Sonntag, 30. Oktober 2005

Geisterjäger :: Eine Art Exorzismus



Manchmal steht man mitten und Leben dann wird einem klar, wieviele Dinge man begonnen aber nicht beendet hat. Vielleicht sollte man nicht versuchen, diesem natürlichen Gang der Entwicklung entgegenzuwirken. Manche Dinge sind besser unvollendet, und manche Dinge sollte man besser vergessen. Von den vielen Geschichten, die es zu erzählen gibt, haben manche nur für eine gewisse Zeit einen Reiz, bevor man zu fesselnderen Dingen übergeht. Die Geschichten verblassen, setzen Staub an, und einige Jahre später ist das Pergament, auf die sie hastig niedergekritzelt wurden, brüchig, und selbst eine fiebrige Imagination kann die Lücken nicht mehr schliessen, die sich aufgetan haben. Vielleicht aber waren diese Lücken auch immer da, und man hat es nur früher nie bemerkt. Alles zerfällt in Stücke, der Mittelpunkt kann es nicht mehr halten, und es herrscht nur noch ein blasses Gespenst von Nostalgie, hinter einer dünnen Papiermaske versteckt.

Von den vielen Geschichten, die im Staub der Krypten herumliegen, auf vergilbendem Papier und zerbröckelndem Papyrus, sollte vielleicht keine mehr und besser vergessen werden als die von Jörg Roth, GEISTERJÄGER. Und doch pocht sein Gespenst heftig an die Türen der Krypta, und seine murmelnde, wispernde Gespensterstimme dringt immer wieder aus der Tiefe hervor.

Jörg Roth, GEISTERJÄGER gehört zu den Kurzgeschichtenserien in Heftchenform, die ich und ein Freund, der mittlerweile unerkannt bleiben will, Anfang der 80er Jahre zu unserem gegenseitigen Vergnügen verfassten. In vielem von dem, was geschrieben wurde, kann man heute noch sehen, welche Ideen und welche Figuren uns zu dieser Zeit begeisterten. Was unsere Augen verschlangen, setzten wir relativ unverdaut aufs Papier. Irgendwann wurde man älter, und das Schreiben brach ab oder wurde ernsthaft. In der gleichen Zeit verbrannte auch mein Freund alle seine Kurzgeschichten und auch einiges von dem, woraus er als begeisterter Jugendlicher seine Ideen bezogen hatte. Manche Dinge haben nur für eine gewisse Zeit einen Reiz, bevor man zu fesselnderen Dingen übergeht. Fast das einzige, das diese brutale Emanzipation überlebt hat, sind die Geschichten, die er über Jörg Roth für unsere gemeinsame Serie geschrieben hat. Im Austausch für einige belastende Photographien, die ihn zusammen mit einem Mitglied von Guns’n’Roses, dreier Flaschen Jim Beam und einer grünlich schillernden Substanz zeigen, gelangten sie vor einiger Zeit in meinen Besitz.

Selbst meine fiebrige Imagination kann die Lücken nicht mehr schliessen, die sich aufgetan haben. Aber nach über einem Jahr Meditation und dem Skizzieren von Plots kann ich vermuten, warum Jörg Roth, GEISTERJÄGER unvollendet blieb und fast vergessen wurde.


Ein Überblick über die Geschichten: Die erste Geschichte „Wen der Schatten jagt“ ist leider verschollen. Sie ist sicherlich die Beste, da sie nur noch in der Erinnerung existiert und die Phantasie ein besserer Autor ist als derjenige, der die Geschichte zuerst zu Papier brachte. „Tor zur Hölle“ braucht zu viele Seiten, bis endlich das im Titel erwähnte Tor geschlossen wird, aus dem ohne ersichtlichen Grund Feuergeister entweichen. In „Die Vampirhöhle von Bhawanipatna“ wird erwähnt, dass Dämonen die ersten Herrscher der Erde gewesen sind, und einige Relikte hinterlassen haben. Die Hauptgegner der Serie, die Kinder von EREBUS, versuchen, Jörg Roth bei einem Indienbesuch auszuschalten, indem sie alle Untoten der Umgebung auf ihn hetzen. Immerhin eine interessante Umkehrung der gewöhnlichen Formel. Wäre Jörg Roth zuhause geblieben, hätten die Vampire weiter ihren Schlaf der Ewigkeiten schlummern können... „Wesen der Nacht“ ist eine passende Geschichte für die Halloween-Zeit. Mitten im schottischen Hochland kommen jedes Jahr zur „Schwarzen Geisternacht“ alle Geschöpfe der Nacht zusammen, um den Verlust ihrer ehemaligen Macht zu betrauern. In diesem Jahr überleben nur wenige der Bewohner des nahegelegenen Dorfes, vor allem weil Jörg Roth alle christlichen Embleme aus der Kirche entfernt, um daraus Waffen für sich herzustellen. „Der Totengräber von Liberty Forrest“ ist eine eher nichtssagende Geschichte über einen Serienmörder, der seine Opfer mit einem Spaten zerlegt. Nicht weiter verwunderlich, er ist wirklich ein ehemaliger Totengräber.
Höhepunkt der niedergeschriebenen Geschichten ist jedoch zweifellos „Willkommen in der blutigen Stadt“, in der eine gesamte Kleinstadt im Weserbergland Opfer fremdartiger Einflüsse wird. Unter dem Einfluss des Blutagenten der Kinder ERBUS’ verwandelt sich die gesamte Bevölkerung in einer rasanten Abfolge unschöner Szenen, die ans Bizarre grenzen, zu blutdurstigen Wahnsinnigen. Es gibt kein Entkommen, stattdessen ist dies nur der Anfang einer blutigen Spur, die Jörg Roth durch Raum und Zeit bis in das Schattenreich seiner grössten Feinde führen soll. (Die projizierten Nachfolgegeschichten wurden natürlich nie geschrieben...)

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