Dienstag, 26. September 2006

Sekundäre Schöpfungen (1)

Wenn man keine Arbeit hat, dann macht man sich welche. Und ein unruhiger Geist wie meiner steht selten still - ein rollender Stein setzt schliesslich kein Moos an. (Weitere Klischees bitte entsprechend einfügen...)

Während des 1. NordlandThinges war ich nicht die ganze Zeit damit beschäftigt, die Freuden des Methrausches an die Uneingeweihten zu vermitteln oder über die Relevanz von Mammuts im 21. Jahrhundert zu philosophieren, sondern hatte zwischen den einzelnen Sturmböen und Regengüssen mehr als genug Gelegenheit, mich zu unterhalten und Menschen kenenzulernen. (Man trifft heutzutage ja nur noch selten welche...)

In einem Gespräch mit den Betreibern der Internet-Community My Lands hatte ich spontan zugesagt, zusammen mit einem Kollegen eine Literatur-Community zu organisieren. Ein bischen Unterhaltung... ein bisschen ernsthaftes... vielleicht ein paar Klassiker... achja, und natürlich ein Fortsetzungsroman, der eigens für die Seite geschrieben wird und von dem pro Monat ein Kapitel erscheinen soll. Sowas wollte ich schon lange mal wieder machen. Übermütig wie ich bin, fragte ich sogar noch nach, welches Genre man den bevorzugen würde.

"Tja", sagten die guten Leute, "Ich glaube, die Leute lesen am liebsten Krimis..."

Auftritt vor meinem Inneren Auge: Humphrey Bogart in "The Deep Sleep". Abschätzend mustert er mich und zündet sich herausfordernd langsam eine Zigarette an.

"Kein Ding", sage ich.

Im Sanctum :: Wild Weird Web

Internet ist toll. Man findet wirklich zu allem Informationen, vor allem zu Sachen, die man gar nicht gesucht hat. Ein Link zu viel, ein Buchstabendreher in der Suchmaschine, und schon steht man vor einer quietschebunten Website und bewundert 40jährigen letten, die sich in Lazytown-Kostümen gegenseitig mit Sahnetorten bewerfen.

Ein weiteres Beispiel für Schrödingers' Fetisch-Theorie: Die Quantenphysik sorgt dafür, dass jede Art von Fetisch, die man sich ausdenken kann, sofort in Realität umgesetzt wird.)

Eine kleine Sammlung aus THE SANCTUM:

Montag, 25. September 2006

Die Kröten tanzen! (3)

Der Ort: Die Wildnis nördlich der Großen Bunkerstädte
Die Zeit: Irgendwann im 3. Jahrtausend

Der süße, leicht faulige Geruch der großen Pilzbäume trieb in der nächtlichen Brise, schon lange bevor die Wipfel der nördlichen Pilzwälder unter dem Mond sichtbar waren.

„Es war keine Flucht, es war eine Reise“, sagte der Gefangene.

„Es war eine Flucht.“

„Vielleicht. Vielleicht wollte ich auch einfach nur fort. Allein sein, und auf meinem Pferd stundenlang über die leeren Ebenen reiten; unter dem Mond die riesigen Pilze sehen, die wie Krebsgeschwüre an den Bergen emporwuchern; allein sein, fern der Stadt mit ihren tausend Stimmen und dem Geruch feuchter Pflastersteine, weg von allem, weg von Gedanken und Erinnerungen und den Erinnerungen der Erinnerungen, weg von all den Zeichen, die ich an die Häuser entlang der alten Straße gemalt habe, fort von ihr und stattdessen allein mit dem Mond und dem toten Stein der Berge. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen.“

Peklyntok grunzte und nickte schwer. „Ja, das verstehe ich.“ Er musterte den Horizont. Ein befriedigter Ausdruck trat auf seine Züge, als er den ersten rosigen Schimmer bemerkte, der am östlichen Horizont das Violett der Nacht vertrieb. Es war auf jeden Fall besser, mit Tageslicht durch die Pilzwälder zu reisen.

