbolische Äquivalent meiner Käsefüsse! Achja, und ich bin bucklig. Der ganze Osten liegt mir schwer auf den Schultern.

Ich bin Deutschland, und ein Schmetterling und ein Chor, der Bucklige von Europa. Mein Name ist Deutschalnd, denn wir sind viele.

Aber ich bin ein Happening-Land. Vorsprung durch Technik: Vergesst das alte Deutschland, jetzt bin ich es. Und als wichtiger Bestandteil des nordatlantischen Paktes und der westlichen Hemisphäre tue ich wasauchimmerzumteufel ich will.

Ich erkläre hiermit den schwarz-rot-gold karierten Kilt zur Nationalkleidung, außerdem haben im Sommer alle Frauen nicht nur bauchfrei, sondern auch busenfrei herumzulaufen. Die neue Nationalspeise ist einmal die 82 und einmal die 129, gebackene Wantans extra. Das Sauerkraut schicke ich zurück in den Elsass, sollen sie meine französischen Nachbarn damit strangulieren.
Ich bin Deutschland, und ich find meinen Namen Scheiße. Kurz vor meiner Geschlechtsumwandlung werde ich mich umtaufen lassen. Ich habe auch schon einen elegant klingenden Künstlernamen gefunden. Glückwunsch. Ihr seid jetzt alle Bürger des schönen Staates Hebephrenie.

Wer mir dumm kommt, dem tret ich in die Eier und kipp ihm den Butterberg vor die Tür. Die hebephrenen Bauern sollen mir huldigen und auf jedem Dorfplatz Statuen aus getrockneten Kuhfladen errichten, die pünktlich zu Ostern in Brand gesetzt werden, während sich die parfümgeschwängerte Luft mit Sonetten füllt, und barbusige Jungfrauen bei meinem Anblick reihenweise umklappen. Ich bin zwischen Rhein und Oder, ich bin der Tod eines Meisters, mein Huf tritt auf das Herz dieses Kontinentes; zweimal bin ich schon gekommen, meine kleinen Droogs da draußen, ihr schlottert doch schon lange davor, dass ich noch ein drittes Mal auf Welttournee gehe.

Entspannt euch. Natürlich bin ich nicht so blöd, Euch an die Wäsche zu gehen, oder gar unserem Onkel Sam ans Bein zu pissen. Auf so eine Idee würde nur ein kleiner pubertierender Zehenlutscher kommen. Scheiss auf heroischen Geist, hier geht’s darum, wer den längsten hat. Ich bin alt und haarig und wenn ich einen ablasse, verdunkelt sich die Sonne. Ich nehme mir die kleinen Schwuchteln vor. Als erstes sind Andorra und San Marino dran, diese Ziegenficker. Liechtenstein? Luxembourg? Vergesst es, Jungs, wenn ihr in der Oberliga spielen wollt, dann müsst ihr schon mal ein wenig Gas geben. Ihr seid nur Pickel auf der Landkarte, ein wenig entzündet, aber leicht auszudrücken.

Ich steh schon vor euren Sozialbauten. Brauchst Dich nicht zu verstecken, ich hab’ Deine dumme Visage hinter der Gardine gesehen. Also komm runter, Monaco, damit ich Dir ordentlich in die Eier treten kann.

Denn ich bin Deutschland.

Ein Schmetterling und ein Chor.

Der Bucklige von Europa, alt und haarig.

Sonst noch Fragen?

Unmögliche Helden :: Uebermensch ueber Alles

Helden, die mehr als nur ein Stirnrunzeln hervorrufen. Kein Traum! Keine Täuschung! Erfindungslust, die Amok läuft. / Eine lose Serie von Kurzartikeln. Teil 2, zum Tag der Deutschen Einheit 2005

Spätestens mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den weiten Weltkrieg 1942 trat innerhalb der in hellen Grundfarben gekleideten Superheldenfiguren der Untertypus des „Patriotischen Helden“ hervor, eine Gestalt, die sich weniger durch außergewöhnliche Fähigkeiten oder Charakterzüge hervortat, sondern durch sein auf der nationalen Ikonographie basierendes Design. Während die Kernessenz dieses Typus, auch durch das von Jack Kirby kongenial entworfene Kostüme, durch die Figur des Captain America verkörpert wird, der auch heute noch im Einsatz ist, gab es zur Zeit des Weltkrieges eine erstaunliche Anzahl ähnlicher oder verwandter Gestalten, in denen sich ein proaktiver bzw. aggressiver Patriotismus manifestierte.

