Donnerstag, 22. Juni 2017

3rd Mind :: Cuttin' up 220s

Man kann halten davon, was man will: der fromme Kabbalist, der über den ersten Buchstaben der Genesis meditiert und alle möglichen Permutationen der zufälligen Anordnung der Lettern des Heiligen Buches scannt, ist bereits ein Cut-up. Jeder Buchstabe ist heilig: macht keinen Unterschied zwischen dem einen und einem anderen.

Aber wenn jeder Buchstabe heilig ist, ist auch jede Kombination dieser Buchstaben heilig und voller Bedeutung. Die Heilige Kabbala, die der erste Adam am Flammenschwert lernte, die Sprache des Paradieses, die Henoch noch sprach und die ihn hoch in die Himmel erhob. Eine Flugscheibe, betrieben von orgasmischer Inspiration.

Dies ist Temurah, Cut-up in dem Glauben, mit dieser Methode das esoterische Substrat und die tiefere spirituelle Bedeutung der Worte ableiten zu können. Das Wort war bei Gott, inzwischen hat es uns alle infiziert: ein Virus aus dem Weltall. Und wie alle Viren enthält es das Programm zur Vermehrung und Ausbreitung, besitzt aber keine eigenständige Replikation. Es ist auf den Stoffwechsel seines Wirtes angewiesen – das menschliche Unterbewusstsein – um seine Erbinformationen zu vervielfältigen. Cut-up ist die Technologie des Virus; der Remix die Methode, nach der sich das Wort schon immer vervielfältigt hat.

Jeder Text, auch der zufällig entstandene, ist nur ein Teil der Gesamtheit von Texten; ein Narbengewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. Die Erkenntnis, dass man auch nur eine Teilgeschichte der menschlichen Geschichte ist: „Es ist falsch, zu sagen: Ich denke. Es müsste heißen: Man denkt mich.“ - Rimbaud an Georges Izambard. Nicht der Autor, sondern der Leser ist der Sinnstifter, automatisch die Schnittwunden ignorierend.
In die Zukunft linsend.

Mittwoch, 21. Juni 2017

Zitat des Tages

„Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen.“
André Breton: Erstes Manifest des Surrealismus (1924)

Dienstag, 20. Juni 2017

3rd Mind :: Cuttin' 220s

Marx sagt, die Welt verändern. Rimbaud sagt, das Leben verändern.“ Wer hat recht? Breton betont des Weiteren, dass man mit dem Cadavre exquis über ein unfehlbares Mittel verfüge, das kritische Denken auszuschalten und der metaphorischen Fähigkeit des Geistes freie Bahn zu verschaffen.

Der Cut-up, die Schnitttechnik, die von William S. Burroughs und Brion Gysin, den Magiern der Beatgeneration, entwickelt wurde, hat die Technologie und Möglichkeiten des Remixes und der Collage in die Literatur gebracht. Aus dem zerschnittenen und wieder zusammengefügten Text entsteht ein neuer, der einen geheimnisvoll verschlüsselten Sinn zu haben scheint. Es ist eine Form der Erzählung, die nicht nur neue Sinnzusammenhänge nahe legt, sondern auch geeignet scheint alogische Vorgänge wiederzugeben und Synchronizitäten zu erzeugen.

„Jede erzählende Passage oder jede Passage, sagen wir, poetischer Bilder kann beliebig oft variiert werden, und alle Variationen können in sich interessant und gültig sein. Eine zerschnittene und neu arrangierte Seite von Rimbaud wird einem gewissermaßen neue Bilder liefern - wirkliche Rimbaud-Bilder - aber neue...“ Das Cut-up erschafft seine eigenen Kreaturen, aus Einzelteilen zusammengesetzt, die Schnitte grob vernäht – der exquisite Kadaver unseres Erzählspieles.

Aber der Leser beginnt automatisch die Schnitte/Schnittstellen zu ignorieren, wie bei einem mehrspaltigen Text, wo die horizontale Bewegung immer unbewusst über den Spaltenrand hinweggeht, aus der Gegenwart des Lesemomentes in die Zukunft des Textes linsend. Er stellt neue Verbindungen zwischen den einzelnen Bildern her, so dass sich sein Vorstellungsvermögen erweitert, transformiert wird, jenseits der Grube der Vernunft...

Sonntag, 11. Juni 2017

Mythos :: Der unbekannte Mr. Kirowan


Einige Notizen zu einer Nicht-Serie von Robert E. Howard

(Zu seinem 81. Todestag)

Robert E. Howard (1906 – 1936), der dunkle Kelte aus Texas, hat neben vielen interessanten und fesselnden Abenteuergeschichten in historischem und pseudo-historischem Milieu auch mehr als eine Weird Fiction-Geschichte hinterlassen. Viele davon eher konventionell, nicht seine besten, und einige, die – wohl seiner Brieffreundschaft mit H.P.Lovecraft geschuldet – Anklänge an den Mythos haben, oder diesem direkt zuzuordnen sind. Auch diese sind nicht unbedingt seine besten, aber Howard war ein so erstklassiger Erzähler, dass es ihm unmöglich war, eine langweilige Geschichte zu verfassen.