„Wie hast Du damals über sie gedacht?“

„Oft.“

„Nein, wie.“

„Bevor ich mich mit ihr traf, freute ich mich darauf, ja, ich schwelgte so sehr in Erwartung und Vorfreude, daß die ersten Stunden bei ihr immer von einem rosigen Schleier getrübt waren - nein, das stimmt nicht einmal, vielleicht manchmal, aber meistens doch nicht. Ich war einfach gerne bei ihr, und ich hätte es gerne gehabt, daß da mehr wäre.“

„Aber da war nicht mehr?“

„Ich weiß nicht.“

„Du weißt nicht?“

„Ich weiß nicht.“

„Das ist verwunderlich.“

„Nicht verwunderlicher als alles andere, was uns beide umgab. Wenn wir in den Singenden Gärten spazierengingen, hatte ich das Gefühl, als ob sie sich wohl bei mir fühlte, und als ob uns etwas verbünde, aber wenn ich allein zurückkehrte, fühlte ich nichts.“

„Dann scheint mir das Dilemma tatsächlich auf einer persönlichen Fehlfunktion zu beruhen.“

„Bei mir nicht mehr als bei mir, glaube ich jedenfalls. Der Gott, der uns beide zusammenbrachte, muß ein grausamer Hund gewesen sein.“

„Weil es anders war?“

„Anders als was?“

„Anders als alles, was Du erwartest hast?“

„Vielleicht. Es macht mich nicht froh. Dumm, soetwas, zu sagen, oder? Aber ich kann nicht die ganze Zeit gescheit daherreden, wenn ich selber nicht genau weiß, was es eigentlich zu bereden gibt. Das einzige, was ich mit Bestimmtheit weiß, sind diese Momente der Enttäuschung. Manchmal möchte man einfach mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, um die Grenzen des Schmerzes zu finden, aber dann ist es meistens schon zu spät. Ich weiß noch genau, was ich dachte, als ich mit ihr das erste Mal in den Singenden Gärten war. Zuerst haben wir uns nicht sehen wollen oder können. Immer hieß es, man könnte, oder man sollte, aber wir haben es immer verschoben - ich habe es verschoben, oder wer auch immer, aber an diesem Abend überlegte ich nicht lange, warf alles hin und folgte ihr. sie war verändert an diesem Abend, offen und irgendwie erwartungsvoll, genauso wie ich. Oder stimmt das nicht? Wahrscheinlich erwartete sie etwas ganz anderes als ich. Rätsel über Rätsel. Den ganzen Abend folgte ich ihr, ermutigte sie, hörte ihr zu, ich weiß genau, daß ich bestimmt nicht zu eifrig war oder aufdringlich, aber vielleicht war genau dies das Problem, vielleicht habe ich einfach den richtigen Zeitpunkt verpaßt.“

Peklyntok lachte. Sein breites grausames Gesicht verzog sich voll fürchterlicher Fröhlichkeit. „Wie mir scheint ist Dein Problem eher eine Unfähigkeit, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen. Was sind die Fakten, und wie hast Du sie Dir dargestellt? Es ist doch so, daß faktisch zwischen Dir und ihr nur eine recht gewöhnliche und platonische Freundschaft bestand, keine Leidenschaft, nicht einmal eine Liebelei. Ihr kanntet euch, und das war es. Du aber sahst darin bereits soetwas wie eine Verlobung, und Du konntest es weder Dir noch ihr verzeihen, daß diese Verlobung nie vollzogen wurde. Du hättest sie einfach fragen können.“

„Pure Wahrheit funktionierte nicht. Das hätte ich nie gewagt.“

„Nur wenige wagen 'pure Wahrheit'.“

„Ich bezweifle, daß sie soetwas direkt ins Auge gesehen hätte.“

„Die Möglichkeit besteht, wenn sich diese Wahrheit nicht als zu brutal herausstellt. Sie hätte sie bestimmt nicht erniedrigt.“

„Aber mich.“

„Eine Möglichkeit.“

„Ja, aber solche Möglichkeiten sind schrecklicher als Gewißheit. Gewißheit zwingt zum Handeln. Soetwas... lähmt. Ich habe immer an anderes gedacht, wenn ich mit ihr in den Singenden Gärten tanzte, zwischen all den Tänzern mit ihren verfilzten Haaren, berauscht von Soma. Die tanzten jeder für sich selbst, mancher schon tot im Kopf. Ich konnte darin nichts schönes sehen, nein, wie auch. Ich dachte an romantischere Dinge, wenn ich sie vor den Neonfackeln tanzen sah. Liebe, ja, oder Aufruhr, egal, was, wenn es nur stark war. Nicht die Gleichgültigkeit oder Farblosigkeit dieser Stadt.“