Die amerikanische Fahne (Stars’n’Stripes) erwachte in einer Legion von blau-weiß-roten Heroen zum Leben: The Starspangled Kid & Stripesy! The Patriot! The Shield! Captain America! Miss America! Americommando! Red, White and Blue! Spirit of 76! Selbst Wonder Woman hat patriotische Hotpants!

Aber auch andere nationale Ikonen konnten als Rohmaterial für patriotische Designs genutzt werden. Die Freiheitsglocke von Philadelphia gab Liberty Belle den Namen, und selbst das bekannte Plakat der U.S.Army erwachte als Uncle Sam zum Leben!

Dies mag dem distinguierten Mitteleuropäer reichlich platt und vulgär erscheinen, der sich am Odem seiner jahrtausendealten Historie erfreut, in Amerika jedoch, das sich vielmehr als andere Staaten durch seine vergleichsweise junge Geschichte Identität verleiht und diese auch feiert, ist dies nur ein Ausdruck „gesunden Patriotismus“ auf Seiten der Autoren. Man darf auch nicht vergessen, dass die „One Nation under God“ nicht äquivalent mit einer Ethnie ist, seinem Nationalismus also auch die völkische oder rassistische Qualität fehlen dassmuss, die sich beim Auftreten nationaler Begeisterung in anderen Ländern immer gerne einschleicht. Es bleibt hier selbstverständlich unausgesprochen verstanden, daß dies in der Verfassung der U.S.A. verankerte Prinzip in Teilen der Südstaaten und anderen unterentwickelten Landstrichen immer wieder gerne nur auf einen Teilabschnitt der Bevölkerung angewandt wird.

Hier spielt sich die völkische Entrüstung und der Rassenkampf dann statt auf fernen Schlachtfeldern in den brennenden Ghettos ab, und statt Eroberung- herrscht der Bürgerkrieg. Es ist vielleicht kein Wunder, dass neben der perfiden Rothaut vor allem der ‚Gangster’ der Hauptantagonist innerhalb der amerikanischen Genreliteratur ist – jener Teil der Bevölkerung, der sich dem organisierenden Prinzip der Verfassung in die Halbwelt des organisierten Verbrechens entzogen hat, der kein Bürger mehr ist, sondern Teil dessen, was man in den 30ern den ‚Mob’ nannte.

Das Konzept des kostümierten Patrioten ist ein typisch amerikanisches, das heißt ein falsches, löst man es aus seinem kulturellen Kontext. Seine Übertragung auf andere Nationen ist eine Injektion ‚artfremder’ Ideen, und kann bestenfalls eine Art kognitiver Dissonanz erzeugen. Natürlich, jede Nation könnte einen unabhängigen Wächter der Freiheit und Verteidiger des nationalen Ideals gebrauchen, unabhängig von Staat und Armee, einen heiligen Golem, der die Armen und Unterdrückten vor Übergriffen schützt. Aber ist dies außerhalb der amerikanischen Konzeption von Nation auch nur im Ansatz realisierbar?