Von diesen Geschichten werden einige in der Literatur oft zu einer "Serie" zusammengefasst, da in ihnen die gleichen Personen vorkommen – manchmal werden diese sogar dem Genre der "okkulten Detektive" zugeordnet. Gewöhnlich wird diese "Serie" – und wir werden gleich sehen, dass es eine "Nicht-Serie" ist – nach den Protagonisten "Conrad" und "Kirowan" benannt. Es sind folgende Geschichten, von denen nur die ersten vier zu Howards Lebzeiten publiziert oder verkauft wurden. Nicht alle der Geschichten werden in jeder Auflistung berücksichtigt, auch dies ein Indiz, dass man sich wohl doch nicht so sicher ist:

  • 1. "The Children of the Night" – zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe April-Mai 1931
  • 2. "The Thing on the Roof"– zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe Februar 1932
  • 3. "The Haunter of the Ring" – zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe Juni 1934
  • 4. "Dig Me No Grave" – zuerst veröffentlicht in "Weird Tales", Ausgabe Februar 1937, auch veröffentlicht unter dem Titel "John Grimlan's Debt".
  • 5. "Dermods Bane" – zuerst veröffentlicht in "Magazine of Horror", Ausgabe Herbst 1967.
  • 6. "The Dwellers under The Tombs"– zuerst veröffentlicht in "Lost Fantasies 4", 1976
  • 7. "The House" (Fragment) – eine von August Derleth abgeschlossene Fassung erschien unter dem Titel "The House in the Oaks" in "Dark Things", 1971


Donnerstag, 8. Juni 2017

Zitat des Tages

"Unwissenheit ist Versagen; die Maske der Furcht. Wer die Stimme in sich zum Schweigen zwingt, die die ewigen Fragen der Schöpfung stellt, zwingt die Antwort zu schweigen und läßt Furcht sprechen. Fürchte keine Frage und fürchte keine Antwort. Da ist ein Platz für alles."
Aus dem Initiationsritual der "Grünen Loge"


Donnerstag, 1. Juni 2017

Weird Wide Web 2017-06

Ein Haufen Links, der gerade in der internen Festplatte rumspukt - unter anderem für die Aluhutfraktion:

Weird Fiction:

"Das Stigma des Tieres" (The Mark of the Beast), von Rudyard Kipling

"The Children of the Night" von Robert E. Howard

Cthulhu Files, unfangreiche bibliographische Übersicht über den Mythos und die Mythographen


Weirdos:

"The Encyclopedia of the Gothic", 2 Volume Set, Eintrag: Crowley, Aleister

"How I Found The Lost Atlantis, The Source Of All Civilization" von Dr. Paul Schliemann (1912, genauso glaubwürdig wie die Entdeckung von MU)


Weird Shit:

"Aufschlüsse zur Magie aus geprüften Erfahrungen über verborgene philosophische Wissenschaften und verdeckte Geheimnisse der Natur" von geschrieben von Karl von Eckartshausen (in der Kongressbibliothek, persönliches Exemplar von Harry Houdini)

Naacal - die sagenumwobene Sprache (?) der Priester (?) von Mu (?) - immer wieder gut in Gruselgeschichten. Harley Warren war einer von drei Menschen, die fließend Naacal sprachen.

Lang lebe MU! Ewige Blumenkraft!
Ehre den JAM!





Donnerstag, 25. Mai 2017

Mythos :: Inside, Outside, Darkseid




Notizen aus dem Schwarzen Buch

Der Outsider von H.P.Lovecraft ist eine seiner bekanntesten Geschichten, oft kopiert, doch nie erreicht. Sie berichtet von den Erinnerungen eines unbekannten Wesens, der sich selbst außerhalb aller menschlichen Sphären findet und schließlich nach einem anstrengenden Aufstieg und einer nächtlichen Wanderung durch die Wildnis in einem Festsaal wieder findet, wo der Blick in einen Spiegel seine Identitätskrise auf drastische Weise löst. Außergewöhnlich wie sie auch sein mag, haben wir hier wie so oft die Auflösung des Grauens in der Enthüllung – die kognitive Dissonanz, die in anderen Geschichten desselben Autoren so oft Wahnsinn und ein völliges Versagen aller mentalen Funktionen hervorruft.