„Das ist eine Frage des Blickwinkels“, sagte Peklyntok und schaute sich um, „Ich war schon in vielen Bunkerstädten, und in jeder gab es etwas zu entdecken. Die Singenden Gärten sind nicht die uninteressantesten Sehenswürdigkeiten hier im Norden. Viele würden vieles geben, sie einmal ansehen zu dürfen, und Du hast sie jeden Abend haben können, ob nun allein oder mit ihr zusammen.“

„Was andere wünschen muß ja nicht unbedingt mir gefallen, oder? Mir haben diese Stunden, in denen ich allein in den Bergen war, tausendmal besser gewesen als all die Stunden in den Katakomben der Singenden Gärten, die Neonfackeln, die Tänzer und die Knochenmusik.“

„Als ich ein Kind war, bin ich aus eben diesen Bergen geflohen...“

„Wegen der Kröten und den Pilzwäldern...?“

„Wegen der Langeweile...“

„Ja, genau so fühle ich mich auch. Wenn ich allein bin, fühle ich mich viel wohler, auf den Bergwegen, mit dem Pferd, habe ich viel mehr Frieden gespürt als in der Stadt. Ich mußte einfach raus dort. etwas anderes sehen, egal was, etwas anderes, schrecklich oder schön, solange es nur die Erinnerungen in meinem Kopf zum Schweigen brachte.“

Peklyntok wischte sich mit dem Handschuh über den Mund. „Vielleicht erhören die Götter Deinen Stoßseufzer, mein Freund“, sagte er und lockerte den Knoten der Leine, mit der sein Gefangener an den Sattelknauf gebunden war.

„Was meinst Du?“

„Die Kröten tanzen, und es ist noch nicht Morgengrauen.“

Der Gefangene hob den Kopf und sah endlich auch, was sein Bewacher bemerkt hatte. Vor ihnen zwischen den blassen Pilzbäumen schlichen schattenhafte, bucklige Gestalten. Wieder erklang der schwirrende Gesang. War es ein Gesang? Oder nur ein Laut der Vorfreude, oder des Hasses, was vielleicht das selbe war?

Das Pferd schnaubte nervös. Der Gefangene sah zur Seite. Die Spitzen des Büffelgrases bewegten sich an einigen Stellen nicht mit dem Wind.

„Ich sehe sie auch“, sagte Peklyntok. „Große graue Burschen... sie umschleichen uns. Hier kommen wir nicht mehr weg, sie werden versuchen, uns noch vor Morgengrauen zur Strecke zu bringen. Die sind auf Blut aus.“

Der Gefangene schwieg. Er hatte bereits die Geschichten vom großen grauen Steinhaus der Kröten gehört, und was man dort mit Männern zu machen pflegte.

Peklyntok warf die gelöste Leine nach hinten. „Mach Dich los“, sagte er und zog ein Messer aus dem linken Stiefel, „ich muß an mich selbst denken.“ Er warf dem Gefangenen das Messer zu und griff in seine Satteltaschen. „Und falls wir hier herauskommen, werden wir beide noch einmal über diese Geschichte reden.“

„Versprochen“, sagte sein Gefangener und trennte die Fesseln auf. Vorsichtig massierte er sich die Handgelenke und sah mißtrauisch zur Seite. Peklyntok hatte inzwischen eine Armbrust aus seiner Satteltasche gezogen und sie vorsichtig gespannt. Das Pferd schnaubte erneut, lauter jetzt. Im Büffelgras raschelte es.