In einem bekannten Cartoon stellt Walter Moers, der Erfinder von Kapitän Blaubär, dem normalgroßen Captain Amerika einen daumenhohen Captain Liechtenstein zur Seite. Natürlich. Wenn das eine, warum nicht das andere? Der Autor dieser Zeilen hat als Fünfjähriger auch ganze Hefte mit Variationen von nationalen Captains vollgemalt, genug für einen ganzen Internationalen Kongress der Superhelden. Warum nicht ein Captain dass? Hier würden sich durchaus eine Anzahl von interessanten Möglichkeiten ergeben, dies Konzept weiter auszureizen. Doch wo beginnen, wo aufhören? Was ist ein Staat, was eine Nation? Zählen auch Stadtstaaten? Kann dies amerikanische Modell des Patriotismus übertragen zu werden, ohne daß die gerade in der Genreliteratur so beliebten rassischen und nationalen Klischees mitexportiert werden? Wären die Franzosen über einen von amerikanischen Autoren erfundenen Nationalhelden namens „Tricolore Man“ glücklich? Die Iren über jemanden namens „Shamrock“? Die ‚Araber’ über jemanden namens „Arabian Knight“ (komplett mit fliegendem Teppich)? Marvel Comics hat bereits eine Parallelbildung zu ihrem seit 50 Jahren unverwüstlichen amerikanischen Captain in „Captain Britain“ erschaffen. „Great Britain“ ist aber auch das “United Kingdom”, es besteht eigentlich aus mehreren Nationen. Warum also nicht Captain Scotland und Captain Wales? Oder Captain Nordirland?

Gnädigerweise hat man bisher darauf verzichtet, auch nur einen Aspekt der politischen oder ideologischen Problematiken internationalen Nationalismus zu thematisieren – das Bild des Helden, ob patriotisch oder nicht, verträgt sich nicht gut mit Realpolitik. Der „patriotische Held“ bewegt sich nicht in einer authentischen Landkarte internationaler Beziehungen, sondern in der teils naiven, teils grotesken Traumlandschaft, als die Welt von der teils naiven, teils grotesken Imagination von Comic Book-Autoren wahrgenommen wird.

“Hauptmann Deutschland” erschien das erste Mal, noch ohne Namen und in Verkleidung, in CAPTAIN AMERICA Vol. I, No. 387 (Juli 1991), wo er die Organisation des seit den 40er Jahren agierenden Super-Nazis Red Skull („Der Rote Schädel“) infiltriert hatte – der ideologischen Nemesis von Captain America. Im folgenden Heft gelang es ihm, den Red Skull gefangen zu nehmen, und in No. 389 erschien er zum ersten Mal in Uniform, die recht uninspiriert das Grunddesign der von Captain America kopierte, mit der Ausnahme, daß das Schwarz-Rot-Gold der bundesdeutschen Flagge ein weitaus uninteressanteres Design ergab als das Blau-Weiß-Rot mit Sternen und Streifen der amerikanischen.

Allein hier schon wird deutlich, daß es sich bei diesem Charakter weniger um eine Neuschöpfung als eine Parallelbildung handelt; ein Captain America für Deutschland. Dass diese Grundidee auf mehr als einem Beine hinkt, sollte für jeden klar ersichtlich sein.

Allein, die Idee eines deutschen Helden in einem amerikanischen Magazin mag ja keine schlechte sein, beweist sie doch wenigstens einen gewissen Grad der Offenheit gegenüber dem einstweiligen Verbündeten. (Sein Erfinder, der verstorbene doch unvergessene Mark Gruenwald soll auf der Frankfurter Buchmesse einmal geäußert haben, daß er den Hauptmann aus „Freude über die Wiedervereinigung“ erfunden habe.) Und daß der ehrenwerte Hauptmann bei seinen ersten Auftritten doch recht kompetent daherkommt und die Züge des Red Skull voraussieht, ihn in fallen laufen lässt und im Grunde etwas schafft, was seinem Hauptfeind nie gelungen ist, mag vielleicht darauf hindeuten, daß es sich bei dem projektierten deutschen Nationalhelden um einen fähigeren Charakter handelt, als es sein doch recht generisches Design vermuten lässt.

Bis zu diesem Punkt mag dies richtig sein, und man hätte vielleicht mit dieser Gestalt durchaus etwas machen können, wenn man ihn in die Hände eines autochthonen Autorenteams übergeben hätte – oder zumindest in die Hände von Autoren, die ein wenig besser mit den deutschen Gegebenheiten vertraut waren als der gewiss wohlmeinende Mr. Gruenwald, der aus der typisch amerikanischen Unkenntnis internationaler Gepflogenheiten heraus die Figur leider unrettbar in den Keller fuhr.

„Hauptmann Deutschland“, so erfahren wir, ist nur einer aus einem Team deutscher Superhelden, die den eher unwahrscheinlichen Namen „Schutzheiliggruppe“ führt. Die anderen Mitglieder dieser „Group of protecting saints“ nennen sich „Zeitgeist“ (Time Spirit) und „Blitzkrieger“ (Lightning Warrior).