Es ist die Konfrontation mit dem Fremden, die Lovecrafts Helden nicht überstehen können: Es ist die konservative Pose, dass die Welt wie sie ist gut sei, dasjenige aber, was den Gesetzmäßigkeiten und Traditionen widerspricht von Übel ist; bestenfalls Teil einer Gegenschöpfung – oder eines anderen Universums. Obwohl Lovecraft Agnostiker war, beschreibt er das Fremde dennoch gerne als blasphemisch (in der ursprünglichen Bedeutung „gotteslästerlich“. Dies ist der Quell des kosmisches Grauens – die Welt ist nicht so wohlgeordnet, wie es den Anschein hat, sondern ist in Wirklichkeit ein kriechendes Chaos, das von Mächten regiert wird, die den Menschen ebenso wenig verstehen oder achten wie dieser sie verstehen könnte.

Es ist nicht nur eine konservative Pose, sondern auch eine religiöse Pose – eine Frage des Glaubens. Es ist die alte theologische Frage nach der Existenz des Bösen und der Allmacht Gottes. Kurz zusammengefasst: Wenn Gott gut ist, warum gibt es das Böse, d.h. warum geschehen „guten“ Menschen schlimme Dinge. Wenn Gott das Böse geschehen lässt, ist er entweder nicht allmächtig oder nicht gut. Ein vollkommen allmächtiger (einziger) Gott würde alle Eigenschaften enthalten, dann gäbe es aber keinen Grund mehr, das Böse zu benennen. Die Dichotomie des Seins, exemplarisch vorgeführt am Charakter des Mythos.


Das Paradoxon Lovecraft: Rational war er ein Agnostiker, emotional ein Oneiromant, der die Realität von Träumen verwirklichte. Nun scheint Glauben nichts anderes zu bedeuten als Dinge, die allgemein für gut befunden werden, also im Grunde willkürlich gewählte Adjektive und Eigenschaften – es ist dennoch nicht Wissen. Und trifft dies nicht ebenso auf Lovecrafts wissenschaftlichen Agnostizismus zu? Die Postmoderne Kritik an Lovecraft geht an dem zugrunde liegenden Paradoxon vorbei, seine kritisierte Fremdenfeindlichkeit und alle anderen eigentümlichen Charaktereigenschaften sind diejenigen, die seinem Glauben entsprangen und als solche nicht ungewöhnlicher oder verwerflicher als die anderer Autoren, egal wie unangebracht sie dem heutigen Leser erscheinen.

Jedes Weltbild – jeder Glaube – entsteht durch die Geschichte, die ihm zugrunde liegt, und jede Geschichte ist auf die eine oder andere Weise von einem Antagonismus geprägt, der die (literarische) Schöpfung definiert: Hell/Dunkel, Außen/Innen, Leben/Anti-Leben, Gott/Anti-Gott. Im Glauben ist es immer das Andere, das Fremde, Unbekannte – der Schatten – der Schrecken und Furcht hervorruft – er ist eine Notwendigkeit, um den Widerspruch zwischen dem Glauben (dem Ideal) und der kognitiven Dissonanz der Welt an sich (der Wirklichkeit) zu erklären.

Für all jenes, das als gut befunden wird, wird automatisch etwas anderes als schlecht oder sogar böse definiert. Es ist somit die Kategorisierung, die willkürliche Wahl der Adjektive und Eigenschaften, die das Bild des Schreckens definiert. Erinnern wir uns hier daran, dass Lovecraft sehr oft von moderneren Kritikern sein von Adjektiven geprägter Stil bemängelt wird, so sehen wir, dass er tatsächlich in einer Art unbewusster Sprachmagie das Fremde/Böse heraufbeschwört.

Wir sehen hier eine Neuinterpretation des Außenseiters, mit einem unheimlichen Bezug zur Gnosis der Alten. Es ist nicht so sehr das Fremde, was uns bedroht, wir selbst sind Fremde in einem Fremden Land - das Universum, ungeschminkt, ist fremdartiger als alles was wir uns bis dato eingeredet haben. In Lovecrafts Werk steht die Gnosis immer am Ende der Erzählung, es ist dieser schmerzhaft empfundene Moment kognitiver Dissonanz und Zerstörung, der den Glauben ad absurdum führt, in dem die Maske fällt und die Wirklichkeit tatsächlich so wahrgenommen wird, wie sie ist – chaotisch und unberechenbar, zerstörerisch und vom Menschen nicht beherrschbar.

Die wahren Herrscher sind die blinden, idiotischen Archonten, die dies Universum als Kerker für unsere unsterblichen Seelen erbaut haben: Azathoth, Jaldabaoth, Saklas, Samael, der Blinde Gott, das Gift Gottes.


20. März 2015, während des Schreibens von "Der Insider"