Der Gesang der Kröten erklang erneut. Ganz nah jetzt. Das harte Schlagen der Armbrustsehne ging in einem schrillen Schrei unter. Im gleichen Augenblick stolperte eine graue, bucklige Gestalt aus dem blauen Gras, knurrte und fiel dem Gefangenen vor die Füße. Er sah noch einen Augenblick große hervortretende gelbe Augen vor sich und einen Armbrustbolzen, der aus einem grotesk breiten Maul ragte, dann prallten graue, singende Körper gegen ihn und er ging zu Boden. Wieder knallte die Armbrust, dann verschwamm alles hinter singenden Froschmündern und kalten Händen mit Schwimmhäuten, die über sein Gesicht fuhren und versuchten, ihm den Mund zuzuhalten.

Er schlug um sich. Klamme Haut gab unter Metall nach, und er spürte die Umklammerung an einer Seite nachgeben. Plötzlich war er wieder auf den Beinen, halb kniend, und mit einem wütenden Schrei stieß er das Messer einer hochaufragenden grauen Gestalt mitten ins Herz. Im gleichen Moment versuchte ihn etwas von hinten am Hals zu packen, aber er duckte sich, trat um sich und hechtete sich nach vorne.

Er war schon auf den Beinen, bevor sie bei ihm waren. Es waren nur grob menschenähnliche Gestalten, ihre Augen mit winzigen schlitzförmigen Pupillen, aber unter ihrer warzigen grauen Haut bewegten sich kräftige Muskeln. Sie waren sicher keine wirkliche Kröten, aber das lange Leben unter den Pilzen mit all ihren Giften und Düften hatte sie so völlig entfremdet, daß sie den Unterschied kaum noch kennen würden.

Der Gefangene wich einer grotesken Hand aus und stach in den drahtigen Arm. Hinter ihm ging soeben das Pferd mit einem schrillen Wiehern zu Boden, und eine graue, schnatternde Horde schwärmte über Peklyntok, der sich verzweifelt im Knien mit seinem Messer zur Wehr setzte. Der Gefangene schlug die Faust der ihm nächst stehenden Kröte die Faust zwischen die Augen, daß die Knochen darunter nachgaben und stieß sie beiseite. Hastig bückte er sich nach der herrenlos am Boden liegenden Armbrust und erschoß eine Kröte, die Peklyntok würgte, von hinten durch den Kopf.

„Das Pferd!“, rief Peklyntok, aber der Gefangene hatte schon in die Zügel gefaßt und das panisch mit den Augen rollende Pferd hochgerissen. Mit einem Fluch zerschmetterte er die Armbrust auf dem Schädel einer Kröte und sprang in den Sattel. Die Kröten stimmten erneut ihren Gesang an und griffen nach ihm, aber er ließ das Pferd auf die Hinterläufe steigen und drängte es direkt in die singende Menge. Das Geräusch knirschender Knochen unterbrach den Gesang, als die metallbeschlagenen Hufe herabsausten. Noch bevor die Kröten sich wieder besinnen konnten, hatte der Gefangene sich weit aus dem Sattel gebeugt, Peklyntok am ausgestreckten Arm ergriffen und zerrte ihn zu sich empor. Mit einem Schrei gab er dem Pferd die Sporen, und das Tier brach durch die Reihen der Kröten und hetzte durch das blaue Gras der Morgendämmerung entgegen.

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Der "verschollene" Kirby

"Even ancients pondered problem that still plagues man today"
Vor einiger Zeit kündigte der Marvel Redakteur Tom Brevoort an, eine „verschollene“ Geschichte aus der unübertroffen Lee/Kirby-Reihe der „Fantastic Four“ wiederherzustellen. Eine verschollene Geschichte? Ein kurzer Blick versetzte mich schmerzfrei in meine Kindertage zurück, denn tatsächlich konnte ich mich an die Geschichte gut erinnern, als es in der Williams-Ausgabe der Fantastischen Vier veröffentlicht wurde.

Ein Teil des Heftes war von Kirby gezeichnet, obwohl John Buscema ihn schon längst als regulären Zeichner ersetzt hatte, und die Geschichte wirkte in sich rätselhaft abgeschnitten und zusammengestoppelt. Wie man heute weiss, sollte die Geschichte ursprünglich wahrscheinlich in FF No. 102 erscheinen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Beziehungen zwischen Lee und Kirby an einem Tiefpunkt angekommen. Anscheinend gingen die Visionen des Texters und des Zeichners bei dieser Geschichte in diametralen Richtungen auseinander, weswegen Lee, der ja auch Herausgeber der ganzen Marvel-Linie war, die gesamte Geschichte archivierte und in einer späteren Ausgabe (No. 108) grössere Teile davon als ausgedehnte Rückblende benutzte, um wenigstens noch etwas aus dem Material zu machen.