Bereits hier treten dem deutschsprachigen Leser die Tränen in die Augen, er schließt sie erschüttert, wenn er erfährt, daß die gelungene Festnahme des Red Skull und all seiner Hauptschergen nur deswegen erfolgte, weil man ihn nach einem flotten (Schein-)Prozess auf dem schnellsten Wege hinrichten will, um „die Sünden der Vergangenheit des Vereinten Deutschlands zu exorzieren“ (siehe Bild.)

Ab hier hat das Konzept jegliche Glaubwürdigkeit verloren und bricht auch schnell in sich zusammen, da es dem Skull relativ einfach gelingt zu fliehen und die Deutschen dastehen lässt wie recht naive oder dümmliche Volltrottel. (Ein Captain America-Doppelgänger taucht auf und nimmt ihn sagen wir mal in Schutzhaft, ohne daß auch nur ein Finger gerührt wird, ihn zu hindern bzw. Nach Formalitäten zu fragen. Seufz.)

Konnte eine so eklatante Parallelbildung wie Hauptmann Deutschland überhaupt erfolgreicher sein als sein Vorbild, Captain America? Es hätte sicherlich einen schweren Bruch der Kontinuität und auch der genretypischen Regeln bedeutet, hätte er im Alleingang das erreicht, was C.A. in 50 Jahren nicht geschafft hat.

Es hätte allerdings auch die Bewältigung eines genretypischen Stereotyps bedeutet, nämlich der Gleichung Deutscher = Nazi. Dass dies nicht gelang, unterstreicht gleichzeitig auch das Unvermögen, einem Angehörigen einer anderen (fremden) Nationalität nicht nur Kompetenz, sondern sogar Überlegenheit zuzuschreiben. Thematisch passt dies z.b. recht gut zu dem fast zeitgleich von DC lancierten Titel JUSTICE LEAGUE EUROPE, dessen Team in Paris ansässig war, und dem zumindest am Anfang kein einziger Europäer angehörte.

Der erste nationale Held des demokratischen Deutschland als Parallelbildung und bestenfalls blasse Kopie eines anderen Wächters der Freiheit hat nicht einmal eine eigenständige Geschichte, er ist eine Nebenfigur neben Captain America, dessen Kontinuität die seine aufgesogen hat, wie um zu unterstreichen, wer hier auf Erden unter den demokratischen Kräften die Oberhoheit hat. Ein „Hauptmann“ der deutschen Armee ist nun mal weniger als ein „Captain“. Als solches kann man diese Figur sogar als einen metatextuellen Kommentar auf das Verhältnis der Vereinigten Staaten zu allen anderen Staaten, vor allem aber zu seinen Verbündeten, ansehen.

Eine solche Deutung, und auch die Unstimmigkeiten der Namensgebung, wurden auch dem Autoren von Hauptmann Deutschland vorgetragen, und er ließ ihn ein zweites Mal, in einer korrigierten Form innerhalb der Captain America-Serie auftreten (CAPTAIN AMERICA No.442, August 1995). Man gab ihm sogar einen anderen Namen, damit er sich etwas von seiner Gussform abheben konnte. Wahrscheinlich nahm man sich ein deutsches Wörterbuch und suchte nach einem Wort für „guardian“ oder „sentinel“. Da „Wächter“ jedoch komisch aussieht – diese lästigen deutschen Ümlaute – nahm man die andere Alternative.

Man nannte ihn Vormund“.

Seitdem ist er nie wieder gesehen worden.

Samstag, 1. Oktober 2005

Willkommen im Unheimlichen Oktober...

Bevor der Monat mit all dem beginnt, was ich mir vorgenommen habe, um dieses Land erschaudern zu lassen, eine Nachricht, die uns alle für einen Moment innehalten lassen sollte...

Nach Meinung einiger wohlinformierter Mitmenschen könnte das Folgende eine angemessene Darstellung von GOTT sein:. Das Fliegende Spaghettimonster!


Schatten des Cthulhu!
Ich habe es immer gewusst!!!