Samstag, 18. Juli 2020

Werkstattbericht 2020-07-18



Herzliche Grüße von der Nordseeküste, aus den mythischen Gefilden von Zollern am Meer, wo der Sommer entspannt vorüberschlendert, und sich wieder mal nicht entscheiden kann, ob es die ganze Mühe wert ist. Und? Ist es das wirklich?



#PandemischeParallelwelten
"Jorge Luis Borges’ well-known quip on metaphysics being a branch of fantastic literature... requires that the converse be true – fantastic literature and science fiction are the pop metaphysics (or the “mythophysics”) of our time."
Ein Zitat der Woche, das ich vor längerer Zeit gestohlen habe, und jetzt noch einmal veröffentliche, nachdem ich die Quelle unkenntlich gemacht habe. Nur ein weiteres Symptom einer semiotischen Krankheit. Zuerst spürte ich Verärgerung ob Professor Tolkiens Krypto-Katholizismus, der seine ganze Welt durchzieht. Dann spürte ich essentiellen Ekel, als ich begriff, dass Lovecrafts Mono-Mythos weder kosmisch noch schrecklich ist, sondern nur die erbärmliche Projektion einer gleichzeitig lächerlichen und widerlichen Xenophobie.
  • Kann man den Autoren von seinem Werk trennen? (Und ich meine nicht, es ihm schreiend aus seinen Fingern reissen, um es unter anderem Namen zu veröffentlichen.)
  • Wieviel von der Seele des Autoren schwingt im geschriebenen Wort? Wieviel von seinen Vorlieben, seiner persönlichen Hygiene, seinen politischen Überzeugungen?
  • Was kann man noch verzeihen, was kann man noch lieben?
  • Ist "The Call of Cthulhu" wirklich "Weird Fiction" oder schwingt es auf einer Welle mit den "Protokollen der Weisen von Zion"?

Vielleicht sollte ich nicht persönlich enttäuscht sein, wenn sich wieder einmal ein bislang geschätzter Künstler als rassistisches, faschistoides, mysogynistisches oder generelles Arschloch herausstellt.
Aber ich bin es. Und ich bin inzwischen zu alt, meine Zeit damit zu verschwenden, irgendeinen Zusammenhang zu erfinden, der dies auch nur ansatzweise entschuldigen kann.
Und man muss realisieren, dass was aus dem Unterbewußtsein solcher Leute kriecht, bereits infiziert ist und nicht nur ihre ganzen Welten definiert, sondern auch die Gefahr in sich birgt, unschuldige Leser zu infizieren.
Ich werde die Bücher solcher Leute jetzt nicht wegschmeißen, soetwas tut man nicht, aber ich werde seltener nach ihnen greifen, und wenn immer mit dem Hintergedanken "Du Bastard..."
Also mit dem gleichen Hintergedanken, den ich habe, wenn ich den Fernseher einschalte und einen Politiker sehe, der "noch" Schlimmeres macht, der sich aber aufgrund seiner exponierten Stellung der Strafverfolgung eines korrupten, denerierten Systemes erfolgreich entziehen kann.
Was sagt uns das über den Zustand unserer Welt? (Und hier setzt die Kopie des ursprünglichen Posts wieder ein!)
Vielleicht mal wieder an der Zeit, eine andere Parallele auszuprobieren.
Der nächste Stapel mythophysischer Literatur liegt schon griffbereit.
Doctor Domino stimmt zu:




#AmoxicillinBlues

Während Antibiotika und die dazugehörigen Scherzmittel nicht unbedingt das beste sind, um konzentriert an irgendwas festzuhalten… außer vielleicht auf dem Sofa von einem Tag „24“ in den nächsten zu driften, erhöhen sie das Tempo. Wie Speed, nur schmerzhafter… zwei Minuten in einer Datei, bevor ich unweigerlich die nächste öffne. Oder zwei Minuten Interesse an etwas anderem habe. Es hat etwas unweigerlich Komisches, ein überhöhter Kanalwechsel, ein Cut-up, einander komplett fremdes Material, das plötzlich Verbindungen miteinander eingeht und etwas Neues, Wildes gebiert.



#SchwefelschnüffelnImPark

Anscheinend habe ich am 4. September 2018 ein Manuskript eingescannt, etwas mit dem Titel „Atomgewicht 32,066“, geschrieben zu einer Zeit, als ich dachte, Cyberpunk wäre etwas für mich. Die 80er wieder… seufz… Leider hatte ich damals wie heute zu wenig Ahnung von Informationstech, und zu wenig Interesse daran, um so etwas überzeugend genug faken zu können. Ich habe also immer wieder ein paar Dutzend Seiten Cyperpunk ohne Cyber herumliegen, von denen ich auch nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Tatsächlich wirkt das Material ohne die ganzen Gadgets wie SimStim, Wetware oder HoloAvataren eher wie leicht futuristischer Noir, und da sieht man wieder, wie schnell so etwas veraltet und stattdessen einen verkrampften Retro-Charme aufweist.
🜏
Geschrieben habe ich das noch alles analog (also manuell) auf meiner alten Olympia, inzwischen glaube ich manchmal, das Textverarbeitungsprogramm ist intelligenter als der Textarbeiter – ich bin schon wieder darauf hingewiesen worden, dass „soetwas“ kein korrektes Wort ist, sondern aus zweien besteht. Gut zu wissen: Ein Blick in die Suchmaschine meiner Wahl offenbart auch, dass das Element mit dem Atomgewicht 32,066 Schwefel ist. Mhhmm… Schwefel… heutzutage würde ich irgendwelche düsteren alchemistischen Geheimnisse damit verbinden, damals war das nur der Deckname des Antagonisten.
Die zwei Minuten sind gleich um, aber natürlich juckt es mich in den Fingern, die Story umzuschreiben, ihr einen vernünftigen Namen zu geben und sie in einer Welt anzusiedeln, die hinter dem Cyberpunk-Hype der 80er liegt und die User inzwischen genauso desillusioniert und desinteressiert sind wie all diejenigen, die dachten, dies wäre die Wiedergeburt der Science Fiction aus den Ruinen von „New Worlds“.





Nee, ganz ehrlich jetzt...
Vergessen wir Cthulhu und die Heiligen Calamari... "The Color Out Of Space", jüngst verfilmt...
hat eigentlich schon mal einer darüber nachgedacht, wer sonst in Geschichten immer die Brunnen vergiften soll?

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