Mir scheint, dass der Titel in den Bleistiftzeichnungen (soweit man es erkennen kann) von Kirby „The Menace of the Mega-Men“ zu sein scheint. Alliterativ und beunruhigend, sicher – ich erinnere mich aber daran, dass der Name des Gegners in dem veröffentlichten Heft der „Nega-Man“ war, was ihn irgendwie mit der surrealen Paralleldimension der „Negativzone“ verband, die die FF schon früh in ihrer Laufbahn entdeckten, eine Art Antimaterieuniversum, das Kirby gute gelengehit bot, einige seiner surrealen Hintergrundcollagen zu fertigen.

In der 9. Ausgabe des Jack Kirby Collector war bereits auf diese „verschollenen“ (oder unterdrückten?) Seiten hingeweisen worden. Eine neue und respektvollere Umsetzung der Bleistiftzeichnungen – die Wiederherstellung des verschollenen Kapitels aus einer der längsten von einem unveränderten Team geschaffenen Comicreihe – soll im Laufe der nächsten Zeit umgesetzt werden. Hierbei wird Jack Kirby (im Gegensatz zu früher) die regulären Tantiemen für seine Arbeit gezahlt, als ob er noch am Leben wäre (d.h. seinen Erben.) Eine sicherlich begrüssenswerte, aber dennoch von einem faden Beigeschmack belastete Geste des sog. „Hauses der Ideen“.

Es ist schon fast tragisch, aber dies ist wahrscheinlich das meiste Geld, das Kirby jemals für die Bleistiftzeichnungen für ein Marvel-Heft verdient hat.

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Mir ist bewusst, dass diese Nachricht nicht mehr die neueste ist, aber ich hatte den Text während meiner letzten Kreativpause geschrieben und dann in einem Ordner abgeheftet, in den ich erst heute wieder reingeschaut habe. Verklagt mich doch.

Sonntag, 24. September 2006

Die Kröten tanzen! (2)

Der Ort: Die Wildnis nördlich der Großen Bunkerstädte
Die Zeit: Irgendwann im 3. Jahrtausend

Der Mond hing bleich und aufgequollen wie schwerelos in einem blaßvioletten Himmel. Hüfthohes, türkisblaues Büffelgras schwang sacht im Mondlicht. Die stapfenden Hufe des Pferdes und die stolpernden Stiefel des Gefangenen machten kaum Geräusche, der feuchte, dunkle Boden dämpfte jeden Laut, den die Hufe machten.

Peklyntok fühlte sich nur leicht abgelenkt von dem Gerede seines Gefangenen. Tatsächlich genoß er seine leise Stimme; ihr stetiges auf und Ab half ihm, sich auf die Eintönigkeit der Landschaft zu konzentrieren.

„Sie hat mir nicht viel bedeutet, als ich sie das erste Mal sah. Ich dachte damals an andere, ich gebe es zu, und das muß ja auch nicht schlimm sein. Ich habe gerne zugesehen, wie die anderen tanzten, und wahrscheinlich hat sie mir dabei zugesehen, wie ich tanzte. Ich mochte sie, das ist wahr, aber etwas für sie empfunden habe ich erst viel später. ich weiß nicht, vielleicht hat sie auch eher etwas für mich empfunden, und ich habe mich davon anstecken lasen, ja, Liebe ist vielleicht so etwas wie eine Grippe, eine leichte Krankheit, ein Fiebern, das schlimmer wird oder nach drei Tagen verschwunden ist.“

„Dafür würden viele etwas geben“, sagte Peklyntok nachdenklich, so als ob er sich an etwas erinnern würde. Sein Gefangener fluchte. „Wunderbar“, höhnte er, „Wundfieber und Tollwut! Das ist es! Was bist Du nur für ein Mann, daß Du entsprungene Liebhaber einfängst wie davongelaufene Fohlen!“

„Sie hat sich damals wirklich um Dich bemüht. Sie hat überall nach Dir gesucht. Hat Dir das nicht gefallen?“

„Was bedeutet soetwas schon? Woher soll ich wissen, ob es Leidenschaft war oder Langeweile, was uns verband?“ Der Gefangene zog an seinen Fesseln, aber es war eine eher schwache Geste.

„Weißt Du das wirklich nicht?“

„Ich bin mißtrauisch geworden in den letzten Jahren. Vielleicht ist es wirklich so etwas wie Angst, aber ich konnte es mir nicht erlauben, schon wieder in ein offenes Messer zu rennen. Ich habe nicht darauf geachtet. Vielleicht hatte ich damals auch nur Augen für andere.“

„Man kann leicht etwas verpassen, wenn man nur auf das Offensichtliche achtet.“

„Offensichtlich? Es war nie offensichtlich.“

„Dir gefällt das Wort nicht?“

„Mir gefällt gar nichts an allem. Als ich mir dann endlich erlaubte, interessiert zu sein - verdammt, als ich anfing, sie mit anderen Augen zu sehen, und Tag für Tag mehr in ihr entdeckte, so wie man in einem Gemälde mehr sieht, je länger man es betrachtet, desto mehr vergaß ich meine Vorsicht. Was ist das?“

Ein helles, schwirrendes Geräusch lag in der Luft, schwoll noch einen Moment lang an und war dann verstummt. Peklyntok hob die gepanzerte Faust und deutete zum Mond hoch. „Die Kröten singen bei Vollmond. Heute nacht kannst Du sie tanzen sehen, wenn Du Pech hast.“

Sein Gefangener schüttelte den Kopf.

„In dieser gottverlassenen Gegend will ich bestimmt nicht bleiben.“ Er lief weiter hinter dem Pferd her.

„Das war also die Zeit, als Du begannst, Dich mit ihr zu treffen...“, nahm Peklyntok den Gesprächsfaden wieder auf.

„Treffen? Ja, vielleicht. Und doch nicht so, wie man es erwartet hätte. Ich weiß, daß viele andere schneller vorgingen, glatter, aber bei mir und ihr schien es etwas ganz anderes zu sein, wie ein Maskenball, bei dem alle hinter ihren Dominos grinsend ohne Geschwindigkeit und ohne Schwere über das Parkett schweben. So umschwebten wir uns auch. Je mehr ich gab, je mehr ich Vorsicht und Zweifel vergaß, desto mehr schien sie mir zu antworten, aber wenn ich wieder allein war, war ich wirklich allein. Nichts blieb.“

„Es scheint, als ob Du ein Dilemma zwischen Deiner Erwartung und der Erfüllung hättest.“

„Das scheint so“, sagte der Gefangene. „Aber ist das nicht normal?“

„Es gibt nichts Normales in solchen Fällen“, sagte Peklyntok, „Ich habe Männer weinen sehen aus Liebe und lachen sehen aus Unglück. Glück ist ein höchst subjektiver Zustand.“

„Ich habe noch keinen gekannt, der 'Glück' definieren konnte.“

„Ja, das meine ich. Genau wie Liebe...“

Der Gefangene wischte sich mit den gebundenen Händen über seine schweißfeuchte Stirn. Ihm war deutlich anzusehen, wie unangenehm ihm die ganze Unterhaltung langsam geworden war. „Das ist auch nur so ein Wort“, sagte er schließlich, „Ich meine, woher soll man wissen, ob man überhaupt mit Liebe zu tun hat? Wer kann das definieren? Wieviel Verliebtheit sind gleich einer Liebe? Kann man soetwas wiegen, teilen, weitergeben?“

„Wenn man darüber nachdenkt... nachdenken muß... nein.“

„Ich meine, wenn ich mit ihr unterwegs war - in den Singenden Gärten oder sonstwo - dann gingen wir sehr nahe beieinander, fast so, als ob wir zusammen gehören würden, aber das war vielleicht nur für jemand Außenstehenden so -was weiß ich, was sie dabei gedacht oder gespürt hat? Und alle unsere Unterhaltungen, was haben die wirklich bedeutet - hinter den Worten und Gesten? Was denken Menschen wirklich?“

„Menschen denken nicht. Sie reagieren.“

„Ich denke schon. Manchmal, wenn...“

„Das ist kein Denken. Das ist nur eine Art inneres Reden mit sich selbst. Ein Monolog. Und weil der Mensch die Sprache erfunden hat, glaubt er, seine Rede hat eine Form außerhalb seiner selbst. Alles ganz natürliche Reaktionen.“

„Ich glaube nicht, daß ich es mit Gefühlen zu tun habe.“

„Ist es denn ein philosophisches Dilemma?“

„Es ist eine Krankheit.“

„Die Dunkelheit der Seele?“

„Ich will keine Floskeln. Ich will nur raus hier.“

„Ich verstehe!“, rief Peklyntok, „Du hast es nach all dieser Zeit immer noch nicht geschafft, bei ihr zu landen, und Du weißt auch nicht, ob es Dir jemals gelingen wird, und deshalb willst Du weg!“

Der Gefangene fluchte.

Zu Kapitel 3 >>

Samstag, 23. September 2006

Heil Eris!

Wie bereits die Allwissende Müllhalde gemeldet hat, gibt es seit einiger Zeit wiederum einen schon längst fälligen Paradigmenstreit in der astronomischen Nomenklatur. Dies ist vor allem auch eine Folge der Entdeckung immer neuer planetenartiger Körper innerhalb der transsaturnischen Sphäre des Sonnensystemes (Quoar, Sedna etc.)

Was ist ein Planet, ist die Grundfrage, und aus der ebenfalls mehr als überfälligen Erkenntnis, dass "Pluto" wenig Übereinstimmungen mit der klassischen Vorstellung, was ein Planet ist, aufweist, kristallisiert sich nunmehr ein Konzept von "Kleinplaneten" oder sogenannten "Plutonen" heraus. Welch ein Hin und Her! Welch eine Zwietracht! Wie naheliegend also, der griechischen Göttin der Zwiertracht zu huldigen!

Am 13. September 2006 wurde dem Kleinplaneten Nr. 136199 (entdeckt als UB313, umgangssprachlich bislang "Xena" genannt - ja, tatsächlich nach der lesbischen Kriegerprinzessin aus der gleichnamigen Fernsehserie) der Name ERIS verliehen.

Heil Eris! Ewig Heil Diskordia!

Nach verschiedenen Quellen soll der Name die Kontroverse widerspiegeln, die nach seiner Entdeckung schließlich zur Neudefinition des Begriffs "Planet" und der Aberkennung des Planetenstatus von Pluto führte. Er wird wohl kaum einem goldenen Apfel ähneln, sondern ist eine Mischung aus 70% Gestein und 30% Eis, schön methanhaltig, so dass die transyuggothischen Monstren sich dort heimisch fühlen werden. Er hat sogar einen Mond, Dysnomia, (eine Tochter der Eris und Dämon der Gesetzlosigkeit). Glücklicherweise hat man ihn vom ursprünglichen "Gabrielle" umgetauft.

ursprünglicher Post im Sanctum

Freitag, 22. September 2006

Die Kröten tanzen! (1)

Der Ort: Die Wildnis nördlich der Großen Bunkerstädte
Die Zeit: Irgendwann im 3. Jahrtausend

Die Beute hatte schon seit einiger Zeit zu kreischen aufgehört und war in ein dumpfes Brüten verfallen. Stumm stolperte sie hinter dem Pferd hinterher, an dessen Sattelknauf sie festgebunden war. Im Westen, schwach gegen den farblosen Horizont sichtbar, brannte immer noch die dahingeduckte Ruine des alten Schlosses.

„Ich werde sie nicht wiedersehen.“

„Wie Du meinst.“

Der Reiter schwieg, und so schwieg auch seine Beute, mit einem hochmütigen, aber verächtlichen Ausdruck auf den bleichen Zügen. Sie stolperte, fiel auf ein Knie und wurde durch ein feuchtes Dickicht dichter Farne mitgezogen, dann kam sie wieder auf die Beine.

„Es ist mein Ernst“, sagte sie und wischte sich mit den gefesselten Händen über die helle Stirn, auf der nun eine Erdspur klebte. „Dieser Abschnitt meines Lebens muß endlich vorbei sein. Ich kann nicht ewig warten!“

„Ich bin mir nicht sicher, daß ich Dich verstehe“, sagte der Reiter, „aber ich bin mir ziemlich sicher, daß es mich auch nicht kümmert.“ Er zuckte mit den Achseln und betrachtete grübelnd die mannshohen Pilzbäume mit ihren buckligen Kappen. An ihrem bleichen Fleisch klebte blaß das Abendrot.

„Du tust nur Deine Pflicht, nicht wahr?“, höhnte die Beute.

Der Reiter drehte den Kopf, musterte den Dahinstolpernden und nickte. „Genau.“

„Mehr erwartet man ja auch nicht von Dir.“

Der Reiter schob die Unterlippe vor, kaute auf ihr und nickte erneut. „Genau.“

„Vielleicht sollte ich nicht wirklich wütend sein“, sagte der Gefangene nach einiger Zeit, mehr zu sich selbst als zu dem Reiter, „vielleicht sollte ich einfach denken, daß ich einen längeren Ausflug gemacht habe, der nun seinem Ende entgegen geht und die Einsichten und Eindrücke, die ich während dieses Ausfluges gewonnen habe, nutzen, um mein weiteres Leben zu bereichern und aus ihnen für den Alltag zu lernen.“

Der Reiter hatte ihm interessiert zugehört. „Ja, das klingt gut.“

Ein rauher Fluch antwortete ihm. „Nein, das klingt blöd! Mach mich schon los, Du gottverdammter Affe!“

Der Reiter stieß ein tiefes Knurren aus und fletschte die Zähne. „Halt Dich zurück, Mann. Persönliche Beleidigungen werden Dich auch nicht freimachen. Du kannst nicht Dein ganzes Leben lang davonlaufen. Außerdem hast Du es lang genug ausgehalten, oder?“

„Ich werde sie nicht wiedersehen.“

„Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich Dich das erste Mal gesehen habe, alter Freund. In dieser Zeit warst Du ziemlich oft in ihrer Nähe, ja, man konnte ziemlich sicher sein, daß Du mit ihr oder bei ihr warst. Du saßt in einem Stuhl, blättertest in einem Buch und versuchtest, so hinreißend wie möglich auszusehen, damit niemand merkte, wie ängstlich Du in Wirklichkeit warst. Entweder hast Du Dich auf dieses Buch konzentriert, oder Du hast ihr hinterhergesehen.“

„Ängstlich? Ich?“

Der Reiter lachte rauh. „Angst! Mehr als nur ein schönes Gesicht, eh?“

„Ich kann Dir nicht folgen.“

„Bist Du deswegen fortgegangen - fortgerannt, um genau zu sein? Weil Du Dich endlich freimachen wolltest?“

„Das Leben mit ihr langweilte mich.“

„Es hat lange gedauert, bis es Dich langweilte.“

„Manche Dinge brauchen ihre Zeit.“

„Seltsamerweise scheint sie anders darüber zu denken...“

„Das ist vorbei. Für mich ist es vorbei.“

„Und ich sage Dir, es war Angst.“

Der Gefangene knurrte und zerrte plötzlich an seinen Fesseln. „Dann steig doch ab! Du kannst gerne ausprobieren, wieviel Angst ich wirklich habe!“

Der Reiter drehte sich im Sattel herum und musterte ihn prüfend. „Nein, ich denke nicht, sagte er nach einiger Zeit. Was würde das beweisen? Ich habe Dich lange genug in den Farnwäldern gesucht, in Gegenden, wo selbst ich mich unbehaglich fühlte. Du hast keine Angst gehabt vor den wilden Hunden oder vor mir, oder irgendeinem anderen Schläger, die Angst, die hast Du vor Dir selbst.“

„Vor mir?“

„Einem Teil von Dir, jedenfalls.“

Der Gefangene lachte. „Mit dieser Angst werden wir alle geboren.“

„Scheiße!“ Der Reiter drehte sich um und spuckte ins Gras. Er wischte sich mit dem Handschuh über das struppige Kinn. Er war ein großer Mann; ein langer schwarzer Mantel umschloß seine massige Gestalt. „Die bauen wir uns selbst.“ Er starrte zu den Sternen empor. Sein Name war Peklyntok.

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